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Thema: Lockeriamben

  1. #1
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    Lockeriamben

    Hallo!

    "Lockeriamben" ist eine, nun ja, "lockere" Bezeichnung für diesen Faden, in dem es um die Möglichkeiten gehen soll, die iambische Verse haben in Hinsicht auf metrische Abweichungen. Wir hatte ja neulich einmal irgendwo die Anmerkung, dass derlei bevorzugt am Anfang des Verses geschieht, während die iambische Bewegung sich gegen Ende des Verses immer deutlich ausbildet; und das deutlichste Beispiel in dieser Hinsicht ist sicher die versetzte Betonung. Sie macht daher hier auch den Anfang! Weitere Möglichkeiten folgen, ich verlinke dann hier aus dem Kopfbeitrag zum entsprechenden Beitrag; so kann sich, wer mag, dazwischen zu Wort melden, ohne dass es unübersichtlich wird.

    Gruß, Ferdi


    --------------------------------------------------------------------------------------------------


    Bisher vorgestellte Möglichkeiten zur Auflockerung iambischer Verse:

    1) Die versetzte Betonung

    2) Die versetzte Betonung mit Einsilbern

    3) Die schwebende Betonung

    4) Der Spondäus

    5) Der logische Spondäus

    6) Der Anapäst

    7) Der Pyrrhichius

    8) Anwendung

    9) Verkürzung

    10) Fremde Verse
    Geändert von Ferdi (25.12.2020 um 17:19 Uhr)

  2. #2
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    Lockeriamben (1): Die versetzte Betonung

    "Versetzte Betonung" meint: Einer der Iamben des Verses (meistens, wie gesagt, der erste) wird durch einen Trochäus ausgetauscht. Ich nehme im folgenden als Beispielverse überwiegend fünfhebige Iamben – die sind da besonders ergiebig, auch, weil sie längenmäßig überhaupt erst eine (wirkliche) Unterscheidung zwischen Versanfang, Versmitte, Versschluss erlauben.

    Rainer Maria Rilkes Sonett "Die Gruppe" hat im ersten Quartett gleich zwei so gebaute Verse:

    Als pflückte einer rasch zu einem Strauß:
    ordnet der Zufall hastig die Gesichter,
    lockert sie auf und drückt sie wieder dichter,
    ergreift zwei ferne, lässt ein nahes aus,


    V2, V3! Oder, um im Sonett zu bleiben, die Terzette aus Adelbert von Chamissos "Mahnung":

    Dort magst du die verfehmten Häupter sehen,
    Männer des Wortes, welche tüchtig waren,
    Und sehen ihre Sitze ledig stehen.

    Von dir lass die Geschichte Gleiches melden,
    Tüchtig, wie sie, erwirb und lasse fahren,
    Und Deutschland rechnet dich zu seinen Helden.


    Dabei wird dann auch hörbar, das "versetzte Betonung" nicht gleich "versetzte Betonung" ist:

    Männer / des Wortes, / welche / tüchtig / waren,

    Der Eigenrhythmus der Wörter und der Rhythmus der Sinneinheiten (Wortfüße) lässt diesen Vers wie einen trochäischen Vers mit vorgestelltem Daktylus klingen!

    Tüchtig, / wie sie, / erwirb / und lasse / fahren,

    Hier dagegen findet der Vers im zweiten, spätestens im dritten Wortfuß zu seiner iambischen Grundbewegung zurück. Es wundert nicht, dass der erste dieser beiden Verse (dem ja auch noch ein "auftaktiger fünfhebiger Trochäus" folgt!) im iambischen Gesamt-Gedicht-Rahmen viel auffälliger ist als der zweite!

