1. #1
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    Im Halbdünkel




    Im Halbdünkel


    Immer meistens lüge ich fast nie.
    Selten oft will es mir nicht gelingen
    all die Schwindelschatten zu bezwingen...
    Dann, mein Stern, strahlt meine Phantasie,

    die uns aus der Dünkelheit erweckt.
    Bunt erblüht sie in der Dämmerwahrheit;
    schwelgt in weiser, wortverspielter Klarheit,
    weil sich Sinn im Hintersinn versteckt.

    Neckt dich zart. Ergreift sich flink mein Wort.
    Kaum gewagt, schon ist es ihr gelungen;
    sanft hat sie mir Märchen abgerungen,
    diese spinnt sie dann im Zwielicht fort,

    dort, wo sie auf ihres gleichen trifft.
    Sieh doch, in der Mittagsglut vergehen
    nicht nur dürre Dateln und Fakteen,
    selbst die Wahrheit welkt und wird zu Gift.


    Geändert von Gaukelwort (27.10.2020 um 13:37 Uhr) Grund: hab mir schnell mal nen "n" geborgt
    ...endlich nahm die Raupe die Wasserpfeife aus dem Mund und redete Alice mit matter, schläfriger Stimme an.

    "Wer bist du?" fragte das Rauptier.

  2. #2
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    Hallo Gaukel,

    wie freu ich mich, dich – so ganz unerwartet – hier in diesem Halbdünkel zu treffen. Hach, ist das ein Wiedersehen! Wie du weißt treibe ich mich genau wie du sonst nicht in solchen trüben Ecken herum.
    Jedoch trägt dieses „Halbdünkel“ unverkennbare deine wortverspielte Gaukelhandschrift, und ein prominenter, staattragender MUSER, der dich dazu inspiriert haben könnte, (was heißt einer, es sind deren leider zu viele) fällt mir auch gleich ein. Hoffen wir inständig, dass er nicht wiedergewählt wird und neben Date(l)n und Fakte(e)n nicht gleich die ganze Welt vergehen lässt.
    Der Titel ist preisverdächtig, wie eigentlich jede deiner Zeilen, die sich locker flockig lesen bei doch recht schwergewichtigem Hintergrund. Im vorletzten Vers, müsste es da nicht „…nicht nur dürre_ (statt dürren) Dateln und Fakteen“ heißen?

    Ich freu mich, dass ich dich hier entdeckt habe. Hab ich das schon gesagt?

    Liebe Grüße
    mona

  3. #3
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    Geschätzter Gaukler,

    das ist sprachlich wie üblich sehr gut. Dennoch setzt mein Unverständnis an einem ziemlich zentralen Punkt an, nämlich bei der Frage: wozu die beiden Pünktchen über dem "dunkel"? Ich läse es viel ungenierter ohne sie.

    Was wolltest du denn damit eigentlich sagen?

    Gruß Lé.
    "Ein Gedicht ist nur solange gut, bis man weiß, von wem es ist."
    Karl Kraus




  4. #4
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    Diese beiden Pünktchen, lieber L'étranger, sind sozusagen das Tüpfelchen auf dem "i", der Witz an der Sache, bedeutet doch Dünkel so etwas wie Überheblichkeit, Anmaßung, Arroganz ... Wenn ich dir da, weil du als L'ètranger ja ein wenig fremd bist, etwas unter die Arme greifen, also aushelfen, darf!

    Liebe Grüße
    mona

  5. #5
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    Danke Mona,

    das ist ein Pseudonym. Ivh verstehe schon was Dünkel ist, aber nicht was der Dünkel hier tut, oder zum soll. Auch dem Herrn Trump, wie von dir vielleicht angedeutet, würde ich das Wort nicht zuordnen. Dünkel meint ja immer irgendwie die Zugehörigkeit zu einer Elite. Das Gedicht spricht aber vom Halbdunkel im Sinne von Wahrheit. Ich verstehe die Verbindung nicht, wohl aber den Reiz der Verfremdung.

