1. #1
    Registriert seit
    Feb 2004
    Ort
    Berlin, PrenzlBerg
    Beiträge
    1.812
    <font color="#9f0002">Die künstlichen Paradiese</font>


    Zünde mir ein Licht, du rote Flamme,
    komm’, umarme mich und sei mir hold,
    gib mir neun für zehn, wie ich’s gewollt,
    sei mir Mutter, Retter, Dame, Amme!

    Weiße Milch, dich will ich eilig trinken,
    kreuzen die Gestade meiner Schuld,
    in die Welten meiner Träume sinken.
    Oh, dein Rausch spult Spindeln der Geduld!

    Und die grüne Fee herrscht immer dar,
    paart und mischt im Wahnsinn falsch und wahr,
    formt die Sinne mir zu Arabesken
    lächerlicher Masken und Grotesken!

    Seht, der schwache Hauch, der matte Funken
    Poesie von Flamme, Milch und Fee
    tropft durch meine schwarze Feder
    aufs Papier und ich bin frei!


    © LeVampyre | X, Mar. 2004

    <font size="-2">Dieser Text kann als mp3 auf meiner Homepage angehört werden.
    Bitte beachtet auch die besonderen Lizenzbestimmungen an meinen kreativen Werken!
    Eine Liste meiner bei Gedichte.com veröffentlichten Texte gibt es u.a. in meinem Sammelfaden.</font>
    Geändert von levampyre (19.03.2006 um 23:23 Uhr)

  2. #2
    Registriert seit
    Feb 2004
    Beiträge
    143
    Wunderbar.
    Nur, ich bin wahrscheinlich wiedermal zu doof um es selber rauszubekommen:
    "Gib mir neun für zehn, die ich gewollt"...Musen? Ich meine, dann ist es klar, aber ich bin mir da nicht soo sicher.
    Und dann noch..."Milch": steht doch wahrscheinlich für Rauch, oder doch für den milchige Trübung der Fee in Kombination mit Wasser?
    Der Rest ist wirklich eineindeutig.
    Allerdings mache ich mir gerade Gedanken ob die Kombination nicht doch etwas gewagt ist. Muss ich mal nachlesen...


  3. #3
    Registriert seit
    Feb 2004
    Ort
    münchen
    Beiträge
    888
    warum nur immer französische vorbilder? du verschließt die tieferen bezüge deiner gedichte vor mir, da sie sich oftmals auf baudelaire richten . das gedicht klingt sehr gut und die bilder sind nett, mit fundierten baudelairekenntnissen würde ich das gedicht wahrscheinlich genießen
    Besucht mich auf meiner Insel des Infantilen
    Letztes Werk:
    Der Makel der Rose

  4. #4
    Registriert seit
    Feb 2004
    Ort
    Berlin, PrenzlBerg
    Beiträge
    1.812
    @xipulli
    Die "neun für zehn" stehen natürlich nicht für die Musen. Ich geb dir 'nen Tipp: zähl' mal die Silben! Dann verstehst du's vielleicht.
    Auch ist die weiße Milch kein Rauch und auch nicht die Mische von Fee und H20 und damit komme ich gleich zu konnOr.
    @konnOr
    Hasse mich bitte nicht! Glaube mir, ich verschließe die tieferen Bezüge meiner Gedichte nicht in böser Absicht vor dir! Wie könnte ich, da du doch einer der wenigen bist, die sie tatsächlich nachvollziehen könnten.
    Der Inhalt des besagten Essays (eine dt. Übersetzung liegt übrigens vor) ist nicht wirklich wichtig, um das Gedicht zu verstehen. Wenn du einfach mal darüber nachdenkst, wofür Flamme, Milch und Fee stehen und inwiefern sie die Feder des Dichters beeinflussen, wirst du den Titel "Die künstlichen Paradiese" verstehen. Am bekanntesten ist unter diesen "Musen" wohl die grüne Fee, dürfte man sogar bei Google finden.

    LG euch beiden Vampyre

    ps.: xipulli...zur Kombi der drei Musen sage ich nur: The road of excess leads to the palace of wisdom.

    Bitte, liebe Kinder, versucht das nicht zuhause!

