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Thema: Lockeriamben

  1. #16
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    Hallo Miserabella!

    Hm ... Wie du schlussendlich vorträgst, ist das eine; die "metrische Erfassung" das andere?! Und da, meinem Eindruck nach, kann der erste Versfuß hier als "normal iambisch" durchgehen; das wäre ja "Senkung - Hebung", und dem entspricht in V2, V3 die Abfolge "Adverb (leichter) - Verb (schwerer)", wobei zusätzlich die zweiten Silben einen stärkeren Vokal haben. Also vielleicht ein "kräftiger Iambus", aber immer noch ein Iambus?!

    Gruß,

    Ferdi
    Geändert von Ferdi (02.12.2020 um 01:18 Uhr)

  2. #17
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    Lockeriamben (4): Der Spondäus

    Eine weitere Möglichkeit für Abwechslung am Versanfang iambischer Verse: Der erste Iambus wird durch einen Spondäus ersetzt, also zwei glechwertige, schwere, betonte Silben. Für ein Beispiel hier die ersten Verse von Albrecht Schaeffers "Waffenkammer" (aus "Der göttliche Dulder", Insel, Leipzig 1920, S. 305): Odysseus und Telemachos planen / organisieren die Rache an den Freiern. Der Vers ist kein iambischer Fünheber, sondern ein iambischer Sechsheber mit ausschließlich männlicher Endung, ziemlich ähnlich dem antiken iambischen Trimeter:

    Die Türe fiel ins Schloss. Da waren sie allein,
    Vater und Sohn, in dunkler Waffenkammer, nur
    Durch einen schmalen Gang getrennt vom großen Saal.
    Doch drang kein Laut in diese Stille, die hier so
    Seit Jahren stand, wie auch die Luft, die kühl und dumpf
    Sich kaum bewegte. Langsam aber kam, von hier
    Und dort, ein ruhiger Geruch durch Finsternis:
    Von Holz, von Rosshaar, Leder und dem Erz, gehüllt
    In altes Öl, bedeutend leise: Helmbusch, Schild,
    Speer, Köcher, Leibgurt – und auf einmal war die Nacht
    Des Raumes voll mit kriegerischem Zeug. Da sah
    Der Sohn, des Auge suchend aufwärts ging: ein Stern
    Stand bläulich weiß in einem bleichen Rund, das still
    Im Schwarzen schwebte. Seltsam war dies anzusehn,
    Doch gut, wie eines Gottes fernes, fernes Aug.


    V2 ist eine versetzte Betonung, der Vers verlässt dabei durch den kräftigen Sinneinschnitt die "iambischen Gefilde" nicht. V10 hat dann einen Spondäus am Beginn – "Speer, Köch-"! Die beiden Silben sind gleichwertig und kommen sich durch die Sprechpause zwischen ihnen auch nicht ins Gehege; keine "drückt" die andere.

    Ähnliches findet sich aber auch im iambischen Fünfheber, zum Beispiel in Robert Hamerlings "Ahasver in Rom":

    Von Neros Bacchanal ist hingestürmt
    Die wüste rasende Bacchantenschar
    Und fällt in Romas Gassen lärmend ein
    Mit Zimbelklang und lautem Evoe.
    An ihrer Spitze, siehe, trabt Silen:
    Behängt ist seines Langohrs Haupt mit Weinlaub
    Und frischen Rosenkränzen, dran das Tier
    Behaglich rupfend nascht, indes der Reiter
    Roms Pöbel aufruft, fröhlich mitzuschwärmen
    Im Festesjubel, der den neuen Gott
    Der Erde feiert, Nero-Dionysos.


    Da könnte man in V9 "Roms Pö-" als Spondäus ansehen?! Ansonsten sind das soweit ganz gewöhnliche Blankverse – anderswo sprengt aber im "Festesjubel" nicht nur das Beschriebene, sondern auch die Sprache der Beschreibung manche Grenze:

    Die Bacchen zünden Feuer an, zu schmoren
    Das saft'ge Wild, das rasend sie zerstücken.
    Mit Thyrsusstäben aus bemoosten Felsen
    Goldströme süßen Weines schlagen sie,
    Dem eine Würze beigemischt, die heimlich
    Den kält'sten Sinn entflammt zur Raserei.
    Ausstreu'n sie Früchte, süße, goldig schimmernd,
    In deren Säften Liebeszauber glüht.
    Musik erschallt entzückend, Silberbronnen
    Erklingen drein und schleudern duft'gen Regen,
    Die Luft mit lieblicher Narkose würzend,
    Die alle Sinne wunderbar befängt.
    Bald hier, bald dort aufsteigen in den stillen
    Nachthimmel aus den Büschen Feuergarben,
    Raketen, gleich als ob das Dunkel
    Aufjubelte in heller Glutentzückung.

