Thema: warten

  1. #1
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    warten

    wieder warten
    auf der bank im glashaus
    unterm kalten bahnhofshimmel

    unermüdlich die tauben
    wie sie alles aufpicken
    was man für sie fallen lässt

    spätzug aus verona
    rote samtvorhänge
    riechen nach jahrzehnten

    fährt noch ein zug?

    morgen früh
    irgendwann
    Geändert von L'étranger (26.10.2020 um 10:30 Uhr)
    "Ein Gedicht ist nur solange gut, bis man weiß, von wem es ist."
    Karl Kraus




  2. #2
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    Guten Morgen lieber Le,
    Welch unerwartetes Metrum bei dir
    Normalerweise bist du ja Fan von unbetonten versanfängen aber hier ist gefühlt alles vermischt.


    wieder warte ich XxXxX
    auf der kalten bank xxXxX evtl auch XxXxX
    in dem kleinem glashaus xxXxXx oder XxXxXx
    unterm hohen bahnhofshimmel XxXxXxXx

    unermüdlich die tauben XxXxxXx und hier verlässt es mich
    wie sie alles aufpicken xxXxxXx weil ich mir nicht sicher bin
    was das leben für sie fallen lässt xxXxXxXxx ob ich richtig ixxe

    spätzug aus verona xXxxXx oder XxXxXx?
    alte rote samtvorhänge XxXxXxXx
    riechen nach jahrzehnten XxXxXx

    fährt noch ein zug XxxX
    morgen früh XxX
    irgendwann XxX

    Kannst du mir etwas zur Form sagen?
    Inhaltlich finde ich es wiederum einfacher.
    Du beschwörst mit deinen Worten ein Tristesse alltägliches Bahnhofbild.
    Mit den ganzen Klischees die dazu gehören.
    Tauben kaltes Glashaus warten und der typische Geruch des Zuges.
    Interessant finde ich die Vorstellung das keine anderen Wartenden erwähnt sind.
    Warum sollten die Züge nicht mehr fahren.
    Ich interpretiere deinen Bhf als lebensbahnhof
    Momentan sind wir wegen Corona geparkt. Das Leben steht still während die Natur weiter gefrässig ist.
    Das kalte Glashaus steht für mich für Isolation
    Und die kalte Bank ist die distanziertheir. Eine Bank ist ein Sitzplatz eine Stütze. Eine Stütze im Leben die sich evtl zurückzieht. Deswegen kalt.
    Die andern Menschen sieht man nicht weil sie alle in ihren eigenen Bahnhöfen darauf warten das die Züge wieder fahren und man sich einander begegnen kann.
    Züge im Sinne von Verbindung zur Aussenwelt.

    Deswegen wäre der spätzug aus Verona für mich die letzte Verbindung. Die existiert sie ist alt sehr alt vielleicht der ältestes Freund / die älteste Partnerin. Weisst du wie ich meine?

    Es entsteht tatsächlich eine Art grau vorm inneren Auge und die roten Vorhange ( rot für leben) sind ein kleiner Tropfen Hoffnungsschimmer.

    Aber lieber Le die Züge werden wieder fahren und die Warterei hat auch ein Ende.
    Ich schnapp mir Farbe und verschönere den Bahnhof
    LG Enya
    Geändert von gewitterhexe (24.10.2020 um 10:58 Uhr)
    Oooohhh ein Buch...... Upssss schon zu Ende?

  3. #3
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    Liebe Enya,

    ich lese alle Zeilen durchgängig auftaktig betont XxXx; bei der Zeile mit dem "wie" ist das allerdings schwach ausgeprägt. Andererseits spielt das Metrum hier eigentlich keine Rolle. Ich verstehe es als freies Gedicht, bei dem der Schwerpunkt der Wirkung aus den Bildern kommt.

    Corona hatte ich persönlich nicht vor Augen, aber klar, daran kann man denken.
    Vorgestellt habe ich mir einen großen nächtlichen Bahnhof in den Stunden, in denen nur wenige Züge ankommen und abfahren, der Verkehr fast zum Erliegen kommt, kaum noch Menschen da sind ...

    Am "Lebensbahnhof" sieht es auch manchmal so aus ;--).

    Aber am nächsten Morgen geht's weiter ....

    Gruß Lé.
    Geändert von L'étranger (24.10.2020 um 11:16 Uhr)
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  4. #4
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    Hallo Lé!

    In S4 Z1 fehlt meiner Meinung nach ein Fragezeichen. Sonst fragt man sich, ob's eine Frage ist oder nicht. Es ist aber ja wohl so gemeint?
    Auch wenn du sonst auf alle Satzzeichen verzichten möchtest: hier würde ich's setzen, stören täte es nicht. Meine Ansichten zu dem Thema kennst du ja.

    Gruß
    Majolu

  5. #5
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    Lieber Majolu,

    du hast auf jeden Fall recht, was das Erkennen meiner Intention angeht.