    Manchmal finden sich auch zwei Trochäen am Versanfang - der Beginn von "Georg von Frundsberg" von Friedrich Julius Krais:

    Auf Luther harren schon zu Worms im Saale
    Die Richter; an dem glänzenden Portale,
    Durch das er soll hinein zu ihnen gehen,
    Da sieht er einen kühnen Helden stehen,
    Georg von Frundsberg, hochberühmt in Schlachten,
    Wo tausend Büchsen, Mörser um ihn krachten:
    Der schlägt dem Doktor auf die Schulter dicht,
    Schüttelt das kampfergraute Haar und spricht:
    Mönchlein, Mönchlein, du bist auf einem Gange,
    Dergleichein ich und macher Feldhauptmann
    Im allerschwersten Streite nie getan;


    Zwei "gewöhnliche" versetzte Betonungen ("Georg", "schüttelt"), und eine "doppelte": "Mönchlein, Mönchlein"!

    Als Abschluss dieses ersten Eintrags noch ein Beispiel für eine versetzte Betonung im Versinnnern. Die sind seltener (je näher das Versende rückt, um so "störender" wirken sie), aber es gibt sie! Allerdings nur hinter einem tiefen Sinneinschnitt, also einer Sprechpause innerhalb des Verses; genauso, wie die versetzte Betonung am Versanfang der Sprechpause am Ende des vorherigen Verses folgt!

    Wieder der Anfang eines Sonetts, diesmal von Martha Saalfeld:

    Tomaten – wie poliert an welken Ranken
    die grünen Äpfel und die roten; zischend
    bewegt sich Wind, Süßes und Fades mischend


    V3 hat die versetzte Betonung in Anschluss an die Sprechpause nach der vierten Silbe; die zweite Vershälfte ist dann hörbar daktylisch–trochäisch, wohl auch, weil schlicht der Platz und die Zeit fehlt für einen "Rückwechsel".
    Geändert von Ferdi (23.11.2020 um 15:38 Uhr)

  3. #3
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    Hallo Ferdi,

    das was du als "versetzte Betonung" bezeichnest, habe ich unter "Akzentverschiebung" kennengelernt.
    Ich habe eine Frage. Sind dir Beispiele bekannt, in denen die versetzte Betonung auch in einen nicht jambischen Rahmen angewendet wird oder sprengt die Frage den gesetzten Rahmen der "Lockeriamben"?

    LG,
    Mi

  4. #4
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    Hallo Miserabella!

    Ja, das gibt es in vielen Versarten. Vierhebige Trochäen zum Beispiel, "Niagara" von Nikolaus Lenau (Ausschnitt):

    Wo des Niagara Bahnen
    Näher ziehn dem Katarakt,
    Hat den Strom ein wildes Ahnen
    Plötzlich seines Falls gepackt.

    Erd und Himmels unbekümmert
    Eilt er jetzt im tollen Zug,
    Hat ihr schönes Bild zertrümmert,
    Das er erst so freundlich trug.

    Die Stromschnellen stürzen, schießen,
    Donnern fort im wilden Drang,
    Wie von Sehnsucht hingerissen
    Nach dem großen Untergang.


    – V9, Tausch von Trochäus gegen Iambus im ersten Fuß. Es ist aber um vieles seltener als in iambischen Versen, ein genaues Verhältnis könnte ich dabei nicht angeben.

    Gruß,

    Ferdi

  5. #5
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    Hi Ferdi und Miserabella!

    Witzig - was hier als Lockeriamben oder als Akzentverschiebung bezeichnet wird, kenne ich als daktylische Lizens (Lizenz, s. Ferdi). Können diese Begrifflichkeiten als synonym betrachtet werden, da sie das gleiche Phänomen aus unterschiedlichen Prämissen heraus beschreiben, oder gibt es signifikante Unterschiede dazwischen?

    LG!
    Geändert von Glib-Glob (25.11.2020 um 09:54 Uhr)
    Rick: Your boos mean nothing! I've seen what makes you cheer.

  6. #6
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    Hallo Glib-Glob!

