Thema: Der Blutkelch

  1. #1
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    Der Blutkelch

    Bei der Niederkunft gestohlen
    Lebt an einem düstren Ort.
    In den Eisenhelm gezwungen.
    Hörte sie nie Menschenwort.

    Schreien, Wimmern und dannSchweigen
    Presst der Helm formt Knochenbein.
    Und Dämonen und Schimären
    lassen niemals sie allein.

    Zweites Jahr zur Sonnenwende
    kam der Tod zum Opferfest.
    Kopf vom Halse abgeschnitten
    Hunde fraßen dann den Rest.

    Aufgesägter Kinderschädel
    Menschenbein in Silberhand
    goldnes Bein von einem Greifen
    ist der Fuß auf dem er stand.

    Wurd versiegelt Gold mit Silber
    und gehämmert blankpoliert.
    Schmiedete im Höllenfeuer
    Hat der Teufel ziseliert.

    Sechs Rubine sechs Granate
    blutrot außen angebracht.
    Menschenblut aus diesem Kelche
    gibt dir über Menschen Macht.

    Artefakt, das Mörder leitet
    Menschenmassen hingeschlacht’.
    Dem Tyrann den Weg bereitet
    und der Menschheit Angst gebracht.

    Die Assyrer und Hethiter
    und vielleicht auch Dschingis Khan,
    alle Großinquisitoren
    und der „Schreckliche Iwan“

    Adolf Hitler und auch Stalin,
    Rote Khmer und Taliban
    Hutu, Tutsie, Al Khaida
    stießen mit dem Kelche an.

    Saddam im Irak gefangen,
    Kelches Spur verlief im Sand.
    Wer dort sucht, das weiß ein jeder
    doch weiß keiner, wer ihn fand.


    Ich bin kein Historiker und glaube, daß ich den Hethitern Unrecht tue. Falls einer von Euch mehr Ahnung hat und den Namen von einem grausamen Volk in grauer Vorzeit kennt, würde ich mich sehr über einen Tipp freuen.

    Krähe

    [Geändert durch krähe am 29-02-2004 um 23:37]

  2. #2
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    Ein gelungener Vers der allerdings ob seiner grausamen Bilder nicht unbedingt Jugendfrei ist. Das Thema erinnert mich an eine Gralssuche, wenn es einen heiligen Gral giebt, warum nicht auch einen verdammten. Außerdem kommt mir beim Lesen der Gedanke an den Roman "Snowcrash" von Neal Stephenson in dem es um ein Artefakt vergleichbar mit einem solchen Kelch geht welcher im Buch auch im Irak vergraben lag und der die menschliche Sprache als eine Art uraltes einem Computervirus ähnlichen und dann in die falschen Hände gelangten Mysteriums beschreibt.Ist auf jeden Fall eine Empfehlung!
    ARTOFVOICE says NeveroddoreveN

    ich werde JAPANI(S)CH

  3. #3
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    Meiner Meinung nach muß an dieser Stelle nicht über Jugendfreihiet diskutiert werden. Das RL mit den täglichen Schlagzeilen um irgendwelche Terroranschläge hat uns allen, einschließlich der Jugendlichen, längst aufgezeigt, daß Grausamkeiten zum Alltag gehören. Warum auch immer?
    Dein Gedicht ist für mich ein Mythos, hätte besser in diese Rubrik gepasst. Darüberhinaus hast Du sehr eindrucksvoll den Bogen von der Antike zur Gegenwart gezogen und den Leser emotional eingespannt. Ein eindringliches Leseerlebnis!

    Gruß
    Herbstzeitlose
    Dem Anschein nach bin ich zugleich in meiner Seele und außerhalb meiner Seele, weit ab von der Glasscheibe und dicht davor, gestorbener Steinbrech. Meine Begierde ist unendlich. Ich bin nur vom Leben besessen.