    Ich hatte auch textliche Anregungen erhalten für den Fall, dass es keine Frage ist. Mich freut das. Ich hatte nämlich nach dem Entwurf jedes einzelne Wort (zuviel) entfernt, dass den Text zu sehr festlegt. Darum hier auch mal wieder völlig ohne Satzzeichen.

    Das ist hier aber wirklich kein Muss .

    Gruß Lé.
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  6. #6
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    hallo Lé,

    dein Gedicht erinnert mich an Bücher...Filme, welche ich irgendwann mal gesehen habe...oder auch frühere eigene Reisen durch Italien...ja diese Gerüche und Stimmiungsbilder (vorallem nachts) wecken Erinnerungen wieder.
    Wahrscheinlich selbst auch erlebt um diese so treffend zu zeichnen.

    lg esther

  7. #7
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    Hallo Esther,

    das ist das Gute an solchen Bilder, wie der Bahnhof eines ist - dass so viele Menschen eigene Eindrücke und Erfahrungen dazu haben .

    Gruß Lé.
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  8. #8
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    Hallo Lé

    Schön melancholisch und gut bebildert (insbesondere "Bahnhofshimmel" "Glashaus" "rote Samtvorhänge").

    Zwei Dinge vielleicht, aber das ist wirklich nur Jammern auf hohen Niveau: orange=weg, grün=neu


    wieder warten
    auf der kalten bank
    in dem kleinen glashaus
    unterm hohen kalten bahnhofshimmel - mir sind das zu viele Adjektive für diese knappen Zeilen; außer in "kalt" sehe ich sonst keinen Nutzen in diesen Zusatzinformationen.

    unermüdlich die tauben
    wie sie alles aufpicken
    was das leben man für sie fallen lässt - "das leben" ist mir hier zu groß und drückt eigentlich schon aus, was sich ja erst durch das Bild ergeben sollte; "man" wäre mE hier genau richtig, weil unbestimmt

    spätzug aus verona
    alte rote samtvorhänge - "alt" ergibt sich als "jahrzehnten"
    riechen nach jahrzehnten

    fährt noch ein zug?

    morgen früh
    irgendwann

    Gerne gelesen!

    Lieben Gruß
    albaa

  9. #9
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    Hallo albaa,

    du hast recht, was die vielen Adjektive angeht. Die hätte ich bei meiner Textbereinigung mit berücksichtigen sollen. Ich habe das jetzt nachträglich getan.

    Nachdem das Fragezeichen gegen Ende hin so oft gewünscht wurde, habe ich mich da jetzt auch den Lesern gebeugt. Das war ja nicht teuer

    Gruß Lé.
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  10. #10
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    Hei Lé,

    ein schönes Stimmungsbild, aber jetzt warte ich erst einmal auf die von dir angekündigten Korrekturen.

    LG Sid
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  11. #11
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    Hallo Sid,

    Danke für den Hinweis. Ich hatte wohl geändert und vergessen zu speichern.

    Gruß Lé
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  12. #12
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    hallo Le

    eine angenehme reise im librischen sinne
    ein schöner melancholischer unterton der durch jede zeile schwingt
    ich deute die zeilen allerdings nicht im einzelnen, sondern eher als strophe um zu versuchen ihre essenz zu entschlüsseln

    wieder warten
    auf der bank im glashaus
    unterm kalten bahnhofshimmel
    - Einsamkeit
    warten bestimmt das halbe leben
    es steht wunderbar im bezug zur passivität
    zeit vergeht, sitzen, glashaus als aspekt völliger durchsichtigkeit/schutzlosigkeit
    alleine sein an einem sonst sehr regen ort

    unermüdlich die tauben
    wie sie alles aufpicken
    was man für sie fallen lässt
    - selbstaufgabe
    das "geben" um es anderen leichter zu machen, wirkt hier sehr beiläufig
    die tauben sind der nehmende aspekt, sie wirken gerade zu gierig auch alles restlos zu bekommen
    sie profitieren von jemanden der alles für sie gibt

    spätzug aus verona
    rote samtvorhänge
    riechen nach jahrzehnten
    - resignation/stagnation
    gefühlt steht für mich hier die zeit still, aufgrund der betagtheit des zuges
    lyr.ich wirkt der zug sehr bekannt, er gehört zu seinem alltagstrott

    fährt noch ein zug?
    - Neuorientierung/Infragestellung
    die frage danach ob noch ein zug fährt, bezieht sich nicht auf den darauf folgenden zug oder jeden darauf folgenden zug, sondern im allgemeinen bezieht sie sich eher auf die frage nach einer weiteren möglichkeit einer reise
    man sucht andere möglichkeiten um aus seinem trott auszubrechen

    morgen früh
    irgendwann
    - Erkenntnis/Lösung aber ungewissheit
    anstatt alltäglich und wie gewohnt in die kälte der nacht zu fahren, wird eine lösung in bezug gelegt in den morgen zu fahren
    eine tatsächliche änderung wird in erwägung gezogen
    aber der zeitfaktor "irgendwann" weist daraufhin, das lyr.ich wohl selber noch nicht wirklich bereit dazu ist, aus seinem alltag auszubrechen, aber sein ziel nicht aus den augen verliert

