Thema: lisboa

  1. #1
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    lisboa


    wie irr im angesicht

    deiner schönheit
    sind rastlos
    wir
    unterwegs
    nicht mehr auf der suche
    nach mehr

    fassen es nicht
    nur strudel und rausch alle
    sinne werden getragen

    und der bevorstehende abschied
    hält der verzweifelnden liebe stand
    unbeirrt

    kein augenblick vergeht
    zu welchem wir nicht sagen
    verweile doch

    verloren
    an dich
    lyrik ist die fortsetzung der verzweiflung ...

  2. #2
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    Liebe Charlotte,

    wieder so eine irrwitzig gefühlvolle Liebeserklärung.

    Ich habe öfter gelesen, der Ausdruck der Ambivalenz, der Widersprüchlichkeit vielleicht auch, sei ein hohes Gut in der Lyrik, und ich stimme zu. Ich finde aber auch, dass man diesen Anspruch nicht an jedes einzelne Gedicht herantragen muss, eher an das Werk eines Schaffenden. Einzelne Gedichte dürfen auch einfach mal nur die schönen Aspekte der Liebe (beispielsweise) zum Ausdruck bringen


    In diesem Text hat der Gegenpol als "bevorstehender Abschied" ja durchaus einen wichtigen Platz. Sollte er noch mehr bildlichen Raum haben?
    Das wäre vielleicht das Einzige, über das frau nachdenken könnte .

    Gruß Lé.
    Man hat mich ermutigt, zu glauben, ich lebte an einem absurden Ort auf einem unbedeutenden Planeten am Rande einer kleinen Galaxie in einem langsam erkaltenden Universum.




  3. #3
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    lieber Lé,
    danke schön. das einzige, was ich nicht bildlich vertiefen möchte, ist der abschied. die sehnsucht
    ist stark in mir. immer
    .
    liebe grüße
    charlotte

    p.s. ich würde dich ermutigen wollen zu glauben, dass du an einem wunderbaren ort voller wunder und poesie lebst.
    lyrik ist die fortsetzung der verzweiflung ...

  4. #4
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    Zitat Zitat von lavendula
    das einzige, was ich nicht bildlich vertiefen möchte, ist der abschied.
    Mal generell gefragt: Was spricht dagegen, in einem Vers etwas "bildlich zu vertiefen"? Unter "vertiefen" verstehe ich hier Ausgrabungen mit den Ziel, Überraschungen ans Tageslicht zu bringen. Welche Überraschung befürchtest du beim Abschied, wenn du nicht tiefer graben willst? Bindungsunfähigkeit? Würdest du das befürchten, könnte es dich ja nicht mehr überraschen!
    Genau so, oder eben ganz anders!

  5. #5
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    Liebe Charlotte,
    möglicherweise bedingt ja der bevorstehende Abschied all die Verwirbelungen der "verzweifenden Liebe", und jeder einzelne Moment davor erhält so noch mehr Dichte, noch mehr Gewicht und Intensität. Man möchte sich an ihn klammern und findet sich schon im nächsten unvergleichlichen Augentblick wieder, wie in einem reißenden Fluss kurz vor dem Wasserfall.

    Ein wirklich mitreißender Text auch für mich als Leserin, die nicht einfach so am Ufer stehen und zusehen kann, sondern hineingezogen wird in ihre eigenen Verwirblungen und Abschiede.

    Liebe Grüße
    mona

  6. #6
    Also,

    ...mit Verlaub, ich sehe ein sehr feines, leichtes, wehmütiges Gedicht über ein reisendes Paar, dass sich in Lissabon verliebt hat, und zwischen Schwelgen und Staunen das nahende Ende des Urlaubs kommen sieht.

    Oder stehe ich auf dem Schlauch???

    Liebe Grüße

    vom Gaukel
    ...endlich nahm die Raupe die Wasserpfeife aus dem Mund und redete Alice mit matter, schläfriger Stimme an.

    "Wer bist du?" fragte das Rauptier.

  7. #7
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    hallo artname, . das würde ich gern mal lyrisch von dir in szene gesetzt sehen.



    liebe mona, <3!
    danke. und es war mir klar,
    dass du das kennst.
    liebe grüße
    charlotte



    hallo gaukel,
    nein. da ist kein schlauch unter deinen fußen.
    genauso war es. und ich bettle sie immer an,
    dass wir doch bitte auswandern.
    liebe grüße
    charlotte
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  8. #8
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    Hallo Lavendula,

    Sorry, kannte vorher noch nicht die portugiesische Bezeichnung für Lissabon. Nun lese ich das Gedicht natürlich anders.

