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  1. #196
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    Hallo, Ferdi,

    mich interessiert der Schaeffer und sein kulturelles Umfeld. Distichon-Odysseus oder "Gevatter Tod".

    Zurück zu Thekla: Hast Du Überlegungen oder Ratschläge Mörikes für Heyse parat? Ich würde mich freuen.
    Greetse
    ww
    alis nil gravius, o nycticorax

  2. #197
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    Hi Willi,
    leider kann ich diesbezgl. keine Empfehlungen vorlegen, ich bin nicht vertraut mit dem Verhältnis Mörike zu Heyse. Ich hatte einfach Mörike und Heyse im Web gescannt' und Wupps', landete ich in unserer Bibliothek:

    Besuch in der Kartause (Epistel an Paul Heyse)

    Diese Epistel trägt zwar im Titel den Bezug zu Paul Heyse, aber ich kann nichts daraus zuordnen.
    Zitat: Una ex illis ultima.

    Albrecht Schaeffer sein Hauptwerk "Helianth: Bilder aus dem Leben zweier Menschen nach der Jahrhundertwende" ist mir leider auch nicht bekannt, ich konnte auf ämäson' aber eine kleine Leseprobe einsehen. Sehr blumig, prosaisch.

    Hat der Schaeffer den Hexameter viel benutzt? Das aufgelistete Werkeverzeichnis bei Wiki umfasst ~ 35 Titel + div. Materialien.

    Lg fietje

    Edit: wir starten in ein paar Wochen?! aalba ua. sind ja noch am lesen. lg
    Geändert von Butenlänner (27.09.2020 um 02:11 Uhr)

  3. #198
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    Hallo!

    Willibald, Mörikes Anmerkungen findest du in "Eduard Mörike, Werke und Briefe", online zum größten Teil *hier* einzusehen. Da steht dann im Kommentar aber auch der unschöne Satz: "Mörikes Vorlage war das Manuskript von P. Heyses 'Thekla', das nicht mehr nachweisbar ist." Ohne diese Vergleichsmöglichkeit geben Mörikes Änderungsvorschläge und Anmerkungen leider nicht ganz so viel her?! Aber ein paar Dinge kann man sicher auch so mitnehmen ...

    Bei dem Banquett des Prätors (eine der geistreichsten u. prächtigsten Partien) heißt es v. diesem,
    "er hätte Philisophen u. Weiber genossen,
    Gründlicher freilich die letzten."
    Durch diesen Seitenblick des Dichters wird die epische Objektivität momentan völlig aufgehoben. Man sieht den Novellisten von heute wie durch einen plötzlich entstandenen Riss hinter der Scheidewand stehen.


    Das zum Beispiel war für mich ganz interessant, weil mich die Frage nach dem Gattungsverständnis Heyses beschäftigt. Der hat die Stelle dann geändert (6,34-36):

    Denn er hatte studiert in Athen und in Rom mit der reichen,
    Adligen Jugend gelebt, Philosophen und Weiber genossen,
    Amt und Ehren erkauft. (...)


    Auch in Bezug auf die Arbeit am Vers ist einiges spannend zu lesen, zum Beispiel Mörikes Hinweise bezüglich der Lautwirkungen:

    "Mein Zagen mit nächtlichem Wagen" – Abgesehen von dem lästigen Gleichklang nicht gut; lieber noch "Wagnis".

    Oder:

    "... mit dem Priester und entgegnete düster" – den Gleichklang zu vermeiden

    4,91-92 (!?), geändert in

    (...) Da sah der Apostel die Frau mit dem Priester
    Und entgegnete: Wahrlich, das Herz empört sich im Busen,


    Schau einfach selbst einmal, was für dich von Interesse ist – und was du hier vielleicht mitteilen magst; ich möchte das von mir aus hier nicht so sehr vertiefen.

    Von Schaeffer weiß ich nicht viel, das ist nicht meine bevorzugte Epoche; aber wir können uns im Dezember ja bemühen, bei der Arbeit am Epos ein wenig über den Verfasser in Erfahrung zu bringen?!

    Butenlänner
    , außer "Gevatter Tod" wüsste ich nichts von Schaeffer im Hexameter Geschriebenes. Sein anderes, größeres Versepos, "Parzival", verwendet fünfhebige Trochäen, wenn ich mich recht erinnere.

    Von Heyse gibt es ein Sonett auf Mörike:


    Eduard Mörike

    Ein Schwabenkind, in traut umschränkter Enge
    Am Quell der Heimatsagen aufgesprossen,
    Von Goethes und der Griechen Hauch umflossen,
    Steht deine Muse fern dem Weltgedränge.

    Tiefsinnig auch durch die geheimsten Gänge
    Der Menschenbrust wagt sie den Weg entschlossen,
    Dann wieder übt sie ungebundne Possen
    Schalkhaft im Schatten kühler Waldeshänge.

    Dem Schiffer, der beschwert mit Warengütern
    Vorbeizieht auf dem breiten Strom des Lebens,
    Verhallt dein Lied, gleich dem Gesang der Grille.

    Noch aber darbt die Welt nicht an Gemütern,
    Die auch das Leise rührt, und nicht vergebens
    Ward dir der Märchenzauber der Idylle.



    Ich habe auch eine Verstext im Hinterkopf, der von einem Besuch bei Mörike erzählt – ob der von Heyse ist? Ich schau mal.

    Ich würde sagen, den "Krieg" schieben wir ein (ist, wie gesagt, nur ein Haps), und auf Weihnachten zu fangen wir dann mit "Gevatter Tod" an?!

    Gruß,

    Ferdi
    Geändert von Ferdi (25.10.2020 um 15:39 Uhr)

  4. #199
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    Salute, Ferdi,

    Herzlichen Dank für diese Informationen.

    ww
    alis nil gravius, o nycticorax

  5. #200
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    die Passage aus dem 6. Gesang ist wie aus dem Asterix und Obelix Comic, man kann sich die "Fressen" gut vorstellen, herrlich wie sich der Sound dieser Passagen dem inhaltlichem anpasst, z.B. die Verse 27 bis 30, diese Doppelspondäen lassen die Eberhauer dieses Paphlagonen regelrecht hervortreten.

    Nur ein Vierter beschloss den erlesenen Kreis, der Kohorten
    Oberster, welcher den Mund nur öffnete, Wein zu begehren.
    Hochrot blühte die Wange dem bärtigen Paphlagonen,
    Zwinkernd bewegt' er die Augen, die sanft und feierlich blickten,
    30 Während das weiße Gebiss vorstand gleich Fängen des Ebers.
    Neben dem Krieger erschien fast wie ein Knabe der Hausherr,
    Schmächtig, die Wangen verwelkt, das Haupthaar früh an der Scheitel
    Angegraut, und die Lippe, die häufig lächelte, blutlos.
    Denn er hatte studiert in Athen und in Rom mit der reichen,
    35 Adligen Jugend gelebt, Philosophen und Weiber genossen,
    Amt und Ehren erkauft. Er ruhete neben dem Fremden,
    Schwer vom Trinken, und jetzt, auf Thamyris heftend die Augen,
    Hob er den Arm nachlässig und gab ein Zeichen.


    In Sachen neuer Leserunde im Dezember plädiere ich natürlich für wohlklingende Hexameter
    Aber ich will auch für neues offen sein. Ich meine, ich vertraue da den Lyriker meines Vertrauens, der Ferdi hat immer gute Ware am Start.

    lg

    fietje

  6. #201
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    Hallo!

