Seite 3 von 3 Erste 123
  1. #31
    Registriert seit
    Dec 2017
    Beiträge
    160
    Wachtelverse (17)

    Ich habe jetzt einige "Wachtelgedichte" geschrieben, und doch, ja: Ich denke, man kann die kretische Bewegung in höherer Dosis zulassen. Man kann aber auch sparsamer sein, wie zum Beispiel Gustav Falke in "Hinterm Deich" zeigt. Die erste Strophe:

    Hinterm Deich, weißt du, Schatz,
    hinterm Deich den Sonnenplatz?
    Überm Ginster, überm schwanken
    Hafer hin das Spiel der blanken
    Schmetterlinge. Jetzt ein Schrei:
    Eine Möwe fliegt vorbei.
    Einmal auch, wie weit, weit her,
    dumpfer Ruderschlag vom Meer.


    Nur V1 ist "kretisch", danach folgen sieben mehr oder weniger gewöhnliche trochäische Vierheber (V7 ist einen Blick wert!). Dass diese Entscheidung aber kein Zufall war, zeigt die zweite und letzte Strophe:

    Hinterm Deich, menschenfern,
    Kleine Nelken, Stern an Stern,
    kleine rote Nelken standen,
    die wir uns zu Sträußen banden,
    große Kinder, ich und du,
    lachten wir vergnügt dazu,
    sahn dann wieder ersthaft drein:
    darf man denn so kindlich sein!


    Genau derselbe Aufbau wie in der ersten Strophe, ein kretischer Dimeter gefolgt von sieben trochäischen Vierhebern! Und auch genug, um der Strophe etwas besonderes zu geben, einen eigenen "Dreh", der durch die Wiederholung beglaubigt wird ... Einen anderen Weg geht Falke in "Psyche". Gemäß der Kanzonenform, in der auf einen Aufgesang aus zwei baugleichen Stollen ein Abgesang folgt, der länger als ein Stollen, aber kürzer als der gesamte Aufgesang sein sollte, und metrisch / klanglich ähnlich, aber nicht gleich: Gemäß dieser sehr brauchbaren Gliederung ergänzt Falke vier trochäische Vierheber um zwei kretische und einen weiteren trochäischen Vers! Die ersten Strophe:

    Schuf der Wunsch die holde Dichtung?
    War es wirklich? Warum drohte
    reinstem Herzensglück Vernichtung?
    Flammen starben, kaum entlohte.
    Liebe kam, Liebe ging
    Wie ein schöner Schmetterling.
    War's ein Traum?


    Und wieder beglaubigt sich die Form durch die Wiederholung. Die vierte Strophe:

    Liebe sie, sie hat dich gerne.
    Frierend stand sie auf der Straße,
    Pilgerin aus weiter Ferne,
    Tochter einer fremden Rasse.
    Heißes Blut, heißer Sinn
    zwang sie nach dem Liebsten hin,
    ohne Halt.


    Aber keine Frage: So etwas geht nicht nur bei trochäischen Versen. Passend zur Wetterlage die erste Strophe von Falkes iambischen "Es schneit":

    Der erste Schnee, weich und dicht,
    die ersten wirbelnden Flocken.
    Die Kinder drängen ihr Gesicht
    ans Fenster und frohlocken.


    In V1 fällt eine unbetonte Silbe aus, der Hebungsprall / der entstandene Kretiker bremst etwas; V2 hat eine überzählige leichte Silbe, er wirkt leicht schneller; V3 und V4 alternieren ruhig und schließen die Strophe. Warum nicht? Auch das ist eine überzeugende Bewegung!

  2. #32
    Registriert seit
    Jan 2019
    Ort
    Erde
    Beiträge
    720
    Hallo Ferdi,

    wundervoll, der Kretikus ist ja ein ergiebiges Thema und sehr anregend. Vielen Dank dafür!


    Ich stelle mal ein weiteres, amüsant- albernes Gedicht von Robert Gernhardt vor:


    "Die Nacht der deutschen Dichter"
    (Gesammelte Gedichte S. 259)


    THEMA
    Stille Nacht, heilige Nacht
    alles wacht
    Einer Schlef

    VARIATIONEN
    Stille Nacht,strahlende Nacht
    alles trinkt Sarah Kirsch

    usw….

    Es folgen noch einige Strophen und noch mehr gibt es im Anhang S.948. Dort zeigt sich, dass die "Nacht der deutschen Dichter", wie Robert Gernhard schreibt, zahlreiche Nachahmer gefunden und (fast) alle Namen im Kretikus.

    Zu lesen lohnen sich auch die sogenannten "Ausnahmen" und "gescheiterten Versuche".



    Lg,
    Mi

  3. #33
    Registriert seit
    Dec 2017
    Beiträge
    160
    Hallo Miserabella!

    Stimmt, das ist eine Fundgrube – danke für den Hinweis! Wobei Gernhardt ja eine eigene Art hatte, seine Texte vorzutragen. Lyrikline hat auch Das Dunkel, und darin finden sich diese beiden Paarreime:

    Ob im Mann, ob im Weib,
    Dunkel herrscht in jedem Leib.

    Dunkel lockt der Zeugungstrieb:
    Lass mich ein. Hab mich lieb.


    Und im Vortrag verwirklicht Gernhardt die "pausierte Senkung" entgegen der durch die Satzzeichen eigentlich vorgesehenen Sprechpausen gar nicht ... Zwar selt-, aber auch wirksam, wohl.

    Gruß,

    Ferdi
    Geändert von Ferdi (15.02.2021 um 11:56 Uhr)

Seite 3 von 3 Erste 123

Was dich vielleicht auch interessieren könnte:

  1. Götterschach, oder: ein Lebenszeichen, oder: kleine Anregung zum Terrorismus
    Von leporello im Forum Nachdenkliches und Philosophisches
    Antworten: 6
    Letzter Beitrag: 02.01.2016, 14:08
  2. Recht oder Unrecht? Held oder Verräter? (Februar 2014)
    Von Cobra im Forum Aufsätze, Sachliches, Ernstes
    Antworten: 7
    Letzter Beitrag: 13.04.2014, 15:20
  3. Antworten: 1
    Letzter Beitrag: 08.06.2009, 10:47
  4. Petri Heil oder so oder auch nicht...
    Von bruno bansen im Forum Humor, Satire und Rätselhaftes
    Antworten: 7
    Letzter Beitrag: 04.11.2006, 01:13
  5. Antworten: 2
    Letzter Beitrag: 12.04.2006, 22:14

Berechtigungen

  • Neue Themen erstellen: Nein
  • Themen beantworten: Nein
  • Anhänge hochladen: Nein
  • Beiträge bearbeiten: Nein
  •  

Anmelden

Anmelden