    Dennoch würde ich vermutlich ungern allgemein bzw. austauschbar über meine einzelnen Abschiede schreiben, sondern lieber Details in mir "ausgraben", einfach als lebendiges Erinnerung für später. Naja, die Vorlieben der einzelnen Menschen....

    Du bist allerdings gar nicht auf meine Frage zu deiner Aussage eingegangen: Was spricht gegen eine "bildliche Vertiefung deines Abschiedes"?

    Ist es dein Unvermögen, aus all den lieben Erinnerungen im Moment des Abschiedes einige bevorzugt auswählen zu müssen? Wolltest du keine Urlaubszeit vergeuden? Nicht mit deiner Wehmut konfrontiert werden? Wo hast du das Gedicht geschrieben, zu Hause oder noch in Lissabon?
    Geändert von Artname (13.01.2021 um 19:45 Uhr)
    Genau so, oder eben ganz anders!

  9. #9
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    lieber artname,
    das gedicht hab ich nach dem 2. abschied zu hause geschrieben. und nein - ich kann nichts einzelnes nennen.
    es ist die ganze stadt. und wir haben wirklich nicht nur die schönen seiten gesehen. aber es ist wie ein zu
    hause sein. dieses gefühl hatte ich noch an keinem ort. als ob es stimmen würde.
    es gibt einen platz. den haben wir besonders geliebt. für den habe ich auch 3 gedichte geschrieben. die gehören
    zusammen, werden ihm aber gar nicht gerecht. vielleicht machen sie etwas davon deutlich.
    die stell ich demnächst mal ein.

    ja, wehmut trifft. fernwehsehnsucht.
    liebe grüße
    charlotte
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  10. #10
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    Hallo ihr, Hallo lavendula

    Ein Liebesgedicht dieser Art an eine Stadt habe ich noch nicht gelesen! Aber merkwürdig, über das LD, in diesem Fall die Stadt Lissabon, wird ja gar nichts gesagt. Es ist nur etwas plakativ von "Schönheit" die Rede. Worin denn die wunderbare Attraktivität dieser Stadt bestehen soll, darüber erfährt der Leser nichts. Wäre ich die Stadt Lissabon, würde ich dieses Liebesgedicht mit einiger Skepsis aufnehmen. Ich würde denken. Sie sieht mich ja gar nicht, sie scheint mich nicht wirklich zu kennen und redet nur immerzu von ihrem eigenen Taumel.

    Nun ist das Reden über einen seelischen Außnahmezustand an sich noch kein Mangel an einem Gedicht. Poetische Einwände habe ich aber insofern, als mir das Poem vorkommt wie ein Musikstück, das als Lautstärkeangabe immer nur Fortissimo kennt. Gleich in der ersten Strophe taucht das Unüberbietbarkeitsmotiv auf "nicht mehr auf der Suche nach mehr" . Rein schreibstrategisch gedacht verbaut sich das Gecdicht damit die Entwicklungsmöglichkeit, auf die Nuance, auf ein Mehr in den Folgestrophen. Und nebenbei gefragt: Wenn das neue Jerusalem gefunden ist, die Suche ihr Ende hat, warum spricht das LI von Rastlosigkeit und Unterwegssein?


    wie irr im angesicht
    deiner schönheit
    sind rastlos
    wir
    unterwegs
    nicht mehr auf der suche
    nach mehr
    Die zweite Strophe kann daher den Unüberbietbarkeitsmodus nur noch varieren: "Unfassbar."

    fassen es nicht
    nur strudel und rausch alle
    sinne werden getragen
    Probleme habe ich mit "sinne werden getragen" . Das funktioniert als Bild meiner Meinung nach nicht. Gemeint ist wahrscheinlich, dass alle Sinne erfüllt sind.

    und der bevorstehende abschied
    hält der verzweifelnden liebe stand
    unbeirr
    t

    Originell und schön!


    kein augenblick vergeht
    zu welchem wir nicht sagen
    verweile doch


    Entschuldigung liebe lavendula Bei dieser Strophe musste ich etwas schmunzeln. Denn mit dem Goethe-Zitat entpuppt sich das LI als deutsche Bildungsbürgerin. Das ganze Poem hat ja die Unüberbietbarkeitserfahrung zum Thema. Und was ist das Unüberbietbarste schlechthin? Wenn man ein Schlüsselzitat aus Goethes Faust überbietet: Könnt ich zum Augenblicke sagen, verweile doch, du bist so schön...


    verloren
    an dich
    Ja, das möchte uns das LI wohl glauben machen. Aber, wie oben ausgeführt, das Gegenteil trifft wohl eher zu. In der Lohe des LI ist das Antlitz der Stadt Lissabon unkenntlich geworden.