    Rene Char

  4. #4
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    Ich gebe zu, daß ich mich auf dieses Gedicht gefreut habe und nun da ich es lese bin ich wirklich beeindruckt.
    An der Form mag ich kaum noch was bemängeln, außer S9V2. Da muß entweder das "und" weichen oder eine betonte Silbe davor eingefügt werden. Man legt sich als Leser wirklich lang, wenn da aus dem Nichts urplötzlich zwei unbetonte Silben aufeinanderklatschen.
    Ansonsten sind die Bilder, die du am Anfang schaffst sehr wirkungsvoll und erzeugen durchaus eine schaurige und horrende Atmosphäre. Zum Ende hin, so empfinde ich es, flacht dein Gedicht inhaltlich ab. Daß du diese ganzen Leute und Gruppierungen, die uns aus dem Geschichtsunterricht oder den Nachrichten bekannt sind, so unreflektiert einfach hintereinanderweg aufzählst, das will mir nicht gefallen. Da fehlt mir etwas, eben die Reflexion. Außerdem kommt die Akkumulation zu gedrängt.
    Die Wendung in S10 - man muß gar keine Namen nennen, jeder weiß es ja - finde ich allerdings wieder gelungen. Sie entbehrt nicht eines gewissen Witzes.
    Grosses Lob meinerseits!
    LG
    Vampyre

    ps.: Zur Frage der Hethiter müßtest du doch Ansprechpartner kennen...

    [Geändert durch levampyre am 23-02-2004 um 11:20]
    --LeV

    Man sollte keine Dummheit zweimal begehen, schließlich ist die Auswahl groß genug. ~ J.P. Sartre

  5. #5
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    Hallo
    und Danke, das ihr mir etwas zu meinem Gedicht sagt.

    @ Markus Hilbert,
    ich bin schon wegen der brutalen Strophen am Anfang kritisiert worden, ist sonst auch nicht meine Art. Aber zu so einem Kelch nimmt man nicht einfach eine alte Plastikschale. Ich wollte auch die Rohstoffgewinnung aus Menschen oder aus menschlichen Embryonen stark überspitzt ansprechen und den möglichen Mißbrauch der jetzt entwickelten Technologien. (Zucht von menschlichen embryonalen Stammzellen aus den überzähligen befruchteten Eizellen nach künstlicher Befruchtung). Aber es ist wohl nicht so rübergekommen. Bin selber Schuld, da ich durch die Beschreibung des Kelches und seiner Rolle in der Geschichte davon ablenke. Das erwähnte Buch scheint interessant zu sein, mal sehen wenn ich mal Zeit habe. Danke für deine Empfehlung.
    Krähe


    @ Herbszeitlose,
    ich freue mich, daß es dir gefallen hat. Du weißt ja das mich lobende Kritik von dir immer sehr freut. Die Rubrik, ja da magst du Recht haben, mir ist es sehr düster, und ich muß zugeben, daß ich selbst fast nur in den ersten vier Rubriken gestöbert habe. Du hast auf jeden Fall Recht, wenn du sagst, daß es heute fast keine grausamen Bilder gibt, die nicht von der Realität übertroffen werden. Danke.

    Krähe


    @ levampyre,
    schön das es dir gefällt. Da du das Handwerk beherrschst, freut es mich natürlich sehr, wenn dir nur eine Stelle auffällt. Ich muß dir ganz ehrlich sagen, ich habe meine Probleme mit der Betonung. Ich weiß, daß die Fachleute mal ein kleines x und mal ein großes machen und das man es durch Klatschenkönnen rausbekommt. Aber ich kann dummerweise zu jeder Silbe klatschen. Rein gefühlsmäßig stört mich eher S8V2?? Gib mal bitte einen kleinen Tipp.
    Dir ist aufgefallen das es abflacht, stimmt ist mir auch aufgefallen. Ich habe auch für die letzten drei Strophen sehr lange gebraucht. Wenn man konkreter schreibt, dann müßte man mehr recherchieren, und das ist für mich nicht einfach (Siehe Hethiter). Und dann wäre das Gedicht zu lang geworden. So spannend, daß der Leser noch gerne ein paar Strophen lesen möchte, kann ich (noch) nicht schreiben.
    Auch der Schluß sollte eigentlich direkter werden, aber dann wäre mein Gedicht eine Momentsache geworden, die nach der nächsten Wahl veraltet ist. Leider wird es bis dahin ohnehin auf die letzte Seite des Forums gerutscht sein. Ich danke dir daß du mir deine Eindrücke mitgeteilt hast und das du mir die Schwachstellen zeigst. Ich bin immer erstaunt, daß du mit deinem Fachwissen immer auf die Stellen zeigst, die ich rein vom Gefühl her auch nicht optimal fand. Obwohl du ja total anders schreibst als ich. Umso mehr freut mich dein Lob.