    Ohne hier irgendetwas abwürgen zu wollen, habe ich für die Zeit zwischen jetzt und Dezember (wenn der Schaeffer-Text rechtlich verfügbar wird) ein neues, kleineres Lese-Projekt gestartet: Homer-Parodien. Wenn ihr möchtet, schaut doch auch dort einmal hinein!

    Gruß,

    Ferdi

  7. #202
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    Akten des Paulus und der Thekla

    Der Text stammt aus Edgar Hennecke: Neutestamentliche Apokryphen, Mohr, Tübingen 1904. Ich stelle ihn hier nur ein bis zu der Stelle, an der Heyses Text abbricht; wer auch am Rest der Thekla Interesse hat, kann *hier* weiterlesen, unten auf der Seite geht es los!

    Als Paulus nach seiner Flucht aus Antiochien nach Ikonium hinaufzog, wurden seine Reisegefährten Demas und Hermogenes, der Kupferschmied, arglistigen Sinnes, und hängten sich an Paulus, als ob sie es gut mit ihm meinten. Paulus aber, der einzig und allein die Güte Christi im Auge hatte, versah sich von ihnen nichts Böses, sondern hatte sie von Herzen lieb. Daher suchte er ihnen alle Worte der Lehre des Herrn und der Auslegung des Evangeliums von der Geburt und der Auferstehung des Geliebten lieb zu machen und erzählte ihnen Wort für Wort die großen Taten Christi, wie sie ihm selbst offenbart wurden.
    Und ein Mann namens Onesiphorus, der gehört hatte, Paulus werde nach Ikonium kommen, ging mit seinen Kindern Simmias und Zeno und seinem Weibe Lektra dem Paulus entgegen, um ihn zu sich einzuladen. Es hatte ihm nämlich Titus erzählt, wie Paulus in seiner äußeren Erscheinung sich zeigte. Denn er selbst hatte ihn nicht im Fleische gesehen, sondern nur im Geist.
    Und er ging an die königliche Straße, die nach Lystra führt, und sah sich die Kommenden an auf die Beschreibung des Titus. Er sah aber Paulus kommen, einen Mann klein von Gestalt, mit kahlem Kopf und gekrümmten Beinen, in edler Haltung, mit zusammengewachsenen Augenbrauen und ein klein wenig hervortretender Nase, voller Freundlichkeit; erschien er doch einmal zwar wie ein Mensch, dann wieder hatte er eines Engels Angesicht.
    Und als Paulus den Onesiphorus sah, lächelte er; und Onesiphorus sagte: Sei mir gegrüßt, du Diener des hochgelobten Gottes. Jener erwiderte: Die Gnade sei mit dir und deinem Hause. Demas aber und Hermogenes wurden eifersüchtig und gingen noch weiter in ihrer Verstellung, so dass Demas sagte: Gehören wir denn nicht dem Hochgelobten, da du uns nicht so grüßt? Und Onesiphorus sprach: Ich sehe an euch keine Frucht der Gerechtigkeit; wenn ihr aber etwas seid, so kommt auch ihr in mein Haus und lasst euch erquicken.
    Und als Paulus im Hause des Onesiphorus eingekehrt war, gab es große Freude und Kniebeugen und Brotbrechen und das Wort von der Enthaltsamkeit und der Auferstehung, indem Paulus redete:
    Selig sind, die reinen Herzens sind, denn sie werden Gott schauen. Selig sind, die ihr Fleisch keusch bewahrt haben, denn sie werden ein Tempel Gottes werden. Selig sind die Enthaltsamen, denn Gott wird mit ihnen reden. Selig sind, die dieser Welt entsagt haben, denn sie werden Gott wohlgefallen. Selig sind, die Frauen haben, als hätten sie keine, denn sie werden Gott beeerben. Selig sind, die Gottesfurcht haben, denn sie werden Engel Gottes werden. Selig sind, die sich fürchten vor den Worten Gottes, denn sie sollen getröstet werden. Selig sind, welche die Weisheit Jesu Christi ergriffen haben, denn sie werden Kinder des Allerhöchsten heißen. Selig sind, welche die Taufe bewahrt haben, denn sie sollen erquickt werden bei dem Vater und bei dem Sohn. Selig sind, die zur Erkenntnis Jesu Christi gelangt sind, denn sie werden im Lichte sein. Selig sind, die um der Liebe Gottes willen das Wesen der Welt verlassen haben, denn sie werden über Engel richten und zur Rechten des Vaters gesegnet werden. Selig sind die Barmherzigen, denn sie werden Barmherzigkeit erlangen und nicht sehen den schweren Tag des Gerichts. Selig sind die Leiber der Jungfrauen, denn sie werden Gott wohlgefallen und nicht verlieren den Lohn ihrer Keuschheit. Denn das Wort des Vaters wird an ihnen werden ein Werk der Rettung auf den Tag des Sohnes, und sie werden Ruhe finden in alle Ewigkeit.
    Und während Paulus dies sagte inmitten der Gemeinde im Hause des Onesiphorus, saß eine Jungfrau namens Thekla - ihre Mutter hieß Theoklia -, die mit einem Mann namens Thamyris verlobt war, an einem benachbarten Fenster ihres Hauses und hörte Tag und Nacht das Wort vom jungfräulichen Leben und vom Gebet, wie es von Paulus verkündigt wurde. Und sie neigte sich nicht zu Seiten vom Fenster fort, sondern drängte sich im Glauben herzu in unaussprechlicher Freude. Da sie aber auch noch viele Frauen und Jungfrauen zu Paulus hineingehen sah, hatte sie das Verlangen, auch sie möchte gewürdigt werden, vor dem Angesicht des Paulus zu stehen und das Wort Christi zu hören. Denn sie hatte Paulus persönlich noch nicht gesehen, sondern hörte nur sein Wort.
    Da sie aber nicht vom Fenster wich, so schickt ihre Mutter zu Thamyris. Der aber kommt höchst erfreut, wie wenn er sie schon zur Hochzeit führen sollte. Es sprach nun Thamyris zu Theoklia: Wo ist denn meine Thekla, dass sich sie sehe? Und Theoklia antwortete: Eine unerhörte Geschichte habe ich dir zu berichten. Drei Tage und drei Nächte nämlich ist Thekla nicht vom Fenster aufgestanden, weder zum Essen noch zum Trinken, sondern als ob sie auf etwas Hocherfreuliches ihre Aufmerksamkeit richtete, so hängt sie an einem fremden Mann, der trügerische und schillernde Worte lehrt, so dass ich mich wundere, wie ein Jungfrau von ihrer großen Schüchternheit sich diesen peinlichen Belästigungen aussetzt. Thamyris! Dieser Mensch bringt die Stadt der Ikonier in Aufruhr und deine Thekla noch dazu. Denn alle Weiber und jungen Männer gehen zu ihm hinein und lassen sich von ihm belehren: Man muss, sagt er, einen einzigen Gott allein fürchten und enthaltsam leben. Es wird aber auch noch meine Tochter, die wie eine Spinne am Fenster klebt, durch seine Worte ergriffen von einem unerhörten Verlangen und einer unheimlichen Leidenschaft. Ist es doch ganz Ohr bei seiner Rede und lässt sich davon gefangen nehmen, dieses Mädchen! aber gehe du zu ihr und sprich mit ihr; du bist ja mit ihr verlobt.
    Und Thamyris ging hin, voll Liebe zu ihr, zugleich aber auch mit einem gewissen Grauen vor ihrer Erregung, und sprach: Thekla, meine Braut, was sitzt du so da? Und was für eine Leidenschaft hat dich ergriffen, dass du außer dir bist? Kehre zurück zu deinem Thamyris und schäme dich. Es sagte aber auch noch ihre Mutter dasselbe zu ihr: Kind, was sitzest du hier so und blickst nach unten und antwortest nichts, sondern bist gänzlich verstört? Und die im Hause waren, weinten bitterlich, Thamyris, da ihm das Weib entging, Theoklia um ihre Tochter, die Mägde um ihre Herrin. Es war nun in dem Hause ein großes Durcheinander und Wehklagen. Und bei allen diesen Vorgängen wandte sich Thekla nicht ab, sondern war ganz Ohr für das Wort des Paulus.
    Thamyris aber war aufgesprungen und auf die Straße gegangen und beobachtete alle, die bei Paulus ein- und ausgingen. Und er sah zwei Männer, die hart miteinander stritten, und sprach zu ihnen: Leute, wer seid ihr, sagt es mir, und wer ist der bei euch da drinnen, der Irrlehrer, der da die Seelen der Jünglinge und Jungfrauen betrügt, dass sie nicht ehelich werden, sondern ledig bleiben wollen? Ich verspreche euch nun viel Geld zu geben, wenn ihr mir über ihn Mitteilungen macht; denn ich bin der erste in der Stadt. Und Demas und Hermogenes antworteten ihm: Wer dieser ist, wissen wir nicht. Er beraubt aber die Männer der Weiber und die Jungfrauen der Männer, indem er sagt: Sonst gibt es für euch keine Auferstehung, es sei denn, dass ihr keusch bleibt und das Fleisch nicht besudelt. Thamyris aber sprach: Kommt, ihr Herren, in mein Haus und nehmt bei mir eine Erquickung an. Und sie gingen zu einer üppigen Mahlzeit und reichlichem Wein und großem Reichtum und einer glänzenden Tafel. Und Thamyris gab ihnen zu trinken, da er in Thekla verliebt war und in den Besitz des Weibes gelangen wollte an dem von ihrer Mutter Theoklia festgesetzten Tage. Und während des Mahles sagte Thamyris: Liebe Männer, sagt mir, was ist seine Lehre, damit auch ich sie kennenlerne; denn ich bin nicht wenig in Angst um Thekla, weil sie so verliebt ist in den Fremdling und ich um die Heirat komme. Es antworteten aber Demas und Hermogenes: Führe ihn vor den Statthalter Castellius, weil er die Masse überrede zu der neuen Lehre der Christen, und daraufhin wird er ihn hinrichten, und du wirst deine Frau Thekla erhalten. Und wir werden dich lehren, wie es zu der Auferstehung kommt, dass sie schon an den Kindern geschehen ist, die wir haben, und wir stehen auf, nachdem wir zur wahren Gotteserkenntnis gekommen sind.