    Da ist was los ... Der Satzbau löst sich dabei einigermaßen auf, und auch eigentlich getrennte Verbbestandteile bleiben aneinander kleben: V7, "Ausstreu'n" – und da hat man dann im Vortrag kaum eine andere Möglichkeit, als diese Silben spondäisch zu sprechen?! "Aufsteigen" in V13 macht das gleich noch einmal, aber im Versinnern; "Goldströme" (V3) und "Nachthimmel" (V14) sind schwebende Betonungen; und das "Aufjubelte" in V15 ist die Umdeutung des iambischen "x X x X" in einen fallenden Ionikus, "X X x x" (müssten wir eigens besprechen). Es wird also etwas geboten!
    Geändert von Ferdi (04.12.2020 um 15:17 Uhr)

  3. #18
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    Hallo Ferdi,

    jetzt, so hoffe ich, habe ich es verstanden.
    Im Gedicht von Mörike sind das, in Bezug auf ihre natürliche Betonung (ich denke, ich werde da gerne von den Betonungslängen der Silben abgelenkt), keine kontrastreichen Jamben, aber Jamben.

    Stünde am Versanfang z. B. "Lautlos", wäre das ein Trochhäus und somit eine Betonungsverschiebung.
    Wogegen "Ausstreu'n", das ja ebenfalls von der natürlichen Betonung her ein Trochäus ist, durch die starke Nebenbetonung von "Streu'n" und die Stellung im Vers nun gleichwertig spondäisch betont wird.

    Wenn ich dich richtig verstanden habe, gibt es einen Unterschied zwischen spondäisch betont und schwebender Betonung, die darin besteht, dass ich bei der schwebenden Betonung noch die Wahl habe, die entsprechende Silbe weniger stark zu betonen, während diese Möglichkeit bei einer spondäischen Betonung kaum oder keinen Spielraum lässt?

    LG,
    Mi

  4. #19
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    Hallo Miserabella!

    Hm ... Vielleicht so: Die meisten Möglichkeiten, die iambische Verse in Bezug auf Abwechslung haben, lassen sich als das Ersetzen eines Iambus durch einen anderen Versfuß beschreiben: Spondäus, Trochäus, Anapäst, Pyrrhichius (die letzten beiden kommen noch), im Falle eines Doppeliambus auch der Ioniker a minore. In allen Fällen gilt aber: Die Wörter, die diese "Ausweichfüße" füllen, sind dieselben, die auch in einen rein iambischen Vers passen! Bei der schwebenden Betonung liegt der Fall anders: Der Versfuß ist immer noch ein Iambus, aber er wird von einem Wort besetzt, das dafür eigentlich nicht geeignet ist; und um dann trotzdem einen dem Vers angemessenen Vortrag zu erreichen, wird die Betonung eben "schwebend", also verteilt. Es ist wirklich der Kampf um diese "unpassenden" Wörter; der Wille, einen Weg zu finden, sie für den Vers nicht ganz zu verlieren.

    In der Aussprache, im wirklichen Vortrag unterscheiden sich schwebende Betonung und Spondäus nicht wirklich, glaube ich. Theoretisch müssten sie's – einmal wird das Gewicht einer Hebung über zwei Silben "verschmiert", das andere Mal haben beide Silben hebungsentsprechendes Gewicht. Aber das ist nicht verwirklichbar, oder besser: nicht sauber abgrenzbar?!

    Das "Ausstreu'n" ist hier spondäisch nicht nur aus dem Wort heraus, sondern auch aus seinem ungewöhnlichen Gebrauch: Es steht eben nicht "Sie streu'n Früchte aus" da, sondern "Ausstreu'n sie Früchte"; und immer, wenn das geschieht, wenn ein trennbares Verb nicht gemäß der Regel getrennt wird, sondern zusammenbleibt, gewinnt die Form, gewinnen ihre Silben viel mehr Aufmerksamkeit, sie werden langsamer und gleichwertiger gesprochen, also: spondäischer. Das wird ja auch im Hexameter zur "Spondäengewinnung" genutzt!

