1. #1
    Registriert seit
    Jun 2016
    Beiträge
    1.676

    Linde (Distichon)



    Streckst du im Halbschlaf nackte Äste noch, zünden Kastanien
    Blütenraketen, buntglühend, in Rot und in Weiß;
    später entspannt - verstummt brutwütiger Spatzen Gekreische -,
    döst im betörenden Brautduft du, von Bienen umsummt.


    Geändert von albaa (24.05.2020 um 17:34 Uhr)

  2. #2
    Registriert seit
    Apr 2020
    Ort
    Bei Yan
    Beiträge
    633
    Hallo albaa,

    auf jeden Fall sehr malerisch. Da möchte ich Linde sein ..

    Streckst du im Halbschlaf nackte Äste noch, zünden Kastanien

    Blütenraketen, buntglühend, in rot und in weiß;
    später entspannt - verstummt brutwütiger Spatzen Gekreische -,
    döst im betörenden Brautduft du, von Bienen umsummt.

    ich frage zur Form noch, weil ich es mich so nicht getraut hätte:
    ich hätte jetzt vergeblich in den Versen nach regelgerechten Zäsuren gesucht.
    Pfeifst du drauf, seh ich was nicht? oder fehlen mir noch Regeln?

    Gruß Lé.
    Die Leute die den Reim für das Wichtigste in der Poesie halten, betrachten die Verse wie Ochsen-Käufer von hinten.
    Georg Christoph Lichtenberg

  3. #3
    Registriert seit
    Dec 2017
    Beiträge
    159
    Hallo Albaa!

    Die Zäsuren scheinen auch mir etwas bedenklich ... V1 ist da sehr unwuchtig?!

    (@ L'étranger: Die Pentameter (V2, V4) haben in der Versmitte nicht unbedingt eine Zäsur - da treffen schlicht zwei schwere Silben aufeinander. Das wird oft als Stelle für einen Satzeinschnitt genutzt, aber das muss nicht sein. Die alten Griechen haben den Satz meist über diese Stelle hinweglaufen lassen, und Hölderlin ist ihnen da gefolgt - wenn ich kurz ein Stück aus Heimkunft einwerfen darf:

    Ruhig glänzen indes die silbernen Höhen darüber,
    Voll mit Rosen ist schon droben der leuchtende Schnee.
    Und noch höher hinauf wohnt über dem Lichte der reine
    Selige Gott vom Spiel heiliger Strahlen erfreut.
    Stille wohnt er allein und hell erscheinet sein Antlitz,
    Der ätherische scheint Leben zu geben geneigt,
    Freude zu schaffen, mit uns, wie oft, wenn, kundig des Maßes,
    Kundig der Atmenden auch zögernd und schonend der Gott
    Wohlgediegenes Glück den Städten und Häusern und milde
    Regen, zu öffnen das Land, brütende Wolken, und euch,
    Trauteste Lüfte dann, euch, sanfte Frühlinge, sendet,
    Und mit langsamer Hand Traurige wieder erfreut,
    Wenn er die Zeiten erneut, der Schöpferische, die stillen
    Herzen der alternden Menschen erfrischt und ergreift,
    Und hinab in die Tiefe wirkt, und öffnet und aufhellt,
    Wie er's liebet, und jetzt wieder ein Leben beginnt,
    Anmut blühet, wie einst, und gegenwärtiger Geist kömmt,
    Und ein freudiger Mut wieder die Fittige schwellt.


    Das ist zum einen von überwältigender Schönheit; aber eben auch wegen der Zäsuren / Versmitten unbedingt nachdenkenswert. Pentameter mit tiefem Einschnitt hat zum Beispiel Schiller, und auch das ist wirkungsvoll.

    Was Albaa hier gleich zweimal macht, ist eigentlich eine Ausnahme: Die beiden schweren Silben in der Mitte des Pentameters gehören zum selben Wort. Viele Metriken verbieten das sogar; die Dichter haben sich daran nicht gestört, dieses Gestaltungsmittel aber recht sparsam eingesetzt.

    V3 hat eine regelgerechte Zäsur nach "-stummt"!)

    V2, V4: Ich machte das nicht in zwei von zwei Pentametern; das, wieder, erzeugt Unwucht. Und in V4 ist das auch nur verständlich, wenn der Leser wirklich, wirklich sicher in der Mechanik des Pentameters ist, sonst schmeißt es da jeden aus der Kurve. Die zweite Hebung, die erste der zweiten Vershälfte, sollte nach Möglichkeit kein Wortschluss sein, sondern von einer, noch besser von zwei leichten Silben gefolgt werden?! Dann erschließt sich die Versbetonung von selbst, so wie hier ist es eine Frage der Verskenntnis.

    ("in Rot und in Weiß", nein?)

