Thema: Seelenkleider

  1. #1
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    Seelenkleider

    Seelenkleider

    Warum hast Du mein Seelenkleid zerrissen?
    Es war noch blütenrein und ohne Fleck,
    doch Deine Wut warf es in Müll und Dreck.
    Ich werde es für immer sehr vermissen.

    Seitdem sind viele Jahre schon vergangen.
    Ich bastelte ein neues Seelenkleid
    und war für neue Wege stets bereit,
    im Schatten meiner Kinderzeit gefangen.

    Ich kann die trübe Kindheit nicht vergessen,
    doch wäre es von mir wohl sehr vermessen,
    könnt‘ ich Dir alten Frau nicht mehr vergeben.

    Du bist und bleibst für immer meine Mutter
    und Blut ist dicker als zerlass'ne Butter.
    Verdank ich Dir doch immerhin mein Leben.
    Man trägt das vergangene Schöne wie ein kostbares Geschenk in sich.
    (Dietrich Bonhoeffer)

  2. #2
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    Liebe Dabschi,
    Wahrschlich steckt in jedem Dichter eine verwundete Seele.
    Ein schwieriges Thema hast Du stilistisch perfekt gestaltet und eindrucksvoll ausgedrückt.
    Es steckt sowohl Psychologie als auch Weisheit in Deinen Zeilen!
    Viele Grüße von Georg

  3. #3
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    Hallo Dabschi,
    gestern schon hatte ich dieses Gedicht von dir entdeckt und wollte dir antworten, allerdings habe ich nicht genug Zeit dafür gefunden. Jetzt dagegen ist es mir möglich mich deinem Werk in aller Ausführlichkeit zu widmen.

    Auf den ersten Blick sieht es nach einem Sonett aus, allerdings unterscheidet es sich doch von den gewünschten Vorgaben dieser Gedichtform.
    Dein Reimschema ist abba – cddc – eef – ggf, nicht das klassische Schema für ein Sonett.

    Zur Metrik: x=unbetont, X=betont
    XxxXxXxXxXx
    xXxXxXxXxX
    xXxXxXxXxX
    xXxXxXxXxXx

    xXxXxXxXxXx
    xXxXxXxXxx
    xXxXxXxXxX
    xXxXxXxXxXx

    xXxXxXxXxXx
    xXxXxXxXxXx
    XxXXxXxXxXx / xXxXxXxXxXx

    xXxXxXxXxXx
    xXxXxXxXxXx
    xXxXxXxXxXx


    Wie beim Sonett üblich hat auch dein Gedicht einen fünfhebigen Jambus. Allerdings beginnt dein Gedicht auftaktig, weshalb ich zuerst dachte, auch hier würdest du eine freie Form wählen. Bei S3V3 beginnt für mich der Vers wieder betont, wegen des Verbes, man könnte es allerdings auch „richtig“ auslesen. Diese Möglichkeit klingt für mich aber nicht richtig. „könnt“ muss für mich betont sein. Dadurch entsteht ein Hebungsprall bei „Dir alten“. Eigentlich lese ich dann „könnt‘ ich Dir, alten Frau, nicht mehr vergeben“. Auch bei anderen Versen muss man leicht biegen für die angestrebte Metrik.
    Das sind allerdings keine Kritikpunkte, ich teile dir nur meine Beobachtung mit.

    Soweit zum Formalen – ich finde die Abweichungen von den Vorgaben des Sonettes nicht schlimm, keinesfalls bewerte ich dies negativ.