    Doppel-Hm.

    Wenn du gelegentlich darauf achtest: Das ist dann auch eine Möglichkeit, schwebende Betonung und Spondäus vielleicht nicht eindeutig als Begriffe zuzuordnen, aber doch als bevorzugte Möglichkeit zu benennen. Denn die Worte der Form "Starkbetont-Nebenbetont-Schwachbetont" sind ja oft Zusammensetzungen: "Nachthimmel". Sind diese Zusammensetzungen vertraut, bekommt die zweite Silbe nicht mehr so viel vom Betonungskuchen ab; sind es aber seltene oder sogar für den Text neugebildete Zusammensetzungen, bekommen beide Silben mehr Aufmerksamkeit, sie werden bei geringerer Sprechgeschwindigkeit vereinzelt und in etwa gleichwertig betont: "Nachteumel". Der Anfang von Christian Morgensterns "Kinderliebe":

    Nach Klostersitte floss dein wollen Kleid
    in grauer Strenge faltenlos zum Fuß,
    doch drüber hin, gelöst und quellend reich,
    des sanftesten Marienkopfs Gelock.
    Braunaugen, wie von stiller Gluten Wehn
    erschimmernd, sich verschleiernd – strahlt ihr noch? ...


    Im Vortrag bekommt das "Braunaugen", weil ungewöhnlich, eher einen spondäischen Eindruck?!

    Aber ich denke, das sind Randbereiche, in denen schon der einzelne Leser bestimmend ist, und allgemeine Aussagen richtig schwe werden. Ich habe ja auch zum Beispiel einen "Mörike-Ton" im Ohr, weil ich ihn seit vielen Jahren regelmäßig und gern lese; und es wunderte mich nicht, wenn dieser Ton mich gelegentlich verführte, die rhythmischen Eigenheiten eines Textes auf seiner Grundlage zu bewerten statt auf einer allgemeinen.

    Schwierig, das alles ...

    Gruß,

    Ferdi

  5. #20
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    Lockeriamben (5): Der logische Spondäus

    Manchmal erfordert der innere Zusammenhang eines Textes die Hervorhebung einer Senkungssilbe; und das führt dann zu einem "logischen" Spondäus, eben einem Spondäus, der sich aus der Satzlogik ergibt. Viele Verfasser haben solche Silben im Schriftbild hervorgehoben – Christian Morgenstern, "Übermut":

    Einher zu gehn, den freien Kopf
    sechs Fuß hoch über der Erde!
    genug, dass aus dem ärmsten Tropf
    ein stolzer König werde.

    Die Brust wird breit, die Hüfte leicht,
    das Auge Glut und Glanz.
    Ihr Toren, die ihr kriecht und schleicht,
    m e i n Gang ist eitel Tanz.


    S1,V2 ist auch einen Blick wert; aber der logische Spondäus findet sich im Schlussvers und wird durch das gesperrte "mein" auch für's Auge als solcher gekennzeichnet!

  6. #21
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    Hallo Ferdi,



    in meinem Hinterkopf vibrierte schon etwas die Vermutung, dass ich mit meinen Fragen auch fließende Übergänge berühre, die sich nicht so einfach in Stein meißeln lassen. Ich bin nun froh, sie dennoch gestellt zu haben, denn das ein und das andere klärt sich und auch die persönlichen Einflüsse, die mitschwingen können, hast du umsichtig bedacht.


    Jetzt habe ich zu V2 in dem Gedicht von Morgenstern eine Frage:


    Einher zu gehn, den freien Kopf
    sechs Fuß hoch über der Erde!
    genug, dass aus dem ärmsten Tropf
    ein stolzer König werde.


    Ich würde das so interpretieren...

    XXXXxxXx

    ...und frage mich wie die Doppelsenkung zustande kommt. Ist das ein Ionikus, den du ja schon angekündigt hattest?


    LG,
    Mi

    Kleiner Hinweis: In Beitrag # 17 kam wohl in der vorletzten Zeile ein kleiner Verschreibsler angetippelt.
    Geändert von Miserabella (04.12.2020 um 15:38 Uhr)

  7. #22
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    Hallo Miserabella!