    Als Thamyris dies von ihnen vernommen hatte, stand er am frühen Morgen auf, voll Eifersucht und Zorn, und ging in das Haus des Onesiphorus mit den Obersten und Liktoren und einem gehörigen Haufen Volks mit Knüppeln und sprach zu Paulus: Du hast die Stadt der Ikonier verführt und besonders meine verlobte Braut, dass sie mich nicht will! Auf, wir wollen zum Statthalter Castellius! Und der ganze Haufe rief: Hinweg mit dem Zauberer! Er hat uns alle unsere Weiber verführt, und die Massen ließen sich mit aufwiegeln.
    Und Thamyris trat vor den Richterstuhl und sprach unter großem Geschrei: Prokonsul, dieser Mensch - wir wissen nicht, woher er ist -, der die jungen Mädchen nicht heiraten lassen will: er soll vor dir bekennen, weswegen er dies lehrt. Demas aber und Hermogenes sprachen zu Thamyris: Sag, dass er ein Christ ist, und sofort wirst du ih verderben. Der Prokonsul aber machte sich über sein Vorgehen schlüssig und rief Paulus und sprach zu ihm: Wer bist du und was lehrst du? Ist's doch keine leichte Anklage, mit der sie gegen dich auftreten.
    Und Paulus erhob seine Stimme und sprach: Wenn ich heute Rede stehen soll, was ich lehre, so höre, Prokonsul: Der lebendige Gott, der Gott der Rache, der eifrige Gott, der sich selbst genug ist, der will das Heil der Menschen und hat mich gesandt, dass ich sie der Vergänglichkeit entreiße und der Unreinigkeit und jeglicher Weltlust und dem Tode, damit sie nicht mehr sündigen. Deswegen hat Gott seinen Sohn gesandt, von dem ich das Evangelium verkündige und lehre, dass die Menschen in ihm die Hoffnung haben - der allein Mitleid hatte mit der verirrten Welt, damit die Menschen nicht mehr unter dem Gericht sein, sondern Glauben haben sollten und Gottesfurcht und Erkenntnis der sittlichen Würde und Liebe zur Wahrheit. Wenn ich nun lehre, das von Gott mir offenbart worden ist, was für Unrecht tue ich dann, Prokonsul? Als der Prokonsul das gehört hatte, gab er Befehl, Paulus zu binden und in das Gefängnis abzuführen, bis er bei besserer Muße ihn gründlicher verhören könne.
    Thekla aber gab in der Nacht ihr Armband, das sie sich abgenommen hatte, dem Türhüter, und als sich ihr die Tür auftat, ging sie fort in das Gefängnis. Dem Gefängniswärter schenkte sie einen silbernen Spiegel und konnte nun zu Paulus hineingehen, und sie setzte sich ihm zu Füßen und hörte von den großen Taten Gottes. Und Paulus hatte sich nicht om geringsten gefürchtet, sondern er wandelte im zuversichtlichen Verkehr mit Gott. Sie aber nahm zu im Glauben, indem sie seine Fesseln küsste.
    Als aber Thekla von ihren Hausgenossen und Thamyris vermisst wurde, lief man ihr nach wie einer Verlorenen durch alles Straßen, und einer der Mitsklaven des Türhüters verriet, dass sie nachts hinausgegangen sei. Und sie forschten den Türhüter aus, und er sagte ihnen: Sie ist zu dem fremden Manne ins Gefängnis gegangen. Und sie gingen hin, wie er ihnen gesagt hatte, und fanden sie gewissermaßen mitgefesselt durch ihre Liebe. Da gingen sie hinaus, rissen die Volkshaufen mit sich fort und berichtetem dem Prokonsul, was geschehen war.
    Der ließ Paulus vor den Richterstuhl führen. Thekla aber wälzte sich auf der Stelle, wo Paulus sie gelehrt hatte, als er im Gefängnis saß. Der Prokonsul ließ auch sie vor den Richterstuhl führen; sie aber ging voll Freude und mit Frohlocken. Bei der Wiedervorführung des Paulus aber schrie die Menge über die Maßen: Er ist ein Zauberer, hinweg mit ihm! Gern aber hörte der Prokonsul Paulus über die gottseligen Werke Christi. Und nachdem er Rat gehalten hatte, rief er Thekla und sprach: Warum verheiratest du dich nicht nach dem Gesetz der Ikonier mit Thamyris? Sie aber stand da und schaute unverwandt auf Paulus. Da sie nun nicht antwortete, so schrie Theoklia, ihre eigene Mutter: Verbrenne die Zuchtlose, verbrenne die Ehelose mitten im Theater, damit alle Weiber, die sich von diesem haben unterweisen lassen, Angst bekommen. Und der Prokonsul stand schwere Qualen aus und ließ Paulus geißeln und zur Stadt hinauswerfen, Thekla ber verurteilte er zum Feuertode.
    Alsbald stand der Prokonsul auf und ging in das Theater. Und der ganze Volkshaufe zog hinaus zu dem hochnotpeinlichen Schauspiel, Thekla aber - wie ein Lamm in der Wüste umherspäht nach dem Hirten, so suchte sie nach Paulus. Und indem sie ihre Blicke über die Volksmenge hinschweifen ließ, sah sie den Herrn sitzen in der Gestalt des Paulus und sagte: Als ob ich nicht standhaft bleiben könnte, ist Paulus gekommen, um nach mir zu sehen. Und sie schaute auf ihn mit gespannter Aufmerksamkeit; er aber verschwand im Himmel.
    Die Jünglinge und die Jungfrauen aber brachten Holz und Stroh herzu, um Thekla zu verbrennen. Wie sie nun nackt hereingeführt wurde, weinte der Prokonsul und bewunderte die Kraft, die in ihr war. Es schichteten aber die Henkersknechte das Holz und befahlen ihr, den Scheiterhaufen zu besteigen. Sie stieg auf das Holz, indem sie das Zeichen des Kreuzes darstellte. Die aber legten von unten Feuer an. Und obgleich eine mächtige Flamme aufleuchtete, berührte das Feuer sie nicht. Denn Gott hatte Erbarmen mit ihr und ließ ein unterirdisches Getöse eintreten, und eine Wolke voll Wasser und Hagel überschattete das Theater von obenher, und es wurde das ganze Wolkengefäß ausgeschüttet, so dass viele von den Zuschauern in Gefahr gerieten und starben und das Feuer ausgelöscht, Thekla aber gerettet wurde.
    Es weilte aber Paulus bei Onesiphorus und seinem Weibe und seinen Kindern in einem offenen Grabgewölbe an dem Wege, der von Ikonium nach Daphne führt, und fastete. Als aber mancher Tag verging, während sie fasteten, sprachen die Kinder zu Paulus: Wir haben Hunger. Und sie hatten nichts, wovon sie Brote kaufen konnten; denn Onesiphorus hatte das Irdische verlassen und war Paulus gefolgt mit seiner ganzen Familie. Paulus aber zog sein Obergewand aus und sprach: Gehe hin, mein Kind, verkaufe dies und kaufe mehrere Brote und bringe sie her. Als der Knabe aber beim Einkaufen war, sah er seine Nachbarin Thekla und wurde bestürzt und sprach: Thekla, wo willst du hin? Sie antwortete: Ich bin hinter Paulus her, nachdem ich aus dem Feuer gerettet bin. Und der Knabe sprach: Komm, ich führe dich zu ihm; denn er grämt sich um dich und betet und fastet schon sechs Tage.
    Als sie aber zu dem Grabe trat, wo Paulus die Knie beugte und betete mit den Worten: Vater Christi, möge das Feuer Thekla nicht anrühren, sondern stehe du ihr bei, denn sie ist dein - da rief sie hinter ihm stehend: Vater, der du den Himmel und die Erde gemacht hast, du der Vater deines geliebten Sohnes Jesu Christi, ich preise dich, dass du mich aus dem Feuer gerettet hast, damit ich Paulus sehe. Und indem Paulus aufstand, sah er sie und sprach: Gott, du Herzenskündiger, Vater unsers Herrn Jesu Chirsti, ich preise dich, dass du eilends mein Gebet erhört hast.
    Und drinnen im Grabe war große Liebe, indem Paulus frohlockte und Onesiphorus und alle. Sie hatten aber fünf Brote und Gemüse und Wasser, und sie waren fröhlich über die gottseligen Werke Christi. Und Thekla sprach zu Paulus: Ich komme ganz von Sinnen und ich will dir folgen, wo du hingehst. Er aber sprach: Die Zeit ist böse, und du bist schön von Gestalt. Dass nun nicht eine andere Versuchung über dich komme, schlimmer als die erste; und du nicht aushältst, sondern mannstoll wirst. Thekla sagte: Gib mir nur das Siegel in Christo, und keine Versuchung wird mich betreten. Und Paulus antwortete: Thekla, habe Geduld, und du wirst das Waser empfangen.
    Und Paulus entließ den Onesiphorus mit seinem ganzen Hause, er selbst aber nahm Thekla zu sich und kam nach Antiochien.
    Geändert von Ferdi (25.10.2020 um 15:38 Uhr)