    Natürlich wurde ich wegen des Inhaltes auf dein Gedicht aufmerksam. Schon nach der ersten Strophe hattest du mich.
    Warum hast Du mein Seelenkleid zerrissen?
    Es war noch blütenrein und ohne Fleck,
    doch Deine Wut warf es in Müll und Dreck.
    Ich werde es für immer sehr vermissen.
    Dein Gedicht wirft natürlich eine Einstiegsfrage auf: Was ist ein Seelenkleid? Ich habe das für mich als Selbstbewusstsein/Fassung gelesen, aber das Wort „Seelenkleid“ beschreibt, denke ich, viel besser, was eigentlich gemeint ist. Es ist das, was die Seele, also den innersten Kern der Person selbst einhüllt. Das mag für den einen eine Art Fassade sein, die er vor anderen Menschen trägt, oder das Selbstbewusstsein vor anderen ohne Angst zu stehen, in jedem Fall ist es ein Schutzschild.
    Das Seelenkleid des Ichs wird also vom LD zerrissen. In diesem Gedicht klagt es dieses Du an ob dessen Schuld. Das LI beschreibt sich selbst vor diesem Geschehen als unschuldig. Es war also unbedarft und das LD hat es nicht nur auf den Boden der Tatsachen gebracht, sondern in den Dreck geworden. Das Du ist verletzend und grob, wobei hier die emotionale Ebene gemeint ist. Der eigentliche Angriff könnte auch eine einfache Bemerkung gewesen sein, es muss sich nicht um eine reale verbale Attacke handeln. Das LI wäre gern wieder so „blütenrein“, es ist nachhaltig von LD verändert worden.
    Ich sehe eine Parallele zum Geschehen hier im Forum. Erst neulich habe ich mit einem Neuling hier gesprochen, der sich von Kritikern so behandelt fühlte.

    Seitdem sind viele Jahre schon vergangen.
    Ich bastelte ein neues Seelenkleid
    und war für neue Wege stets bereit,
    im Schatten meiner Kinderzeit gefangen.
    Wir erfahren, dass der Vorfall aus Strophe 1 schon zurückliegt, es in der Kindheit geschah. Dies legt natürlich nahe, dass das LD ein Erwachsener ist. Das LI hat sich erholt von dem Geschehen, konnte neues Selbstbewusstsein aufbauen. Ein gebasteltes Kleid unterscheidet sich aber von dem Ursprünglichen, es mag seinen Zweck erfüllen, aber das Li ist immer dran erinnert, was passiert ist.
    Ich denke an Misshandlung, an Missbrauch. Möglicherweise nicht nur emotional, was ich in der ersten Strophe noch vermutet hatte.

    Ich kann die trübe Kindheit nicht vergessen,
    doch wäre es von mir wohl sehr vermessen,
    könnt‘ ich Dir alten Frau nicht mehr vergeben.
    Eine trübe Kindkeit: trüb, man kann nicht wirklich hindurch sehen. Möglicherweise hat das Ich eine lückenhafte Erinnerung, kann sich an manche Details vielleicht nicht entsinnen, weiß aber, dass das „ETWAS“ war. Dieser Schatten, vielleicht ein Gefühl von Bedrohung und Angst ist mit dieser Kindheit verknüpft.
    Es wäre vermessen, wenn das LI seiner Mutter nicht vergeben würde, findet es. Aber wie ist es tatsächlich, vergibt es? Ist es Maßstab nicht vermessen zu sein? Für mich wäre Vermessenheit kein Grund um zu vergeben.

    Du bist und bleibst für immer meine Mutter
    und Blut ist dicker als zerlass'ne Butter.
    Verdank ich Dir doch immerhin mein Leben.
    Die Bedeutung einer Mutter ist für das LI offenbar hoch. Es kann und will diese Verbindung nicht lösen. Ich hoffe nur, dass es Konsequenzen irgendeiner Art zieht. Man kann ihm nur alles Gute wünschen. Diese letzte Strophe ist für mich eine Sammlung gern gebrauchter Formulierungen – mit denen das LI sich rechtfertigt. Eigene Worte für diese Situation findet es nicht.

    Sprachlich finde ich gerade den Reim Mutter/Butter auffällig. Nicht unbedingt schön so verglichen zu werden, aber gleichzeitig zeigt es auch den Wert dieser Person. Zwar möchte das LI vergeben, in seinem Reimen spricht es aber vielleicht eine andere Sprache (oder das ist nur mein Wunschdenken und es gab einfach keinen besseren Reim).
    Wie ich schon anmerkte gefiel mir das Wort „Seelenkleid“, auch „trübe Kindheit“ fand ich treffend.

