Thema: Sohnesliebe

  1. #1
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    Sohnesliebe

    Der blühende Eisenhut beidseits des schwierigen Steiges
    versucht ganz vergeblich die Schritte des Sohnes zu hemmen.
    Mit wachsamen Augen erspäht er die Spuren des Orpheus
    und nähert sich furchtlos dem grausigen Tore zum Hades.
    Was treibt ihn, den Styx zu durchqueren, dem griechischen Sänger
    ins schattige Reich der Gestorbnen zu folgen und allen
    Gefahren des Weges und lähmenden Ängsten zu trotzen?

    Aus dreifacher Kehle des höllischen, geifernden Wächters
    am Eingang wird selbige Frage mit drohendem Knurren
    gestellt, - und die Antwort verwirrt das gefürchtete Untier:
    Ich such meine Mutter, die jüngst mir gestorben und werde
    sie finden. Und Kore, die Gattin des Herrschers der Hölle,
    wird helfend dem liebenden Sohn zu der Mutter geleiten
    und später die Rückkehr in lichtere Auen gewähren.

    Moraste durchwatend, verschlungene Wege im Dunkel
    der Höhle betretend, bedroht von den Felsen, die manchmal
    in rötlichen Farben erglimmen, erkennt er am Ende
    des endlos ihm dünkenden, schlängelnden Pfades ein Leuchten:
    Dort wartet die Mutter in strahlender Schönheit und lächelnd
    begrüßt sie ihr liebendes Kind mit geöffneten Armen,
    und alle Beschwernis und Nöte des Sohns sind vergessen.

    Und tröstende Küsse der schönsten der Frauen beleben
    die trauernden Sinne des Sohnes, der immer zu bleiben
    sich wünscht in der Nähe der, ach, so geliebten Vermissten.

    Erwacht aus dem Traume, den lächelnd ein gütiger Morpheus
    ihm schenkte, berührt seine Seele der Hauch eines Kusses -
    geformt aus den Düften des blühenden Flieders am Ufer
    des Flusses, der brausend den Frühling begrüßt und dem Träumer
    die zärtlichsten Worte der Mutter verrät mit dem Plätschern
    der Wellen; die Weiden verbeugen sich tief und die Tannen nicken
    mit Anmut und jubelnde Lerchen verzaubern den Himmel.


    Eisenhut (die giftigste Pflanze Europas; in der griechischen Mythologie entstand er, als Herakles den dreiköpfigen Hund Zerberus aus der Unterwelt auf die Erde brachte. Das Untier geiferte giftigen Speichel, er fiel auf den Boden und aus ihm wuchs der Eisenhut).
    die Spuren des Orpheus (O. wollte seine gestorbene Frau Eurydike aus der Unterwelt holen)
    Tore zum Hades (Die Tore zur Unterwelt)
    den Styx (Styx ist in der griechischen Mythologie ein Fluss der Unterwelt; in ihn wurde Achilles von seiner Mutter getaucht, damit er unverwundbar würde. Die beiden Stellen, an dem sie den Knaben festhielt, wurden nicht vom „schwarzen Wasser“ des Styx benetzt - an diesen Stellen an den Fersen blieb A. verwundbar - siehe Achillesferse)
    schattige Reich der Gestorbnen (im Hades, dem Schattenreich, war die Gestorbene)
    Aus dreifacher Kehle (der Höllenhund Zerberus hatte drei Köpfe)
    Und Kore, die Gattin des Herrschers der Hölle (bekannt als Persephone, die von Hades in die Unterwelt entführt wurde)
    Dort wartet die Mutter (hier weicht das Gedicht von der griechischen Mythologie ab. Orpheus wollte seine Gattin Eurydike aus der Unterwelt holen; hier ist es der Sohn, der seine Mutter befreien möchte).
    Morpheus ( Morpheus ist einer der Oneiroi. Die Oneiroi sind Traumgötter und in der griechischen Mythologie die Verkörperung der Träume oder des Träumens selbst.
    Nicht zu verwechseln mit dem Gott des Schlafes = Hypnos)
    Geändert von Festival (17.06.2020 um 10:14 Uhr) Grund: Schreibfehler

  2. #2
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    Hi Festival, ich bin mal wieder hin und weg von deinen Versen, sie erinnerten mich erst an "Adoneus" und Myrrthe, aber dann konnte ich anhand deiner interessanten Erläuterungen erkennen, um wen es sich handelt. Hypnos und Oneiroi beispielsweise sind mir noch unbekannt, aber du hast mich animiert diesebezüglich weiter zu lesen und zu sinnen. Die innerer Melodei im 5-taktigen Daktylus und eine Wahrung des Adoneus bestärkten meine vorherige Annahme, aber gut, diese Melodei ist dem Thema würdig und prachtvoll umgesetzt.

    lg
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    F i e t j e . B u t e n l ä n n e r

  3. #3
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    Lieber Fietje Butenlänger,
    ich danke Dir sehr für Deinen Kommentar!
    Liebe Grüße,
    Festival

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