    [Ge&auml;ndert durch levampyre am 08-03-2004 um 19:53]
    --LeV

    Man sollte keine Dummheit zweimal begehen, schließlich ist die Auswahl groß genug. ~ J.P. Sartre

  5. #5
    Registriert seit
    Feb 2004
    Ort
    münchen
    Beiträge
    888
    Die Milch ist wohl die Ziehmilch, mit der man seine Gedanken aufzieht, die man vom Funken zum gleißenden poetischen Feuer pflegt. die neun für zehn ist das spiel zwischen männlichen und weiblichen kadenzen. a propos grüne fee: kiffst du?
    Besucht mich auf meiner Insel des Infantilen
    Letztes Werk:
    Der Makel der Rose

  6. #6
    Registriert seit
    Feb 2004
    Ort
    Berlin, PrenzlBerg
    Beiträge
    1.812
    Du nich?
    Nein, im Ernst, vergiß den Autor! Wer ich bin und was ich tue, ist völlig unwichtig. Übrigens habe ich mich nur deinetwegen zu diesem Wettbewerb hinreißen lassen. Schließlich brauchst du ja Konkurrenz, sonst ist es doch langweilig.
    LG Vampyre
    --LeV

    Man sollte keine Dummheit zweimal begehen, schließlich ist die Auswahl groß genug. ~ J.P. Sartre

  7. #7
    Registriert seit
    Feb 2004
    Ort
    münchen
    Beiträge
    888
    Das hatte ich schon befürchtet
    Besucht mich auf meiner Insel des Infantilen
    Letztes Werk:
    Der Makel der Rose

  8. #8
    Registriert seit
    Mar 2004
    Beiträge
    81
    Also,

    was soll man denn sagen - zu diesem allzu kurz Geratenen. In jedem Falle, Scheiß auf Baudelaire, seine Blumen sind der Rotz der Vergangenheit und sonst ist Deine Überheblichkeit keine einzige Zuwendung irgendeiner Muse wert, auch wenn Du Dich nicht - ungekonnt - auf sie beziehst. Was soll die ganze Quacksalberei, darf ich sagen "Arschleckerei", entschuldigung. Dein Gedicht kommt zu keinem Punkt. Reißt lediglich Deine unausgegorenen Wunden auf. Auf dass es im Reim versinke, guten Abend.
    "Tölpel suchen Gold im Dunkeln, noch sind sie liebenswert."

  9. #9
    Registriert seit
    Feb 2004
    Ort
    Berlin, PrenzlBerg
    Beiträge
    1.812
    @ewiganfangender:
    Ähem - hab ich irgendwas verpaßt?
    Deine Meinung zu Baudelaires Werk, zu meiner "Arschleckerei" und meiner "Überheblichkeit" in allen Ehren. Aber was meinst du mit: "Reißt lediglich Deine unausgegorenen Wunden auf." Kennen wir uns irgendwie persönlich oder denkst du, du könntest diese auf mich als Autor bezogene Aussage irgendwie anhand meines Textes begründen?
    LG Vampyre

    [Ge&auml;ndert durch levampyre am 22-03-2004 um 09:04]
    --LeV

    Man sollte keine Dummheit zweimal begehen, schließlich ist die Auswahl groß genug. ~ J.P. Sartre

  10. #10
    Registriert seit
    Mar 2004
    Beiträge
    81
    le_vampyre,

    was ich sagen wollte, ist, dass mir der "Pfeffer" fehlt. Noch viel zu zart ist das Gedicht, meines Erachtens, um dem Feuer gerecht zu werden. Es ist mir einfach zu langsam, es tropfte nur aus Deiner Feder, schießen soll es aber. Deshalb reißt es auch nur "unausgegorene Wunden" auf, also keine fertigen Wunden, die mühselig verheilen nur, weil ständig sie vor Spannung zittern. Ich glaube aber, und da versuchte ich mich einfach nur in Psychendeutung, dass Dir doch stärkeres zu diesem Thema einfällt, da ich Deine Verse doch ansonsten recht trefflich finde, was die Form und den Inhalt angeht, nicht aber die Wirkung. Das am Rande sei meine Kritik: also, mehr Wirkung, le_vampyre.

    Liebe Grüsse vom ...anfangenden.
    "Tölpel suchen Gold im Dunkeln, noch sind sie liebenswert."