    Gruß Lé.
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    Karl Kraus




  6. #6
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    O, verzeih, das habe ich dann allzu wörtlich genommen. Du nimmst es mir hoffentlich nicht übel!
    Für mich ist dieser „Halbdünkel“ Antrieb für all die Halbwahrheiten, Lügen und phantasiereichen Beigaben. Das hat wohl etwas mit Selbstwahrnehmung und Selbstdarstellung zu tun, dieses Dünkelhaft-Überhebliche lässt zum Aufschneider, Protzer, Wahrheitsverbieger werden, möglicherweise gar nicht oder nur halbbewusst in der eigenen Blase. Ich denke nicht, dass Dünkel zwingend mit Zugehörigkeit zu einer Elite einhergeht, das würde ich mit Standesdünkel konkretisieren. Also passt für mich Halbdünkel in diesem Sinne hervorragend. Wenn du dir aber die beiden Punkte wegdenken magst und das Gedicht dadurch für ich gewinnt, ist ja auch nichts vertan .

    Lächelnde Grüße
    mona

  7. #7
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    Ach wie interessant,

    Gaukelwort da ist dir ja wieder ein Coup gelungen! Ein ganzer, kein halber.
    Naiv wie ich bin hab ich gar nicht an den Wischmobträger gedacht, danke für das AHA Erlebnis monalisa.

    Halbdünkel versteh ich als doppeldeutig, einerseits impliziert es für mich schon auch das Halbdunkel, denn da wird ja am Besten gemauschelt, nicht alles was da so an Verbrechen geschieht kann man im Lichte (der Öffentlichkeit) zeigen und den Dünkel (der ist für mich in der Realität leider nicht blos halb sondern schon eher doppelt dick). Ein Halbdünkel kanns auch deswegen sein weil beschriebener " Herr" ihn selbst ja gar nicht wahrnimmt, sein Gegenüber aber schon. Oder er nimmt ihn vielleicht "halb" am Rande seines Bewusstseins wahr. Wie auch immer: ich finde Halbdünkel als Titel genial.

    schöne Gedankenspielereien eröffnen sich hier


    Das einzige was mich minimal kratzt ist:

    "Dann, mein Stern, strahlt meine Phantasie,
    die uns aus der Dünkelheit erweckt"


    wird die Fantasie nicht eher "aus" der Dünkelheit erweckt, also durch sie? Ist die Fantasie die da blüht nicht gefärbt durch dunkelsten Dunkeldünkel? Für mich wird nicht ein ich oder wir wird plötzlich wach und der Dünkel schläft ein. Neeee die Dünkelheit schläft nie Der färbt auf alles ab (was mir das so lapidar hingeworfene Wörtchen "uns" zeigt. Ich kann auch auf dem Holzweg sein und Der Erzähler wirft all seinen Angreifern eben Dünkel vor. Wie gesagt: nette Denkspielereien.



    Dann noch zum schonerwähnten:

    in der Mittagsglut vergehen
    nicht nur dürren Dateln und Fakteen

    bin auch der Meinung : entweder dürre oder was ich noch besser finde: nicht nur die dürren

    Geniale Wortspielerein, die ich wonnig genießen könnte, wenn das was beschrieben wird und die Auswirkungen dessen (= dort, wo sie auf ihres gleichen trifft) in mir nicht miese Übelkeit und Würgereiz hervorrufen würden.

    LG Sali


    Ach ja: die Beschreibung von Google finde ich ganz treffend: Dün·kel

    Substantiv, maskulin [der]ABWERTEND
    von anderen als unangenehm empfundenes, sich in jemandes Verhalten deutlich ausdrückendes Bewusstsein einer vermeintlichen (gesellschaftlichen, geistigen) Überlegenheit
    Einladung zum mitmachen: http://www.gedichte.com/showthread.php?t=107313

    -ich übe noch-
    betriebsblind sehe ich nicht ob dieser Kamin noch zu retten oder schon abzureißen ist.

    Was kann ich treffen? was kann treffen mich?
    Was trifft der Sinn, und was ihn trifft, bist du.

  8. #8
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    Liebe mona,

    bei mir hat sich seit Ende letzten Jahres ne Menge geändert. Und das allermeiste davon ganz deutlich zum Besseren. Und hey, ich habe wieder mehr Zeit zum Schreiben, und was noch wichtiger ist, auch wieder richtig Spaß daran - und Lust darauf. (Auch wenn meine Antwort gerade etwas länger gebraucht hat.)

