1. #1
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    Virus Mitmensch

    Es gibt Menschen, die nur sehen,
    was nach ihrem Gusto ist.
    Was missfällt, gilt’s zu verdrehen,
    ist er da, der Antichrist?

    Uneinsichtig und verblendet
    predigen sie Lug und Trug,
    manche Wahrheit wird geschändet,
    halten nur sich selbst für klug.

    Diese Außenseiter glauben
    nur das, was ihr Weltbild nährt.
    Sie sind lästig wie die Tauben,
    stur und dumm in sich gekehrt.

    Ja, sie faseln von geheimen
    Weltzerstörungstheorien,
    hoffen, ihr Gespinst würd keimen,
    welch verrückte Fantasien.

    Und sie reiten, um zu streiten
    wie der arme Don Quichotte,
    unbeirrt durch alle Zeiten.
    Übrig bleibt ein Haufen Schrott.
    Geändert von Sidgrani (14.02.2021 um 10:36 Uhr) Grund: Anregung von Artname und horstgrosse2
    Dichten und dichten lassen

  2. #2
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    Hi "El Sid",

    flott gereimt, wie immer - und die Emotion kann ich gut nachvollziehen.

    Gruß Lé.
    Man hat mich ermutigt, zu glauben, ich lebte an einem absurden Ort auf einem unbedeutenden Planeten am Rande einer kleinen Galaxie in einem langsam erkaltenden Universum.




  3. #3
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    Hi Sidgrani, dein Gedicht ist mE prinzipiell gut zu verstehen und erinnert mich automatisch an manche Diskussion, von scheinbar nervenden Menschen inszeniert. - Und dennoch sage ich mir sofort, dass zu einem Streit immer mindestens 2 Menschen gehören: Einer, der auf seiner Wahrheit besteht und ein anderer... der ebenfalls auf seine Wahrheit pocht! Wo zieht man da die Grenze zwischen gut und böse?

    Noch komplexer wird das Problem, wenn man nicht nur von einzelnen Menschen, sondern von konkurrierenden Menschengruppen spricht. Wo man sich gegenseitig Verschwörungstheorien vorwirft, wird mE keine Einigung vorbereitet, sondern Krieg.

    Vor Kurzem sah ich, wie eine flüchtende Büffelherde ein krankes Tier aus ihrer Mitte tötete, angreifenden Löwen buchstäblich zum Frass vorwarfen. Teuflisch - oder ein sinnvolles Opfer, um ein Massaker zu vermeiden? - Was könnte man im Streit opfern, um zu entspannen?

    Nebenbei noch: in S2 verzerrt mE der Reimzwang die grammatikalische Logik. Der V4 sucht ein Subjekt und so lande ich im Rückwärtsgang zunächst beim Passiv in V3. Demnach müsste V4 eigentlich lauten: "geschossen gern vor ihren Bug". Das klingt recht kompliziert und ist metrisch unschön. Also noch weiter zurück gehen, das Subjekt in V2 suchen?
    Bevor ich weiter an der Grammatik dieser Strophe herum operiere - was soll hier überhaupt inhaltlich gesagt werden? Die Übeltäter schänden die Wahrheit, schießen ihr vor den Bug?!? Was denn nun: Schänden sie nun oder warnen sie nur?

    Gruss
    Geändert von Artname (05.02.2021 um 09:59 Uhr)
    Genau so, oder eben ganz anders!

  4. #4
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    Hallo Sid,

    ich kann das Unverständnis für Verschwörung und die Empörung über abstruse Gedanken verstehen. Aber diese Haltung darf nicht der Endpunkt der Reflektion der gesellschaftlichen Wirren sein.

    Im Angesicht des Abstrusen eine innere Haltung zu bewahren, die sieht, was ist, ohne in die Gegenwehr zu geraten und in die Aburteilung, lässt weiter denken und weiter fragen. Denn durchschauender Groll ist ebenso wenig konstruktiv, wie der abstruse Groll der Verschwörungsdenker. Hier haben dann die dunklen Gedanken und Gefühle, wie eine Flamme sich verheerend weiter getragen.

    Aber einfach ist es nicht, gelassen zu bleiben.

    Mit besten Grüßen,
    Thomkrates
    ---
    Die Leiden der Zeit sind zeitlos zu heilen.
    Wer die Leiden erschaut nur im Körper, der irrt.
    Der Geist und die Seele sollen glücklich verweilen,
    ansonsten das Übel der Welten uns flirrt.

    ---

  5. #5
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    Schöner Haufen Schrott, den wir aus unseren Vorlieben und Abneigungen zusammenzimmern. aber dabei bleibt es ja nicht. alles für und wider muss ja gelebt werden und zwar so gemeinsam wie das Virus Mitmensch niemals aufhören wird Projektionsfläche zu bleiben.

    MFG!
    Der Roman: "Verballistik"
    Die Gedichte: "Auf dem Silbertablett"

  6. #6
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    Hei Lé,

    danke, es soll ein Resumee fern jeglicher Emotion sein.



    Hei Artname,

    im Grunde wollte ich die Neigungen und Strategien der Mitmenschen beleuchten, die aus mir unerfindlichen Beweggründen immer dagegen sind. Sie kommen mir vor wie Nörgler von Beruf oder Sonnentempler, die den baldigen Weltuntergang voraussagen.

    Was könnte man zur Entspannung opfern? Ich weiß es nicht, wer glaubt, im Recht zu sein, wird nie nachgeben.
    Deinen Hinweis bezüglich S2 finde ich gut, ich hoffe, nach der Änderung liest es sich runder.



    Hei Thomkrates,

    wie soll man gelassen bleiben, wenn die Leugner Menschen verunsichern und sich im täglichen Leben uneinsichtig verhalten und ihre Mitmenschen gefährden, indem sie keine Masken tragen?