  11. #11
    Registriert seit
    Feb 2004
    Ort
    Berlin, PrenzlBerg
    Beiträge
    1.812
    Wenn du es empfindest, als tropften mir diese Worte träge aus der Feder, dann zeigt mir das, daß ich genau die Wirkung erzielt habe, die ich erzielen wollte (nicht umsonst steht S3V3). Aus meinem Rhetorikstudium habe ich gelernt, daß jede Rede (hier Gedicht) aus einer Intention heraus entsteht, wenn man den Zuhörer (hier Leser) von dieser Intention überzeugen will, muß man die Sprache möglichst so wählen, daß sie das Redeziel unterstützt. Das habe ich mit allen mir zur Verfügung stehenden Mitteln (Form, Sprache) versucht.
    Wenn du dir wünschst, daß das Kommunizierte spritziger und geschossener käme, dann ist das deine persönliche Neigung. Es läßt mich weiterhin vermuten, daß du meine Arbeit noch nicht bis zum letzten verstecken i-Tüpfelchen durchschaut hast. Ich bitte dich, dich anzustrengen und die interpretatorische Oberfläche zu durchtauchen!
    LG Vampyre

    [Ge&auml;ndert durch levampyre am 22-03-2004 um 20:36]
    --LeV

    Man sollte keine Dummheit zweimal begehen, schließlich ist die Auswahl groß genug. ~ J.P. Sartre

  12. #12
    Registriert seit
    Mar 2004
    Beiträge
    81
    In Ordnung, le_vampyre,

    ich werde es mir noch mal intensiv zu Gemüte ziehen, das kann eine Weile dauern.

    Liebe Grüsse vom ...anfangenden.
    "Tölpel suchen Gold im Dunkeln, noch sind sie liebenswert."

  13. #13
    Registriert seit
    Feb 2004
    Beiträge
    143
    Versuch einer Interpretation

    Die künstlichen Paradiese
    nach Baudelaires "les paradis artificiels" in der deutschen Übersetzung verspricht der Titel wohl eine eine Beschäftigung mit bewustseinserweiternden Substanzen, in Baudelaires Fall namentlich Haschisch und Opium.
    Der Titel verweist auf künstliche Paradiese, also einen (oder mehrere) Ort der Seeligen oder eine angenehme Scheinwelt, welcher keinen natürlichen Ursprung hat und sich so von einem solchen absetzt. Im weiteren kann es sich dabei auch um ein selbstgeschaffenes Refugium handeln, insbesondere, wenn man davon ausgeht, daß
    Baudelaires Werk die Nutzung der o.g. Substanzen verarbeitet.
    Sehen wir also, was dieser Text davon übernommen hat.

    Allgemeines
    Es fällt zunächst beim inhaltlichen Überfliegen des Textes auf, daß das lyr.ich mit hoher Wahrscheinlichkeit ein Dichter ist, der mittels der in den Strophen beschriebenen beschriebenen Substanzen sich "künstliche Paradiese" schafft, um aus diesen als Inspirationsquelle schriftliches zu schaffen.
    Dies taucht als erstes in S1/Z3 auf in "gib mir 9 für 10, wie ich´s gewollt", in performativer Weise wird hier ein Verweis auf die entsprechende Anzahl der Silben geführt (10 und 9 silben in der Strophe vorhanden, in Z3 =9).
    Diese Phrase kann aber auch für die Anzahl der Musen stehen, die in der griechischen Literatur 9 an der Zahl sind. Ergo: Bitte um musische Hilfe. Dies würde die Künstler/Dichterthese stützen. Dieselbe wird in der letzten Strophe erhärtet, da dort das lyr. ich zu Papier und Feder greift, um seinen Kopf von der "Poesie von Flamme, Milch und Fee" frei zu bekommen. Ein Künstler, also, der mithilfe eingefangener Ideen schriftliches erzeugt, ein Dichter.
    Die Entwicklung der Poesie bis zur Niederschrift kann innerhalb des Gedichtes in zwei Abschnitte gegliedert werden. Das Schaffen bzw. Einfangen der umzusetzenden Bilder mithilfe von Drogen geschieht in den ersten drei Strophen, in denen auch die entsprechenden Rauschzustände beschrieben werden. Die Synthese und Niederschrift folgt dann in der vierten.

