1. #1
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    ...es liegt in der Luft

    Bei Nacht kriecht der Frost noch über die Erde,
    jedoch liegt ein Ahnen im Morgenrot.
    Dem rauen Gesellen mahnt schon der Tod.
    Am Waldrand, mein Fluss, stürmt gleich einer Herde

    halbwüchsiger Fohlen, wild im Verlangen
    mit schmelzendem Weiß als Bundesgenossen,
    zu lang hielt die Eisschicht fest ihn umschlossen.
    Doch jetzt, da er milden Luftstrom empfangen

    schäumt er dahin mit kräftigen Wellen,
    zerberstet das Eis, es wird seine Beute,
    die Ufer bedeckt er ganz ungehemmt.

    Umhaucht bin auch ich, von Lüften, den hellen,
    durchflutet die Sinne, ich nenn es mal Freude,
    es jubelt so himmlisch mir unter dem Hemd.
    Geändert von kleine Wolke (22.02.2021 um 21:00 Uhr) Grund: Hinweis von Reflexion u. Salseda
    Im Reich der Wirklichkeit ist man nie
    so glücklich wie im Reich der Gedanken
    A. Schopenhauer

  2. #2
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    Ich habe gerade ein paar Gedichte von Baudelaire gelesen und finde deines nicht minder schlecht.
    Ob bei diesem Sonett die Form gewahrt ist und die Metrik perfekt habe ich nicht im Sinn.
    Es sind sehr gelungene Bilder die Leidenschaft ausdrücken.
    Ich bin aber nicht der Kritiker par excellence. Ich fühle mich jedoch in deinem Gedicht zu Hause.
    Das Spiel mit den Stimmungen finde ich toll. Mir ist beim dritten Mal lesen noch aufgefallen, dass ich vielleicht geschrieben hätte "nenne es Freude"
    Man muss es nicht runterspielen. Aber beim vierten Mal lesen, kann ich es auch so annehmen.

    Ich finde es auch gut, dass vom Allgemeinen die Tendenz zum Individuellen hin geführt hat.

    Ein gelungenes Werk.
    Geändert von Reflexion (13.02.2021 um 22:32 Uhr)

  3. #3
    Salseda ist offline wie ist das passiert? jetzt bin ich plissiert Sieger des Gedichtwettbewerbs
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    ja wie geil ist das denn!

    Hallo kleine Wolke,
    das war der 1. Satz den mein Mund rausgelassen hatte, nachdem ich das Gedicht zu Ende gelesen habe. Nenne es: es kam von Herzen als zustimmende Hochachtung.

    Es liest sich in den Wellen in denen dein Fluss dahinschäumt, ich finde das sehr gelungen! Es entstehen auch unmittelbar beim Lesen die entsprechenden Bilder. wie das Flüsslein wie junge Fohlen hüpft, wie das Eis seine Beute! wird und er fast übermütig achtlos über die Ufer leckt.

    So nun zum SChluss:
    ganz herrlich finde ich wie es dir unter dem Hemd jubelt, da jubel ich richtig mit. Auch gefällt mir das eingeschobene: nenn es mal Freude. Auch wenn ich da noch ein "ich" davor gesetzt hätte (obs reinpasst? ich weiß es nicht hab nicht nachgezählt). Dieser Satz drückt für mich so viel aus: ein bisschen Staunen über das Gefühl, vielleicht weil es schon länger nicht mehr erfahren wurde, aber auch ein völlig eingetaucht sein in den Augenblick.
    Ein einziges ist mir nicht ganz so gefällig: flammt mir die Sinne, ich hätte da ein "flutet" genommen, weil das besser zum Lüftchen und zum Flüssschen passt, entflammt, wenn es sich rein auf die Freude beziehen soll.
    Zur Rechtschreibung:
    ich meine, dass es zusammengeschrieben wird: umhaucht, durchflammt.

    Unabhängig davon: es war reine Freude das zu lesen

    Liebe Grüße
    Sali

  4. #4
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    Hallo Reflexion und Salseda

    Ganz lieben Dank für Euren Tipp, passt und ich habe ihn gleich übernommen. Das "ich" ist eine Silbe zu viel. Hatte es schon mit hineingeschrieben, aber da klappt es m. M. nach mit dem Rhythmus nicht.
    LG kleine Wolke
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  5. #5
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    Liebe kleine Wolke,

    schwierig, nach den tollen Kommentaren noch was Sinnvolles zu schreiben. Du sollst aber wissen, dass mir dein Gedicht sehr gefällt. Auf jeden Fall ist das Kopfkino angesprungen, ich war dabei. Und, ich jubele mit..

