Thema: LUser?

  1. #1
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    LUser?

    Wer einem deutschen Literaturforum als Benutzer beitritt, kann sich als LUser so manches erlauben.

    Da die wenigen noch verbliebenen Literaturforen meist nur eine geringe Zahl von aktiv Schreibenden aufweisen, fällt es dem wortgewandten LUser, sofern er genug Zeit dafür findet, in der Regel nicht schwer sich in diesen virtuellen Räumen nach Lust, Laune und Gutdünken zu profilieren.

    Man darf dort so ziemlich alles von sich geben und dabei auf Zuspruch oder Kritik von anderen Mitgliedern hoffen. Selbstgefällig darf der LUser hier natürlich auch nach Tadelslust Kritik verteilen. Meist geschieht das dann, wenn der LUser lieber ausgibt als einsteckt.
    Unter dem zarten Mantel des Lyrikliebhabers, lassen sich im LiFo-Pferch die LUserhaare eines Wolfspelzes genauso gut verstecken, wie die widderspenstigen Hörner eines scheinbaren Bravschafs.

    Wenn ihm jemand querkommt, weil der LUser mal wieder über die Stränge schlägt, gibt es mehrere Strategien derer sich der Besagte bedienen darf, um sein lästiges LUsergegenüber zu diskreditieren. Im Falle der Moderation, kann auf deren vermeintliche Inkompetenz verwiesen werden und missliebigen LUsern kann mangelnde Schulbildung vorgehalten werden, ohne das eigene Bildungsniveau je rechtfertigen zu müssen. Dieses bleibt wohlbehütet hinter dem Avatar des LUsers verborgen und lässt sich im Regelfall nur zwischen den Zeilen erahnen.
    Wer Zeit und Muse findet, darf diese darauf verschwenden, sich an fantasievollen Metaphern oder ähnlicher Wortwulstigkeit zu üben, um die als Unfähigkeit empfundene Poesiebegabung seiner ungeliebten Mitstreiter zu umschreiben.

    Dem LUser steht es frei, sich, je nach Gemüts- und Stimmungslage über Gott, die Welt, die LiFos und deren Moderation und User auszulassen, bis ihm der ein oder andere irgendwann doch einmal auf die Schliche kommt und ihn in seiner unredlichen Absicht enttarnt.

    Aber auch für diesen Fall gibt es immer noch genügend Optionen, die es dem LUser ersparen mit sich selbst ins Gericht gehen zu müssen. Widersprüchliche Beiträge und Kommentare können unversehens gelöscht werden und wenn gar nichts mehr hilft, kann sich ein LUser letztendlich entscheiden, sich zu trollen bevor es dreizehn schlägt. Wenn er an diesem Punkt ankommt, ist es aber meistens schon fünf vor zwölf.
    Geändert von Rudolf Junginger (23.05.2020 um 17:17 Uhr)