    ein schönes freies gedicht

    jetzt könnte man noch überlegen wofür die dezenten farbverläufe in den strophen stehen
    manche sind nicht konkret benannt, aber dennoch vorhanden aus meiner sicht zumindest ist rot nicht die einzige erkennbare farbe


    wieder warten
    auf der bank im glashaus
    unterm kalten bahnhofshimmel
    (glas) transparenz - kaltblau (himmel)
    unterschwellig eine recht frostige szenerie
    stehend für die umgebung
    transparent sein ist immer ein aspekt der durchschaubarkeit, etwas das für andere offensichtlich ist, sich aber für einen selbst wie eine durchsichtige mauer nach außen richtet
    glas schützt nicht von außen, noch von innen
    glas legt alles offen und etwas das in glas offen liegt zu schützen endet meist in einem scherbenhaufen, was andere und einen selbst zu verletzen imstande ist

    unermüdlich die tauben
    wie sie alles aufpicken
    was man für sie fallen lässt
    (taube) weißblau
    die bedeutung der taube unterliegt dem des hoffnungsträgers, auf sie wird hoffnung gelegt, aber ihre farbe ist wie eine maskerade
    der körper ist weiß, ihr kopf ist blau was eine klare trennung der farben hervorruft
    das weiße der reinheit im bezug auf das vertrauen ins blaue hinein, tendenz zur fehlenden/einseitigen kommunikation

    spätzug aus verona
    rote samtvorhänge
    riechen nach jahrzehnten
    (spät/nacht) schwarz - rot (klar benannt, samtig, aber sicht eindämmend)
    eventuell ist verona weniger als ort zu verstehen, höchstens als ort von dem man sich entfernt, verona könnte auch für eine person stehen, jemandem dem lyr,ich in vergangenen zeiten nachtrauert, vielleicht ist sogar der zug selbst mittlerweile für lyr.ich zur verona geworden, ein ort der trennung innerhalb seiner alltäglichkeit welchen er mit vielen erinnerungen gleichstellt
    rot im bezug zur liebe welche aber durch einen samtenen vorhang verdeckt wird, vermutlich wurde liebe als solches nie geäußert
    selbst nach jahrzehnten nicht und eventuell gibt es die möglichkeit auch nicht mehr seine liebe zu vermitteln,
    zu erkennen an dem leichten gold das in den jahrzenten liegt, die goldenen zeiten sind vergangen

    fährt noch ein zug?

    morgen früh
    irgendwann
    (morgen) rot-gelb, hauptaugenmerk auf gelb gerichtet
    gelb ist neugier, glück und wohlstand
    vermischt mit dem rot weist es daraufhin, das diese aspekte für einen neubeginn in erwägung gezogen werden
    aber erst wenn die zeit dafür gekommen ist, denn lyr.ich ist noch nicht bereit dazu los zu lassen

    das gedicht habe ich sehr gerne gelesen
    lg mythenfreund
    Mein eigenes kleines Werkeverzeichnis
    Mythenwelten

    Schöne Werke anderer Dichter auf diesen Seiten
    Meine Leseempfehlungen

  13. #13
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    Hallo Mythenfreund

    ich freue mich sehr über deine ausführliche Beschäftigung mit diesem Gedicht.

    Jemand sollte das in dem Faden "Kritik des Monats" benennen. Ich glaube, ich darf das nicht .

    Ich schätze deine wertschätzende, fantasievolle, detaillierte Art, dich mit solchen Texten.zu beschäftigen, und genieße in diesem Fall das Ergebnis ganz besonders.

    Gruß Lé.
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    Karl Kraus




  14. #14
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    Hallo L'étranger,
    nachdem ich heute schon über eins deiner Gedichte etwas gemeckert habe, war ich neugierig auf andere Werke von dir.
    Ich bin über dein „warten“ gestolpert und sehr froh darüber. Denn was soll ich sagen, es ist toll und ich habe es in meine Lieblingswerke aus dem Forum übernommen.
    Das Gedicht wurde hier schon ausführlich besprochen, aber dennoch möchte ich es mir nicht nehmen lassen dir mein Gefallen und mein Lob auszusprechen.
    Also hier noch ganz kurz:
    Dein Warten überzeugt durchgängig – sehr treffende Bilder (besonders toll finde ich den Spätzug nach Verona) dieser Momentaufnahme, die allesamt ein melancholisches Gefühl erzeugen, gepaart mit der „anderen“ (einer wie ich finde auch positiven Seite der Melancholie. Einer Sehnsucht nachhängen, was auch ein schönes und hoffnungsvolles Gefühl in einem wecken kann.
    Dein „Warten“ hast du hier sowohl physisch als auch geistig wirklich wunderbar umgesetzt.

    Liebe Grüße
    Question

  15. #15
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    Hi Question,,

    danke fürs Lob.

    Ich würde dir ja gerne noch ein paar andere Gedichte von mir empfehlen , aber man soll nicht so unersättlich sein.

    Gruß Lé.
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