Thema: Dichter Worte

  1. #1
    Registriert seit
    Feb 2004
    Ort
    Berlin, PrenzlBerg
    Beiträge
    1.814
    Dichter Worte


    Verbringst du Zeit in dunklen Winternächten
    mit Worten einen Wettkampf auszufechten,
    verfällst du, hilflos dichtend, ihren Mächten.
    Sie fahrn in deine Glieder, immer wieder.

    Man glaubte, dadurch könnt' man Weisheit pachten,
    auf Elfbeintürmen seinen Geist zu schlachten.
    Poeten gab es, die den Tod sich brachten.
    Es bringt ein Wort dich nieder, immer wieder.

    Entführn dich schmeichelnd diese Ungerechten,
    versuch' nicht, ihnen kühn davon zu hechten!
    Wart ab, wohin sie deine Feder brächten
    und Worte werden Lieder, immer wieder.


    © LeVampyre | V, Jan. 2004

    Dieser Text kann als mp3 auf meiner Homepage angehört werden.
    Bitte beachtet auch die besonderen Lizenzbestimmungen an meinen kreativen Werken!
    Eine Liste meiner bei Gedichte.com veröffentlichten Texte gibt es u.a. in meinem Sammelfaden.
    Geändert von levampyre (19.03.2006 um 23:08 Uhr)

  2. #2
    Registriert seit
    Nov 2003
    Beiträge
    77
    Ein absolut gelungenes Werk. Makellose Form, gute Stimmung, lässt sich auch gut mehrere Male lesen. Möglicherweise solltest du jedoch die beiden Zeilen unter der ersten Version deines Gedichtes entfernen, sie könnten abschreckend auf den Verbraucher wirken.
    Weiter so.

    solassetunsbeten.

  3. #3
    Registriert seit
    Feb 2004
    Ort
    Berlin, PrenzlBerg
    Beiträge
    1.814
    Vielen Dank für deine positive Kritik.
    Warum genau wirken die (nicht zum Gedicht gehörenden) letzten Zeilen auf dich so abschreckend? Willst du mir das erklären?
    LG Vampyre
    --LeV

    Man sollte keine Dummheit zweimal begehen, schließlich ist die Auswahl groß genug. ~ J.P. Sartre

  4. #4
    Registriert seit
    Nov 2003
    Beiträge
    77
    Auf mich wirken sie nicht abschreckend, allerdings könnte ich mir vorstellen, dass Menschen, denen weder das Wort "Madrigal", noch "Ritornell" etwas sagt, sich durch die ihnen unbekannten Worte bedroht und eingeschüchtert fühlen, und es in ihrer Angst versäumen, dein Gedicht zu kommentieren.

  5. #5
    Registriert seit
    Feb 2004
    Ort
    Berlin, PrenzlBerg
    Beiträge
    1.814
    Ich hatte nicht vor, jemanden damit einzuschüchtern. Ein Mensch kann nicht alles wissen, das ist kein Grund eingeschüchtert zu sein. Wer die Begriffe Madrigal und Ritornell nicht kennt, kann sich im Sprechzimmer unter dem Faden Formen von Micha weiterbilden. Ich habe darunter eine Ergänzung zum Thema Madrigal geschrieben.
    LG Vampyre
    --LeV

    Man sollte keine Dummheit zweimal begehen, schließlich ist die Auswahl groß genug. ~ J.P. Sartre

  6. #6
    Registriert seit
    Apr 2001
    Beiträge
    468
    hallo vampyre.

    für mich persönlich hast du das thema im schönen sprach-
    gebrauch gebracht. am liebsten ist mir die str2 (z2+4),
    wobei die "elf[en]beintürme" ein wenig ungelenk klingen.

    während str1. die situation beschreibt, bringt str2 die
    motivation hervor, sich von worten zertrümmern zu lassen.
    z1 einerseits ist's die liebe, alte weisheit; z2 die dann im
    erhobenen zustand gepackt werden könnte ("elfbeinturm"), z3
    wobei schon manch einer dran gescheitert ist. einer der
    wenigen zu sein, erhöht den grad der wichtigkeit.

    str1 & 3 sind - wenn ich eine ebenen-schablone anlegen
    würde - unterhalb der str2, da diese auch nicht zuletzt
    aufgrund der verallgemeinerung (man) und der angesprochenen
    draufsicht (motivation) von oben den blick auf das geschehen
    richtet. man könnte meinen, es existiert ein "erzähler",
    der von seinen eigenen erfahrungen berichtet. selbst z4
    könnte man deshalb als eine art selbstgespräch sehen, und
    nicht als hinwendung zum lyr. ich. wenn ich es mir recht
    überlege, dann kann man dies alles als selbstgespräch werten.
    es liest sich als eine ruhige phase, in der man über ver-
    gangenes nachdenkt. str2 könnte daher auch als rechtferti-
    gungsstrophe gelten (-> motivation). daß diese 2.str eine
    andere stellung im gedicht hat, als die restlichen,
    kann man desweiteren auch an den reimen festmachen.

