1. #1
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    Momente und auch der Eisvogel

    Bashō (1644-94):
    yagate shinu / keshiki wa mienu / semi no koe


    Horch! Am Horizont
    keine Zeichen des Todes,
    Zikaden schreien.


    Ransetsu (1654-1707):
    ana kanashi / tobi ni toraruru / semi no koe


    Wie bedauerlich!
    Klagen einer Zikade,
    Fang eines Falken.


    Bashō:
    yuku haru ya / tori naki uo no / me wa namida

    Schwinden des Frühlings!
    Vögel weinen, Fischaugen
    tropfen von Tränen.

    Issa (1763-1827):
    neko no me ya / kōri no shita ni / kurū uo


    Katzenaugen!
    Unter eisiger Decke
    rasen die Fische.

    Shiki (1867-1902):
    kawasemi ya / mizu sunde ike no / uo fukashi

    Eisvogel!
    Ungetrübtes Teichwasser,
    tiefer die Fische.



    Im "Penguin book of Haiku" wird man bei den oben zitierten Haikus (sehr alten) fündig, zusätzlich auch und gerade auf der Suche nach antitraditionellen Haikus.
    Geändert von Willibald W (16.09.2020 um 15:19 Uhr)
    alis nil gravius, o nycticorax

  2. #2
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    Danke,

    für mich als Nichtkenner eine interessante kleine Sammlung.

    Gruß Lé.
    "Die Leute die den Reim für das Wichtigste in der Poesie halten, betrachten die Verse wie Ochsen-Käufer von hinten."
    Georg Christoph Lichtenberg


  3. #3
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    Hallo Willibald,

    vielen Dank fürs schmackhaft machen.
    Sind die Übersetzungen ins Deutsche von dir?

    LG,
    Mi

  4. #4
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    Hallo Willibald,

    ebenfalls sehr gerne gelesen!
    Weiß man, WIE alt diese Zeilen in etwa sind?

    Viele Grüße,
    Georg
    Bei AMAZON + Infoverlag erhältlich:
    KAISER BARBAROSSA RIEF AUF EINMAL "HOSSA"
    Heitere Historische Heldenepen (Georg C. Peter/ Infoverlag)

  5. #5
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    Salute!

    Die Lebensdaten der Poeten wurden im Eingangstext ergänzt.

    greetse
    ww

    Additum: Unkonventionell

    Dieser Wurzeldoktor!
    Verkauft Hundescheiße an
    die Patienten
    takenoko ga / sashiageteiru / inu no kuso
    Bunna (1838).

    Geändert von Willibald W (16.09.2020 um 19:26 Uhr)
    alis nil gravius, o nycticorax

  6. #6
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    Hallo Willibald,

    vielen Dank für die Zusammenstellung, auch wenn ich nicht verstanden habe, nach welchen Gesichtspunkten du sie vorgenommen hast.

    Bashō:
    yuku haru ya / tori naki uo no / me wa namida

    Schwinden des Frühlings!
    Vögel weinen, Fischaugen
    tropfen von Tränen.
    Man könnte diese Verse Bashos als naiv vermenschlichend abquailifizieren. Dahinter steht aber die buddhistische Auffassung, dass alle Wesen unsere Brüder und Schwestern im Leid und daher für uns zugänglich sind. Innenwelt und Außenwelt sind nicht klar geschieden. Es gibt vielmehr eine gemeinsame Welt, die beides umfasst und keine absolute Trennung zwischen res cogitans und res extensa aus dem Geist von Descartes.

    Bedingt auch durch die Diskussionen in diesem Forum versuche ich mich ein wenig tiefer in die japanische Kultur einzuarbeiten. Erst vor wenigen Tagen las ich in einem Aufsatz, dass es im Japanischen das reine Personalpronomen Ich, wie in den indoeuropäischen Sprachen, gar nicht gibt. Die Japaner nutzen verschiedene Worte, wenn sie "ich" sagen wollen, abhängig davon, ob sie Mann oder Frau sind, ob sie mit höher Gestellten oder Menschen gleichen sozialen Ranges sprechen. Das Ich ist also immer schon sozial und genderbedingt überformt und festgelegt.

    Aristoteles dagegen sagte individuum (ich) est ineffabile, denn alle Aussagen, die wir diesem Ich beilegen können, sind prinzipiell auch auf andere Ichs anwendbar. Im Westen hat dieses Ich, das sich in geheimnisvolle Innerlichkeit zurückzieht, philosophisch Karriere gemacht. Aber auch die Soziologie erweist sich westlichen Denkmustern verhaftet. Das Konzept der "sozialen Rolle" ist ja nur dann sinnvoll, wenn es ein Ich gibt, das eben nicht mit dieser Rolle ineinsfällt. Und wenn das Ich nie fixiert werden kann, liegt es auch nahe, ihm ein hohes Maß an Wandlungs- und Entwicklungsmöglichkeiten zuzuschreiben und wir haben beispielsweise im Westen deshalb den Bildungs- und Enwicklungsroman.

    Und wie steht es eigentlich um das westliche Konzept der personalen Liebe, die Liebe zweier Ich im Zweifelsfall jenseits aller Erwartungen und Normen? Kann der Satz "ich liebe dich" eigentlich adäquat ins Japanische übersetzt werden?

    So dacht ich
    Onegin
    Geändert von Onegin (Heute um 00:29 Uhr)
    Love´s not Time´s fool W. S.

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