    Liebe lavendula, das waren einige Anmerkungen zu deinem Poem, von denen nicht alle Einwände im eigentlichen Sinn sind.

    Liebe Grüße

    Onegin
    Geändert von Onegin (14.01.2021 um 18:29 Uhr)
    Love´s not Time´s fool W. S.

  11. #11
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    lieber Onegin,
    vielen dank für die feinen beobachtungen. und ich fürchte, ich kann
    mich nicht rechtfertigen.
    was ich vorbringen kann - es ist im eigentlichen ja ein anderes genre: kein liebes- sondern ein verliebtgedicht.
    und du weisst ja, wie unerträglich verliebte sind. dazu noch verliebte deutsche bildungsbürgerin (das trifft mich
    wirklich hart ) auf - wenn auch körpereigenen - drogen.
    ja - lisboa ist nur objekt oder projektion meines rausches. aber ich habe noch ein paar mehr gedichte zu lissabon, wo ich zumindest
    versuche, der stadt gerecht zu werden - ähnlich wie bei dem porto-gedicht.
    das fortissimo ist also der auftakt - und dafür, dass es so kurz ist, mag ich entschuldigt sein *blinker.
    übrigens fällt mir das bei lissabon wirklich viel schwerer - vielleicht, weil mein kopf da nicht wirklich klar ist.
    also bitte ich dich, es noch mal in diesem anderen genre zu lesen und dann nachsichtig mit einer verknallten zu sein.

    unabhängig davon vielen dank für dein feines gespür und die hinweise.
    liebe grüße
    charlotte
    Geändert von lavendula (14.01.2021 um 07:02 Uhr)
    lyrik ist die fortsetzung der verzweiflung ...

  12. #12
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    Hallo lavendula,

    ich finde dein Gedicht schön. Ich kann es nicht genau in Worte fassen, aber es berührt mich auf eine Art.

    Ich würde dir aber gerne eine Frage stellen. Wieso schreibst du und auch viele andere in dem Forum, die Gedichte auf diese oder ähnliche Weise?
    Damit meine ich, dass nicht wirklich Sätze gebildet werden. Ich gebe zu ich habe nie wirklich mich mit Gedichten auseinandergesetzt. Und an die Schulzeit kann mich kaum erinnern, leider ^^ . Aber seit einem halben Jahr schreibe und lese ich Gedichte, mit einer absoluten Leidenschaft.

    Wenn es dir nichts ausmacht, würde ich es wirklich gerne verstehen. Da ich doch anders schreibe. Vielleicht könnte ich auch das eine oder andere nutzen und mein Spektrum erweitern. Aber natürlich ohne abzukupfern.

    Vor allem fällt mir bei manchen Gedichten auf, dass diese sehr schwer zu verstehen sind. Bzw. für mich. Das ist überhaupt nicht als Kritik an dem Schreibstil oder dem Verfasser zu verstehen, da es meine Unzulässigkeit ist diese nicht zu verstehen. Das bezieht sich aber nicht auf dein Gedicht hier. Ich denke das die Intention und Emotion gut zu verstehen ist.

    Sorry, wollte nicht so viel schreiben. Würde mich sehr auf eine Antwort von dir freuen. =)

    LG Kenji

  13. #13
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    hallo Kenji,
    das kann ich so genau nicht sagen. manchmal geht es um rhythmus, manchmal um verdichtung.
    manchmal ist es spleen und manchmal ein versuch.
    und das mit dem verstehen kenne ich. für mich hat das 2 ebenen - die intellektuell-kognitive und
    die emotionale. einer meiner lieblingsdichter hier schreibt viele gedichte, von denen ich die hälfte
    verstehe - wenn ich glück habe. aber in der sprache und der form ist eine
    magie, die mich manchmal
    umhaut. und dann begnüge ich mich damit.
    dein erster satz freut mich sehr. so geht es mir nämlich auch oft. warum findest du das schön?
    weil ich es schön finde. es berührt mich und ich weiss nicht, warum.
    und wenn es dir mit dem gedicht so geht, freue ich mich wirklich sehr.

    daneben gibt es hier leute mit so viel sachverstand und der begabung, kritik zu üben, dass
    auch dafür genug platz ist. das finde ich hier wirklich besonders und einen glücksfall
    liebe grüße
    charlotte
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