    Hei Terrorist,

    schön gesagt. Projektionsfläche oder sogar auch Zankapfel?



    Ich danke euch für eure Gedanken und Meinungen.
    Sidgrani
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  7. #7
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    Zitat Zitat von Sidgrani Beitrag anzeigen

    Und sie reiten und sie streiten
    Mein Senf:
    Und sie reiten um zu streiten.

    und da der Senf echt dünn war, bin ich gleich wieder fort.
    tschüss.

  8. #8
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    Hei hg,

    Mein Senf:
    Und sie reiten um zu streiten.
    Das gefällt mir, so dünn ist der Senf also nicht!

    LG
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  9. #9
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    Lieber Sid,

    da steige ich mit ein, um dich darin zu bestärken, dass es Menschen gibt, die einfach gegen alles sind, und die streiten, um zu streiten (so kann man es auch sagen).

    Der Vergleich mit Don Quichotte und den lästigen Tauben gefällt mir! Könnte man sie nur ignorieren, aber das geht nicht; manchmal gehören sie (in allen Schattierungen und Intensitäten) zu unserem Freundeskreis oder der Familie, und das tut sehr weh!

    Sehr gerne gelesen!

    LG Hoya
    "Wenn man das Leben nur auf eine Art betrachtet, gibt es immer einen Grund zur Sorge." Elizabeth Bowen

  10. #10
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    Hallo Sidgrani,

    sehr schön zu lesen und zu verstehen. Mir fällt da ein Zitat ein, das ich mal hörte, es geht inetwa so: "Die Wahrheit ist vom Interesse des Interpreten geleitet". Der Ursprung des Zitats ist mir unbekannt, vielleicht kennt es ja jemand hier. Google hat mir nicht geholfen.

    Liebe Grüße Henrik
    ---------------------------------Signatur:

    Friedensfrauen sind fast immer zerrissen und unglücklich. Weil die Natur ihnen Träume eingibt, die sie nicht mögen, denen sie aber am Ende meistens folgen. Und ich gehe leer aus

  11. #11
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    Hei Hoya,

    diese Menschen kann man nicht komplett ignorieren, aber man darf ihnen auch kein Podium verschaffen. Gehören sie zum Freundes- oder Verwandtenkreis, ist es besonders schlimm.



    Hei Henrik,

    das von dir genannte Zitat trifft den Nagel ziemlich genau auf den Kopf.



    Ich danke euch.
    Liebe Grüße
    Sid
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  12. #12
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    Hallo Sidgrani,

    einfach nur wahr, klar, richtig und wichtig.
    Und - wunderbar in Verse gegossen!
    (ich habe es, innerlich jubelnd, genossen)

    Liebe Grüße,
    Yeti

    Nicht vergessen! 'Es gibt nichts Gutes, außer: man tut es' (Kästner)

    wenn ich nicht dichtete
    würd´ ich verrückteter

  13. #13
    Salseda ist offline wie ist das passiert? jetzt bin ich plissiert Sieger des Gedichtwettbewerbs
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    Hallo Sidgrani,

    guter Rhythmus, zügig zu lesen. Und die verwensdest einige sehr gut gewählte Bilder (lästig wie Tauben z.B. (die alles zuscheißen und Viren verbreiten Anm.), Don Quichotte mit seinem aussichtslosen Kampf gegen Windmühlen und dass Menschen nur das gerne sehen was nach ihrem Gusto ist).
    Allerdings klingt es mir zu frustig, wutig. Die Kernaussage liegt für mich im Wörtchen "Wahrheit".
    Wer kennst sie denn, die Wahrheit? Meinen wir nicht alle sie zu kennen? Und irgendwann später, bleibt von ihr nur ein Haufen Scherben, oder wie du sagst: ein Haufen Schrott übrig und all das Geschirr das wir zerdeppert haben, weil wir sie so feurig vertreten haben? Oder in noch schlimmeren Fällen Verwüstung, Krieg und tote Menschen?

    Im philosophischem Sinne hätte ich mir noch einen abschließenden Vers gewünscht, das die Don Quichotterie als allgemein menschlich miteinbezieht, denn wir sind ja alle, egal welcher Wahrheit wir anhängen davon nicht ausgenommen.


    Dieser Faden hat einige bemerkenswerte Antworten provoziert. z. B. von Artname: dass zu einem Streit immer mindestens 2 Menschen gehören

    Aber der beste Satz kommt von Terrorist:
    Schöner Haufen Schrott, den wir aus unseren Vorlieben und Abneigungen zusammenzimmern. aber dabei bleibt es ja nicht. alles für und wider muss ja gelebt werden und zwar so gemeinsam wie das Virus Mitmensch niemals aufhören wird Projektionsfläche zu bleiben.



    Liebe Grüße
    Sali

  14. #14
    Registriert seit
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    Hei Yeti,

    danke für deine klaren und ach so wahren Worte! Hoffentlich kommt jetzt keiner und führt fadenscheinige Gegenbeweise an!



    Hei Sali,

    mit der Wahrheit ist das so eine Sache, jeder glaubt sie zu kennen.
    Christian Morgenstern sah das so: "Eine Wahrheit kann erst wirken, wenn der Empfänger für sie reif ist."
    Das sollten sich die "Unreifen" mal durch den Kopf gehen lassen.

    Zitat Zitat von Salseda
    Allerdings klingt es mir zu frustig, wutig.
    Das klang schon einmal an. So sollte mein satirisch gemeintes Gedicht nun wirklich nicht rüberkommen. Alles in Allem freut es mich, dass mein Gedicht einige wertvolle Denkansätze hervorgebracht hat.


    Ich danke euch beiden und sende liebe Grüße
    Sid
    Dichten und dichten lassen

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