1. #1
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    Karezza-Terzanelle

    Verweile, Augenblick, du bist so schön,
    wir fürchten nicht die ewge Wiederkehr
    und schmiegen uns und fühlen nur und sehn.

    Beweg dich nicht, ja so, reich zu mir her,
    der Puls nur pocht und speist und treibt den Fluss;
    wir fürchten nicht die ewge Wiederkehr.

    Wir küssten uns, jetzt sind wir ganz der Kuss,
    wie angegossen schmiegt sich Leib an Leib,
    der Puls nur pocht und speist und treibt den Fluss.

    Wie du jetzt bist, wie wir jetzt sind, so bleib,
    ganz leer sind wir und doch ganz angefüllt,
    wie angegossen schmiegt sich Leib an Leib.

    Groß sind wir ineinander eingehüllt,
    du bist die See, es gibt kein Ufer mehr,
    ganz leer sind wir und doch ganz angefüllt.

    Wir fürchten nicht die ewge Wiederkehr,
    verweile, Augenblick, du bist so schön.
    Du bist die See, es gibt kein Ufer mehr,
    wir schmiegen uns und fühlen nur und sehn.


    Vgl. „Villanelle der Zustimung

  2. #2
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    Hi M. D.,

    "Ha! wie’s in meinem Herzen reißt!
    Zu neuen Gefühlen
    All meine Sinnen ſich erwühlen!
    Ich fühle ganz mein Herz dir hingegeben!"

    Ich beginne ebenfalls mit Faust I / 477 bis 480

    Du, zu diesem Gedicht von dir mag ich gerade gar nicht viel schreiben...

    ...nur ein wenig davor sitzen und staunen und mich weiter hinein fühlen...

    ...gut das ich heute viel Zeit habe.

    Es ist wirklich wirklich gut!

    Danke fürs einstellen

    LG

    G
    ...endlich nahm die Raupe die Wasserpfeife aus dem Mund und redete Alice mit matter, schläfriger Stimme an.

    "Wer bist du?" fragte das Rauptier.

  3. #3
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    Hallo Michael,

    diese Terzanelle spricht viel sanfter, "verliebter", inniger als die vorherige Villanelle, eine andere Tonart sozusagen, und deswegen auch ganz eigenständig. Ich mag beide.

    Jetzt aber genug mit der "Wiederkehr", auch wenn es nie genug ist .

    Gruß Lé.
    "Ein Gedicht ist nur solange gut, bis man weiß, von wem es ist."
    Karl Kraus




  4. #4
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    Hallo Michael,

    zwar war das natürlich rhetorisch gemeint, als ich fragte, welche Gedichtsform denn besser für die ewige Wiederkehr geeignet wäre als die Villanelle, aber nun fällt mir deine Terzanelle vor die Füsse und sie zeigt, dass diese Form ebenso geeignet ist und durch die dezente Wiederholung unaufgeregter wirkt, was dem Thema, dem Innehalten im Moment, sehr zu Gute kommt.Toll geschrieben!!!!

    Gemeinsam einen Moment leben, der würdig ist, immer wieder gelebt zu werden und darüber hinaus geht.


    Wir küssten uns, jetzt sind wir ganz der Kuss,

    Bewusst vom Werden ins Sein geküsst.

    Die Romantikalarmglocken klingeln bei mir nun ziemlich laut, das soll aber den schönen Momenten keinen Abbruch tun.

    LG,
    Mi
    Geändert von Miserabella (03.10.2020 um 14:44 Uhr)

  5. #5
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    Hallo Gaukel,
    und dann ein weiteres Faustzitat, das ist natürlich ein Geschenk. Und dass jemand nur ein wenig vor dem Gedicht „sitzen und staunen und sich weiter hinein fühlen...“ will – eigentlich ist mir diese Reaktion lieber als Besprechungen. Aber da wir nun nicht von Angesicht zu Angesicht zusammensitzen und uns gegenseitig vorlesen, muss es halt bei Worten bleiben.