    Da lässt du den "Übermut" des Titels aber sehr lautstark zu Wort kommen mit gleich zwei Spondäen zu Versbeginn! Den ersten läse ich auch; wenn du den zweiten auch noch hast, bildet der mit den folgenden beiden schwach betonten Silben eine Art von Ioniker a majore. So ganz überzeugt mich das nicht, einfach weil die Einteilung nach Sinneinheiten eher so aussieht:

    — — —, — ◡ ◡ — ◡

    Aber wenn du da einen Ioniker annehmen möchtest: Einverstanden, das geht sicher auch! Was ich meinte, war aber das Ersetzen eines zweifachen Iambus, "x X x X", durch einen Ionikus a minore, "x x X X". Die zwei unbetonten Silben in Morgensterns Vers kommen jedenfalls zustande, indem ein Iambus durch einen Anapäst ersetzt wurde – was hübsch zum nächsten Eintrag überleitet.

    Gruß,

    Ferdi
    Geändert von Ferdi (07.12.2020 um 13:27 Uhr)

  8. #23
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    Lockeriamben (6): Der Anapäst

    Viele iambische Formen haben die Möglichkeit, die Senkungsstellen wahlweise mit einer oder zwei schwachbetonten Silben zu besetzen, was man auch als die Möglichkeit sehen kann, wahlweise einen Iambus oder Anapäst zu setzen. Oft ist diese Erscheinung aber nicht ein Abweichen von einem als rein iambisch wahrgenommenen Grundrhythmus, sondern diese ungeregeltere Bewegung ist selbst die wahrgenommene Grundbewegung! Häufig findet sie sich in Volksliedstrophen – oder Kunstliedstrophen, die dem Volksliedbeispiel nachempfunden sind. Viele, viele Strophen Heinrich Heines sind so gebaut, zum Beispiel die ersten beiden Strophen von "Die Ilse":

    Ich bin die Prinzessin Ilse,
    Und wohne im Ilsenstein;
    Komm mit nach meinem Schlosse,
    Wir wollen selig sein.

    Dein Haupt will ich benetzen
    Mit meiner klaren Well,
    Du sollst deine Schmerzen vergessen,
    Du sorgenkranker Gesell!


    Hier, in diesem Eintrag, soll aber der andere Fall vorgestellt werden: Die Grundbewegung ist iambisch, und der nur ausnahmsweise Austausch eines Iambus gegen einen Anapäst wird als deutliche Abweichung vom Grundrhythmus erfahren! Noch einmal Albrecht Schaeffer, Der göttliche Dulder, Insel 1920, S. 155 – das Ende der Begegnung mit den Sirenen:

    Vorüber fährt das Schiff, und fern verlor
    Sich Süßigkeit, Gesang zerschmolz, versank
    Vor taubem Ohr und taubem Holz, wie vor

    Eines Schiffes Bild und Bildern nur von Männern.
    Sie schnitten ihn ab. Er stürzte wie ein Ast,
    Der überdauerte in harten Jännern,

    Und der am Blitz des Sirius verdorrte.
    Stoßender Atem zeigte seine Rippen,
    Und blutberonnen zitterten die Lippen.
    Er lachte starr und redete irre Worte.


    Von den bisher schon besprochenen "Lockerungen" findet sich in V8 eine versetzte Betonung, aber das nur am Rande. V1–V3 machen klar, dass der Text einen sicheren fünfhebigen Iambus als Grundlage hat; dann folgt mit V4 ein Vers, der zwölf Silben hat, und das ist eine mehr, als ein regelrechter fünfhebiger Iambus haben kann! Ein näherer Blick zeigt, dass gleich das erste Wort, "Eines", als zweisilbige Senkung gelesen werden muss (was zumindest mir gar nicht so leicht fällt; eine sichere Betonungs-Linie aus dem einen in den anderen Vers zu finden, scheint trickreich?!).
    Auch in V5, "-ten ihn ab", findet sich ein Anapäst an Stelle eines Iambus, und dann noch einmal im Schlussvers, "-dete ir-". Das ist fast schon ein wenig viel; aber ich denke, es wird immer noch als Abweichung erfahren, nicht als grundlegende Eigenschaft des verwendeten Verses?!