    str3. kehrt wieder auf die ebene des kampfes zurück.
    doch jetzt ist's kein kampf im eigentlichen sinne mehr;
    wird der autor doch verführend entführt, das ihn panikartig
    werden läßt.
    "warum?" lautet hier meine frage. vielleicht, weil es zu
    einfach wäre. letztlich scheint das lyr. ich die oberhand
    zu behalten, da es selbst entscheiden kann: z3 bringt brächten,
    welches einem bringen würden ähnlich ist, und somit
    den konjunktiv bedient. doch da der autor sich selbst über-
    lassen bleibt, verweilt er an der stelle. (vielleicht mit
    sich zweifelnd, ob dies der rechte weg sei.) der letzte
    vers müßte - meines erachtens - ebenfalls den konjunktiv
    beinhalten. ansonsten käme man auf den - durchaus nicht ab-
    wegigen - gedanken, der autor würde sich beugen, gar
    biegen, aber letztlich doch nicht zerbrechen.
    vielleicht ist es der geniale geist, dem das lyr. ich
    nicht glauben kann. seine zögerlichkeit zeugt einerseits
    von wohlbedachtem herangehen, andererseits evtl. auch von
    den genannten selbstzweifeln.

    ferner ist der übergreifende gedanke der wortmächte erkenn-
    bar (str1/2; je z4), der gleichsam immer wieder auf den
    körperlichen kampf ums kleine wörtchen aufmerksam macht.
    dies ist auch formal durch den gleichen reim fassbar.
    in str3 jedoch wird das ganze in einen positiven schluss
    gelotst, der ebenfalls die arbeit, den kampf des schaffens
    als lohnend anpreist, wenn, ja wenn man den Schmeicheleien
    glauben würde. dies wird hier angenommen.
    unterstrichen wird es durch den verweis auf die musikalische
    komponente, die wiederum harmonie und wohlklang verspricht.

    ungeachtet dessen klingen die verse so, als ob sie auf die
    reime ausgerichtet seien. dies mag an der jeweiligen
    inhaltlichen abgeschlossenheit der verse liegen.
    andererseits könnte man dies als den formal ausgedrückten
    kampf sehen, der in den und mit den worten lauert. zum
    glück gibt str3/z4 ein "und" am anfang preis, wodurch z3
    fortgeführt wird und die angesprochene harmonie
    unterstrichen wird. (wenn ich hier zu weit gehe, dann laß
    mich bitte nicht blindlinks weiter wandern. )

    ich hätte einiges vielleicht noch verschärft dargestellt:
    bspw. würde es bei mir kein wettkampf sein, sondern der
    kampf an und für sich. bei str2/z4 hätte ich dies z.b.
    mit "Es ringt ein Wort dich nieder, immer wieder." verdeutlicht.
    aber das wird naturgemäß durch den geschmack bedingt.

    im weiteren sind hier und da verse (bsp. str2/z3), die in
    ihrer sprachl. gestaltung das werk leicht bremsen.

    über die metrik verlier ich hier nicht 1 wort,
    daher verbrauch ich 2: durchgehend jambisch.

    rundherum treffende zeilen. die floskel "stolz auf dich"
    würde manches untertreiben, daher laß ich sie weg.

    grüße.
    AB

    ps. hoffe, ich habe mich inhaltlich nirgends widersprochen,
    da meine antwort einem flickenteppich gleicht.

    [Geändert durch AB0907 am 26-03-2004 um 05:40]
    Mehr von mir? Arno Boldt, seit Jahren mit Blog auch auf Wordpress.

    --------------------------------
    Das letzte Angebot von mir auf dot-com:
    The Lyrical Battleground von Schorschen und mir (+ diverse Gäste im Prolog des Worttanzes).

  7. #7
    Registriert seit
    Feb 2004
    Ort
    Berlin, PrenzlBerg
    Beiträge
    1.814
    Hallo AB,

    ich danke sehr für diesen wunderbaren Flickenteppich! Er ist mehr als interessant und anregend für mich und es freut mich außerordentlich, auch mal eines meiner Werke so ausführlich besprochen zu sehen, noch dazu von jemandem, den seine Sensibilität für Sprache auszeichnet.

    Zum Text: Wie gesagt, er ist ursprünglich als Übungsgedicht entstanden, aber da mir die Thematik selbst irgendwie gefallen hat, hatte ich ihn hier veröffentlicht.
    Daß die Elfbeintürme keine Elfenbeintürme sind, hat natürlich vorranig metrische Gründe. Aber darüber hinaus stellte das Wort für mich eine schöne Abwandlung dar. Durch die Zusammensetzung mit dem einfachen Bein (von Gebein) bekam es für etwas übertriebenes. Das Gebein und die Abkürzung der süßen Elfen nahm dem Wort die romantische Phantastik. So zu mindest hoffte ich. Denn der Elfenbeinturm ist ein zentraler Gedanke für mich. Das klassisch-romantische Bild des einsamen Dichtergenies auf dem Elfenbeinturm, der weit über der Masse sinnend auf dieselbe nur herunterblicken kann, Isolation, Egozentrik – ein scheuslicher Gedanke, oder nicht? Und doch war ich lange Zeit selbst sein Bewohner.