  8. #203
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    Der Text der durchgesehenen 2. Auflage am Beispiel des dritten Gesangs – gegenüber der ersten Auflage veränderte Verse erscheinen kursiv. V264 wurde von Heyse gestrichen!


    Als aus nebliger Frühe der Herbsttag glühend erhoben

    Wie in der Mitte des Jahres umleuchtete Tal und Gebirge,


    Stand im Saal bei den Mägden die Hausfrau; und sie verteilte

    Einer das Garn zum Weben und einer die flockige Wolle,

    5 Aber den Übrigen gab sie die mancherlei Werke der Nadel,

    Jeder vollauf für den Tag, und schickte sie an zu der Arbeit.

    Luftig war's in der Halle, sie lag nach Norden gewendet;

    Denn zur Mahlzeit diente sie sonst, solange der Hausherr

    Lebte. Der Tag auch fand ihn hier in seinen Gedanken,


    10 Oder im ernsten Gespräch mit dem und jenem Klienten,

    Dem vor Gericht er ein Anwalt war; denn er konnte des Forums

    Nicht sich entwöhnen, obwohl er im Rat saß unter den Vätern.

    Doch am Abend, sobald sie des Mahls sich hatten ersättigt,

    War's ihm Freude gewesen, im Saal mit der Tochter zu wandeln

    15 Hand in Hand. Dann sprachen sie viel und das Auge des Vaters

    Strahlte von frohem Stolz beim sinnigen Plaudern des Lieblings.

    Glückliche Zeit, nun war sie dahin! Statt kluger Gespräche

    Klang nun Mägdegeschwätz und das schnurrende Klappern des Webstuhls.

    Aber die Hausfrau warf rings über die fleißigen Reihen

    20 Einen zufriedenen Blick. Dann sagte sie: Richtet es alles

    Hurtig und sorgsam her, und gedenkt, euch Ehre zu machen.

    Dass mir Thamyris' Mutter den Kopf am Ende nicht schüttle,

    Wenn sie den Brautschatz mustert und findet ein ärgerlich Wesen,

    Flüchtig genäht, saumselig gebleicht, ungleich in der Webe.

    25 Denn am Stoffe versah ich es nicht. Ihr also befleißt euch!


    So befahl dem Gesinde die Frau. Leichtblütig und arglos

    Dachte sie längst nicht mehr an die heftigen Reden des Abends.

    Geht doch tiefer der Groll nicht gegen ein Kind, ein geliebtes,

    Als im Garten die Nessel dem jätenden Manne die Haut rührt.

    30 Und sie durcheilte den Saal und freute sich heimlich, mit Küssen

    Ihr schlafseliges Kind in der Helle des Tags zu ermuntern,

    Als von draußen ein Lärmen den Fuß ihr hemmt' an der Schwelle,

    Ein vielstimmig Geschrei. Was ist in die Leute gefahren?,

    Sagte sie. Nun beim Himmel, es war doch gestern des Unfugs,

    35 Mein' ich, genug. Nie weiß das Gesindel ein Ende zu machen.

    Lautlos horchten sie alle. Da sprach von den Mägden die eine:


    Herrin, es ist an des Nachbars Haus. Schon als ich am Morgen

    Ausging, Narde zu kaufen, umgab ein Gedränge die Pforte,

    Und mir begegnet der Knecht des Nathanael und ich befrag' ihn:

    40 Warum öffnet ihr heute das Haus? Von Juden und andern

    Strömt es hinein. Ist drinnen ein Fest? Er aber: Die Tür ist

    Offen für all' und jeden. Du magst nur kommen, Amykle.

