1. #1
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    Rainer Maria Rilke: Alkestis

    Hallo!

    Rilkes "Alkestis" kann man einmal als (sehr hilfreiches!) Blankvers-Lernmaterial nutzen; es ist aber, wie jedes gute Gedicht, auch ein Spiegel der menschlichen Befindlichkeit in allen ihren Formen, guten wie bösen. Mich haben heutige Forums-Beiträge an einige Verse im Mittelteil erinnert ...

    Gruß,

    Ferdi

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    Alkestis

    Da plötzlich war der Bote unter ihnen,
    hineingeworfen in das Überkochen
    des Hochzeitsmahles wie ein neuer Zusatz.
    Sie fühlten nicht, die Trinkenden, des Gottes
    heimlichen Eintritt, welcher seine Gottheit
    so an sich hielt wie einen nassen Mantel
    und ihrer einer schien, der oder jener,
    wie er so durchging. Aber plötzlich sah
    mitten im Sprechen einer von den Gästen
    den jungen Hausherrn oben an dem Tische
    wie in die Höh gerissen, nicht mehr liegend,
    und überall und mit dem ganzen Wesen
    ein Fremdes spiegelnd, das ihn furchtbar ansprach.
    Und gleich darauf, als klärte sich die Mischung,
    war Stille; nur mit einem Satz am Boden
    von trübem Lärm und einem Niederschlag
    fallenden Lallens, schon verdorben riechend
    nach dumpfem umgestandenen Gelächter.
    Und da erkannten sie den schlanken Gott,
    und wie er dastand, innerlich voll Sendung
    und unerbittlich, – wussten sie es beinah.
    Und doch, als es gesagt war, war es mehr
    als alles Wissen, gar nicht zu begreifen.
    Admet muss sterben. Wann? In dieser Stunde.
    Der aber brach die Schale seines Schreckens
    in Stücken ab und streckte seine Hände
    heraus aus ihr, um mit dem Gott zu handeln.
    Um Jahre, um ein einzig Jahr noch Jugend,
    um Monate, um Wochen, um paar Tage,
    ach, Tage nicht, um Nächte, nur um Eine,
    um Eine Nacht, um diese nur: um die.
    Der Gott verneinte, und da schrie er auf
    und schrie's hinaus und hielt es nicht und schrie
    wie seine Mutter aufschrie beim Gebären.

    Und die trat zu ihm, eine alte Frau,
    und auch der Vater kam, der alte Vater,
    und beide standen, alt, veraltet, ratlos,
    beim Schreienden, der plötzlich, wie noch nie
    so nah, sie ansah, abbrach, schluckte, sagte:
    Vater,
    liegt dir denn viel daran an diesem Rest,
    an diesem Satz, der dich beim Schlingen hindert?
    Geh, gieß ihn weg. Und du, du alte Frau,
    Matrone,
    was tust du denn noch hier: du hast geboren.
    Und beide hielt er sie wie Opfertiere
    in Einem Griff. Auf einmal ließ er los
    und stieß die Alten fort, voll Einfall, strahlend
    und atemholend, rufend: Kreon, Kreon!
    Und nichts als das; und nichts als diesen Namen.
    Aber in seinem Antlitz stand das Andere,
    das er nicht sagte, namenlos erwartend,
    wie ers dem jungen Freunde, dem Geliebten,
    erglühend hinhielt übern wirren Tisch.
    Die Alten (stand da), siehst du, sind kein Loskauf,
    sie sind verbraucht und schlecht und beinah wertlos,
    du aber, du, in deiner ganzen Schönheit –

    Da aber sah er seinen Freund nicht mehr.
    Er blieb zurück, und das, was kam, war sie,
    ein wenig kleiner fast als er sie kannte
    und leicht und traurig in dem bleichen Brautkleid.
    Die andern alle sind nur ihre Gasse,
    durch die sie kommt und kommt –: (gleich wird sie da sein
    in seinen Armen, die sich schmerzhaft auftun).

    Doch wie er wartet, spricht sie; nicht zu ihm.
    Sie spricht zum Gotte, und der Gott vernimmt sie,
    und alle hörens gleichsam erst im Gotte:
    Ersatz kann keiner für ihn sein. Ich bins.
    Ich bin Ersatz. Denn keiner ist zu Ende
    wie ich es bin. Was bleibt mir denn von dem
    was ich hier war? Das ists ja, daß ich sterbe.
    Hat sie dirs nicht gesagt, da sie dirs auftrug,
    daß jenes Lager, das da drinnen wartet,
    zur Unterwelt gehört? Ich nahm ja Abschied.
    Abschied über Abschied.
    Kein Sterbender nimmt mehr davon. Ich ging ja,
    damit das Alles, unter Dem begraben
    der jetzt mein Gatte ist, zergeht, sich auflöst –.
    So führ mich hin: ich sterbe ja für ihn.

    Und wie der Wind auf hoher See, der umspringt,
    so trat der Gott fast wie zu einer Toten
    und war auf einmal weit von ihrem Gatten,
    dem er, versteckt in einem kleinen Zeichen,
    die hundert Leben dieser Erde zuwarf.
    Der stürzte taumelnd zu den beiden hin
    und griff nach ihnen wie im Traum. Sie gingen
    schon auf den Eingang zu, in dem die Frauen
    verweint sich drängten. Aber einmal sah
    er noch des Mädchens Antlitz, das sich wandte
    mit einem Lächeln, hell wie eine Hoffnung,
    die beinah ein Versprechen war: erwachsen
    zurückzukommen aus dem tiefen Tode
    zu ihm, dem Lebenden –

    Da schlug er jäh
    die Hände vors Gesicht, wie er so kniete,
    um nichts zu sehen mehr nach diesem Lächeln.

  2. #2
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    @ferdi


    Grüße, gesundes Neues

    Interessanter Text.

    zu 99,9% Jambus 5 Hebungen. Wobei, an den Stellen wo der Jambus "bricht" könnte man auch die "Schwebende Betonung" deuten. Aber die ignorieren ja viele.

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