    Gruß,

    Ferdi
    Geändert von Ferdi (24.05.2020 um 16:45 Uhr)

  4. #4
    Registriert seit
    Aug 2009
    Ort
    Bremen
    Beiträge
    2.911
    Liebe Albaa,

    hübsche Verse hast Du da gezaubert! Für eine bessere Zäsur in V1 hätte ich einen klitzekleinen Vorschlag mit großer Wirkung:

    Streckst du im Halbschlaf, nackt, || die Äste noch, zünden Kastanien
    Blütenraketen, bunt || glühend, in Rot und in Weiß
    später entspannt - verstummt || brutwütiger Spatzen Gekreische -
    döst im betörenden Braut- || duft du, von Bienen umsummt.

    Küsse Dein Auge!

    Edit: Ah, ich sehe gerade, Ferdi war auch schon da. Stimmt, beide Male die Zäsur im Penta zu überschreiben, ist ein bisschen viel.

    In V1 wolltest Du Dich wahrscheinlich mit der bD begnügen. Die würde ich aber wirklich nur im dreigeteilten Vers wählen, wenn die andere Zäsur im zweiten Fuß liegt.

    LG Claudi
    Geändert von Claudi. (24.05.2020 um 17:07 Uhr)
    com zeit - com .com

  5. #5
    Registriert seit
    Jun 2016
    Beiträge
    1.676
    Hallo, ihr Lieben



    Claudi, perfekt dein V1, hahaha! Lé möchte dann wahrscheinlich doch lieber Bienchen, als Linde sein.
    Danke für deine Darstellung der Verse.


    Eigentlich dachte ich in V1 ginge als Dreiteiler mit bD?

    Streckst du / im Halbschlaf nackte Äste noch, // zünden Kastanien


    Ferdi, danke für dein Hölderlinbeispiel - schöne Verse, ja!

    Ja, ich mag diese überschriebene Versmitte, zweimal in einem so kurzen Text wahrscheinlich wirklich zu viel.

    V4 erfordert vermutlich wirklich Penta-Kenntnis; ich dachte das ungewöhnliche Wort "Braut-duft" könne helfen richtig zu betonen. V2 funkt eh gut.

    Lieben Gruß
    albaa


    Edit: Claudi, das hab ich erst jetzt gesehen:

    Zitat Zitat von Claudi
    In V1 wolltest Du Dich wahrscheinlich mit der bD begnügen. Die würde ich aber wirklich nur im dreigeteilten Vers wählen, wenn die andere Zäsur im zweiten Fuß liegt.
    Siehst du, das wusste ich bisher nicht, dass bei Dreiteilung die erste Zäsur im zweiten Versfuß liegen muss.

    Dann ergebe sich eine Zäsur eigentlich auch bei Halb / schlaf durch die aufeinanderfolgenden ("bremsenden", zur Pause zwingenden?) schweren Silben?:

    Streckst du im Halb / schlaf nackte Äste noch, // zünden Kastanien

    oder ist es so deutlicher?:

    Streckst du verschlafen / die nackten Äste noch // zünden Kastanien.

    LG
    Geändert von albaa (25.05.2020 um 07:05 Uhr) Grund: Edit: Claudis Eintrag

  6. #6
    Registriert seit
    Aug 2009
    Ort
    Bremen
    Beiträge
    2.911
    Liebe Albaa,

    endlich komme ich noch zu Deiner Frage:

    Eigentlich dachte ich in V1 ginge als Dreiteiler mit bD?

    Streckst du / im Halbschlaf nackte Äste noch, // zünden Kastanien
    Die drei Teile, die ich hier im Ohr habe, sind:

    Streckst du, im Halbschlaf, | nackte Äste noch, || zünden Kastanien

    Den Einschub "im Halbschlaf" kannst Du mit oder ohne Kommas schreiben. Wenn mit, wird der Einschnitt zwischen zweitem und dritten Fuß durch das zweite Komma noch etwas deutlicher. Alle drei (Haupt-)Teile des Verses beginnen also betont und der Vers zerfällt. Der Einschnitt im ersten Fuß kann das nicht verhindern.

    LG Claudi
    com zeit - com .com

Was dich vielleicht auch interessieren könnte:

  1. Auf dem Weg zur Linde
    Von Ibrahim im Forum Natur und Jahreszeiten
    Antworten: 1
    Letzter Beitrag: 23.08.2013, 18:43
  2. Der Linde Stich
    Von Walther im Forum Humor, Satire und Rätselhaftes
    Antworten: 0
    Letzter Beitrag: 31.07.2011, 17:44
  3. Die Linde
    Von Ralfrutz im Forum Diverse
    Antworten: 0
    Letzter Beitrag: 18.11.2008, 22:19
  4. Mord an der Linde
    Von Medusa im Forum Humor, Satire und Rätselhaftes
    Antworten: 14
    Letzter Beitrag: 14.05.2008, 17:36
  5. Linde
    Von kaiize im Forum Trauer und Düsteres
    Antworten: 0
    Letzter Beitrag: 13.01.2005, 21:09

Berechtigungen

  • Neue Themen erstellen: Nein
  • Themen beantworten: Nein
  • Anhänge hochladen: Nein
  • Beiträge bearbeiten: Nein
  •  

Anmelden

Anmelden