1. #1
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    Was weiß denn ein weißes Blatt?

    ...weiß ein weißes Papier,
    dass es weiß ist,


    ...wenn es die Segel streicht
    und gebleicht, fahl und
    im frühen Morgenwind
    zufällig durch ein offenes Fenster
    irgendwem vor die Füße fällt?
    Was fällt ihm ein? Wer hatte das Fenster geöffnet?
    Dem Blatt scheint da draußen die ganze Zeit
    jedenfalls nichts besseres eingefallen zu sein
    als sich genau hierher zu legen.
    Es hat den richtigen Moment abgepasst.

    Als wenn es sie überhaupt gäbe,
    den richtigen Moment,
    diese herbstlich gereifte Unschuld.
    Ist denn der Kuli bereits informiert,
    was er darauf mit ernster Mine
    zu Papier bringen will?
    Und weiß jener Stift,
    dass er kein Meister mehr ist?

    Weiß die zitternde Hand,
    was ihm der Geist gestern noch
    im Schlafe bei gefalteten Händen vorgebetet hat,
    um für diesen Fall vorbereitet zu sein.
    Was will er uns eingeben, was wird er uns diktieren?
    Ist die besorgte (sagen wir mal rechte) Hand d i e Hand,
    quasi unsere rechte Hand oder seine?
    Ist diese darüber in Kenntnis gesetzt,
    was die linke Hand jetzt vor hat,
    die lieber keinen flüchtigen Gedanken
    mehr verschwenden und alles wieder zerknüllend
    verschwinden lassen will,
    zur Vermeidung von Flüchtigkeitsfehlern.
    Was ist mit der rechts- links- Schwäche?

    Weiß der Mensch,
    dass er mit seinen flüchtigen Gedanken
    längst Sklave einer Welt der Vernunft geworden ist,
    die er ständig in sich und mit sich trägt?
    - die er sich nicht mehr ausdenken kann,
    - die er sich sogar selbst künstlich erschaffen hat,
    über Jahrhunderte, im Anflug seines kindlichen Spieltriebes,
    aus welcher ein Fluchtgedanke mit der Zeit unmöglich erscheint,
    weil er sich hinter seinen Logo- Steinchen
    einmauert und darin teuer eingerichtet hat.

    Und weiß diese alleingelassene,
    isolierte Vernunft noch,
    wes Geistes Kind sie ist,
    die nun mutterseelenalleine irgendwo
    ohne festen Wohnsitz,
    vielleicht mittlerweile in ein Schreibprogramm
    von Silicon valley eingepflegt und -gebunden,
    oder stöbernd, sehr edel in Leder gebunden,
    sich selbst aufgegriffen und wiederentdeckt hat,
    in einer der größten Staatsbibliotheken der Welt,
    vielleicht aber auch gerade völlig ahnungslos
    im eigenen privaten Oberstübchen als
    frisch aufgekratzte Kopfgeburt ...

    Hält sich die Künstliche Intelligenz
    solche vernunftbegabten Menschen als Haustiere
    oder in kollektiven Denkfabriken?
    Wer füttert wen womit,
    damit Neues aus eigenem Erleben und Futter entstehen kann?
    Wann ist das Futter aufgebraucht?
    Wird der Geist am Ende der Nahrungskette
    zum Schluss von rostigen Robottern gefüttert,
    und an den Tropf gehängt
    oder wird er sich irgendwann
    endlich selbst ernähren können
    und als Hermaphrodite, als Gott,
    als Big Data oder KI
    ins ewige Licht emporsteigen?

    Wer ist der künftige stolze Vater des Gedankens,
    und wer brütet ihn aus?
    Wer ist die Mutter aller Gedanken?
    Kann der Intellektuelle erkennen,
    dass er bereits selbst nur noch abgehoben schwebt,
    wie ein wahrhaftiger Geist,
    unwirklich, ohne Bodenhaftung
    und ohne jegliche Bedeutung?
    Welchem Geist will er denn noch dienen
    außer sich selbst ?

    Alle üblichen Wege sind bereits tief ausgetreten
    und zu unüberwindlichen Gräben geworden,
    denen man nichts mehr zutraut
    und auf den Grund gehen möchte,
    weil auch überhaupt kein Grund mehr dafür besteht.
    Weiß das Bewusstsein mittlerweile
    genaueres über das Bewusstsein?
    Wissen wirklich alle Bescheid?

    Weiß dieses weiße Papier
    eines unschuldig gereiften, kindlichen Gedankens,
    dass es nicht mehr weiß ist,
    und gerade, wie man wieder deutlich feststellen konnte,
    sinnlos verschwendet und bekritzelt wurde,
    dass es wie ein Lastensklave für zehn Minuten
    das Gewicht einer Kulispitze tragen musste,
    dass es unschöne Kulikratzer abbekommen hat,
    die seine Unschuld zerstört haben,
    dass es die völlige Sinnfreiheit ertragen musste?
    Wie wird es dieses Erlebnis künftig umsetzen?

    Wer achtet denn hier ein wenig auf die knappen Ressourcen
    eines frischen, fleischlosen Geistes,
    der zu uns hereingeschneit kommt?
    Gibt es einen Lüftungsplan,
    ein Konzept oder so etwas ähnliches ?
    Nur wo gelüftet wird, ist auch ein Ausweg
    aus diesen geschlossenen Denkkreisen.
    Doch wer braucht schon Auswege oder neue Gedanken?
    - wenn sie keiner ernsthaft einfordert und sucht,
    nur weil mit den Logo- Steinchen zufällig
    die eigene Kreativität eingemauert worden ist,
    die eine starre Welt erschaffen hat.
    Und wer kennt sich in diesem Laden
    von quer- und zerdachten Wiederkäuern so genau aus...


    ...wo doch bereits schon alles Erdenkliche gesagt worden ist,
    wo sich der Geist mittlerweile selbst annagt,
    sich quasi selbst ernährt
    und sich gelangweilt vor den Bildschirmen der Welt
    anschweigt,
    weil er sich nichts mehr zu sagen hat,
    in Endlosschleifen seiner Endlosserien
    selbstzufrieden im Recyclingbecken seiner eigenen Ideen.
    Bis er wieder irgendwann geistlos im Nichts verschwindet,
    zu neuen Ufern,
    wo ihm schon wieder andere Geister und Gespenster entgegenkommen,
    die darauf gelauert haben, ihn abzulösen,
    die sich auch mal auf Menschen einlassen wollen.
    Wenn doch nur mal jemand das Fenster öffnen würde,
    es wird wieder Zeit...
    Geändert von Anjulaenga (25.11.2020 um 11:18 Uhr)

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