  9. #24
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    Hallo Ferdi,



    oh stimmt, eine solche Hervorhebung bei "Sechs (menschliche) Fuß über den Boden" dürfte tatsächlich eher in der Welt der Ameisen angebracht sein und ist in der menschlichen Dimension ja nicht so ungewöhnlich.

    Bei mir sammeln sich nun ein paar Fragen, von denen ich gerne zwei stellen möchte:


    Werden die unterschiedlichen Möglichkeiten einen Jambus aufzulockern unter dem Begriff Füllungsfreiheit summiert oder ist das wieder etwas anderes?


    Und:


    Wie würdest du das Gedicht von Mörike "Um Mitternacht" betrachten?
    Wechselt in V5 der metrische Grundcharakter oder sind das weiterhin "Lockeriamben" ?


    Gelassen stieg die Nacht ans Land,
    Lehnt träumend an der Berge Wand,
    Ihr Auge sieht die goldne Waage nun
    Der Zeit in gleichen Schalen stille ruhn;
    Und kecker rauschen die Quellen hervor,
    Sie singen der Mutter, der Nacht, ins Ohr
    Vom Tage,
    Vom heute gewesenen Tage.




    Vielen Dank,
    Mi
    Geändert von Miserabella (08.12.2020 um 00:22 Uhr)

  10. #25
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    Hallo Miserabella!

    "Füllungsfreiheit" ist meistens der Begriff für eine grundsätzliche Möglichkeit eines Verses: Die Senkungsstellen können mir einer beliebigen Anzahl von schwach betonten Silben besetzt werden. Was ich hier unter "Lockeriamben" vorstelle, läuft eher unter "metrische Lizenz": Möglichkeiten, die dem Verfasser offenstehen, aber nicht häufig genug sind, als dass sie zur Grundausstattung eines Verses gezählt werden.

    "Um Mitternacht" ist sicherlich aus verschiedenen Versarten zusammengesetzt. Da hilft auch ein Blick auf die zweite Strophe: Die ist genauso gebaut, und dann kann es keine zufällige, ausnahmsweise mögliche Gestaltung sein.

    Gruß,

    Ferdi
    Geändert von Ferdi (10.12.2020 um 11:47 Uhr)

  11. #26
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    Hallo Ferdi,


    ah, gut. Danke. Ich war mir nicht ganz sicher, fand aber auch, dass M. an den entsprechene Stellen (Strophe 1 und 2) in eine ander Grundgangart wechselt.

    Lg,
    Mi

  12. #27
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    Lockeriamben (7): Der Pyrrhichius

    "Pyrrhichius" meint: zwei leicht betonte Silben, "◡ ◡". Dieser antike Versfuß wird in der deutschen (im Gegensatz zum Beispiel zur englischen) Metrik nicht verwendet; ich möchte ihn hier aber doch dabei haben, weil er die "Der Iambus wird ersetzt durch ..."-Reihe sinnvoll fortsetzt. Diese Ersetzung findet sich eher im Versinnern, als Beispiel einige Verse vom Anfang des "Tasso" (Johann Wolfgang Goethe):

    Ich höre gern dem Streit der Klugen zu,
    Wenn um die Kräfte, die des Menschen Brust
    So freundlich und so fürchterlich bewegen,
    Mit Grazie die Rednerlippe spielt;
    Gern, wenn die fürstliche Begier des Ruhms,
    Des ausgebreiteten Besitzes Stoff
    Dem Denker wird, und wenn die feine Klugheit,
    Von einem klugen Manne zart entwickelt,
    Statt uns zu hintergehen uns belehrt.


    Des aus- / gebrei- / teten / Besit- / zes Stoff

    ◡ —, ◡ —, ◡ ◡, ◡ —, ◡ —

    Solche von einer eigentlich nicht wirklich "hebungsfähigen" Silbe besetzten Hebungsstellen im Vers sind eine ganz gewöhnliche Sache – in den bisher im Faden vorgestellten Texten werdet ihr reichlich finden, und auch hier sind einige vertreten. Richtig deutlich wird der Vorgang allerdings, wenn wie hier in V6 zwei reine Ableitungssilben den Versfuß bilden - "teten". Da kommt eigentlich niemand auf den Gedanken, die zweite Silbe im Vortrag zu betonen?! Und tut man es nicht, schadet es dem Vers nicht; im Gegenteil, er gewinnt an Lebhaftigkeit und Abwechslung. Nur sollte man sich gut überlegen, es im fünfhebigen Iambus mehr als einmal je Vers zu machen – dann wirkt er leicht kraftlos und etwas unbestimmt.