    Das Bild des (wett)kämpfenden Dichters kenne ich eigentlich durch Baudelaire und Benjamin. Letzterer berichtet vom Menschen der Moderne, der durch den Tag und die Stadt flanierend Eindrücke sammelt. Diese Eindrücke treffen den Menschen wie einen Schock. Damit diese Schockerlebnisse nicht zu einem Trauma werden, müssen sie bewältigt werden. Baudelaire pariert sie durch Lyrik. In seinem Essay „La peintre de la vie moderne“ (1863), einem Manifest der ästhetischen Theorie der Moderne, meint Baudelaire, Kunst würde sich aus der Spannung zwischen Ewigem und Vorübergehendem speisen. Die Reizüberflutung der Moderne darf nicht zur Orientierungslosigkeit werden. Baudelaire malt das Bild des fechtenden Künstlers, der am Abend das Erleben von Ewigem und Vergänglichem in einer Art Fechtkampf mit dem Schock reflektiert. Dabei wird das Ewige vom Vergänglichen isoliert (und idealisiert). Das latent Schöne in allen Dingen wird herausgearbeitet. Im Werk werden die Erinnerungen an Erlebtes dann fixiert und durch die Verdichtung des latent Schönen entsteht wahre (künstliche) Schönheit.
    Das ist für mich eines der schönsten Künstlerbilder – viel schöner als das des einsamen Genies auf dem Elfenbeinturm.

    Nun, Strophe zwei hatte, wie du aus der ersten Version erkennen kannst, ursprünglich keine reimische Sonderstellung. Ich hatte dabei unbemerkt die deutsche Sprache beschnitten, sie hat geweint und aufgeschrien, mich um Erbarmen angefleht. Und ich hatte Erbarmen. Daher war die Sonderstellung nicht ursprünglich intendiert, daß du sie nun wahrnimmst, zeigt mir wieder einmal, was Sprache (von selbst) vermag. Wie schön wäre es, sie irgendwann zu beherrschen...*ach-träum*

    Die dritte Strophe nun, stellt wieder ein anderes Künstlerbild vor – das des überwältigten Künstlers, der die Schönheit, die Eigenständigkeit der Sprache, ihre Macht nicht fassen kann und sich im Kampf ergibt. Du schreibst: „[...] vielleicht ist es der geniale geist, dem das lyr. ich nicht glauben kann.“ So ist es. Wie ein weiser Rat des Erzählers an einen Novizen klingt diese Strophe. Und in der Tat, es war ja ein Übungsgedicht, das ich lediglich schrieb, um meine Freunde zu erfreuen, in denen ich gerade die Muse geweckt hatte.

    Da es sich um die Schlußstophe handelte, mußte ich natürlich (ich bediene ein Klischee) die endliche Harmonie im Ringen mit den Worten plakativ darstellen, um deren Findung es ja im Endeffekt allen drei Künstleridealen geht. Dennoch wollte ich die Strophen nicht wirklich in Verbindung zueinander setzen, es sollte explizit herausgearbeitet werden, daß es drei verschiedene Ideale sind, deshalb auch kein lyrisches Ich, sondern eine Art auktorialer Erzähler.

    Und so schließe ich mit den weisen Worten der Diotima: „Du weißt, daß das Schaffen (grch.: poíesís = Dichtung) etwas Umfangreiches ist; denn die Ursache dafür, daß irgend etwas aus dem Nichtsein ins Sein tritt, ist allemal ein Schaffen (Dichten); und so sind auch die Tätigkeiten, die in den Bereich aller Künste fallen, eigentlich Dichtung, und die Meister darin alle Dichter.“
    auch ein Goldschmied, ein Gärtner oder ein Glasbläser. In diesem Sinne wünsche ich weiterhin frohes Schaffen...

    LG Vampyre
    --LeV

    Man sollte keine Dummheit zweimal begehen, schließlich ist die Auswahl groß genug. ~ J.P. Sartre

Was dich vielleicht auch interessieren könnte:

  1. Der Dichter ohne Worte
    Von Shoes on Mars im Forum Hoffnung und Fröhliches
    Antworten: 0
    Letzter Beitrag: 27.04.2015, 22:03
  2. Dichter kommen – Dichter gehen
    Von Walther im Forum Humor, Satire und Rätselhaftes
    Antworten: 6
    Letzter Beitrag: 23.09.2009, 11:47
  3. Dichter Dichter(nix für zahrte Poeten^^)
    Von Sternengeher im Forum Humor, Satire und Rätselhaftes
    Antworten: 11
    Letzter Beitrag: 12.10.2007, 11:17
  4. Wenn Worte nur Worte sind
    Von Kerlchen40 im Forum Liebe und Romantik
    Antworten: 4
    Letzter Beitrag: 09.02.2006, 12:01
  5. Ab wann ist ein Dichter ein Dichter
    Von Antina im Forum Allgemeines
    Antworten: 7
    Letzter Beitrag: 26.03.2005, 19:23

Berechtigungen

  • Neue Themen erstellen: Nein
  • Themen beantworten: Nein
  • Anhänge hochladen: Nein
  • Beiträge bearbeiten: Nein
  •  

Anmelden

Anmelden