    Sprachlich finde ich es gut gelungen, nach dem anfänglich vielversprechenden Auftakt mit „Seelenkleid“, folgen immer mehr Plattitüden (immer noch meine Mutter/Blut ist dicker), dazwischen ist es sprachlich recht schlicht – aber auch durchaus dem Thema angemessen.

    Ein Punkt, den ich wirklich noch für Verbesserungswürdig halte, ist die vergeben müssen/immer noch die Mutter-Thematik, aber vielleicht ist dies ganz allein ein persönliches Problem. Ich finde so ein Ende wenig befriedigend.

    Ansonsten hast du ein gelungenes Gedicht verfasst.
    Ich freue mich darauf, mehr von dir zu lesen.
    Allerliebste Grüße
    Ff
    Geändert von Frustfresserin (02.06.2017 um 13:48 Uhr)
    "Oh Bär", sagte der Tiger, "ist das Leben nicht unheimlich schön, sag!"
    "Ja", sagte der kleine Bär, "ganz unheimlich und schön."
    Und da hatten sie verdammt ziemlich recht.

    -Post für den Tiger, Janosch-

  4. #4
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    @ Lieber Georg,

    danke für Deinen eindringlichen Kommentar, der sprichwörtlich wie die Faust aufs Auge passt.

    Ein schwieriges Thema hast Du stilistisch perfekt gestaltet und eindrucksvoll ausgedrückt.
    Dankeschön. Über Dein Lob freue ich mich sehr.

    Liebe Grüße
    Dabschi

    @ Liebe Ff,

    Dein ausführlicher Kommentar macht mich beinahe sprachlos, weil ich nicht damit gerechnet habe, dass mein Gedicht so viel Zuwendung bekommt. Vielen Dank dafür.

    Deine Beurteilung zur Metrik werde ich mir noch genauer anschauen. Ich bin dankbar für alle Hinweise.

    Nun zu Deiner Frage:
    Was ist ein Seelenkleid?
    Seelenkleid wählte ich als Metapher für die Reinheit einer kindlichen Seele. Es wurde trotz seiner Reinheit zerrissen und das LI sucht in der 1. Strophe die Gründe dafür.

    In der 2. Strophe bringt das LI zum Ausdruck, dass es im Laufe der Jahre schwierig war, sich selbst zu finden und sich nun so zu mögen, wie es ist.

    In der 3. Strophe wird deutlich, dass die Erinnerungen trotz geflicktem Seelenkleid gegenwärtig bleiben.

    In der 4. Strophe wird klar, dass die Mutter es war, die das Seelenkleid vom LI zerriss.

    Ein Punkt, den ich wirklich noch für Verbesserungswürdig halte, ist die vergeben müssen/immer noch die Mutter-Thematik, aber vielleicht ist dies ganz allein ein persönliches Problem. Ich finde so ein Ende wenig befriedigend.
    Niemand muss vergeben, auch nicht seiner eigenen Mutter, aber das LI wollte es gerne, weil es sonst den eigenen Seelenfrieden niemals gefunden hätte.

    Mit zunehmendem Alter der Mutter (inzwischen 83 Jahre alt) verstärkt sich dieses Gefühl, weil wahrscheinlich nicht mehr viel Zeit bleibt.
    Das LI kennt schon lange die Hintergründe. Aber es konnte nichts dafür, dass das Leben der Mutter völlig aus den Fugen geriet, weil das „schwarze Schaf“ der Familie einen anderen Vater hatte …

    Inzwischen ist alles in Butter, so auch der Vers in meinem Originalgedicht:

    Du bist und bleibst für immer meine Mutter
    und Blut ist dicker - alles ist in Butter.
    Verdank ich Dir doch immerhin mein Leben.
    Die „zerlass'ne Butter“ übernahm ich als Veränderungsvorschlag an anderer Stelle.

    Liebe Grüße
    Dabschi
    Man trägt das vergangene Schöne wie ein kostbares Geschenk in sich.
    (Dietrich Bonhoeffer)

  5. #5
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    Hallo Dabschi,

    ich hab dein ebenso hübsches wie trauriges Sonett

    Seelenkleider

    Warum hast Du mein Seelenkleid zerrissen?
    Es war noch blütenrein und ohne Fleck,
    doch Deine Wut warf es in Müll und Dreck.
    Ich werde es für immer sehr vermissen.

