Thema: Die Wut

  1. #1
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    Die Wut

    Wut,
    ist ein beständiges Gefühl
    worauf, wofür
    kann ich nicht sagen
    Nur das sie da ist
    wie ein Schlag
    nur ohne Ende

    Nicht Ungerechtigkeit
    treibt sie
    nicht Verzweifelung
    nicht Hilflosigkeit
    Es ist gerechte Wut
    wie eine gerade Line
    zerteilt sie den Raum

    Sie wurde nicht erschaffen
    sie war schon immer da
    und wird es noch sein
    wenn ich sie wieder verlasse
    doch ihr Weg ist unberirrt
    und ihre Zerstörung gnadenlos

  2. #2
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    Es gibt keine gerechte Wut, Husuul. Wut ist nichts Logisches, ist nichts als ein Gefühl, ein niedriger Beweggrund, der nicht nur andere, sondern vor allem auch einen selbst in Gefahr bringt.

    Sie ist wie ein scharfrandiger Glasscherben, in den man unbedacht steigt, wenn man in trübem Wasser watet. Wenn's dumm läuft, verblutet man an dem tiefen Schnitt. Und: Wut macht blind und setzt das abstrakte Denkvermögen außer Funktion. Wenn man nur brüllt und flucht, kann man von Glück sagen. Wenn man aber blind vor Wut um sich schlägt, richtet man für gewöhnlich auch am eigenen Hausrat Schäden an, die nie mehr zu heilen sind.

    In der Natur gibt's die Wut überall; sie ist ein primitiver Instinkt, der gefühllos macht, Verriegelungen löst und Kräfte bündelt, die vorher in dieser Form gar nicht abrufbar waren. Im Tierreich kann das lebensrettend sein; bei uns Menschen dagegen ist sie nichts als der Ausdruck von Hilflosigkeit. Schön, wenn man sie an Hilflosen, Schwächeren (wie zum Beispiel Kindern oder Frauen) nach Herzenslust ausleben kann, und fatal, wenn man an einen kommt, der intelligenter ist, beherrschter, der den wild fliegenden Fäusten geschickt ausweicht und eine wohldosierte, gut gezielte Dublette schlagen kann: rechte Gerade - Aufwärtshaken - Schicht im Schacht!

    Da muss dann der Krankenwagen kommen, wenn's denn einen gibt, und den Rest des stumm gewordenen Wuthäufchens von der Gosse kratzen. Früher kamen notorische Wüteriche in die Gummizelle. Heute kriegen sie Tranquilizer und werden sicherheitsverwahrt bis an ihr unseliges Ende.

    Bei beständiger Wut rate ich zu einem Besuch beim Hausarzt, der ggf. einen Überweisungsschein ausstellt. Vielleicht lässt sich ja ein Zustand wiederherstellen, den man in gebildeten Kreisen "wohltemperiert" nennt? Musiktherapie!

    salvelina

  3. #3
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    Hallo salvelina,
    Danke für deine Atwort.
    Nein gerechte Wut mag es nicht geben, aber welche Emotion ist schon gerecht?
    Du beschreibst Wut als irrational und niedere Emotion, als ob es falsch wäre Wut zu empfinden. Doch sind Wut/Ärger/Agressionen nicht alles Gefühle die zu einem Menschen dazu gehören. Ich beobachte oft, dass Menschen nicht richtig gelernt haben ihren negativen Gefühlen Ausdruck zu geben und sie so zu verarbeiten. Wenn wir lieben oder trauern, lassen wir unseren Gefühlen doch auch freien lauf? Und wir wissen wie schmerzhaft es ist sie zu unterdrücken. Denn dann passiert genau das was du so schön beschrieben hast: wir schaden uns und dem was uns eigentlich kostbar ist, in dem die Wut unkontrolliert herausbricht.
    Dieses Gedicht enstannt in einer Zeit wo ich große Wut über meine Lebensituation empfand. Ich schrieb dieses Gedicht um meine Gefühle zu verarbeiten, genauso wie man über unerfüllte Liebe oder Verlust schreibt. Wut muss ja nicht gleich in Gewalt enden.
    Und sie kann ja auch eine Quelle für Kraft sein. Hast dir noch nie gesagt "jetzt erst recht" wenn man dir etwas nicht zugetraut hat oder wegnahm? Haben dich deine Wut und der Trotz nicht noch mehr angespornt?
    Gebildete Kreise mögen Angst vor Gefühlsausbrüchen haben und glauben sie landen gleich im Irrenhaus, wenn sie ihre Masken mal fallen lassen. Doch Wahr ist: was für das Tierreich gilt, gilt auch für uns. Denn ,wie man in neueren Biologie-Büchern lesen kann, sind wir Menschen auch nur Tiere. Wir fressen, kopulieren und brüllen. Das wir Gedichte darüber schreiben macht uns nicht zu etwas erhabeneren. Aber macht es uns möglich unser Gefühle auf besondere Art zu teilen.

