Thema: Klage

  1. #1
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    Klage

    Ein Taumel setzt Wachsamkeit der
    Gezeiten, denn so schreien
    auch in meiner Zukunftskehle
    betäubte Hungerstücke auf

    Es nährt die schreitend’ Masse der
    zu stahle Taktmarsch viel mehr
    als erstickende Hautkämpfe
    unserer Schilder jenes Reich

    Zu hoch türmt Wesenlosigkeit
    in seichter Enderlösung
    als selbst meine Umbruchsfeder
    zum Lichtblick hin sich tragen kann

    ’s ertrinkt so auch mein Sinn des Ichs
    im Hülsental der starren
    Frühe und zieht Vergessenheit
    bald auch hier vom Horizont her

    [Geändert durch olaja am 24-03-2005 um 00:45]
    Ich kam am 3. Juni nach Hause mit dem Geruch, / den er nicht ertragen konnte, / er nahm das Fleischermesser und ich schrie, / ging zurück bis zur letzten Wand, / irgendwo in der Nachbarschaft hörte ich das Stöhnen, / von zwei, die sich liebten. Vera Piller

  2. #2
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    Ein schöner Text mit freier Form. Du hast Bild 2 sehr gut verarbeitet - ich bin beeindruckt.
    LG Vampyre
    --LeV

    Man sollte keine Dummheit zweimal begehen, schließlich ist die Auswahl groß genug. ~ J.P. Sartre

  3. #3
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    Danke für deine Rückmeldung. Eigentlich habe ich mich schon an ein Schema gehalten, allerdings scheint dies nicht erkennbar zu sein oder weist wohl zu viele Fehler auf.
    Ich kam am 3. Juni nach Hause mit dem Geruch, / den er nicht ertragen konnte, / er nahm das Fleischermesser und ich schrie, / ging zurück bis zur letzten Wand, / irgendwo in der Nachbarschaft hörte ich das Stöhnen, / von zwei, die sich liebten. Vera Piller

  4. #4
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    Mit frei meinte ich nicht dein Silbenschema. Das habe ich schon erkannt, allerdings erst nachdem ich explizit gezählt habe. Mit frei meinte ich eigentlich deine Metrik, deinen freien Reim und deine Kadenzen - S1: xXXxXxXX | xXxXxXx | XxXxXxXx | xXxXxXxX, S2: xxXXxXXx | XXxXXxX | XxXxXXxX | XXxXxXxX, S3: xXxXxXxX | xXxXxXx | xXXxXxXx | xXxXxXxX, S4: XxXxXxXx | xXxXxXx | XXxXxXxX | xXXxXXxX, wenn ich mich mit der Analyse jetzt nicht geirrt habe. Dadurch bedingt, fallen deine 8-7-8-8-Silbenzahlen nicht sofort auf.
    Man kann, nein, ich kann dein Gedicht einfach nicht mit dem gewohnten klingenden Rhythmus lesen, sondern eher, wie einen sehr geladenen freien Text. Das wird unterstützt durch deine Enjambements - Zäsuren gehen über die Verslänge hinaus.
    Obwohl ich es oft tue, habe ich bei diesem Gedicht die freie Form beim Lesen nicht als Störend empfunden. Das war eigentlich alles, was ich damit sagen wollte.
    LG Vampyre
    --LeV

    Man sollte keine Dummheit zweimal begehen, schließlich ist die Auswahl groß genug. ~ J.P. Sartre

  5. #5
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    Danke für deine Analyse. Eigentlich versuchte ich schon mich an ein Metrikschema zu halten. Aber anscheinend ist es voller Fehler, deshalb werde ich das Gedicht wahrscheinlich noch einmal überarbeiten.
    Ich kam am 3. Juni nach Hause mit dem Geruch, / den er nicht ertragen konnte, / er nahm das Fleischermesser und ich schrie, / ging zurück bis zur letzten Wand, / irgendwo in der Nachbarschaft hörte ich das Stöhnen, / von zwei, die sich liebten. Vera Piller

  6. #6
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    Was mir total missfällt, ist die letzte Zeile im Stück, genauer gesagt die Wendung "auch hier bald".
    Allein schon grammatikalisch wäre "bald auch hier" besser und treibt nicht diesen naiven Missklang in mein Ohr.





    [Geändert durch Micha am 15-03-2004 um 18:39]

  7. #7
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    Wird geändert.
    Ich kam am 3. Juni nach Hause mit dem Geruch, / den er nicht ertragen konnte, / er nahm das Fleischermesser und ich schrie, / ging zurück bis zur letzten Wand, / irgendwo in der Nachbarschaft hörte ich das Stöhnen, / von zwei, die sich liebten. Vera Piller

  8. #8
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    Klage

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    Es nährt die schreitend’ Masse der
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    als erstickende Hautkämpfe
    unserer Schilder jenes Reich

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    Geändert von olaja (18.01.2006 um 14:22 Uhr)
    Ich kam am 3. Juni nach Hause mit dem Geruch, / den er nicht ertragen konnte, / er nahm das Fleischermesser und ich schrie, / ging zurück bis zur letzten Wand, / irgendwo in der Nachbarschaft hörte ich das Stöhnen, / von zwei, die sich liebten. Vera Piller

  9. #9
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    Hallo, olaja, hier ist nun endlich meine Kritik an deinem Text im Wettbewerb. Ja, es dauerte lange, aber ich habe nun mal recht viel zu tun momentan.