    Denn ein Prediger, sagt' er, ist bei uns, welcher Gewalt hat,

    Scharf an die Herzen zu rühren und Freund' aus Feinden zu machen.

    45 Darum sollen ihn hören, so viele der Saal und der Hofraum

    Fasst; und abends gedenkt er auf offenem Markte zu reden.

    Willst du hinein? - Ich aber entwich, denn übel geziemt es,

    Zu Gottlosen zu gehn und die Arbeit drum zu versäumen.


    Kaum war dieses gesagt, da klang ein erneuertes Toben

    50 Laut von draußen herein, wie wenn ein wütender Zuchtstier

    Gegen die Pforte des Stalls anrennt mit den mächtigen Hörnern.

    Gehe doch eine von euch, sprach eifrig die Frau, zu erforschen,

    Was sie treiben. Es ist, als stünde der Feind in den Gassen.

    Möchten die Götter nur an den Neuerern ahnden den Aufruhr,


    55 Hader und Lärmen, womit sie friedliche Bürger erschrecken!

    Da sprang jede der Mägde vom Sitz auf. Aber die Herrin

    Schalt: Ihr bleibt, und Amykle geht! Neugierige Dirnen,

    Gibt's im Haus ein Geschäft, so habt ihr Blei in den Sohlen,

    Doch gleich wachsen die Flügel, sobald es hinaus in die Stadt geht. -


    60 Still zur Arbeit sahn die Gescholtenen, während die Hausfrau

    Über die schallenden Fliesen dahinschritt ernsten Gesichtes.

    Draußen indes schwieg alles. Die Tür am eigenen Hause

    Hörten sie gehn, dann Stimmen im Flur, und jetzt in die Halle

    Trat mit verwildertem Blick eilfertig ein alter Bekannter.

    65 Kaum erkannten sie ihn, so waren des ehrlichen Goldschmieds

    Züge verstört und das Haar umsträubt' ihm finster die Schläfen.

    Grußlos legt' er ein Päckchen, in saubere Linnen gewickelt,

    Auf den geglätteten Tisch; dann schleppt' er schwer an den Stuhl sich,

    Seufzt' und vergrub tiefsinnig die Stirn in die nervigen Hände.

    70 Aber die Herrin trat mitleidig herzu, und legt' ihm

    Leis' auf die Schulter die Hand. Nun, Meister Hermogenes, sprach sie,

    Stürmst du so in den Saal, um vor dich nieder zu brüten,


    Wie ein geschlagener Mann? Du kommst von der Gasse. So sag' uns,

    Welches Entsetzliche dort sich begab. Wir hörten den Lärmen.

    75 Mühsam hältst du das Haupt. Fast denk' ich, ein gestriges Räuschlein

    Dröhnt dir nach, und die Zunge bequemt sich nicht zum Erzählen.

    Edle Theoklia, sprach, sie betrübt anblickend, der Meister,

    Schilt nur, dass ich der Sitte vergaß und hier wie ein Bauer

    Vor dir sitze. So sehr mich deine Güte verwöhnt hat,


    80 Hab' ich immer vor Augen den Abstand, immer die schuld'ge

    Hochachtung. Denn jeglicher ehrt sich, bleibt er im Kreise


    Seiner Geburt. Jetzt aber - und käm' auch selber der Prätor -

    Könnt' ich nicht um die Welt aufraffen den Leib aus der Ohnmacht.

    Denn ich erlebt' ein Grauen, und oh! kein gestriges Räuschlein

    85 Dröhnt mir im Haupt; fast wünscht' ich es selbst, dann könnt' ich mir sagen:

    Spuk war's, was du gesehn, und der Wein warf Blasen im Hirne.

    Nein, ich kam des Wegs bei klarem Verstand, und im Gehen

    Dacht' ich daran, wie lahm jetzt Handel und Wandel dahinschleicht,


    Wie sich die Menge vermehrt und immer die Güte vermindert

    90 So an Waren wie Menschen. Ich hatt' ein silbergetrieb'nes

    Lämpchen im Arm. Ein ionischer Sklav, mein bester Geselle,

    War erst gestern am Tag mit dem Prunkstück fertiggeworden,

    Und ich dachte, das Kind der Theoklia geht in die Ehe;

    Sicher fehlt in der Kammer ein Ampelchen, wie es dem Brautbett

    95 Ziemt. So komm' ich die Straße daher und sehe von fern schon

    Drüben am Nachbarshause, dem jüdischen, dichtes Gedränge

    Um die verschlossene Tür. Mich wundert es. Und so befrag' ich

    Einen im Schwarm: Was steht ihr hier so müßig am Werktag?

    Aber es maß mich der Mann mit trutzigem Blick und versetzte:

    100 Possen! Es wird jetzt nimmer ein Werktag sein. Sie bereden

    Drinnen das Ende der Welt. Bis dahin reichet der Vorrat

    Von vorjährigem Korn und Wein und die Kleider am Leibe.

    Ich will heim und den Webstuhl gleich zu Spänen zerschlagen,

    Dass man ein Süpplein kocht. Denn unnütz wird das Gerümpel.

    105 Und da trat mich ein anderer an. Hermogenes!, ruft er,

    Willst du dir auch, mein Bester, den Schaden besehen? Warum auch

    Kommst du so spät? Du hätt'st hier löbliche Dinge vernommen.

    Jetzt ward leider die Tür der Störung wegen verschlossen.


    Aber getröste dich, sagt er. Ich war im Haus und die Stickluft

    110 Trieb mich weg in die Gasse; den Hauptpunkt aber behielt ich:

    Dass nicht Silber und Gold zu der Menschen Beseligung helfe,

    Wein nicht oder ein Liebchen und andere Wonne des Lebens:

    Nur ein gewisser Jesus, ein nazarenischer Halbgott.


    Hast du von dem kein Bild in der Werkstatt, Meister, so wett' ich

    115 Keinen Obolen darum, dass dir dein Handel in Flor bleibt.

    All das hör' ich erstaunt und es drehen sich mir die Gedanken,

    Gleich als würd' ein Traum mir erzählt und ich hätt' ihn zu deuten.

    Und ein dritter gesellt sich hinzu und schnaubt vor Entrüstung.

    Was, ihr Männer?, beginnt er, im Ernst? Er bedräuet die Jungfraun,

    120 Dass sie die Ehe verschmähn? Wer ist er, der sich herausnimmt,

    Uns die Stadt zu entvölkern und unsere Götter zu höhnen?

    Stäupt ihn hinaus! Er schändet das Gastrecht. Wie? Erst gestern

    Kam er, und heut schon will er das Unterste kehren zu oberst? -


    Und mir stieg's in den Kopf; ich besann mich, dass ich den Juden

    125 Gestern am Weg auflas; da schien er ein stiller Geselle,

    Der kein Wässerchen trübt. Doch nahm mich's Wunder, am Stadttor

    Warteten sein an zwanzig der Jüdischen, Männer und Weiber,

    Und ein gewaltiger Jubel erhob sich, als er daherkam.

    War ich selber der Pest in die Stadt ein Führer gewesen?

    130 Jetzt ergriff mich der Zorn. Ihr Bürger, ikonische Männer!

    Rief ich, steht ihr müßig, indes ein tückischer Fremdling

    Weiber und Narren beschwatzt, die Jugend verführt und die Götter


    Lästert? Ein Einzelner soll Macht haben, die Stadt zu verheeren?