    Wie auch Deinen, lieber Lé, Ja, ich finde ebenso, dass diese Terzanelle „sanfter, „verliebter" und inniger spricht als die vorherige „Villanelle der Zustimmung“".

    Und das, liebe BellaMi, sehe ich wie Du, kommt, weil hier „die Wiederholungen dezenter“ sind, insbesondere die der Reime. Die Villanelle hat nur 2 Reimgruppen, und man muss, wenn ich richtig gezählt habe, in der einen 7 und in der anderen 6 Reimwörter finden. Selbst wenn man es schafft, dass der Haufenreim nicht gezwungen wirkt, kann er trotzdem penetrant klingen. Bei der Terzanelle, brauche ich nur jeweils ein 2er-Reimpaar, das lässt sich gut machen. Wobei ich hier das „-ehr“ 3 mal gereimt habe („Wiederkehr, her, mehr“), damit ich am Ende in umgekehrter Reihenfolge noch mal die beiden Verse „Verweile, Augenblick, du bist so schön, / wir fürchten nicht die ewge Wiederkehr“ zusammenkriege,

    „Romantikalarm“? Kitschglöckchen?

    Je nun. Aldous Huxley. lese ich bei wiki, „beschrieb Karezza als ein „inniges Ineinandersein, auch zärtliche Bewegungen, die jedoch nicht zum Orgasmus führen sollten.“

    Ja dann

    Michael
    Geändert von Michael Domas (05.10.2020 um 11:33 Uhr)

  6. #6
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    Lieber Michael,



    kitchig? Daran dachte ich nicht. Ich verband das mystische/ spirituelle Thema, das in der Terzanelle mittanzt, der Moment, der sich in eine erotischen Praxis (vergleichbar mit Tandra) bejahen lässt, als romantisch, im Sinne von Sehnsucht nach der Verschmelzung mit einer universellen, entgrenzten Natur und habe das unter Romantikalarm summiert. Das war viel zu kurz eingewortet. Ich hoffe es ist so ein bisschen verständlicher.

    LG,
    Mi

  7. #7
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    Liebe BellaMi,

    vielen, vielen Dank für die längere Einwortung, jetzt hast Du alles aus dem Gedicht rausgelesen, von dem ich hoffte, dass es anklingt. Ich hatte mich schon über Deine feine Interpretation der Zeile Wir küssten uns, jetzt sind wir ganz der Kuss in #4 gefreut.

    Mi, nachdem sich auch Gugol & L.A.F. von der Form haben inspirieren lassen (Die Schleiereule), warten wir auf Deine Terzanelle

    Michael

  8. #8
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    Lieber Michael,

    und mich wiederum freut es, wenns mit meinem Kommentar nicht ganz daneben lief. Es ist nicht unbedingt immer so leicht, angemessene Worte zu finden, wenn das Gedicht, wie es gaukelwort so schön sagte, eigentlich von einem stillen Eintauchen lebt.

    Was die Terzanelle betrifft gibt es wohl gerade irgendwo ein Nest? Zur Schleiereule kam nun noch eine witzige "Tarzannelle" hinzu.
    Hm. Ich werde mir wohl einer Fähnchen stecken und schauen, ob mein Oberstübchen bereit ist, ebenfalls eine zum Besten zu geben. Das kann aber gut etwas dauern.

    Abschließend möchte ich mich noch für deinen Tipp bedanken. Anita Albus war mir nicht bekannt und neugierig geworden, fand ich die "Schöne Schleiereule" auf Youtube, als Vortrag von der Autorin selbst gelesen. Ich bin sehr angetan von ihrer mal wissenschaftlichen, mal poetischen Erzählweise und habe den Vortrag unter "Was hört ihr gerade" im Wohnzimmer eingestellt. Zum Schnuppern , wer möchte.