    "Lockeriamben" ist nur ein Fadentitel hier im Forum (und vielleicht, im Sinne einer genauen Unterrichtung über den Fadeninhalt, noch nicht einmal ein guter), "versetzte Betonung" und "Akzentverschiebung" sind Begriffe, die in zuverlässigen Metriken verwendet werden; leider hat sich im Bereich der deutschen Metrik nie ein einheitlicher Satz von Bezeichnungen durchgesetzt ... "Daktylische Lizenz" empfinde ich aber als leicht unglücklich, weil das ja die Annahme eines Daktylus im ersten Fuß nahelegt; und tut man das, dann muss man den restlichen Vers als Folge von Trochäen auffassen, was ein wenig den Blick darauf verstellt, dass es immer noch ein fünfhebiger Iambus ist. Ansonsten: Ja, alle diese unterschiedlichen Bezeichnungen sind austauschbar meiner Erfahrung nach.

    Gruß,

    Ferdi

  7. #7
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    Lockeriamben (2): Die versetzte Betonung mit Einsilbern

    Die bisher gezeigten Beispiele für versetzte Betonung haben eines gemeinsam: Der an die Stelle des ersten iambischen Versfußes tretende Trochäus wird durch ein zweisilbiges Wort der Form "X x" verwirklicht, wie auch in diesem Ritornell Friedrich Rückerts:

    Was hilft es mir, mit starker Stimme singen?
    In weiter Ferne weilet mein Verlangen,
    Seine Entfernung wird den Tod mir bringen.


    Wenn aber die ersten beiden Silben des Verses mit zwei einsilbigen Wörtern besetzt sind, ist es manchmal gar nicht so einfach, zu sagen, ob eine versetzte Betonung vorliegt oder nicht! Wieder Rückert, wie in allen folgenden Ritornell-Beispielen:

    Der Liebsten Vater gab mir seinen Segen,
    Er sprach: Wenn du dich nun statt meiner plagen
    Willst mit dem Trotzkopf, hab' ich nichts dagegen.


    Soll man in V3 "mit dem Metrum" die zweite Silbe betonen, die Präposition "mit", oder doch lieber "mit dem Wortgewicht" das Hilfsverb "willst", was zu einer versetzten Betonung führt?!

    Wann wieder ist die Zeit der frischen Mandeln,
    Schleicht um den Korb der langen Katharine
    Das junge Volk, um ein halb Schock zu handeln.


    Hier steht in V2 vor der Präposition ein Vollverb, noch dazu mit Doppelvokal und Konsonantenreichtum; das geht sicherlich stärker in Richtung "versetzte Betonung"?! ( "um ein halb Schock" in V3 ist "x x X X" statt "x X x X", aber das gehört in einen andren Eintrag.)

    Zierlich gestaltes
    Zypresschen! Deine Anmut hat mein junges
    Herz mir geraubt; ich bitte dich, behalt es!


    Hier ist es eindeutig, Substantiv vor Pronomen, noch dazu verstärkt durch den harten Zeilensprung: Das muss als versetzte Betonung gelesen werden! Das führt dann auch zum letzten Punkt – dem Hineinspielen der "logischen Betonung".

    Schwarz ist dein Auge gleich dem Pfefferkorne,
    Rot deine Wange wie vom Blut der Rüben,
    O von der Mutter mir zur Lust Geborne!


    – Hier verstärken sich das "Schwarz" und das "Rot" gegenseitig durch den Bezug aufeinander; genügt das, um die Betonung vom einsilbigen Hilfsverb, und sogar vom zweisilbigen Pronomen nach vorn zu ziehen?!

    Oft sind solche Fragen nicht eindeutig zu beantworten. Aber ich denke, es wird klar, dass man weder beim Schreiben noch beim Lesen Scheu davor haben muss, auf diese Art vom ganz strengen "Iambengang" abzuweichen! Zum Schluss noch zum Selbstversuchen dieses Ritornell Rückerts:

    Mein Freund! Wenn wir uns finden unter Leuten,
    Schau mich nicht so an, dass ich muss erröten.
    Freut dich's, wenn sie mit Fingern auf mich deuten?