    Schmach euch! Auf und hinein und die giftige Natter zertreten,

    135 Eh sie das Gift noch weiter herumspritzt unter der Menge!

    Also rief ich, ich kannte mich nicht. Da glotzten sie furchtsam,

    Wichen zurück und getrauten sich keins. Doch einer versetzte:

    Meister, es ist nicht richtig. Ein Zauberer ist er, ein Dämon!

    Mehrmals saß er gefangen, erzählen sie, wegen Bezaubrung

    140 Und ist immer entwischt, und niemand weiß, wie es zuging.

    Aber ein stämmiger Bursch schrie laut und ballte die Fäuste:

    Memmengeschwätz! Gebt Raum! Und säß' ein Dutzend Dämonen

    Unter dem Schädel dem Schurken, ich schlüg' ein Loch in die Zelle,

    Dass sie eilten, woanders und ruhiger unterzukommen! -

    145 Rief's, und ein Stein flog wider die Tür, ein zweiter und dritter,

    Jetzt ein Hagel - ich selbst, ich warf, was mir in die Hand kam.

    Stets noch schwieg es im Hause. Da rannte der Wütende selber

    Gegen das Holz mit den Schultern und tobt' am Klopfer und brüllte:

    Liefert den Zauberer aus! Ans Licht mit dem Judenpropheten!

    150 Und nach riefen es alle. Da öffnet die Tür sich auf einmal,

    Und im Flur, von den Seinen umsonst am Mantel gehalten,

    Zeigt sich ruhig der Fremde. Der trotzige Bursch, wie er kaum ihn

    Sieht, wird weiß wie ein Tuch, schlägt zuckend umher mit den Armen,

    Schreit wie ein Tier und stürzt, ein Gräuel zu schaun, in die Gasse.

    155 Da war jedem die Zunge gelähmt, mir aber vor allen

    Schauerte Mark und Gebein - ich stiftet' es an. Und die Augen

    Senkt' ich. Allein wohl fühlt' ich die brennenden Blicke des Fremden,

    Die mich suchten im Volk; mir war's, sie verkohlten das Herz mir.

    Doch er sprach: Tragt diesen hinweg; Gott hat ihn geschlagen!

    160 Also hob man ihn auf, den Bezauberten. Aber wir andern

    Schlichen bebend davon. Kaum schleppt' ich mich her in die Halle.

    Und nun will ich nach Haus, denn ein Weniges bin ich entkräftigt;

    Doch du lass dich warnen, o Frau, und mache mit Opfern

    Dir die Götter geneigt. Du wohnst der Gefahr und dem Unheil


    165 Nah. Wo ein Dämon haust, sind schon die Lüfte vergiftet.

    Hiermit rafft' er sich auf, tiefseufzend, und neigte sich eilig

    Vor der betroffenen Frau. Es hätte die Gütige sonst wohl

    Erst vom stärkenden Wein dem erschütterten Manne geboten;

    Doch unheimliche Sorge befällt ihr ahnend die Seele,

    170 Dass sie zurück sich ruft ihr spätes Gespräch mit der Tochter,

    Jene Gebärde des Kinds und das ängstliche Feuer der Augen.

    Als nun die Haustür klang und der Unglücksbote hinaus war,

    Hörten die bangenden Mägd' in der Totenstille des Saales,

    Wie sie ein Sprüchlein sagte zur Abwehr feindlichen Zaubers;

    175 Also gewann sie sich Mut. Und hinauf zur Kammer der Jungfrau

    Ging sie die Marmorstiegen und stand an der Schwelle zu horchen.

    Lautlos blieb es im Innern. Sie schläft noch!, sprach sie getröstet,

    Öffnete sacht und trat in die Tür. Am Fenstergesimse

    Lehnte die liebe Gestalt, weit vor in die Gasse gebogen,

    180 Dass sie der Pforte Geräusch nicht hört und die Schritte der Mutter.

    Erst als diese den Arm ihr fasst mit bittenden Händen,

    Kehrt sie sich um und erschrickt; denn Hoffnungsstimmen entrissen,

    Muss sie die Worte des Grams aus zitterndem Munde vernehmen:


    Kind, vom Fenster zurück! Was hast du getan? Der Bezaub'rung

    185 Botest du dich, unwissend, wie finsterer Macht du anheimfällst!

    Lass dich, Ärmste, bedeuten: ein Dämon redet herüber.

    Weh, er wendet den Göttern das Herz ab, dass es Gespenstern

    Dienstbar wird, den Lemuren und ärgeren, die es verderben.

    Sieh, nun starrst du mich an. Ach, kennst du mich nimmer, geliebtes

    190 Einziges Kind, mein Licht im schleichenden Dunkel des Alters?

    O nun fühl ich es erst, wie viel mit dem Gatten dahinstarb;

    Denn des Weibes Verstand ist viel zu schwach, ein erwachsnes

    Kind zum Guten zu lenken und ach, zu erretten aus Irrsal.

    Doch wenn einst du den Vater geliebt und je von der Mutter


    195 Liebes erfuhrst, o Kind, willfahre mir, rette dich selber,

    Und wir wollen mit Opfern die hohen Olympier anflehn,

    Dein unschuldig Gemüt vom heimlichen Fieber zu heilen.


    Mutter, ich bin nicht krank, sprach ernsthaft lächelnd die Jungfrau;

    Mutter, ich kann's nicht sagen, wie wohl mir ward. Die Gedanken

    200 Schweben so leicht; mir ist, ich sei vom Tode genesen.

    Wenn er ein Dämon wäre, so wär' er der freundlichen einer,

    Die wohlwollen den Menschen. Doch sagt er, er sei ein Gesandter

    Gottes, des himmlischen Herrn. Ach, wolltest du selbst ihn hören,

    Dir auch würde das Herz durchzückt von seligem Frieden,

    205 Nicht mehr schmähtest du ihn und gingst zu ihm, wie die andern,

    Und ich ginge mit dir, zu des Predigers Füßen zu sitzen,


    Und sein Auge zu sehn. In ihm ist Fülle der Wahrheit.


    Herzlich fasst sie die Hände der sprachlos lauschenden Mutter.

    Doch mit Blicken der Angst stößt diese sie fort; aus den Augen


    210 Stürzen plötzliche Tränen, sie strebt zur Tür, dann wieder

    Hält sie das Mitleid fest, und Zorn und Jammer bestürmt sie.


    Nahe mir nicht, Unsel'ge!, bedroht sie die staunende Tochter.

    Tust du die Scham schon ab und bekennst dich frei zu dem Fremden,

    Trachtest sogar, mich rechtliche Frau zu verlocken ins Elend?

    215 Weh, weh über die Welt, weh über die törichte Liebe,

    Die vom eigenen Blut so schmählichen Undank erntet!

    Darum zog ich dich auf in der heiligen Stille des Hauses,

    Lehrte dich opfern und beten und fromm sein, dass du auf einmal

    Jede Wurzel der Zucht vom Grunde der Brust ausjätest?

    220 Höret es nicht, ihr Götter; vergib ihr, Mutter der Dinge;

    Lehrt auch mich es vergessen! - Und jetzt zur Tochter gewendet,

    Flehte sie noch einmal, mit rastlos strömenden Tränen:


    Komm vom Fenster zurück, o komm in den Garten hinunter:

    Dass dich heile die Luft, das irre Geblüt sich verkühle!

    225 Was wird Thamyris sagen, erfährt er, welche Verblendung

    Dich dir selber entreißt, und nun uns allen entfremdet!