    Du, und ich freue mich auch sehr darüber dich hier zu treffen. Es ist schön einen Ort im Netz zu wissen, an dem wir uns nun wieder öfter begegnen. Du weiß, ich schätze deine Gedichte und Kommentare sehr.


    Hi mona, hi Lé,

    meiner Erfahrung nach gibt eine Menge Möglichkeiten sich jenseits der Wahrheit aufzuhalten. Und die „alternativen Fakten“ des Mr. T. sind ist eine unglaublich dummdreiste Spielart davon. Ich hätte bis vor seinem Amtsantritt nicht für möglich gehalten, dass man mit so einem Scheiß so lange ungestraft davon kommt. Interessant wird es, wenn er nach seiner Präsidentschaft seine Immunität verliert. Er hat viele Feinde. (Auch schlaue und rachsüchtige, die das US-System gegen ihn hetzen können.) Und ohne sein Amt hat er wahrscheinlich auch keine wirklichen Freunde die ihn schützen. Nicht mal in seiner Partei. Aber das nur am Rande.

    Mein Gedicht ist natürlich davon inspiriert, wie sich gerade weltweit der Umgang mit Wahrheit wandelt. Aber ich bin nicht durch diese Tür in das Thema eingestiegen. Ich komme durch eine ganz kleine.

    Als Kind habe ich mich irgendwann zu ersten Mal bewusst beim Lügen (nicht beim Schwindel!) ertappt. Der Klassiker: „IMMER muss ich und NIE darf ich!!!“. Und da ich irgendwann plötzlich wusste, dass das nicht stimmte, habe ich, um die Lüge zu „retten“ irgendwann das „meistens“ dazu gekleistert. Ich tat es also nicht um der Wahrheit näher zu kommen, sondern, um in dem (mir bewussten) Unrecht doch irgendwie Recht zu behalten. Ich wollte die Lüge relativieren und aufrecht erhalten, um daraus einen Vorteil gewinnen.

    Aber ich konnte auch prima aus dem Stegreif Märchen erfinden und erzählen. Es gibt Abenteuer von Baron von Münchhausen mit mir als Knappen, die kennen nur eine Hand voll Menschen und ich. Der Baron selbst kennt sie nicht... Aber solchen Unwahrheiten habe ich aus Lust am Fabulieren Erzählt. Da war kein Gedanke an Lüge und Vorteil.

    Wie sieht es mit Anglerlatein aus? Je größer der Fisch, um so größer der (nicht ehrlich erworbene) Ruhm. Gleiches gilt für das Latein der Jäger und das Seemannsgarn. Aber ist das schon schlimm?

    Wo kippt das ganze?

    Irgendwo wird dir Entscheidung getroffen, ob und unter welchem Vorwand ich mir gestatte anderen Menschen die Wahrheit vorzuenthalten. Ich entscheide ob und/oder warum es mir (meiner aktuellen Meinung nach) zusteht mein mehr oder weniger „getarntes oder verborgenes Ziel“ mit Hilfe von Lügen oder Unwahrheiten zu erreichen. Ich halte also meine Bedürfnisse und mich für so wichtig, dass ich mir moralisch sogar Lug und Betrug erlaube, um meine Ziele durchzusetzen. Sprich, irgendwo hier beginnt auch das Elitäre: „Ich will... und bin wichtiger als...“

    und der nächste folgt Schritt, wenn mir zu viele auf die Schliche kommen, (vielleicht sogar ich selbst) – und ich zu feige bin meine Lügen zuzugeben. Dann leugne ich Fakten. Ich verschwinde also in eine Traumwelt und erschaffe mir „alternative Fakten“ - erfinde z.B. statistische Zahlen, die mich stützen. Ich belüge mich selbst, halte mich für den Letzten mit Durchblick, und stehe gegen den Rest der (meines Erachtens) dummen Welt.

    Das Halbdünkel ist für mich der nicht klar abgrenzbare Ort, an dem das Gewissen mit dem Egoismus um die Deutung und Bedeutung von Worten und Wahrheiten ringt. Mona ist dem Halbdünkel also prima auf die Spurt gekommen.