    V1 scheint durchgängig iambisch, aber was ist mit V3 – versetzte Betonung oder nicht? Und dann gar V2: Was macht man aus dieser langen Folge einsilbiger Wörter?!
    Geändert von Ferdi (25.11.2020 um 12:36 Uhr)

  8. #8
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    Hi Ferdi!

    Danke für die Erklärung! In diesem Zusammenhang klingt "versetzte Betonung" tatsächlich am besten.
    "Lizenz" (ob daktylisch oder anapästisch) hat strukturelle Besonderheiten, die nict von ihr erklärt werden. Allerdings werde ich mit "auftaktlos" oder "mit Auftakt" irgendwie gar nicht warm.

    Was mir eben an deinem letzten Beispiel auffällt: Wenn man mit Einsilblern und versetzter Betonung arbeitet, kann man die metrische Betonung mit der inhaltlichen kombinieren.
    Das ist auf jeden Fall ein Thread, den ich wohl öfter besuchen werde.

    LG!
    Rick: Your boos mean nothing! I've seen what makes you cheer.

  9. #9
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    Hallo zusammen,

    vielen Dank, Ferdi für das Beispiel. Du sagst, die Betonungsversetzung gilt auch für andere Versarten. Also auch für dreisilbige, mit einer Füllungsfreiheit, wie es sie beim Hexameter gibt?


    Bis jetzt habe ich die Vorstellung, dass durch eine Betonungsversetzung der vorrangige Versfuß umgedreht wird. Der Jambus wird zum Trochäus und umgekehrt. Das führt beim Jambus zu ein Doppelsenkung und beim Trochäus zu einem Hebungsprall. Bei dreisilbigen Versfüßen würde das je nachdem gehen oder auch nicht. Ein Daktylus am Anfang kann durch einen Anapäst ausgetauscht werden. Beim Anapäst würde es schon schwieriger, denn dann gäbe es ja ein Viefachsenkung? Geht das überhaupt?
    (Ich schweife etwas von den Jamben ab, aber vielleicht hast du ja Lust kurz etwas dazu zu sagen?)


    Was die Betonungsversetzung bei deinem Beispiel betrifft, neige ich dazu, sie gleich lang, bzw. eindringlicher zu denken.


    LG,
    Mi
    Geändert von Miserabella (26.11.2020 um 19:19 Uhr)

  10. #10
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    Hallo!

    Glib-Glob, jeder muss den begrifflichen Rahmen finden, der zu ihm passt; schwierig wird es dann nur (gelegentlich), die unterschiedlichen Ausdrücke abzustimmen ...

    Miserabella, du kannst deine Senkungen mit so vielen schwach betonten Silben besetzen, wie du möchtest. Vier geht immer (außer vielleicht am Versanfang), zum Beispiel bei Schiller in der Kapuzinerpredigt:

    Wie machen wirs, dass wir kommen in Abrahams Schoß?

    Wie mach- / en wirs, dass wir kom- / men in A- / brahams Schoß?

    Der Sinneinschnitt hilft da sicher. Formal ist's ein Knittelvers, also die "deutsche Formtradition"; es gibt das aber auch in der "antiken Linie". Beim Hexameter gibt es ja strenggenommen keine Füllungsfreiheit, sondern es werden zwei einzeitige Silben zu einer zweizeitigen zusammengezogen. In anderen Versen gibt es daneben auch noch das "Auflösen" einer zweizeitigen Silbe in zwei einzeitige, zum Beispiel im anapästischen Dimeter:

    ◡ ◡ —, ◡ ◡ — || ◡ ◡ —, ◡ ◡ —

    Und wenn du im Anapäst beides gleichzeitig machst, die beiden Kürzen zusammenziehst und die Länge auflöst, bekommst du einen Daktylus und damit so etwas wie eine versetzte Betonung. Das hat im Deutschen aber kaum jemand nachgemacht – mir fällt Schlegels "Ion" ein:


    Sanft riefst du mir zu: Nymphe, getrost lass
    — —, ◡ ◡ — || — ◡ ◡, — —
    Den verwelklichen Schmuck auf den Boden sich streun,
    ◡ ◡ —, ◡ ◡ — || ◡ ◡ —, ◡ ◡ —
    ....