  4. #4
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    Ich hab nicht alles von dem gelesen, was du mir geschrieben hast, Husuul - es ist mir ein zu wirrer Klumpen.

    Glaub mir - ab einem bestimmten Alter ist es nicht nur besser und gesünder, seinen Trieben keinen freien Lauf mehr zu lassen, sondern sogar Kennzeichen von menschlicher Intelligenz und Bildung. Natürlich kann man sich die auch wegsaufen. Aber ganz ohne Hirn ist das Resultat irgendewelcher Bemühungen dann immer das gleiche: Null.

    Daher der freundliche Tipp: Erst lesen - dann denken - dann handeln. Gegebenenfalls jemanden vorher noch um Rat fragen. Dann sollt's eigentlich klappen, im Leben.

    salvelina

  5. #5
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    Nicht Ungerechtigkeit
    treibt sie
    nicht Verzweifelung
    nicht Hilflosigkeit
    Es ist gerechte Wut
    wie eine gerade Line
    zerteilt sie den Raum

    hi huusuuli, mmh, hi salvelina,
    S2 suggeriert eine Rechtfertigung.
    Eine "suggerierte" Rechtfertigung (für was auch immer) ist aber nicht gleichsetzbar/kompatibel mit der "Existenz der Wut", was der Dichter vermeintlich in putativer Notwehr verwechselte. Aber, die Existenz der Wut, diese will huusuuli vordergründig zu betrachten wissen, ist und bleibt das vordergründige Thema seiner Verse. Ja, Wut existiert! Ja, auch der Wut kann man Berechtigung einräumen, man kann über die Wut an sich sinnen. Ja, Wut hat sicherlich "biologische" und philosophische Aspekte. Aber, salvelinas Worte in Ehren, erst denken, dann handeln und ganz vorher lesen! Lesen? Lesen: Techniken der Lyrik, Form und Inhalt, Metrik, Verse, Strophen, Reim, Konzeptionen und Gespiele aller Art, lesen, lesen und verstehen, Stück für Stück! Ach, Wut, mit Wut kommt der Dichter nicht weit, sein Element ist das Spiel,. die Freude, die Freude am Lesen und am gelesen werden, Stück für Stück, spielend wie Kinder, mit Vergnügen, Stücklein Zucker für Stücklein Zucker,. welches er sich nicht entsagen kann, ihm schmecket das illustre Spiel der Poesie! Guten Appetit und herzlich willkommen auf Dotcom werter huusuul. Ich bin kein Gegner der nützlichen These: erst schreiben - dann denken. Spielen halt. Spielen heißt ja nicht, Fo:lianten voll Staub wälzen zu müssen, bevor man sich auf Dotcom poetisch äußern darf, nein nein, hier heißt es, probieren und studieren...und wenn das keine Freude macht, dann click, click, click und fort..


    lg
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    fietje
    Geändert von Butenlänner (07.06.2020 um 04:10 Uhr)

  6. #6
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    Hallo!

    Willkommen im Forum Huusuul!

    Ich finde den Ausdruck "gerechte Wut" ist ein Paradoxon, wie ja Savelina schon darstellte. Wenn Wut da ist, was durchaus menschlich ist, dann braucht es vor allem Deesklation, wie man derzeit in den USA sieht.

    Aber es ist natürlich auch zu wenig, über dem Gedicht die Moralkeule zu schwingen. Wobei man natürlich seine Meinung äußern kann.