    Hallo Salseda,

    der Wischmobträger zwingt uns seit geraumer Zeit uns immer wieder mit Unwahrheiten, Schutzbehauptungen und fake news zu beschäftigen. Mag sein, dass mich das irgendwie getriggert hat. Aber wie oben beschrieben, er war nicht der Kristallisationspunkt.

    Deine Gedankenspiele hingegen spiegeln vieles von dem, was mir auch so alles beim Schreiben durch den Kopf gespuckt ist. Gemauschel wie z. B. Schwarzarbeit (als Kavaliersdelikt?). Vertuschen von Sandalen. Oder auch das Erfinden von Skandalen, um Auflagenzahlen in die Höhe zu treiben. Placebomedikation. Es gibt ungezählte Spielarten der Lüge. Aber nicht jede hat einen ist boshaften Hintergrund.

    Und wenn wir den „Herrn“ mal vom Mob trennen, dann hast du schon Recht. Viele mächtige Lügner glauben, dass niemand ihre Lügen durchschaut. Das liegt zumeist daran, dass niemand widerspricht. Viele Vorgesetzte merken zudem nicht, dass das oft aus Kalkül geschieht, um sich noch mehr Stress vom Hals zu halten. Zum Schluss glauben manche sogar, dass sie tatsächlich immer Recht haben. Ihre alltäglichen Erfahrungen beweisen es ja.


    „...die uns aus der Dünkelheit erweckt“...


    Ja, das Dünkel ist immer und Überall... Und auch mein LI ist sich seinen eigenen Versuchungen bewusst. Ich denkspiele mal weiter... Es ist sich auch bewusst, dass niemand alle Lügen vermeiden kann. Es könnte z. B. in den Schwindelschatten versucht werden prahlen. Aber es macht ein Spiel daraus. Es fabuliert, erdichtet, erzählt erkennbare Märchen. Es zieht die Gleichgesinnten in den Bann – am besten sie Fabulieren gleich mit. Vielleicht unter einem Tisch der mit Decken zu einer Höhle umgebaut wurde. Das alles ist auch eine Lüge. Eine, die einen Nachmittag lang vor der bösen Realität da draußen schützen kann. Aber keine Lüge, die die Wahrheit vergiftet.

    Hey, du hast es ja selbst gemerkt, dass Gedicht ist eine Spielerei und weist sensibel auf den Ort der Halbdünkel, an dem schlimme Lügen aber auch harmlose Lügengeschichten entstehen können. Und ein jeder hat es ein großes Stück weit selbst in der Hand, wie sehr und in welche Geschichten er sich verstrickt bzw. verstricken lässt.


    Mona, Lé, Salseda,

    vielen Dank für euren Besuch und eure Kommentare. Es hat mir freude bereitet euch zu antworten, und so nochmal mit Abstand und aus einem anderen Blickwinkel in das Gedicht einzutauchen.

    Liebe Grüße

    vom Gaukel

    PS Gerade eben, kurz vor dem Absenden meiner Antwort, hat mir mein Unterbewusstsein noch die Erinnerung an ein Gedicht geschickt. Ich weiß nicht, ob ich es verlinken darf, aber es findet sich mit google

    Das Lachen
    Von Elsa Sophia von Kamphoevener
    Die erste Zeile...
    „Höre oh Freund und Bruder: Wenn Du ein Kamel hast,“


    PS 2 Das „n“ wurde gekappt, (es stammt noch von einem der „alternativem Enden“ aus der Bastelphase). Das „die“ geht leider nicht, ohne die Zahl der Silben dieser Zeile (9 Stück) zu verändern.
    Geändert von Gaukelwort (27.10.2020 um 12:29 Uhr)
    ...endlich nahm die Raupe die Wasserpfeife aus dem Mund und redete Alice mit matter, schläfriger Stimme an.

    "Wer bist du?" fragte das Rauptier.

  9. #9
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    Lüge und Wahrheit als sich bedingendes Paar sind selten oft Gegenteil die durch ein Halbdünkel in Verbindung gehalten werden. Dient alles der reinen Ermöglichung von ineinander Verhakung von Schein und Sein.

    MFG!
    Der Roman: "Verballistik"
    Die Gedichte: "Auf dem Silbertablett"

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