1. #1
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    Das Mädchen. Text.

    Das Mädchen.



    Das eine kann ich Ihnen sagen: So schrecklich diese Geschichte auch ist, im Grund müssen diese Leute froh sein. Ich kenne die Familie seit Jahren, die Familie und ihre Leiden. Die Mutter des Mädchens ist in meinem Alter. Aber sie sieht, ohne jetzt übertreiben zu wollen, um zwanzig Jahre älter aus. Wie fünfzig, mindestens. Abgeschafft und ausgelaugt von den jährlichen Geburten.
    Manchmal glaube ich, die sind wie Tiere, die weiden ihre Frauen aus, ohne über die Folgen nachzudenken. Was verdient er denn in der Fabrik? Bei unsereinem würde es kaum für vier Personen reichen. Wie gesagt, für das Mädchen muss der Tod eine Erlösung gewesen sein. Ich sehe sie vor mir, die Drittälteste, das erste Mädchen nach zwei Brüdern, der war die halbe Last des Haushaltes aufgebürdet. Das scheint bei denen üblich zu sein.
    Oder lag's daran, dass Ayshe mit dieser Hasenscharte auf die Welt gekommen war? Sie hatte zweifellos wunderschöne Augen und dieses dichte, bläulich schimmernde Haar. Aber die Fratze darunter. Sie war das Gespött der Kinder auf der Straße. Was wäre ihr erst in der Schule passiert! Na gut, man hatte sie ohnedies zurückgestellt. Angeblich weil sie so schmächtig war. Aber man erzählte sich auch, sie ist nicht ganz richtig im Kopf. Wie hätte das alles enden sollen? Die Wespe erscheint mir als eine Art Vorsehung, wenn man so sagen darf.
    Dass sie überhaupt Zeit hatte, ihren Brüdern beim Spielen zuzuschauen. Dort unten bei den Bäumen. Verstehen Sie? Sie schrie nicht. Sie konnte nicht schreien. Sie bekam keine Luft. Als die Sanitäter sie in den Wagen trugen, wirkte sie auf der Bahre noch kleiner. Fast, als wäre sie schon nicht mehr da.

    Die Mutter Ayshes, groß, ein blaues Kopftuch, saß im Krankenwagen und hielt die Hand ihrer Tochter: das kleine Gesicht, der verzerrte Mund, die geäderte Schläfe. Die hätte nie einen Mann gekriegt, sie wäre der Familie erhalten geblieben und das wäre gut gewesen, denn sie war nicht dumm, auch wenn sie selten sprach. Sie war der Tante Ofra ähnlich, ein stummes Mädchen zuerst. Dann hatte Ofra sich aufgerafft, als der Bruder getötet wurde, der LKW hatte ihn getötet. Sie hatte den reichen Onkel bekniet, 20.000 hatte sie bekommen und die Familie konnte mit dem Bus von Istanbul nach München fahren. Der Neffe Heitham hatte sie alle aufgenommen fürs erste. Und dann hatten sie Arbeit bekommen. Und im Dorf eine Wohnung.

    Der Wagen schaukelte und der Arzt legte Ayshe die Hände auf die Brust, der Schlauch in ihrem Mund atmete. Ayshe stand langsam auf, mit zärtlicher Leichtigkeit. Sie streichelte die Mutter über die Wange und sie sah die braungesprenkelte Haut. Ayshe wandte sich um und sie sah das Mädchen, das da lag. Es hatte Tante Ofras Augen und ihr Mund war Ofras Mund und die Hasenscharte konnte nicht verbergen, wie schön Ayshe war. Sie wollte jetzt tanzen. Oder schaukeln. So wie sie es manchmal getan hatte.
    Ihr Lieblingsbaum im Brachfeld, ein Baum mit schuppiger Borke, den hatte das Mädchen erstiegen. Sie saß oben in der Baumspitze, die Beine um den Stamm geschlungen, den Rücken zurückgelehnt, die Hände zogen so lange, bis der schwarze Baum schaukelte. Es war, als ob der Wind den Baum zog und sie war der Wind. Die Dorfbewohner würden sich wundern über den Baum im Brachfeld.
    Er bewegte sich, die Bäume daneben bewegten sich nicht.
    Die Leute wussten überhaupt so wenig, so wenig, sie waren sehr weit weg und sie waren sehr klein.
    Und wenn Ayshe sich weiter wiegte, wirkten sie noch kleiner.
    Fast, als wären sie schon nicht mehr da.
    Geändert von Willibald W (10.07.2020 um 13:17 Uhr)
    alis nil gravius, o nycticorax