    V2 ist "reiner Anapäst", aber V1 hat zwei Spondäen und einen Daktylus, und der wäre dann die "Versetzung"? Den anderen Fall hat Schlegel nicht (glaube ich), weil er immer über einen Spondäus aus der daktylischen in die anapästische Bewegung zurückwechselt, manchmal sogar durch zwei:

    Wie ein Meer wild braust, so umdrängten mich bald
    ◡ ◡ —, — — || ◡ ◡ —, ◡ ◡ —
    Träumende Wehmut, hinschmachtender Gram,
    — ◡ ◡, — — || — —, ◡ ◡ —
    Die errötende Scheu und erblassende Angst.
    ◡ ◡ —, ◡ ◡ — || ◡ ◡ —, ◡ ◡ —

    – Hier in V2. Also keine viersilbigen Senkungen durch versetzte Betonungen ... Die ließen sich aber sicher auch finden, zur Not in der Übersetzung antiker Verfasser. Insgesamt ist der anapästische Dimeter wirklich ein wunderbarer Vers, ich schreibe ihn sehr gerne und kann ihn empfehlen!

    Sonst findest du viersilbige Senkungen noch bei Klopstock oder bei den Verfassern vor Opitz.

    Das alles gesagt: Ich glaube nicht, das versetzte Betonungen in daktylischen und anapästischen Versen mehr als eine sehr, sehr seltene Ausnahme sind – wenn es sie überhaupt gibt. Ich achte in nächster Zeit einmal darauf, aber eigentlich ist die versetzte Betonung nur in iambischen Versen "breitentauglich" und taucht darüber hinaus gelegentlich in trochäischen auf.

    Gruß,

    Ferdi
    Geändert von Ferdi (27.11.2020 um 10:18 Uhr)

  11. #11
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    Hallo Ferdi,


    vielen Dank für deine erhellende Antwort, die anschaulichen Beispielen und die Erweiterungen an Möglichkeiten.

    Da sortiert sich manches für mich.
    Ich fand mehr als 2 Senkungen ungewohnt. Da hilft eine Erweiterung durch 4 Senkungen gut, um die bestehenden Vorstellungen etwas aufzumischen.
    Der anapästische Dimeter war bisher außerhalb meiner bewussten Wahrnehmung. Da werde ich mal ein Auge darauf werfen.
    Vielen Dank! Die meisten Fragen haben sich in den Hintergrund verzogen und ich warte mal ab, wie es weitergeht.

    LG,
    Mi

  12. #12
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    Lockeriamben (3): Die schwebende Betonung

    Das ist eine Möglichkeit, dreisilbige Wörter in den Vers zu holen, die sich sonst aufgrund ihrer Betonungsfolge nicht in einen alternierenden Vers fügen: "Eisdiele" oder "Buchrücken", also Wörter, die nach dem Muster "Starke Betonung – deutliche Nebenbetonung – schwache Betonung" aufgebaut sind! Wieder betrifft die Lockerung den Versanfang – Theodor Fontane, "Raleighs letzte Nacht":

    Nachblickend der zerrissnen Wolken Zug

    Das betreffende Wort nimmt dabei die ersten drei Silben des Verses ein; die stark betonte Silbe gerät dabei in die Senkung (erste Silbe) und wird dadurch etwas weniger stark betont, die weniger stark betonte Silbe in die Hebung (zweite Silbe), was zu einer etwas stärkeren Betonung führt; für den Vortrag bedeutet das, die Betonung verteilt sich auf die ersten beiden Silben, sie "schwebt".

    Wieder aus dem "Raleigh":

    Schriftzüge nicht, nein, Züge des Gesichts

    Oder aus Fontanes "Fritz Katzfuß":

    Rothaarig, sommersprossig, etwas faul

    Man sieht, da können alle Wortarten auftauchen. Grundsätzlich sollte ein Vers, der umfassend nutzbar sein soll, um die Worte kämpfen; wenn dem Verfasser aufgrund von metrischen Eigenheiten des Verses große Wörtergruppen fehlen, ist das eine heftige Einschränkung, und das sollte man nicht einfach so hinnehmen ...