    So beschwor sie die Frau. Da sagte das traurige Mädchen:

    Mutter, ich gäb' mein Herzblut hin, dir Kummer zu sparen,


    Und doch muss ich es sagen, ich muss, so hart es mich ankommt:

    230 Nie wird mich als Tochter des Thamyris Mutter begrüßen.

    Denn was Leib und Leben an mir, das eignet den Eltern,

    Und gern opfr' ich es auf. Doch mein ist ewig die Seele,

    Mir von höheren Mächten vertraut, sie nicht zu entehren

    Mit unwürdiger Lüge, dem Ungeliebten zur Seite,

    235 Sondern in Wohl und Wehe der inneren Stimme gehorch' ich,

    Die nur schlief in der Brust, bis drüben der Ruf sie erweckte.

    Ja, und ich wusst' es längst: Was nicht aus ganzem Vertrauen,

    Nicht hingebend geschieht, ist Frevel an uns und der Gottheit.

    Denn was haben wir mehr als unsere Seele zu eigen?

    240 Was in Tagen des Schreckens verknüpft uns noch mit dem Leben

    Als ein entschlossenes Herz, das nie sich selber hinwegwarf?

    Und so wär' es Verrat am meinigen, wollt' ich es liefern

    In des Mannes Gewalt, der nie sein eignes beherrschte.

    Siehe, du darfst nicht weinen. Ich will dein bleiben. Du hättest

    245 Mich an den Gatten verloren, und wenn du mich liebst, du segnest

    Einst dies Wundergeschick, vor dem du heute zurückbebst.


    Doch mit zärtlicher Worte Gewalt und trauter Umarmung

    Hielt sie die Sträubende nicht. Die wandte das Haupt mit Abscheu,

    Wie man Hauch der Verpesteten flieht, und weinenden Auges


    250 Winkt sie der Tochter zurück und reißt sich hinweg und verlässt sie.


    Aber dem Jüngling sandte Theoklia eilends die Botschaft:

    Komm, ich bedarf nun deiner! - Er kam leichtherzig und dachte:

    Eilt es der Frau mit der Hochzeit jetzt? Wohl wär' es am besten.

    Doch mit Tränen begegnet sie ihm: Ach, kommst du, Getreuer?


    255 Kommst du zu mir, mitleidiges Herz? Wenn irgend zu helfen,

    Du nur kannst es allein! - Und dem Staunenden sagte sie alles,

    Oft durch Weinen gehemmt, soviel sie wusste vom Goldschmied.

    Alte Geschichten berichtete sie von der Magier Tücken,

    Von thessalischen Hexen und Lamien und wie der Vampir

    260 Erst im vergangenen Jahre zu Nacht ein Knäbchen erwürgte.

    Ungeduldig vernahm es der Jüngling. Als sie nun endlich,


    Scheu am Gesicht ihm hangend, das Ärgste bekennt und die Tochter

    Schaudernd verklagt, da braust er im Zorn auf, nagt sich die Lippe,

    ---


    265 Und wild schäumt er heraus: O hätt' ich den Hund zur Stelle,

    Ewig sollt' er's gedenken. Ein Magier wäre der Gaudieb?

    Musst du dem Volke gleich nachplappern die helle Verrücktheit?

    Wahrlich, es braucht viel magische Kunst, ein Mädchen zu fangen,

    Wenn nur einer ein Maulheld ist und schwatzen gelernt hat.


    270 Doch das hab' ich verschmäht - nun rümpft ihr Näschen die Jungfer

    Weisheit. Freilich gefiel mir schlecht die staubige Schule,

    Wo engbrüstigen Schleichern das Mark im Leibe vertrocknet.

    Doch nie hatt' ich es Grund zu bereun, auch heute fürwahr nicht.


    Ist's nicht diese, so sind zehn andere, die sich die Augen

    275 Längst ausgaffen nach mir. Nun will ich hinauf zu der Närrin;

    Nicht als lüstete mich, was heillos wurde, zu heilen;

    Nein, ich gönne sie gern dem nazarenischen Gaukler,


    Welcher des Kleinods wert, das wir nicht wussten zu schätzen!

    Hiermit stürmt' er hinaus. Da brach die verlassene Mutter

    280 Bitterlich stöhnend zusammen; es warteten ihrer die Mägde.

    Aber die Jungfrau hörte den Wütenden nahn und erhob sich

    Ihm entgegen, gefasst; und wie er herein in die Tür trat,

    Stutzt' er und fand nicht Worte, den kochenden Grimm zu entladen.

    Doch sie sprach aufblickend zu ihm mit sicherer Hoheit:

    285 Thamyris, gehn wir nicht in gehässigem Zank auseinander.

    Leidvoll lös' ich das Band, das ich nicht knüpfte; vergib mir!

    Wie sind nicht füreinander, auch du wärst's inne geworden.

    Lass mich deiner hinfort in freundlicher Stille gedenken,

    Wie man gütiger Menschen gedenkt, die großes Geschenk uns

    290 Boten, allein wir wehrten es ab; denn freie Gemüter

    Drückt es, ein Gut zu empfangen und nicht vollauf zu vergelten.

    Fahre du wohl, und mögen dich glückliche Sterne geleiten!


    Mache das Maß nur voll und verhöhne mich!, raste der Jüngling.

    Meinst du, ich sei wie ein Kind mit glimpflichen Reden zu kirren,

    295 Wenn mich ein Unglimpf traf? Dein heuchlerisch Wesen veracht' ich.

    Du hochmütige Törin, wie gar armselig versteckst du

    Hinter gelassene Worte die zügellosen Begierden.

    Dir galt immer gemein und schlecht, was andern erwünscht war.

    Freue dich nun, es fand sich ein Unerhörtes und Neues,


    300 Ein Landstreicher für dich, ein nazarenischer Bettler.

    Aber ein Glück, dass Thamyris nie nach deinem Geschmack war,

    Denn jetzt wär es ein Schimpf; ich will nicht länger im Weg sein.

    Eins nur wisse zuvor: Nicht ohn' ein Zeichen des Dankes

    Geht von hinnen der Mann, der mir die Augen geöffnet;

    305 Rein, zum letzten Obol, was ich ihm schulde, bezahl' ich.


    Rief's mit funkelnden Augen und stieß an den Boden die Sohle,

    Wie man ein widrig Gewürm sich eilt mit dem Fuß zu vernichten.

    Und so rannt' er hinaus und hinab und trat in die Gasse.

    Draußen, genüber dem Haus des Nathanael, standen die Leute,

    310 Untereinander vertieft in die Wundergerüchte des Morgens.

    Und sie wiesen sich bange dem Jüngling, der wie ein Irrer

    An der verschlossenen Pforte den schallenden Klopfer bewegte.

    Auf ging endlich die Tür. Und ein Fremder erschien an der Schwelle,

    Stattlich, in griechischem Kleid. Blind wollte der glühende Jüngling

    315 Ihm vorüber ins Haus, da hielt ihn jener am Arme.

    Thamyris, rief er erfreut, du hier? - Nun sah ihn der andre,

    Und erkannte den Freund, den Milesier, welchen er gestern,

    Als er im Zorn heimkehrte, zu Haus bei den Eltern getroffen.


    Rasch zog dieser die Tür ins Schloss und sagte mit Lächeln:

    320 Hab' ich umsonst dich einst in Milet in die Schule der Weisheit

    Eingeladen, und heut in die Schule der Weisheit stürmst du.