  2. #2
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    Wer mit Betroffenheitsprosa dieser Art öffentlich brillieren möchte, täte gut daran, vor deren Zubereitung herauszubekommen, ob man denn zur Ausbreitung menschlich fataler Schicksale wirklich fremde Kulturkreise bemühen sollte. Ob man nicht im eigenen Feldgehölz genügend krummes Holz finden könnte?

    Die vielen Tausend unserer Missgeburten, die verkrüppelten, die fehlsichtigen oder blinden, die verunfallten, die stoffwechselkranken und all die vielen, psychisch missgebildeten Kinder haben gerade hierzulande meist nicht die Chance oder das Pech, sich selbst dem Rest der Menschheit auszusetzen oder ihm ausgesetzt zu werden, sondern vegetieren in so genannten Schutzräumen vor sich hin. Oder sie werden zwangsintegriert. Ein legeres, von der Noxe mitbestimmtes, freies Aufwachsen ist in unserem Lande jedenfalls nicht vorgesehen. In der NS-Zeit hat man diese Kinder noch eingesammelt und totgespritzt oder verhungern lassen; in der Folgezeit wurden sie wieder nur weggesperrt – von den eigenen Eltern oder von den Jugendämtern; oft von beiden gemeinsam.

    Was gerade bei der Betroffenheitsschriftstellerei immer wieder, und so auch hier, völlig außeracht gelassen wird, ist das Eigenleben, das die Protagonisten fast immer führen – als ob sie nur Klippen wären, an denen sich Brandung reibt, Störfälle, die nichts als Kummer bereiten, Schreckliches, Missglücktes, Missratenes, das man nicht zeigen, sondern nur abdecken dürfte. Es ist dies die oberflächliche Sicht jener, die nur ganz am Rande, nur für einen Moment, mit solchen Wesen in Kontakt kamen und nicht einmal Zeit hatten, den ganzen Körper ins Auge zu fassen. Nur die Noxe.

    Immerhin erfahren wir in dieser Geschichte, dass das Mädchen auch Augen hatte, und dunkles Haar. Etwas, das von der Missbildung ablenken konnte, nicht wahr? Aber keine Angst – am Ende wird alles gut; das Kind stirbt und ist dann, wahrscheinlich, so meint der Autor, glücklicher denn zuvor.

    Geschichten wie diese zeigen uns, wie weit entfernt man als nicht Betroffener von prekären Schicksalen sein kann und wie kümmerlich es ist, wenn man für ein paar Momente mit dem Bleistift an den Umrissen eines entstellten Mädchens kritzelt. Behinderte Menschen haben Schicksale, die mehr sind als nur ein Moment, und sie haben das gleiche Recht und die Fähigkeit, wie jeder zur Erfüllung zu kommen. Dass wir mit unserem Leben und dessen Umständen nicht immer d’accord sind, liegt in der Natur des Menschen und nicht daran, dass seine Gestalt von der Norm abweicht. Definitiv nicht.

    Behinderte Menschen können sich ihren eigenen Kosmos schaffen, wenn man sie lässt. Er ist nicht besser oder schlechter als der einer „Normalgeburt“, aber er ist anders. Die „art brût“ hat versucht, diesen Unterschied herauszukehren und gewinnbringend auszuschlachten, wurde aber immer wieder Opfer der Eigen-Art und kam rasch an ihre Grenzen.

    Aber es muss ja wirklich nicht jeder ein Künstler sein, ganz gleich, ob er ein Handicap hat oder nicht. Oder?

    Lg

    Anjou

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