    Lieben Gruß
    Elisabetta
    ...Doch alles, was uns anrührt, dich und mich,
    nimmt uns zusammen wie ein Bogenstrich,
    der aus zwei Saiten eine Stimme zieht...
    (aus: Liebeslied von Rainer Maria Rilke)

  6. #6
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    Hallo, Elisabetta

    ganz lieben Dank für dein Lob, das macht mich doch etwas stolz und lässt mich auch ein bisschen jubeln
    einen schönen Abend wünscht dir
    kleine Wolke
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  7. #7
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    Der Frost als rauer Geselle, und das Ahnen hier wird gleich was passieren. Weil alles in der Beschreibung ausdrückbar ist, was zu passieren bereit ist wenn wir den Stift schwingen, oder war es andersrum. Darauf zu antworten vermag dieses Gedicht leider nicht, denn es ist der Natur so verbunden dass die dahinter steckende Ebene der Interpretation kaum bedient wird.

    MFG!
    Der Roman: "Verballistik"
    Die Gedichte: "Auf dem Silbertablett"

  8. #8
    Salseda ist offline wie ist das passiert? jetzt bin ich plissiert Sieger des Gedichtwettbewerbs
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    Hi Robert,
    die dahinterliegende Ebene wird sehr gut bedient, finde ich. Vergänglichkeit, Gefühle wie emotionales Aufgewühltsein und Kälte, ewiger Kreislauf, Verjüngung, Bilder, Märchen, Zukunft....ach ich könnte sie Seite vollschreiben.

    Liebe Grüße
    Sali

  9. #9
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    Schön, kleine Wolke, über die "Reime" 10+13! und 11+14 musste ich schmunzeln.

    Die Fohlen-Metapher ist ansprechend, aber "Verlangen"?

    Am Waldrand, mein Fluss, stürmt gleich einer Herde

    halbwüchsiger Fohlen, wild im Verlangen
    mit schmelzendem Weiß als Bundesgenossen,
    zu lang hielt die Eisschicht fest ihn umschlossen.
    Doch jetzt, da er milden Luftstrom empfangen
    Vers/Reim 5 und 8 sind irgendwie patschert! Ich würde hier eher irgendetwas auf "gefangen" reimen.
    Und "Bundesgenossen" klingt schon ein bisschen zu XXL in diesem Kontext, oder?

    Lieben Gruß
    albaa
    Geändert von albaa (20.02.2021 um 13:43 Uhr)

  10. #10
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    Hallo, albaa
    entschuldige die späte Antwort, mein PC hat etwas gesponnen in den letzten Tagen. Und danke für deinen Komm. Habe mich sehr gefreut über dein Hiersein. Eigentlich habe ich gar nicht so darüber nachgedacht sondern einfach nur gefühlt. Ich bin mit Pferden groß geworden und jetzt, als ich unser kleines unscheinbares Bächlein sah, wie es sich aufgetürmt hatte durch die Schneeschmelze, kam es mir so in den Sinn und die Erinnerung an unsere Pferde damals, wie sie davonstürmten, als im Frühjahr die Gatter aufgingen. Diese enorme Kraft, die Lebenslust und Freude in Freiheit. Genau so eine geballte Ladung war dieser Bach. Und "Bundesgenossen" sollte als Vergleich gesehen werden.
    Aber vielleicht fallen mir doch noch ein paar gescheite Dinge dazu ein. Ich danke dir für dein Darüber schauen und deine Ansichten dazu.
    einen schönen Abend dir
    wünscht kleine Wolke
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  11. #11
    Salseda ist offline wie ist das passiert? jetzt bin ich plissiert Sieger des Gedichtwettbewerbs
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    hallo kleine Wolke,
    eine kleine Anmerkung

    die Bundesgenossen hatten mir eigentlich das Bild nahegelegt , dass die beiden ein Bund sind, verbunden, miteinander im Bunde und das hat mir gerade gut gefallen, dass die beiden sich verbündet haben was ja eigentlich auch den Gegebenheiten entspricht. So hatte ich das empfunden und fand es ganz ansprechend, so unterschiedlich kann die Wirkung sein.

  12. #12
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    Liebe Sali
    Man sollte eben kein Gedicht erklären. Mache ich im Prinzip auch nicht gern. Jeder hat sein eigenes Kopfkino und das ist i. O. so. Ich finde es gut wenn man mehrere Bilder und Ansichten zu einem Text hat.
    Im Reich der Wirklichkeit ist man nie
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