    Warum ich hier schreibe, ist eine Textstelle, die mir großartig gefallen hat:

    Es ist gerechte Wut
    wie eine gerade Line
    zerteilt sie den Raum


    Dieses Bild drückt so viel aus, allein dieses "eine gerade Linie zerteilt" erinnert an Hinrichtungen, Köpfe abschlagen; an die Angst, wenn man mit Wutausbrüchen konfrontiert ist: der "Raum wird zerteilt", die Menschen getrennt, manchmal sogar, indem sie dann tot sind oder für immer weggehen oder zumindest ist das Vertrauen tief erschüttert, vor allem wenn einer dem anderen auch noch Gewalt antut oder vielleicht auch nur mit Gewalt droht. Man vergisst dieses Bild nie, zB wenn man als Kind die (gewalttätige) Wut der Eltern erlebt hat.

    Ja, diese Textstelle würde ich prominent stellen und den restlichen Text nochmals überarbeiten, so treffend formulieren wie diese Stelle, sodass er weniger klingt wie ein "entlastender" Tagebucheintrag.

    Es kann ja durchaus auch die Widersprüchlichkeit gespiegelt werden, so wie in dieser Strophe: "keine Ungerechtigkeit,...- aber "gerechte Wut", als eine Art psychologische Spielwiese: Man ist bereits über die Begriffe: Ungerechtigkeit, Verzweiflung, ... hinweg, da ist nur noch blinde Wut, bar jeder Vernunft, der Schmerz und die Hilflosigkeit werden abstrahiert.
    Und dann scheint es dem Betroffenen fast so, als hätte die Wut das Adjektiv "gerecht" tatsächlich verdient.

    Aber nun ja, um diesen Spagat zu schaffen, dass man das auch wirklich in das Gedicht hineinlegen kann, sodass es auch die Leser erfassen und nicht nur Widersprüchlichkeit feststellen wie hier, müsste man vermutlich ein exzellenter Dichter sein. Aber du solltest es jedenfalls einmal versuchen, denke ich. Vielleicht gelingt dir das ja "heute" mit mehr Distanz zum auslösenden Ereignis.

    Lieben Gruß
    albaa
    Geändert von albaa (07.06.2020 um 12:14 Uhr)

  7. #7
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    Danke albaa für deinen Beitrag.
    ich glaube du hast gut nachvollzogen was meine Absicht mit diesem Gedicht war.
    Ich scheine dennoch einen Nerv getroffen zu haben, wie auch die Beiträge von Butenlänner und salvelina zeigen.
    Mir war auch nicht klar wie stark Wut mit Gewalt verbunden wird. Es war nicht meine Absicht eine Grundsatzdiskussion über Wut auszulösen. Wie man mit seinem Unterbewusstsein umgeht. Oder dadrüber wie es mit dem Leben klappt.

    Lesen-denken-handeln?
    Gegenvorschlag: lesen-fühlen-denken-fühlen-handeln

    Ich halte mich nicht für begabt in der Dichtkunst. Doch ich werde es noch einmal Versuchen und die Widersprüche hoffentlich ausflösen.

    Liebe Grüße
    Huusuul

  8. #8
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    hi huusuul, unbedingt weiter machen! Vlt wird dann die beständige Wut erträglicher und wir können mit dir mitspielen, denn, der Meinung bin ich, Poesie ist Freude und Spiel! Also?
    Wut? Ha, wer kennt diese nicht? S a l v e l i n a ? Le? aalba? Niemand könnte sagen er kenne sie nicht! Aber, eben Salvelinas Worte in Ehren: der Umgang damit ist entscheidend. Hmm, also unbändige Wut, also, Handwerker schuften Tag und Nacht, total unterbezahlt, schuften diese und nach Abschluß des Auftrages: the person you have called is temporarily not available in the moment-sound. Kein Geld, kein Essen, keine Miete, keine Macht nur Wut! Beständige Wut. Für Tage. Wochen. Vlt noch länger.
    Ein gutes Thema, bleib am Ball. Aber es gäbe ja auch noch weitere Themen, die Liebe zum Beispiel....


    lg
    .
    .
    . . .
    f i e t j e

  9. #9
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    hallo Huusuul,

    ich zähle mich zu den Anfängerinnen der Dichtkunst..ich habe diese Debatte über Wut gelesen. Natürlich ist es berechtigt zu fragen, ist gerechte Wut nicht ein Paradoxon. Ich glaube jedoch, dass du einfach deine Gefühlswelt von damals Ausdruck geben wolltest.
    Wie jemand über Liebes- oder Verlustgefühle schreibt.
    ich kann dein Gedicht nachvollziehen.
    LG e.horat

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