    Krähe


  6. #6
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    Um rauszukriegen, wann man ein GOSSES und wann ein kleines X setzen muß, kann man auch andere Methoden anwenden. Es ist schließlich nicht jeder Poet auch Musiker. Das bring ich dir vielleicht mal inner ruhigen Stunde bei...

    S8V2
    "Die Hethiter und Assysrer XxXxXxXx
    Und vielleicht auch Dschingis-Khan XxXxXxX
    [...]"

    Also daß die X für betonte und die x für unbetonte Silben stehen, weißt du ja. Da sich hier eine wunderbare Abfolge von betonten und unbetonten Silben ergibt, die dem Gesamtschema des Gedichts entspricht, liest es sich nach m.E. flüssig, ohne daß mir etwas daran aufgefallen wäre. Vielleicht hast du ein optisches Problem damit, weil der Vers einfach länger ist als die restlichen der Strophe. Hm? Ich weiß nicht.

    Ja, das mit dem Abfalchen ist so: Du machst zu Beginn deines Gedichtes mit diesen gewichtigen Bildern eine unglaublich große Geste. Die Bildhaftigkeit und der Pathos der Aufzähling [als rhetorisches Stilelement] ist allerdings mehr als nebensächlich, was heißen soll so gut wie nicht vorhanden.
    Gerade am Schluß sollten ja, das wußten schon Aristoteles, Quintilian und Cicero, die größten Gesten kommen. Da mußt du nicht viel recherchiert haben. (Obwohl es immer löblich ist, zu hören, daß für ein Gedicht überhaupt recherchiert wurde.)

    Stell dir einfach einen großen festlich geschmückten Saal vor, mit großen, schweren Kronleuchtern, barocken Prunk-Bildern, schönem Parkett, viel rotem Samt, überhaupt viel Rot und Gold! Und du kommst herrein und aus dem Staunen nicht herraus, läßt deine Blicke an dem reichen Dekor schweifen und plötzlich knapp vor der hohen Ausgangstür mit ihren weiten Schwingen siehst du es dann: auf Plastikgartenstühlen sitzt eine Gruppe anonymer Alkoholiker im Kreis.

    Ist natürlich übertrieben, aber vielleicht verstehst du, was ich meine. Du solltest dein Gedicht nicht nur auf Metrik, Reimfolgen, Form und Inhalt hin bedenken, sondern auf auf die rhetorische Aspekte hin!

    LG Vampyre

    [Geändert durch levampyre am 25-02-2004 um 09:39]
    --LeV

    Man sollte keine Dummheit zweimal begehen, schließlich ist die Auswahl groß genug. ~ J.P. Sartre

  7. #7
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    Hallo levampyre,
    ich bin ja noch beim Lernen. Da freue ich mich natürlich, daß du mir Hilfe anbietest. Das Abflachen ist mir auch aufgefallen, aber ich wollte es durch Herrschernamen ausgleichen, denen man den Blutkelch zutraut. Wenn möglich noch chronologisch lückenlos. Aber da ist wohl ohne fachkundigen Rat nichts zu machen. Weil ich die (bösen Herrscher) aber nicht gefunden habe, hab ich schon ganze Volksgruppen genommen. Sowas pauschalisiert leider immer. Zu dem Kelch passt eigentlich nur eine Einzelperson. Deshalb sind S8+9 flach, auch inhaltlich. Ich habe die Plastikstühle stehen sehen, hatte aber keinen roten Samt mit Goldborten, um sie zu verdecken. Da ärger ich mich selber. Ansonsten freue ich mich auf eine ruhige Stunde und danke dir natürlich für die Mühe, die du dir machst. Mir hilft das wirklich.