    Solcher Begeist'rung voll, mein Thamyris, dass du den Gastfreund


    Lässtest und sagst, dich rufe die Braut? Da nutzt' ich die Muße,

    Ging, mir die Stadt zu besehn, und geriet hieher, und im Volke

    325 Hört' ich erstaunliche Dinge von Spuk und Zauber verlauten.

    Neugier sitzt Philosophen im Blut. Ich schaffe mir Einlass -

    Und wen find' ich im Haus? Wer spukt in den ehrlichen Köpfen

    Dieses närrischen Volks? Mein Reisegefährte von gestern,

    Jener, von dem ich dir sagte. Fürwahr, nicht völlig geheuer

    330 Schien mir's unter dem Schädel des Biedern. Aber ich ahnte

    Nicht die verderbliche Macht, die hundert verworrene Geister

    Fortreißt. Lass uns dieses an anderem Orte bedenken,

    Denn es trieb mich die Glut, die den Atem beklemmt, ins Freie,

    Auszulüften die Brust und des Unmuts mich zu entladen.



    335 Halte mich keiner zurück, rief Thamyris. Wenn du ein Freund bist,

    Demas, kehre mit um, und hilf mir, jenen Verruchten

    Züchtigen, der mein Mädchen berückt und die Ehe zerstört hat.

    Oh, es erwürgt mich die Wut! Wer will mich halten? Ein Hund ist's,


    Dem Fußtritte gebühren!

    Besinne dich!, warnte der Grieche.

    340 Freund, du schäumst wie im Fieber. Und krümmtest du jenem ein Haar nur,

    Traun, in Stücke gerissen, verblutetest du in der Gasse,

    Denn wie am Quell ein Verdurstender hängt, so hängen sie an ihm.

    Komm! - und er zog ihn weg - dies ist wahrhaftig der Ort nicht,

    Dass du den Grimm austobst und die Luft mit Flüchen erschütterst.

    345 Sag mir alles im Gehn, und hast du irgend gewicht'ge

    Ursach wider den Fremden - ich helfe dir, ihn zu verklagen;

    Denn böswillig eracht' ich ihn nicht, wohl aber gefährlich.

    Mir auch wallte das Herz von heftigem Unmut über

    Während der finstren Rede des nazarenischen Schwärmers.


    350 Was, seit Menschen gelebt, noch einzig der Mühe des Lebens

    Wert schien, edler Genuss und herzliche Freude der Sinne,

    Das zu verachten, ist toll, sich des zu schämen, ein Wahnsinn.

    Blast nur immer den Staub von den luftigen Schwingen der Seele,

    Bis sie, ein Wurm wie andre, mit nackenden Flügeln am Boden


    355 Hinkriecht, frierend und grau und der Demut freilich beflissen.

    Traun, ein frommes Geschäft, den Menschen die wenige Freude

    An sich selbst zu verderben, den Urquell jeglicher Guttat.


    Doch nur zu, und das Leben versäumt in blöder Erwartung

    Künftiger himmlischer Zeit, die euch ein Träumer verbriefte,

    360 Statt von Herzen die Frucht der beweglichen Stunde zu kosten,

    Die in den Schoß euch fällt, und das Künftige nicht zu bedenken!

    Und was heißt's, erstehen vom Tod? Als würden wir alle

    Nicht, wir Lebenden schon, in blühenden Kindern erneuert.

    Zwar das wäre gemein, alltägliche Wonne verführt nicht.

    365 Nein, ein Märchen gesponnen und tapfer geglaubt und im Notfall

    Sich drauf kreuzigen lassen. Sie dünken sich wunder wie edel,

    Wenn sie gen Himmel gestarrt und darob die Hälse gebrochen.

    Während er so mit eigenem Zorn den Knirschenden zähmte,


    Führt' er ihn fort vom Haus des Nathanael, und sie verschwanden

    370 Bald in entlegenen Straßen dem scheu nachblickenden Volke.

  9. #204
    Registriert seit
    Dec 2017
    Beiträge
    148
    Hallo!

    Da die "Thekla" so langsam zur Ruhe kommt, habe ich ein wenig aufgeräumt. Die neun Gesänge sind jetzt alle in einem Faden; die Thekla-Akten und den überarbeiteten dritten Gesang, wie ihn die zweite Auflage bietet, habe ich hier in den Faden kopiert. Dadurch wird die "Bibliothek" (wieder) deutlich übersichtlicher ... Über den Eingangsbeitrag hier im Faden sollte aber alles zu finden sein. Unten findet ihr noch eine Besprechung der "Thekla" aus dem Erscheinungsjahr.

    Gruß,

    Ferdi

    -----------------------------------------------------------------------------------

    Aus Felix Dahn: Paul Heyse. Eine Charakteristik. In: Deutsches Museum 1859, S. 19f.

    (...) Dies in Kürze der Inhalt des Gedichts. Gleich den "Sabinerinnen" ist es ein schönes, edles Kunstwerk, aber so wenig wie diese tadellos, und wenn man darin ein würdiges Seitenstück zu "Hermann und Dorothea" hat sehen wollen, so war das einfach ein Unsinn.

    Das Gedicht zeigt in reichem Maße alle Vorzüge des Heyse'schen Talents. Die Charakteristik Theklas und noch mehr die Zeichnung eines philosophischen Hellenen, Demas, der in heiterer Sicherheit über heidnischem und christlichem Fanatismus steht, sowie auch eines derb-praktischen Goldschmieds und eines wackeren Kriegers Skyron ist wohlgelungen. Manche Schilderungen, in reinstem epischen Ton gehalten, zeigen des Dichtes lebendiges und tiefes Verständnis dieses Kunstgebiets; eine besondere Begabung für das Plastische und Malerische ist wohl verwertet.

    Indessen, einen wirklich begeisternden, unwiderstehlich fortreißenden Eindruck macht auch die "Thekla" nicht; das Gemüt, die Empfindung wird nicht davon ergriffen, und so wenig wir das Herz und nur das Herz als das geeignetste Organ der ästhetischen Eindrücke bezeichnen möchten, so wenig ist auch der bloße künstlerische Verstand das Vermögen, auf dessen alleinige Befriedigung der Künstler hinarbeiten soll und darf. Unmittelbar soll die Kunst nur auf die Phantasie wirken und, wo Kunst ist, wirkt sie auch auf die Phantasie.

    Die Eigentümlichkeit des künstlerischen Eigentalents wird dann entscheiden, ob die mittelbaren Wirkungen den ganzen Menschen erfassen – und das ist immer nur das Vorrecht des Genius – oder ob die eine oder andere Seite des Menschen vorzugsweise ergriffen wird. Bei Heyse schein nun der reflektierende künstlerische Verstand der Hauptfaktor beim Produzieren, nicht die Phantasie: und deshalb wirkt Heyse auch hauptsächlich nur auf den künstlerischen Verstand, nicht auf Phantasie, Geist oder Gemüt.

    (...) Man kann in seiner Phantasie dem Pathologischen nicht bloß zu nahe stehen, man kann ihm auch zu fern stehen; im erstern Falle wird man kein edles, im letztern kein lebendiges Kunstwerk schaffen. Nach dieser letztern Seite hin liegt Schranke und Gefahr für Heyse, und auch die "Thekla" hat diese Klippe nicht ganz vermieden.

    Angesichts dieses prinzipiellen Bedenkens erscheinen kleinere Anstände im Detail des Ausführungen von geringem Gewicht, zum Beispiel die passive Haltung Tryphons, die Bekehrung Theklas ohne gehörige Motivierung und vom nächsten Haus aus, ferner die unklare Gestalt des Prätors und die teils karikierte, teils anwidernde des verschnittenen Kybelepriesters. (...)
    Geändert von Ferdi (26.10.2020 um 17:02 Uhr)

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