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    Aus meinem Coronar-Tagebuch - 23.05.2020

    23.05.2020

    In der Schule machten wir Bekanntschaft mit Platons „Höhlengleichnis“. Zu gestellt kam es mir damals vor; welcher Mensch mochte sich schon einbilden, lebenslang in einer Höhle gefesselt zu sitzen und nur geradeaus auf eine Wand zu starren, die von einem Feuer in seinem Rücken erleuchtet würde? Auf sich bewegende Schatten dessen glotzen, was sich zwischen dem für die Gefangenen unsichtbaren Feuer und ihrem Rücken abspielte? Lebenslang, immer und ewig?

    Wir würden, so hieß es, nur das für die Wirklichkeit halten, was noch zu uns dränge – die huschenden Schatten vielleicht, und noch ein paar Geräusche, sonst nichts. Wir würden uns, versorgt mit Essen und Trinken, daran gewöhnen; es würde zu unserem Verständnis von der Welt, in der wir dergestalt vegetierten.

    Würde man uns, nach einer Zeit, von den Fesseln befreien und gehen lassen, könnten wir mit der Helligkeit des Tages und der Erkenntnisfreiheit, die draußen vor der Höhle herrschten, zuerst nichts anfangen. Sie machten uns unsicher. Wir würden in unser Loch zurückfliehen wollen, in seine Gewohnheit und Sicherheit, und lange brauchen, bis wir begriffen, dass Sonne, Mond und Sterne eine Bedeutung hätten, ohne die der Mensch gar nicht Mensch sein könnte.

    An dieses Gleichnis musste ich denken, schon vor vielen Jahren immer wieder, als die Bildschirme wandgroß wurden und digitale Schatten darauf zu spielen begannen. Wir saßen wie gefesselt auf einem Stuhl davor, der übrige Raum abgedunkelt, und kommunizierten mit Screenshots, die wir für die Welt hielten. Nur noch ein Knopfdruck, und alles schien möglich. Null, plus und null! Superwoman! Superman!

    Ob der Nerd, dessen Kontakt mit der Analogie einzig das Klingeln des Lieferservices war, überhaupt noch bemerkte, dass draußen die Welt gerade in Trümmer fiel?

    Ich glaub nicht. Und wenn doch, dann war es ihm wurst. Er wettete weiter auf Spiele, die’s gar nicht gab, huschte blitzgeschwind durch anonyme Leitungen und dachte gar nicht daran, aus dem Gefängnis zu kommen. Ob man am Ende den Inhalt der Höhle sortieren und in den Wertstoffhof bringen, oder alles zusammen mit der Schubraupe in einem großen, gemeinsamen Loch entsorgen wird? Ob wohl die Posaune von Jericho noch dazu bläst?

    Wer weiß schon, was bleibt. War wirklich alles umsonst?

    salvelina
    Geändert von salvelina (24.05.2020 um 20:36 Uhr)

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