    Zum Schluss noch die ersten Verse von Rainer Maria Rilkes "Die Rosenschale"; achtet mal auf den Unterschied zwischen der versetzten Betonung (zum Beispiel V1, V6) und der schwebenden Betonung (zum Beispiel V5)! In V7 taucht die schwebende Betonung sogar im zweiten Versfuß auf ("wegwerfend").

    Zornige sahst du flackern, sahst zwei Knaben
    zu einem Etwas sich zusammenballen,
    das Hass war und sich auf der Erde wälzte
    wie ein von Bienen überfall'nes Tier;
    Schauspieler, aufgetürmte Übertreiber,
    rasende Pferde, die zusammenbrachen,
    den Blick wegwerfend, bläkend das Gebiss,
    als schälte sich der Schädel aus dem Maule.

    Nun aber weißt du, wie sich das vergisst:
    denn vor dir steht die volle Rosenschale,
    die unvergesslich ist und angefüllt
    mit jenem Äußersten von Sein und Neigen,
    Hinhalten, Niemals-Gebenkönnen, Dastehn,
    das unser sein mag: Äußerstes auch uns.

    Lautloses Leben, Aufgehn ohne Ende,
    Raum-brauchen ohne Raum von jenem Raum
    zu nehmen, den die Dinge rings verringern,
    fast nicht Umrissen-sein wie Ausgespartes
    und lauter Inneres, viel seltsam Zartes
    und Sich-bescheinendes – bis an den Rand:
    ist irgend etwas uns bekannt wie dies?


    Und, rein vom Inhalt: Echter Rilke dem Ton nach; sehr überzeugend, auch!

    Gruß,

    Ferdi
    Geändert von Ferdi (29.11.2020 um 14:20 Uhr)

  13. #13
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    Hallo Ferdi,

    vielen Dank, das ist gut verstehbar und es macht richtig Freude, in die ausgesuchten Gedichte einzutauchen.

    Mein Frage ist nun:

    In welchen Kontext würdest du von einem geschleifte Spondeus sprechen?

    LG,
    Mi

  14. #14
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    Hallo Miserabella!

    Tja, die Begriffsverwirrung ... "Schwebende Betonung" und "geschleifter Spondäus" beschreiben ja ziemlich ähnliche Sachverhalte. Aber ich denke, wenn man "geschleifter Spondäus" in dem Bereich verwendet, in dem der Begriff entstanden ist, also der Nachbildung antiker Maße im Deutschen – Hexameter, Distichen, Odenstrophen –, und "schwebende Betonung" überall sonst und zur Not als Oberbegriff: dann müsste es gehen?! Aber wie schon gesagt: Da gibt es keine Einheitlichkeit und keine Schärfe, und "Reibungsverluste" muss man immer einrechnen.

    Gruß,

    Ferdi

  15. #15
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    Hallo Ferdi,

    ah, gut. Schön, denn damit festigt sich bei mir eine Wissensbrücke, die unterschiedliche Bereiche verbindet.

    Du schreibst, dass die schwebende Betonung dreisilbige Wörter, mit denen von dir genannten Eigenschaften, betrifft. Wie verhält es sich, wenn einsilbige betonte Wörtern in der Senkung stehen, wie zum Beispiel bei Mörikes "September- Morgen":


    Im Nebel ruhet noch die Welt,
    Noch träumen Wald und Wiesen:
    Bald siehst du, wenn der Schleier fällt,
    Den blauen Himmel unverstellt,

    Herbstkräftig die gedämpfte Welt
    In warmem Golde fließen.



    Werden die Anfänge von V2 und V3 auch schwebend betont und so benannt oder ist das etwas anderes?

    LG,
    Mi
    Geändert von Miserabella (01.12.2020 um 22:22 Uhr)

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