    Was passiert nun im einzelnen?
    S1:
    Die Einnahme einer wirksamen Substanz durch rauchen wird dargestellt. Nach Baudelaire kommt hier Haschisch oder Opium in Frage. Welche es aber letztlich ist, kann in dieser Strophe nicht festgestellt werden.
    Außerdem wird die Ziesetzung des Rauscherlebnisses erläutert. Die Droge "sei mir hold", also von inspirierendem Nutzen für das zu schaffende Werk. Wie dieser Nutzen auszusehen hat, zeigen die folgenden Zeilen: "Gib mir 9 für 10, wie ichs gewollt" ist, wie oben erwähnt in sich performativ. Andererseits erält man aber ebenso einen Verweis auf die nächste Strophe, die im Kreuzreim 10/9/10/9 steht, wo sich also die Silbenzahl abwechselt, 9 gegen/für 10 steht. Allerdings wird hier auch einen andere Ebene angesprochen, die der Musen. Wenn das lyr.ich 9 Musen wählt, die zehnte aber verschmäht, kann man schon hier den Gedanken an eine Flucht aus der Realität spinnen, setzt man die zehnte Muse als die reale Welt, wo so viele Dichter ihre Inspiration bekommen. Das lyr, ich hier wendet sich von dem ab, es bittet "komm, umarme mich" (Droge), also
    "grenze mich von außen ab". Diese Umarmung findet sich auf formeller Ebene in der Wahl des Versmaßes, als umarmender Reim (abba). Auf inhaltlicher Ebene wird diese Suche nach Abgrenzung, Geborgenheit in der letzten Zeile deutlich. Die Droge sei Mutter (Ursprung, Geborgenheit), Retter (aus einer Situation, vielleicht der Realität), Dame (Droge als Musen und Inspirationsquelle wird hier wieder aufgegriffen) und Amme (nochmal Geborgenheitsmotiv)

    Fazit: Bitte um eine behütende, Geborgenheit gebende Scheinwelt als Quelle der Geborgenheit und Inspiration.
    Vorherrschend ist schon hier der Zufluchtsgedanke. Man kann daher annehmen, daß das lyr. ich in der realen Welt nicht schaffen kann und sie daher ablehnt.

    S2:
    Einnahme einer weiteren Substanz durch trinken (Z1). Hier steht am Anfang die verbildlichung des dringenden Bedürfnisses nach einer Rauscherfahrung ("eilig"), um die"Gestade meiner Schuld" zu kreuzen. Das Durchkreuzen dieses Schuldbewustseins ist durch den Kreuzreim formell sichbar. Woher dieses aber kommt, bleibt zunächst unklar, genauso wie die entgültige Entscheidung, was denn getrunken wird.
    Nach Baudelaire würde sich Absinth anbieten, der im 19.Jh. excessiv gebraucht wurde. Mit Eiswasser vermischt, bildet der Schnaps einen weißen Niederschlag aus, die Flüssigkeit wird milchig. Andererseits trifft die Beschreibung des Rausches nicht unbedingt nur auf Absinth zu. Der Rausch wird als durch das "sinken" als betäubend und einschläfernd beschrieben. Es kommt zudem zu einer Veränderung der zeitlichen Wahrnehmung in Z4. Dies wiederum trifft nicht auf den Absinthrausch zu. Nimmt man das eilige trinken als Interpretationshilfe, wird klar, das die orale Aufnahme eher widerwillig geschieht. Nun, auch noch nicht eingetrockneter Rohopium (Saft der Schlafmohnkapseln) ist weiß und weitaus milchiger, als Absinth. Zudem sehr bitter, was das eilige trinken erlären würde und sanft einschläfernd. Außerdem ist hier eine Veränderung der Zeitwahrnehmung in der Literatur beschrieben. Der Verdacht erhärtet sich also zu Opium.