    Darüber hinaus hat "Pyrrhichius statt Iambus" auch den Vorteil, dass auf diesem Weg Wörter, die eigentlich nicht "iambentauglich" - weil eher daktylisch - sind, trotzdem verwendet werden können. Wie vorher schon erwähnt: Man muss um die Wörter kämpfen, kein Vers sollte größere Gruppen von Wörtern ausschließen, wenn er allgemein tauglich sein will.

    (Ach ja, die deutschen Metriken sprechen eher davon, dass "der fünfhebige Iambus nur vier Hebungen verwirklicht", oder ähnlich; gemeint ist aber immer der gezeigte Effekt.)

  13. #28
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    Lockeriamben (8): Anwendung

    Noch sind nicht alle Möglichkeiten, iambische Verse aufzulockern, beschrieben; aber da die weiteren Möglichkeiten nicht mehr den Austausch iambischer Versfüße gegen nicht-iambische Versfüße beschreiben, ist es vielleicht sinnvoll, hier noch einige Beispiele für die Verwendung dieses Austauschs vorzuführen. Der Gedanke dahinter ist einfach ein "Traut euch" - nämlich, diese Lockerungen selbst zu versuchen und nicht immer im ganz strengen "Iambentrab" zu verharren.

    Das erste Beispiel ist "An die Nacht" von Richard Schaukal:

    Komm holde Nacht und hülle
    in deinen Mantel mich,
    die müden Augen fülle
    mit schwerem Schlafe, sprich

    ins Ohr voll Muttergüte
    die Worte tiefer Ruh,
    decke mit Blatt und Blüte
    des Traums mein Sehnen zu,

    lass mich die Pforte offen
    finden zum alten Glück,
    gib mir mein Kinderhoffen –
    und Kraft zum Tag zurück!


    V1 nimmt durch den einleitenden Spondäus langsam Fahrt auf, danach ist es aber eine rein iambische Bewegung bis zu V7, der mit einer versetzten Betonung beginnt; V8 ist wieder rein iambisch, aber dann kommen gleich drei versetzte Betonungen nacheinander (V9-V11), ehe das Gedicht, nach einer durch den Gedankenstrich gekennzeichneten Sprechpause, mit einem Vers schließt, der nicht nur rein iambische Versfüße hat, sondern sich darüber hinaus auch in den Wortfüßen iambisch bewegt:

    und Kraft / zum Tag / zurück!

    Mehr Iambus geht nicht?! Ganz allgemein ist das, was Schaukal hier macht, ein guter Bauplan: Er etabliert in den ersten Versen den (dreihebigen) Iambus als Metrum des Gedichts, solange, bis das Ohr ihn als Bezugsgröße anerkannt hat; dann folgt ein "Warnvers", der andeutet, dass es Veränderungen geben wird, und auch, welche; dann kommt die Veränderung, sogar so umfangreich, dass das Ohr fast irre wird, den Bezugspunkt verliert; und dann die Rückkehr zur eindeutigen, unverkennbaren Grundbewegung, mit der das Gedicht schließt!

    Ein anderes Beispiel, Theodor Storms "Meeresstrand", das die gleiche Strophe nutzt wie Schaukals Text – ich sage mal nichts dazu; schaut einmal selbst, was euch auffällt an Auflockerungen, und vor allem, wie sie eingesetzt werden!

    Ans Haff nun fliegt die Möwe,
    Und Dämmrung bricht herein;
    Über die feuchten Watten
    Spiegelt der Abendschein.

    Graues Geflügel huschet
    Neben dem Wasser her;
    Wie Träume liegen die Inseln
    Im Nebel auf dem Meer.

    Ich höre des gärenden Schlammes
    Geheimnisvollen Ton,
    Einsames Vogelrufen –
    So war es immer schon.