    LG,
    Mi
    Geändert von Miserabella (06.10.2020 um 19:57 Uhr)

  9. #9
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    Ja Michael, für die Präsentation der Terzanellen-Form möchte ich mich, (ungefragt auch im Namen von L.A.F.) bedanken. Wir hatten die letzten Tage viel Spass damit. Deine ist toll und ich kann nur bejahen, was die anderen geschrieben haben. LG gugol

  10. #10
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    Lieber Michael,

    Für mich sind dies die dezenten Pastellfarben von Erotik, eher was zum Innehalten und Lauschen, gerne verweilt, A.

  11. #11
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    Lieber Anju,
    wenn auch Du meinst, mein Gedicht sei „eher was zum Innehalten und Lauschen“, dann scheint mir ja etwas gelungen, was ich in der Lyrik für mit das Höchste halte. In „dezenten Pastellfarben von Erotik“ zu schreiben, ist mir sonst ja auch nicht unbedingt gegeben.

    Hallo Gugol,
    dass man mit der Terzanellen-Form viel Spaß haben kann, merkt man Eurer „Schleiereule“ und vor allem der „Tarzanelle“ an. Um wie vieles schwieriger ist es da schon, eine "Willinelle" zu schreiben.
    Aber das hast Du,

    liebe BellaMi,
    ja schon mit Deiner „Villanellenspielerei“ großartig gemeistert, da ist Dein Oberstübchen also mehr als bereit, ebenfalls eine Terzanelle zum Besten zu geben. Die große Anita Albus übrigens habe ich unter „Die Schleiereule“ weiter zitiert.

    Wir bleiben dran

    Michael

  12. #12
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    Lieber Michael,

    dein Eintrag unter der Schleiereule wurde entdeckt. Das zauberhafte Tier hält ja allhand Verstecktes bereit.

    Nun hatte ich ja in meinem Oberstübchen angeklopft und es kam tatächlich, passend zur Jahreszeit und besonders geeignet für lange Winterabende, eine Terzanellen - Ballade, zustande.

    Voila!

    Möge sie ein bisschen für Unterhaltung sorgen.

    LG,
    Mi

  13. #13
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    Liebe BellaMi,

    ein -anellen-Fieber ist nach Deiner Villanellenspielerei zwar nicht ausgebrochen, aber doch ein bisschen was zusammengekommen, einiges habe ich ja in #11 verlinkt. Jetzt also von Dir noch „Das Moor (Eine Balladen -Terzanelle)“. Vielleicht hab ich auch welche übersehen oder es kommt noch was.
    Interessant finde ich auch, dass die Terzanelle, im Unterscheid zur alten Villanellenform, erst seit 1964 existiert. Sie wurde, wikipediere ich, von dem Amerikaner (!) Lewis Turco erfunden.

    Schluss mit der Angst vor der ewgen Wiederkehr

    Michael

  14. #14
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    Lieber Michael,

    eigentlich ist es ja deine Schuld, dass ich meinen inneren Schweinehund einen Tritt gab und mit deiner Aufforderung das nötige Aktionspotential aufbrachte, mich an einer Terzanelle zu versuchen. Jetzt habe ich Blut gelegt und, da mir nichts einfiel, über "Das Nichts" terzanelliert.

    Schluss mit der Angst vor der ewgen Wiederkehr

    Hm. Na gut, wenns denn sein soll, lasse ich mich dahingehend überzeugen, wenigstens die Phase, in der der Ball fliegt, möglichst nicht für die Angst vor dem Aufprall zu nutzen.

    Merci,
    Mi

    P. S.
    Deine Terzannelle hier bleibt ungeschlagen die Schmiegsamste in ihren Bewegungen.

  15. #15
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    Liebe BellaMi,

    diese Schuld nehme ich gerne auf mich. Und auch das Kompliment über die „Schmiegsamkeit“ gerne an, da es von einer inzwischen so erfahrenen VillaTerzaMiserabellistin kommt wir Dir.
    Vor allem, wenn mir das gelungen sein sollte, obwohl ich des Nietzsche- und des Goethe-Zitates wegen nur männliche Endungen benutzen konnte. Weibliche Endungen wie in Deinem „Das Moor“ sind für diese Formen eigentlich geeigneter.

    Dankeschön

    Michael

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