    Fazit: Rausch als Schaffen einer Traumwelt ("Träume") und Mittel zum Vergessen der Realität ("kreuzen die Gestade...") als positive Erfahrung entegen der negativen Realität. Erhärtung der Zufluchtsthese

    Außerdem stellt man fest, daß jede Strophe einem anderen metrischen Muster folgt. Die Strophen grenzen sich daher voneinander ab, können also sowohl im großen Zusammenhang des Gedichtes, als auch einzeln für sich betrachtet werden. Zudem scheint in jeder Strophe eine distinkte Substanz mit den entsprechenden Rauschzuständen beschrieben zu werden, daher wird das Thema des Schaffens der künstlichen Paradiese in jeder Strophe neu aufgegriffen und verarbeitet.

    S3:
    Vorstellung der dritten Droge, diesmal eindeutig Absinth, hier als allgegenwärtige (alltägliche) grüne Fee dargestellt. Damit fallen die übrigen Zuordnungsfragen in den vorigen Strophen mit S1= Haschisch und S2=Opium weg.
    Der Absinth erscheint hier als Synthesedroge, er mischt "im Wahnsinn falsch und wahr". Der Rausch wird also als haluzinogen beschrieben. Zumindest ist nicht mehr unterscheidbar, was wahr und was falsch (rausch, Droge) ist. In diesem Wahnsinn akkumulieren sich die bisher beschriebenen Rauschzustände zu einem Höhepunkt im Spannungsbogen des Gedichtes.
    Eigentlich sollte Absinth aber nur in Höchstdosen haluzinogen wirken, normalerweise ist er eher betäubend, bzw. dem Alkohol gleich. Daher kann man hier auf den seelischen Zustand des ly.ichs schließen. Entweder, er hat tatsächlich alles zusammen genossen (dann muß er sich auch nicht wundern) oder er befindet sich bereits im Stadium der Absinthsucht, in dem körperlicher und vor allem geistiger Verfall sichbar wird und er seine klare Wahrnehmung einbüßt. Sollte dies der Fall sein, dann ist auch klar, woher das Schulödbewusstsein in S2 kommt, aus der Unfähigkeit des lyr.ichs einerseits mit der Realität klarzukommen, andererseits auch, nicht in ihr arbeiten zu können. Der Rausch ist für ihn eine Notwendigkeit zum Schaffen seines Werkes. Das das lyr.ich an seiner Situation (des Wahnsinns) verzweifelt scheint sich in der Form wiederzufinden, da hier eines der einfachsten Versmaße, der Paarreim vorherrscht, quasi als letzter Halt des lyr. ichs zur eigentlichen Zielsetzung, des künstlerischen Schaffens.

    Fazit: Rausch als Wahnsinn, sich überschlagene Sinneseindrücke und Flucht in die Realität durch festhalten am Paarreim.

    S4:
    Kanalisierung des Wahnsinns, Synthese der beschriebenen Rauschzustände:"Poesie von Flamme, Milch und Fee". Die eingefangenen Bilder und Eindrücke finden "tropfen"-weise ihren Weg aufs Papier.
    Dabei zeigt sich der Text wieder performativ, da sich von Zeile zu Zeile die Silben verkürzen (10-7), bis das lyr. ich sagt " ich bin frei". Also schreiben als notwendige Konsequenz aus dem vorherigen Drogengebrauch. Daher kann man auch schließen, daß hier die Dicht/Schreibkunst als vierte droge vorgestellt wird. Das lyr. ich kann nicht anders, es unterliegt einem Zwang, sich des Rausches durch schreiben wieder zu entledigen.
    Hier wird auch das Rauscherlebnis erstmals zur aktiven Tätigkeit des lyr. ichs, es schafft sich so selbst ein letztes künstliches Paradies.

    Zusammenfassung
    Ich schließe aus der eben durchgeführten Analyse folgendes: in Bezug auf das Thema der künstlichen Paradiese am Anfang und die daraus sich auf literarischem Hintergrung erschließende Ausarbeitung des Themas wagt der Autor hier einen weiteren Schritt. Einerseits schafft er einen fundamentalen Zusammenhang zwischen dem Rauscherlebnis und dem daraus resultierenden Fühlen des Dichters: jede Drogenerfahrung kann zu Gefühl umgesetzt werden, also stehen sie in enger Verwandschaft zueinander. Nur das die einen eben hervorgerufen werden, also künstlich geschaffen sind, was aber letzlich nicht an ihrer Echtheit zweifeln läßt.
    Zum zweiten wird ein Zusammenhang zum "warum schreibe ich " gebracht...der Dichter kann letztlich nicht anders, er unterliegt dem Zwang, seinen Gefühlen Ausdruck zu verleihen und sich dadurch in ein Land der Seeligen aufzuschwingen, in ein eigens geschaffenes, künstliches Paradies.