    Noch einmal schauert leise
    Und schweiget dann der Wind;
    Vernehmlich werden die Stimmen,
    Die über der Tiefe sind.
    Geändert von Ferdi (21.12.2020 um 21:16 Uhr)

  14. #29
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    Lockeriamben (9): Verkürzung

    Eine weitere Möglichkeit, den strengen Fluss iambischer Verse aufzulockern, besteht in der Verkürzung von Versen (das Gegenstück, die Verlängerung, gibt es auch, aber seltener). Noch einmal Richard Schaukal mit einem sehr kurzen, titellosen Text:

    Die Zeit der kleinen Lieder
    verging,
    die Zeit, da mir der Flieder
    voll Tau und Sonne hing
    ...

    Das ist im wesentlichen dieselbe Strophe, die Schaukal und Storm in den Beispielen aus (8) verwendet haben; allerdings ist der zweite Vers von drei Iamben auf einen Iambus verkürzt, was einen sehr eigenartigen, rauen, unvermittelten Eindruck ergibt! Inhaltlich stützt das dort stehende Wort, "verging", diese Entscheidung, und die Entscheidung das Wort ...

    Noch ein Beispiel für die Verkürzung im fünfhebigen Iambus, einige Verse aus "Orpheus. Eurydike. Hermes" von Rainer Maria Rilke, ein auch sonst wirklich bemerkenswerter, studiumswürdiger Text:

    Sie aber ging an jenes Gottes Hand,
    den Schritt beschränkt von langen Leichenbändern,
    unsicher, sanft und ohne Ungeduld.
    Sie war in sich, wie Eine hoher Hoffnung,
    und dachte nicht des Mannes, der voranging,
    und nicht des Weges, der ins Leben aufstieg.
    Sie war in sich. Und ihr Gestorbensein
    erfüllte sie wie Fülle.
    Wie eine Frucht von Süßigkeit und Dunkel,
    so war sie voll von ihrem großen Tode,
    der also neu war, dass sie nichts begriff.


    – V8 ist ein dreihebiger Iambus (mit eigenartiger Aussage ...). Einerseits: Wenn er von "Fülle" spricht, sollte er dann nicht länger sein als der übliche Vers? Andererseits: Schränkte nicht alles, was über das Gesagte hinaus einen dann fünfhebigen Vers ausmachte, diese "Fülle" in ihrer Bedeutung ein, in der Art, wie sie erfahren wird?! Eine Stelle, über die man nachdenken kann.

    Wann aber ist eine Verkürzung eine "Auflockerung", wann gehört sie zur Form? Es gibt ja viele Strophenformen, zum Beispiel vierzeilige, in denen der letzte Vers immer verkürzt wird, um die Strophe nachdrücklich schließen zu können. Ein Beispiel ist Friedrich Schillers berühmtes Gedicht "Die Teilung der Erde", in dem der Dichter zu spät kommt, um an der Aufteilung teilzunehmen, bis zum Schluss:

    "Wenn du im Land der Träume dich verweilet",
    Versetzt der Gott, "so hadre nicht mit mir.
    Wo warst du denn, als man die Welt geteilet?"
    "Ich war", sprach der Poet, "bei dir.

    Mein Auge hing an deinem Angesichte,
    An deines Himmels Harmonie mein Ohr –
    Verzeih dem Geiste, der, von deinem Lichte
    Berauscht, das Irdische verlor!"

    "Was tun?", spricht Zeus, "die Welt ist weggegeben,
    Der Herbst, die Jagd, der Markt ist nicht mehr mein.
    Willst du in meinem Himmel mit mir leben –
    So oft du kommst, er soll dir offen sein."


    Auf drei iambische Fünfheber folgt in der vorvorletzten und vorletzten Strophe, wie auch in allen Strophen davor, ein iambischer Vierheber. Das ist also die Regel – und in der Schlussstrophe, deren vierter Vers fünfhebig ist, findet sich die Ausnahme ungeachtet des Umstands, dass dieser fünfhebige Vers sich ja eigentlich an die Länge der restlichen Verse anpasst! (Wenn man will, also ein Beispiel für die seltenere "Verlängerung".)

    Ansonsten gilt: Wenn sich eine Abweichung wiederholt, ist sie eher Regel als Ausnahme. Noch einmal Richard Schaukal, "Der Nachen", auf Grundlage der inzwischen bekannten Strophe:

    Nun ist die Nacht gekommen
    mit sanftem Schritt,
    die lautlos rings erglommen,
    die Sterne bringt sie mit.

