1. #1
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    Wink Martin, der bayrische Kaffeemaschinenkommandant*

    *Er ist kein wirklicher Kommandant, aber er wirkt meist auf alle Anwesenden so

    Irgendwo in einem typischen Männerbüro Deutschlands …

    Es ist Juli zwanzigneunzehn.
    Martin steht an der Maschine,
    macht sie sauber, sie ist dreckig –
    Männer sind ja solche Schweine.

    Kaffeeklümpchen, Schimmelkreise,
    Staub und Reste roter Säfte,
    ja, die Reinigung ist nötig,
    aber niemand wollt sie machen.

    Martin, Fee von Männerseiten,
    tut es gerne, aber tadelnd.
    Ich steh neben ihm und höre:
    „Männer sind ja solche Schweine.“

    „Hör mir zu!“ grollt er im Tiefton*,
    „Ich geh heut auf große Reise.
    Ein Jahr später komm ich wieder,
    auf den Tag genau und möchte,

    *Martin ist Bayer. Seine Stimme liegt etwa zwei Oktaven unter der typischen deutschen Männerstimme. Er hat kurze Haare, ist an sich äußerst freundlich, aber der Zwang, den er seinerseits allein durch die bloße, selbst leiseste Verwendung seiner Stimme dem Gegenüber angeordnet – ist enorm.

    dass Tobias die Maschine
    stets in meinem Sinne säubert.“
    Also nick‘ ich, wünsche Bestes
    für die Reise und ich winke.

    Als die Monate vergehen,
    führt Tobias die Kontrolle,
    säubert tüchtig alles feinstens –
    die Maschine glänzt vor Freude.

    Doch im März von zwanzigzwanzig
    zieht ein Virus um die Erde,
    zwingt die Menschen in die Häuser,
    die Büros sind fast verlassen.

    Die Maschine steht alleine
    kaum benutzt im Raum und tröpfelt
    etwas Wasser, manchmal Kaffee,
    zu Benutzern (übermüdet).*

    *Die Übermüdung mancher Mitarbeiter eines Unternehmens ist mittlerweile gesellschaftlich bekannt und anerkannt. Früher noch ein Phänomen, heute eher die Regel, trifft man auf Übermüdung besonders in Betrieben und Arbeitsstätten, wo die geistige Präsenz nicht zwingend schon frühmorgens bei Ankunft notwendig ist (wie zum Beispiel in einem Consultingunternehmen, wo es, sagt man, sogar Guthaben-Karten-für-Toiletenzeit gibt, die sich durch Erledigung von besonders schweren Aufgaben wieder aufladen lassen).

    Als im Juni dann Tobias
    wieder antritt, die Maschine
    säubern will erstaunt er völlig –
    denn sie ist, naja … verschwunden?!

    Anstatt ihrer steht ein riesen-
    großer Pilz gewachsen vor ihm,
    hat schon Augen, ja er LEBT gar,
    fängt selbst an zu ihm zu sprechen.

    Und Tobias wählt das Reißaus,
    schreit: „Was bist du für ein Wesen?“
    Und es grummelt in den Rücken
    von Tobias, dass der schaudert.

    Niemand traut sich in den Raum mehr
    und man hält die Tür verschlossen,
    bis im Juli endlich Martin
    von der Reise kommt und nachfragt:

    „Na, Tobias, alles bestens?
    Sag, wie läuft‘s mit der Maschine?“
    „Äh, ein Pilz ist draus geworden.
    Der kann sprechen, dumpf mit Tiefton.“

    Martin grinst und nickt verstehend:
    „Ja, das musste ja so kommen.
    In dem Jahr, in dem ich weg war,
    da erfuhr ich von dem Dreckpilz*.

    Solche Dinger wachsen häufig
    in Büros und meist bei Männern.
    Und sie haben ein Bewusstsein
    nicht ganz fern von dem von Schweinen.“

    *Tatsächlich geschah die Sache so, dass während Martins wunderbarer zwölfmonatiger Reise er selber zum Schwein mutierte, einige Monate so lebte und dadurch einen beeindruckend guten Einblick in das tägliche Dasein eines Schweins erlangte, das auch mit Dreckpilzen kein größeres Problem hat. Diese wahrhaft bewusstseinserweiternde Erfahrung schwor er sich dann auch gewinnbringend zu nutzen, – bei der Säuberung der hiesigen Bürokaffeemaschine.

    Also bleibt, laut Martin, nur noch
    diesen Dreckpilz zu verkleinern.
    Martin nimmt sich rasch ein Schwämmchen
    und beginnt die Tür zu schrubben.

    Trifft er etwas nur den Dreckpilz,
    stöhnt der auf in Grummeltönen,
    Martin drängt ihn aber sorgsam
    säuberlich in die Maschine.

    Und mit jedem Schrubb verschwindet
    mehr vom Dreckpilz. Die Maschine
    wird befreit und glänzt wie früher:
    „Männer sind ja solche Schweine …“ *

    *Der Dreckpilz hatte es, vermittels seines schweinischen Bewusstseins, längst geahnt und schon vor seinigerselbst Grundreinigung durch den Kommandanten Martin, seine Sporen im gesamten Gebäude verteilen können. Dafür nutzte der Dreckpilz die bereitgestellten Verbreitungswege der Klimaanlage. Im Grunde geschieht seine Verbreitung seit jeher auf diese oder ähnliche Weise. Vielleicht liegt das schweinische Grund-Dasein vieler Männer nicht in ihrem erlernten Verhalten, sondern ihrer gesamten genetischen Historie begründet. Irgendwann, als die ersten Mikroben auf der Erde, oder sonst wo im Weltall herumschwirrten, mit dem ersten kleinen bisschen Bewusstsein eines Dreckpilzes, fing es alles an.
    Geändert von MiauKuh (14.05.2020 um 15:38 Uhr)

  2. #2
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    Lieber MiauKuh,

    wie phantasievoll und bildreich man sich austoben kann, wenn man auf Reime verzichtet, deren Abwesenheit mir zwar direkt aufgefallen ist, aber mich gar nicht gestört hat.

    Ziemlich erheiternd auch die mittendrin eingeworfenen skurilen Erläuterungen in Schrägschrift, die daherkommen, als handele es sich um eigentlich völlig selbstverständliche Sachverhalte, die man nur noch dem einfältigen Leser in möglichst verständlicher Form ("Also, pass mal auf; das ist so:") näherbringen muss.

    Amüsiert hat sich
    Richy

  3. #3
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    Hey Richmodis

    jaaaaa, die Aufgabe des Reims unter Beibehaltung des Rhythmus hilft mir, meine Fantasie einzufangen. Wenn es dir gefallen hat freue ich mich Die Geschichte beruht ja auf einer wahren Begebenheit! Bis auf die fantastischen Einflüsse und den Blick in die Zukunft.

    Mich amüsierte die ganze Sache so, dass ich einfach ein Gedicht daraus machte.

    Liebe Grüße!
    -Werner

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