    Zum Schluß
    bin jetzt total fertig.

    Gruß,
    xipulli
    without contraries is no progression (Blake)

  14. #14
    Registriert seit
    Feb 2004
    Ort
    Berlin, PrenzlBerg
    Beiträge
    1.812
    ... und die Anstrengung hat sich gelohnt, xipulli. Deine Interpretation ist haarschaft analysiert und geschlossen und vermag es, das Werk tiefgreifend zu durchdringen. Ich bin stolz auf dich! Vorallem freue ich mich, daß du hiermit nun auch die letzte Hürde, die rückschließende Synthese des Analysierten, geschafft und auch die kleinen performativen Gimmicks entdeckt hast. Ich fasse zusammen:

    Die künstlichen Paradiese - Orte, von Menschenhand (künstlich) geschaffen, die eine Atmosphäre von Seelenfrieden vermitteln

    S1:[*]1. künstliches Paradies: rote Flamme; Haschisch[*]wird performativ angerufen, um bei der Schöpfung künstlicher Paradiese (Dichtung) zu helfen: "Gib mir neun für zehn!" (die Silben sind gemeint, denn die drei Drogen sind Muse genug)[*]umarmender Reim: "Komm umarme mich!"

    S2:[*]2. künstliches Paradies: weiße Milch; Opium[*]hilft bei der Selbstreflexion und -akzeptanz, die es für dich Schaffung des 4. Paradieses braucht[*]Kreuzreim: "Kreuzen die Gestade [...]"

    S3:[*]3. künstliches Paradies: grüne Fee; Absinth[*]gibt nun das Stück Wahnsinn, das es für die Schaffung des 4. Paradieses braucht[*]Paarreim: "Paart und mischt [...]"

    S4:[*]4. künstliches Paradies: schwarze Feder; Dichtung[*]schafft letzlich performativ die Befreiung in der Niederschrift: Die Silbenzahlen nehmen ab, je weiter sich das Ich der Befreiung nährt.[*]reimfrei: "Und ich bin frei."

    Fazit:
    Die Dichtung wird als 4. Paradies von Künstlichkeit (also von Menschenhand geschaffen) mit den anderen künstlichen Paradiesen gleich gesetzt. Das Ich (selbst Dichter) ist von der Dichtung ebenso abhängig wie von den Drogen, da erst der Genuß der jeweiligen Substanz ihm Seelenfrieden verleiht. Er muß also Schreiben, um Seelenfrieden zu erlangen. Die Artifizialität dieses 4. Paradieses wird durch performative Textelemente unterstrichen. Musisch ist hierbei die Anrufung der bewußtseinserweiternden Substanzen, die diesen zwar artifiziellen, aber nicht minder paradiesischen Zustand hervorrufen sollen undzwar in doppeltem Sinne; zum Einen durch ihre Eigenwirkung, zum Zweiten durch ihre Folgen, die da in die Schaffung des 4. Paradieses münden. Der schöpfende Mensch, der zwischen Aktivität und Passivität gefangen ist, wird hier näher beleuchtet.


    LG
    vamp
    --LeV

    Man sollte keine Dummheit zweimal begehen, schließlich ist die Auswahl groß genug. ~ J.P. Sartre

Was dich vielleicht auch interessieren könnte:

  1. Paradiese
    Von copiesofreality im Forum Diverse
    Antworten: 0
    Letzter Beitrag: 24.08.2017, 23:28
  2. Vergessene Paradiese
    Von copiesofreality im Forum Hoffnung und Fröhliches
    Antworten: 0
    Letzter Beitrag: 05.08.2016, 07:16
  3. Verlorene Paradiese
    Von zorba im Forum Nachdenkliches und Philosophisches
    Antworten: 3
    Letzter Beitrag: 18.07.2010, 03:57

Berechtigungen

  • Neue Themen erstellen: Nein
  • Themen beantworten: Nein
  • Anhänge hochladen: Nein
  • Beiträge bearbeiten: Nein
  •  

Anmelden

Anmelden