Thema: Herbstspiele

  1. #1
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    Herbstspiele

    Der Herbst wirft sturmgepeitscht sich uns zu Füßen,
    er blättert lustvoll seine Farben auf,
    mischt raschelnd welkes Laub mit reifen Früchten
    und breitet sie als bunten Teppich aus.

    Dann reckt er seine kalten Nebelhände
    begierig himmelwärts zum letzten Blau.
    Mit grauen Wolkenfingern zaust, zerzupft er
    die sommerwarme Herrlichkeit im Nu.

    Er spielt, er würfelt mit Kastanien
    um Prunk, um Schönheit oder sterblichen Zerfall.
    Verstörung? Tröstung? Vielleicht beides.
    Gewinnen wird nur zweifelsfrei der Herbst.
    AST

  2. #2
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    Hallo Gogenneschtle,

    so ein herrliches Kleinod!
    In jeder Zeile ein wunderbares Bild, ich lese jede einzelne mit Genuss und gerne immer wieder. Da ist alles herbstische aufgeblättert, das wechselhafte Wetter, Früchte Laub Farben.... ohne dass es pathetisch ist.

    Nun zu meinen Stolperern:

    mischt raschelnd welkes Laub mit reifen Früchten
    und breitet sie als bunten Teppich aus.

    Meines Erachtens sollte der bunte Teppich aus Laub und Früchten bestehen, aber weil du unten " sie" schriebst, besteht er nur aus den Früchten. Vielleicht wäre ein "seinen oder "einen" bunten Teppich" eine Option, der Klarheit und Wahrheit wegen.

    Beim letzten Vers (echt toll: der Herbst als Spieler):

    Er spielt, er würfelt mit Kastanien
    um Prunk,
    da las ich doch beim ersten lesen glatt dass er die Kastanien als Würfel benutzt (fand ich recht nett), beim 2. lesen allerdings hatte auch ich kapiert!
    Verstörung und Tröstungzeile: passen sich nicht so reibungslos in den Vers und in das ganze Gedicht ein, diese Zeile verstört mich noch immer ein wenig, weil sie mich herausreißt aus dem Spiel (Lese/Mitdenkfluss).
    Und die letzte Zeile: wegen dem nur. Warum "nur"? Oder meintest du "nun". ich lese da ein "ganz" , denn ganz zweifelsfrei gewinnt für mich der Herbst, ober er nun mit Kastanien oder mit den Kastanien würfelt. Ich liebe dieses Gedicht.
    Danke fürs Teilen.

    LG
    Sali

    (p.s.: was wohl Gogen ist (sind)??? Großes Rätsel.)
    Geändert von Salseda (25.10.2020 um 02:39 Uhr)
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    -ich übe noch-
    betriebsblind sehe ich nicht ob dieser Kamin noch zu retten oder schon abzureißen ist.

    Was kann ich treffen? was kann treffen mich?
    Was trifft der Sinn, und was ihn trifft, bist du.

  3. #3
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    Hallo Sali,

    über deine Rückmeldung habe ich mich gefreut. Danke.
    Ich fang mal von hinten an mit meiner Antwort auf deine Zeilen.

    Ein Gogenneschtle ist ein Gebäck, das ich hier kennengelernt habe. Es leitet sich von der alten Bezeichnung für die hiesigen Bewohner ab.wikipedia schreibt dazu: "Gôg ist die mundartlich-schwäbische Bezeichnung für einen Weingärtner aus der Tübinger Unterstadt. Die Gôgen bildeten über Jahrhunderte eine eigenständige Bevölkerungsgruppe im sonst stark von Universitätsangehörigen geprägten Tübingen. Als typisch für die Gôgen galten Armut, geringe Bildung, Sturheit, Fortschrittsfeindlichkeit und ein schwer verständlicher Dialekt. Über die Stadtgrenzen hinaus bekannt wurde der Ausdruck Gôg vor allem durch die Gôgen-Witze. Mit dem Ende des Tübinger Weinanbaus in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts verschwand die klare Abgrenzung der Gôgen von den anderen Bevölkerungsteilen der Stadt."
    Ich fand das witzig. Jetzt weißt du, wo ich neschtle (wohne). Naja, nicht ganz, aber der Bäcker hier im Dorf im Dunstkreis von Tübingen bietet auch Gogenneschtle an. Ich bin aber (leider?) keine Schwäbin. Ich bin gar nichts. Auf die Frage, woher ich komme, weiß ich keine einfache Antwort.

    Jetzt aber zum Text:
    Leider ist mir zu deinem ersten Stolperer nichts besseres eingefallen. Ich wollte im Silbenfluss/Rhytmus bleiben. Eigentlich werden beide Dinge ausgebreitet, das Laub UND die Früchte. Aber da alles eine Mischung ist, wird SIE ausbreitet. Dein Vorschlag könnte zwar silbenmäßig passen, aber ich zögere noch ...
    Dass dich die vorletzte Zeile verstört ... ja, kann ich verstehen.
    Ich dachte wirklich daran, dass das Herumkollern der Kastanien wie ein Spiel sein könnte und dass es beim Herbst doch zunehmend um ein wechselvolles Spiel geht - auf der einen Seite die überwältigende Farbenpracht, die über den verschwundenen Sommer hinwegtröstet, und dann die die Trostlosigkeit der kalten Nebeltage - man weiß nicht woran man ist: Mal ist der Herbst so, lieblich milde, und dann wieder grausam kalt und undurchdringlich.
    Wenn es mir gelänge, noch 2 Zeilen zwischen vorletzer und letzter Zeile zu basteln, dann käme ein Sonett dabei heraus und dann würde der Schluss nicht so unverständlich verdichtet sein.
    Mal sehen.

    Dir noch einen unbeschwerten Sonntag
    AST

  4. #4
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    hallo Weinbauernestle,

    fragen bildet, ich danke dir für deine erhellende Geschichtsstunde. Ist doch interessant. Von Gögenwitzen habe ich noch nie gehört.

    So gesehn: breitet die Mischung aus = sie! Richtich. Da hab ich wohl nicht so genau nachgedacht. Kannst du also durchaus so lassen. Veränderungen müssen nicht automatisch Verbesserungen sein.

    So eine verstörende Zeile ist auch gar nicht so schlecht, das hebt das ganze aus dem allgemein üblichen Trott heraus. Wo steht dass man nicht verstören dürfte. Darf ein Fluss keine Wirbel oder Unterströmungen haben. Die Frage taucht hier ja öfter mal auf.

    Deine Sonettidee kam mir gestern beim lesen auch schon in den Sinn. Habe dazu leider keine Idee, Sonette sind für mich höhere Mathematik, da passe ich (noch).

    Ach ja: das nur der letzten Zeile? Was denkst du darüber?

    Dir auch noch einen schönen Sonntag

    Sali
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    Was kann ich treffen? was kann treffen mich?
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  5. #5
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    Ist da was verloren gegangen?
    Zitat aus deiner Antwort: "Ach ja: das nur der letzten Zeile?"
    Was meinst du mit dieser Frage?
    AST

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