    Schon hält ein stiller Nachen
    am schwarzen Strand:
    steig schwankend ein, erwachen
    wirst du im fernen Land
    .

    In S1 ist V2 verkürzt, von drei auf zwei Hebungen; ist das also eine "Auflockerung"? Da hilft der Blick auf S2, und siehe da: auch hier ist V2 verkürzt! Innerhalb des Gedichts ist diese Verkürzung also eher "Regel"; Ob es in Bezug auf die Strophe bedeutet, dass hier eine eigenständige Strophe vorliegt, oder ob man die Strophe als Variation der Grundstrophe auffasst: Das ist in unserem Zusammenhang nicht so wichtg – wichtig ist, ein weiteres Beispiel zu haben, das die Möglichkeiten solcher Verkürzungen verdeutlicht?!

  15. #30
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    Lockeriamben (10): Fremde Verse

    Die letzte, aber gar nicht einmal auffälligste Möglichkeit, einen grundlegend iambischen Text aufzulockern, ist das Einfügen von Versen in einem anderen Metrum. Noch einmal Richard Schaukal, "Der Gesandte":

    Wie der Gesandte schied, ging meine Königin
    – sie barg es hinterm Fächer, doch ich sahs –
    Tränen verwindend zur Fontäne hin.
    Das Kleid zu schürzen in dem feuchten Gras
    vergaß die allzu Eifrige.
    Er aber, den ich nie so schön gesehn,
    braun und scharf gezeichnet,
    heldisch und von edler Art,
    hat jeden Blick in seiner Macht bewahrt,
    hat ehrerbietig sich verneigt und schritt
    dem Ausgang zu und nahm in seinem Auge mit
    das leise Zucken ihrer schmalen Schultern ..
    .

    Ein schon darum aufgelockerter Text, weil er iambische Verse unterschiedlicher Länge enthält; sonst ist noch die versetzte Betonung am Anfang von V3 erwähnenswert. V7 und V8 allerdings verzichten auf die schwach betonte Silbe zu Versbeginn und sind, strenggenommen, zwei trochäische Verse! Da aber auch dann das alternierende Prinzip (abwechselnd stark betont / schwach betont) nicht aufgegeben wird, fällt es kaum auf?!

    Aber auch das kann man weit treiben, wie Christian Morgensterns letzter Text aus "Ein fünfzehnter Oktober. Vier Abendstimmungen am 53. Geburtstag Friedrich Nietzsches" zeigt:

    Und da ich nun so frei wie nur ein Mensch,
    von Schönheit übervoll und hell an Geist,
    so weiß ich nicht, was ich nicht zwingen sollte
    in meiner Kunst gefügig Alphabet.
    Frei, frei! Du schönstes Wort der neuen Welt,
    Pass aller Unersättlichen und Glück!
    Wer ermaß schon deinen Wert?
    Höher, heitrer wölbst du des Helden Stirn,
    stolzer stößt ihm das Herz,
    wuchtiger wirken die Lungen ihm,
    und seine Schritte
    tragen geflügelt ihn über die Erde.
    Keines Gottes rächender Blitz
    schreckt,
    wer selber von Flammen ein Schoß.
    Lächelnd löst er den Blitz
    seiner Hand –:
    Mein ist er, war er von je!
    Ich gab ihn dir,
    ihm dich,
    dich mir! ...
    Frei! ruf ich, frei! ...
    Und sieh, kein Echo wirft den Ruf zurück –
    ins Grenzenlose warf ich ihn.
    Fliege, mein Adler, schieße, mein Stern!
    Und erst die Stunde, die mein Auge bricht,
    wird dich den Kopf zerschelln und enden sehn –
    am Echoschild des Tods.


    Der Text beginnt im strengen iambischen Fünfheber, der vom "Frei, frei" an in V5 und V6 ganz leicht aufgelockert wird; danach aber folgt eine Flut kürzerer Verse, die gar kein einheitliches Metrum mehr aufweisen, bis endlich das wiederaufnehmende "Frei! ruf ich, frei! ..." diesen Abschnitt schließt und der Text wieder zum fünfhebigen Iambus zurückfindet. Nicht vollständig, aber doch erfahrbar, vor allem im vorvorletzten und im vorletzten Vers!
    Geändert von Ferdi (26.12.2020 um 12:07 Uhr)

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