    Wie auch immer, ich war äußerst begeistert von deinem Werk, so gab ich ihm doch neun ganze Punkte. Das Thema (Bild Nummer zwei) ist äußerst eindringlich verarbeitet, frei in der Form, doch überlegt in Sachen Metrik, was sich am Bruch in V2 (sieben Silben) zeigt, der den einzelnen Aussagen in den jeweiligen Versen besondere Betonung gibt. Und tatsächlich ist die Wortwahl in jenen besonders ausgefallen, die Aussagen handlungstechnisch weitertreibend. Zwei Brüche (V3, Trochäus) einzubauen, fand ich hingegen ein wenig seltsam. Zwar ist auch hier die Sprache und inhaltliche Aussage - an diesem Punkt erfreue ich mich besonders - passend zum Rhythmus gewählt, doch in einem Gedicht mit Strophen, die aus je vier Versen bestehen, sind zwei solch radikale Brüche schon beinahe zu viel, um als Bruch zu gelten. Das Enjambement hingegen ist perfekt eingebaut. Es gibt dem Gedicht einen schnelleren Leserhythmus, was man als den inneren Tumult des lyrischen Ichs interpretieren kann. Deine Wortwahl muss ich übrigens noch loben. Äußerst poetisch, und Neologismen wie die "Hautkämpfe" (S2, V3) fügen sich wunderbar ein. Einzig die Verwendung von "Stahl" als Adjektiv ist unschön und wirkt leider recht erzwungen.

    S1 beginnt nahezu genial. Der Taumel des lyrischen Ichs zum Panzer hin (siehe Foto) setzt einen Haufen Gefühle frei (Taumel so im doppelten Sinne, das heißt auch innerlich), doch es konzentriert sich auf all die Leidenden des Regimes. S2 ist grammatikalisch nicht auf den ersten Blick sofort ersichtlich (Fehlende Interpunktion am Versende. Wieso es dem Leser schwerer machen, frage ich da), doch richtig. Es wird gewissermaßen der chinesische Kommunismus angeprangert und verhöhnt, und sich auf die Seite der demokratischen Studentin gestellt, die die Panzer aufzuhalten gedenkt. In S3 wird dies fortgeführt, wo nun spezifisch die Individualitätslosigkeit (immer noch im Bild des Gleichschritts) verdammt wird. Das Bild des Turms in der "seichten Enderlösung" (V2) ist dabei äußerst tief (ironischerweise, hehe). Die Feder ist hier wörtlich zu nehmen, als fragiles Objekt - gegen einen Panzer - wird das lyrische Ich charakterisiert, dass aber den festen Glauben besitzt, Umbruch schaffen zu können. S4 ist anders. Von hohem Drang und Selbstbewusstsein wird nun das lyrische Ich auf die Ebene einer sprachlich in V3 und V4 seltsamerweise sanft ausklingenden - doch nicht störenden - Melancholie gedrückt. Gefällt mir aber, da das plötzliche Element sich sehr gut mit dem einer Schusswaffe deckt. Gut durchdacht.

    Du siehst also, es war nur ein klitzekleines Bisschen bis zu den 10 Punkten. Dabei ist wohl leider auch meine Vorliebe für Reime miteingeflossen, muss ich gestehen. Doch entscheidend war diese nicht, das sei dir versichert.

    Viel Spaß mit der Kritik,
    casca


    (Hier gepostet, damit andere auch was davon haben. Einverstanden?)

  10. #10
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    Herzlichen Dank für deine ausführliche Kritik. Es ist auch völlig in Ordnung, wenn du sie hier postest.

    Eine Bitte hätte ich noch: Könntest du mir noch die beiden Brüche in der Metrik aufzeigen (Trochäen). Denn sie waren nicht beabsichtigt.

    Der Inhalt hast du sehr gut gedeutet. Zehn Punkte hätte ich auch nie beanstandet, dafür gibt es einfach noch zu viele Unstimmigkeiten. Aber ich arbeite daran. Deine Kritik ist mir eine grosse Hilfe.

    Gruss
    Ich kam am 3. Juni nach Hause mit dem Geruch, / den er nicht ertragen konnte, / er nahm das Fleischermesser und ich schrie, / ging zurück bis zur letzten Wand, / irgendwo in der Nachbarschaft hörte ich das Stöhnen, / von zwei, die sich liebten. Vera Piller

  11. #11
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    Puh, endlich ist die stressige Theaterproduktion vorüber.
    Die Seite hat mich voll wieder.


    Zu den Brüchen:

    Einmal in V2, wo du sieben Silben verwendest, und einmal in V3, wo du einen Trochäus benutzt. Meines Erachtens waren hier zwei Brüche vom jambischen Achtsilber zu viel des Guten. Siehe oben.

  12. #12
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    -Spamming gelöscht-

    Micha
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    Der, die, das, wer, wie, was, wieso, weshalb, na und, die Welt ist auch noch bund!

  13. #13
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    der cp

    schade
    Mauren ist das halbe leben!

  14. #14
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    hey cp

    du weisst bescheid
    das schlimmste im
    leben ist die
    ungewissheit
    und der neid
    nur gschwind in die welt
    von mir kein kind!
    wenn nach dem tanzen derIQ eingteilt würde hätten manche keinen

  15. #15
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    Kann man dir helfen? ("von mir kein kind", ich bedaure es immer noch zu tiefst, muh)
    Ich kam am 3. Juni nach Hause mit dem Geruch, / den er nicht ertragen konnte, / er nahm das Fleischermesser und ich schrie, / ging zurück bis zur letzten Wand, / irgendwo in der Nachbarschaft hörte ich das Stöhnen, / von zwei, die sich liebten. Vera Piller

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