    Seitdem sind viele Jahre schon vergangen.
    Ich bastelte ein neues Seelenkleid
    und war für neue Wege stets bereit,
    im Schatten meiner Kinderzeit gefangen.

    Ich kann die trübe Kindheit nicht vergessen,
    doch wäre es von mir wohl sehr vermessen,
    könnt‘ ich Dir alten Frau nicht mehr vergeben.

    Du bist und bleibst für immer meine Mutter
    und Blut ist dicker als zerlass'ne Butter.
    Verdank ich Dir doch immerhin mein Leben.

    ganz hierher geholt, damit man besser etwas dazu sagen kann.

    Offenbar hattest du mit deiner Mama kein gutes Verhältnis, und das hat dich, bis ganz zuletzt, sehr belastet. Obwohl sie da war, hat sie dich nicht zugedeckt, wenn dir kalt war. Du hast selber nach einem Mantel suchen müssen, um nicht zu erfrieren. Ich hoffe, du hast rechtzeitig einen passenden gefunden, und dir ist dabei nichts so beschädigt worden, dass du es später bereuen musstest.

    Man weiß nicht, was schlimmer ist - eine Mutter, die einem nicht wirklich gut ist, oder gar keine. Ich glaube, die Mutterlosigkeit ließe sich leichter ertragen - wären da nicht jene, die sie im Namen Gottes ersetzen wollen und dabei so grausam sein können, dass einem das Blut nicht mehr wie zerlassene Butter durch die Adern rinnt, sondern rote Flecken in die Kleider macht. Die kriegt man später nie wieder weg.

    salvelina

  6. #6
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    Hallo salvelina,

    ich hatte damals mein Gedicht „Seelenkleider“ öffentlich gepostet und habe kein Problem damit, darüber zu reden. Alles ist lange her. Was mir wichtig war, mich als erwachsener Mensch mit meiner Mutter zu versöhnen und das ist mir gelungen, bevor sie starb.

    Wir haben nie darüber gesprochen, was sie mir als Kind angetan hat. Meine Mutter war seelisch krank und hat selber viel Leid ertragen müssen. Und dann kam ich als Kuckuckskind, geboren zwischen einer älteren Schwester und einem jüngeren Bruder zur Welt und musste wahrscheinlich aus diesem Grund dafür büßen. Anders kann ich es mir nicht erklären, denn ich war ein liebes Kind und kein Kind, welches für Ärger sorgte. Ganz viele schlimme Sachen passierten, die ich hier nicht erwähnen möchte. Dass ich einen anderen Vater habe, den ich nie kennen lernte, erfuhr ich erst im Jugendalter.

    Obwohl mir beim Schreiben dieser Zeilen wieder Tränen über die Wangen kullern, bin ich seit vielen Jahren Dank meiner lieben Kinder, Enkelkinder und meines geliebten Mannes ein glücklicher und zufriedener Mensch. Mein Mann liebt mich so wie ich bin mit all meinen Schwächen und Stärken und er liebt meine Kinder und Enkelkinder, die ihn ebenso von ganzem Herzen lieben.

    Die Erinnerungen an meine Kindheit, an verkorkste Beziehungen etc. werden mich Zeit meines Lebens begleiten, denn meine Vergangenheit gehört zu meinem Lebenslauf, den ich nicht auslöschen kann.

    Seit März 1996 lebe ich in einer glücklichen Beziehung mit dem Mann, der mich vom „Aschenputtel“ zur selbstbewussten Frau verzauberte. Seit März 1998 sind wir glücklich miteinander verheiratet.

    Alles ist gut. Ich liebe meine Familie und mein Leben.

    Ich wünsche Dir auch von ganzem Herzen alles Gute und dass Du trotz Deiner schlimmen Vergangenheit ein glückliches Leben hast.

    Liebe Grüße
    Dabschi
    Man trägt das vergangene Schöne wie ein kostbares Geschenk in sich.
    (Dietrich Bonhoeffer)

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