  2. #2
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    Also ich weiß nicht, ob's wirklich immer "LUser" sein müssen, lieber Frank Reich, oder ob das eine verzerrte Wahrnehmung ist.
    Die meisten sind hier doch wie du und ich redlich bemüht, ihr lyrisches Spektrum zu erweitern, auf ehrliches Feedback hoffend.
    Interessant ist sicherlich die Vorstellung, dass dieses interaktive Medium auch "LUsern" Gelegenheit bietet,
    uns ihre nicht ausgelebten Faszetten zu präsentieren oder hier sogar eine Pseudopersönlichkeit aufzubauen.
    Aber LUser will bekanntlich keiner sein, also betrifft es auch keinen, allerhöchstens die anderen.
    Unter einem Avatar wird sich eben mehr "getraut". Es enthemmt und hat vor allem keinerlei soziale Konsequenzen.
    Das Schlimmste wäre ein Rausschmiss aus dem Forum, aber was solls, kost ja nix.
    Beziehung, Beruf, Familie, Freunde... werden ungeachtet dessen trotzdem normal weiterlaufen.
    Natürlich sollte man die Frechheit, die Arroganz, die Überheblichkeit und die Coolness,
    die einem zuweilen entgegenschlägt auch immer unter diesem Aspekt begreifen.
    Im Biotop eines LiFos triffst du eben den Möchtegern -Freizeitprofessor
    und die bemühte Comedian Witzfigur, ebenso wie den impotenten Gigolo
    und die Pseudointellektuellen mit ihren ewigen Minderwertigkeitskomplexen.
    Sie blühen hier endlich auf, finden " Ihresgleichen" und vor allem Beachtung, was ihnen im Realleben u.U. verwehrt bleibt.
    Andersherum gesehen wäre es aber auch nicht da, würde es uns gar nicht auffallen und berühren,
    dieses vorgespielte schräge "LUser Alter Ego", wenn es nicht ein Teil unserer eigenen dunklen Seite,
    unseres eigenen Geltungsdrangs, unserer eigenen Ängste wäre.
    Und so reiben wir uns an manch fremden Seiten, die uns spiegeln,
    die sozial zuweilen inkompatibel sind und uns nahezu irrwitzig erscheinen mögen.
    Und wir begegnen uns dabei doch im Grunde immer wieder selbst. Ich bin froh über manchen Kauz, den ich hier treffen darf.
    So gesehen sind wir alle Gewinner in einem großen lyrischen Stuhlkreis, um uns irgendwie weiterzuentwickeln,
    und Erfahrungen sammeln zu dürfen.
    Manchmal will uns dabei sogar ein kleiner origineller lyrischer Clou gelingen.
    Dann hat es sich mal wieder für eine Zeit lang gelohnt, und wir sind glücklich.
    L.G.A.
    Geändert von Anjulaenga (25.05.2020 um 09:42 Uhr)

  3. #3
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    Hallo Anjulaenga,

    Vielen Dank für deinen Kommentar. Die Bezeichnung LUser war eigentlich vorrangig nur als Kontraktion von Literaturforum und User gedacht. Selbstverständlich steht dem Kunstwort aber auch ein Quäntchen (Selbst)ironie Pate. Wollte jetzt auch nicht irgendwie die ganze LUserschaft über einen Kamm scheren, indem ich hier nur auf die schlechten Seiten unserer vielfältigen Forenegos halte.
    Vielmehr wollte ich mit dem Text einfach auch einmal das Verhalten der Mitglieder kritisch unter die Leselupe nehmen, weil in letzter Zeit ja auch von Benutzerseite oft recht strenge Kritik an den LiFos geübt wurde, wobei die LiFos halt mMn das sind, was die teilnehmenden Schreiber daraus machen.
    Wer da was ändern will, bewirkt mit konstruktiven Beiträgen oft mehr, als mit unsachlicher Kritik, die einen im Endeffekt ja auch nicht sonderlich intelligent wirken lässt, weil man im Grunde genommen jederzeit gehen kann, wenn einem das Niveau hier nicht standesgemäß genug erscheint.

    Wir sind hier alle nur Partygäste im großen Spiegelsaal des Schreiblustschlosses dotcom und versuchen dem Wonnenkönig Lyrik XIV in unseren Avatarkostümen zu gefallen, mit den Mitteln die uns unsere Natur, Bildung und Gesinnung denn geben wollte.
    Der eine versteht sich auf die Einhaltung streng codierter Tanzrhythmen, der andere eher aufs melodische Musizieren, während noch ein anderer mit seinen rhetorischen Fähigkeiten glänzt und wieder ein anderer sich auf Intrigen spezialisiert. Selbst die Hofnarren sind hier nicht fehl am Platz - il faut de tout pour faire un monde.
    Und wie du schon richtigerweise angedeutet hast, werden wir uns in diesem Spiegelsaal auch immer unweigerlich in irgendeiner Weise, im Zerrbild einer unseren multiplen Facetten selbst sehen, wenn wir unser Gegenüber mit dem geistigen Auge fixieren.
    Aber wie gesagt, so lange wir nur ab un an unsere Perücken zurechtrücken müssen, sonst aber alles in einem für uns verträglichen Rahmen bleibt und so lange uns Emotionsorgien und Schreibräusche nicht zu sehr zu Kopf steigen, ist unsere Forenwelt doch immer wieder in Ordnung - vive le mot !

    LG
    Frank Reich
    Geändert von Rudolf Junginger (26.05.2020 um 23:30 Uhr)

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