    LG Krähe


  8. #8
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    Die Geschwindigkeit mit der sich die drei letzten Strophen aus dem Mythos heraus ins faktische Leben katapultieren, hat mich erst stutzig gemacht. Doch dann sprang mein Geist auf die Parallele der Technokratischen Entwicklung die ebenso rasannt unser Dasein durchkreuzt und immer schneller und kurzatmiger die maximale Wirkung verlangt. Genau wie die Zerstörungskraft der Kriege die seit Beginn des letzten Jahrhunderts expotential zugenommen hat bis hin zu dem abschreckenden Wahnsinn der Atomaren Bedrohung die von den Atommächten als gegenseitige Respektsbezeugung angesehen wird. Man könnte beinahe glauben, die Welt wäre voller Blutkelche,! -und genaugenommen ist sie auch von oben bis unten besuddelt
    ARTOFVOICE says NeveroddoreveN

    ich werde JAPANI(S)CH

  9. #9
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    Hallo,

    wenn auch düster und schon fast ein bisschen zu okkult für meinen Geschmack hat es durchaus einen literarischen Reiz.

    Die aktuelle politische Prisanz ist sehr geschickt in der letzten Strophe angedeutet.
    Hält man sich die biblische Offenbahrung vor Augen will man wirklich meinen, wir steuern expotentiell auf das Ende zu.
    Die Vertechnisierung fast schon als Götze, die Globalisierung, Überwachungsmechanismen und der moralische Verfall muten wie Vorboten an.

    "Sechs Rubine sechs Granate"
    -> in Anlehnung an die Zahl 666 könnte hier noch eine stärkere Verknüpfung hergestellt werden

    "lassen niemals sie allein"
    erscheint mir sprachlich passender

    Grüße

    Sandkorn

  10. #10
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    Hallo Markus, danke dir wieder für deine Bemerkungen. Du hast auf jeden Fall Recht, die heutige Zeit ist sehr schnellebig. Und jede Hoffnung auf eine Verbesserung der Zustände wird meistens schnell durch irgendeine neue negative Entwicklung unterdrückt. Manchmal möchte man gar keine Nachrichten sehen.

    Krähe

    Hallo Sandkorn,
    ich habe gerne deinen Vorschlag aufgegriffen, es klingt besser. Ich hatte leider kein Platz, noch 6 andere Steine anzubringen. Farblich fällt mir auch kein passender ein.Höchstens Haematit, der glänzend Schwarz ist und im Sonnenlicht blutrot sein soll. Aber dieser kelch wird wohl nie in der Sonne stehen. Ich wollte das Gedicht auch nicht zu lang werden lassen. Mir gehts oft so, daß ich im Forum ein langes Gedicht nur bis zum Ende lese, wenn es mich auf Anhieb interessiert.

    Krähe

  11. #11
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    Hallo,
    dein Gedicht ist ziemlich krass, und macht nachdenklich. Aber du hasst irgendwie recht. Auch wenn es sehr prutal ist, es ist die Wahrheit.

    Lg bikerin93

  12. #12
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    Hallo
    Ich finde dein Gedicht ziemlich prutal. Aber es ist dir gut gelungen. Es entspricht (leider) der Wahrheit. Du hasst vollkommen recht.
    Lg bikerin93

    ________________
    Fertige Werke: Ein Gedicht nur für dich und Gestorben.

  13. #13
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    doppelpost und beide mit den selben rechtschreibfehlern? 0o
    Wirst du der Zeit mehr leben geben,
    wird Leben Dir mehr Zeit hergeben.

  14. #14
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    Hallo bikerin93,
    ich hatte nicht mehr auf Antworten gerechnet. Um so mehr freut es mich jetzt noch gelesen zu werden. Vielleicht hilft mir ja auch, dass jemand meine Gedichte mit Sternchen bewertet? Ich glaube ich bin der meistbewertete Dichter hier im Forum, leide meist nur ein Stern.
    Ich freue mich das du dem Inhalt zustimmst. Es ist manchmal rätselhaft woher manche Menschen ihre Macht beziehen.
    Ich danke dir für die Rückmeldung.

    @ Featherheart,
    ich vermute mal das es ein Versehen war.

    Krähe

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