Thema: Nr.2 Sicher

  1. #1
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    Sicher

    Möchtest du sicher leben?
    Zügle den Gedankengang,
    immer schön am Gitter lang.
    Renn nicht gegen Gitterstreben.

    Denn sonst fließt Blut
    auf dem Himmlischen Frieden

    Stachelkrone auf die Stirn.
    Stacheldraht zerkratzt dich nicht,
    senkst du immer dein Gesicht.
    Doch dadurch blutet dir das Hirn.

    Sicher fließt Blut
    auf dem Himmlischen Frieden

    Man muss Altes abfragen.
    Und es fragen immer mehr.
    Schweigen müssen fällt jetzt schwer.
    Recht aus den Studententagen.

    Sicher soll Freiheit werden
    auf dem Himmlischen Frieden.

    Sicher sind die Soldaten.
    Die Panzer sind verschlossen,
    auf Befehl wird geschossen,
    von denen die erst noch warten.

    Werkzeuge in Greisenhand
    auf dem Himmlischen Frieden

    Sicher, dass Angst in euch bebt.
    Sicher, wer nicht vorne steht.
    Sicher, dass ihr trotzdem geht.
    Unsicher, wer Morgen erlebt.

    Sicher, dass Platz sein wird
    für Himmlischen Frieden

    [Geändert durch krähe am 21-03-2004 um 21:06]

  2. #2
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    Hi krähe,
    freut mich, daß du mitmachst. Endlich mal jemand, der das Thema historisch zu fassen bekommt, darauf hab ich gewartet. Falls du noch daran arbeiten willst, hier meine Analyse:

    S1: Find ich gut. Ist es Absicht, daß der Imperativ in V4 zeichentechnisch nicht gekennzeichnet ist?
    R1: Das Fließen des Blutes wird durch die unsaubere Metrik (xXxX | XxXXxXx) zerstört.
    S2: Komisch. Metrischer Hüpfer in V2 xXxXXxX. Außerdem wirkt V1 beschnitten durch das fehlende Prädikat. Da die Verbend in den anderen Versen vorhanden sind, rennst du diesen ersten automatisch von den anderen. Die Umarmung deines Reims wird gelockert (a-bba).
    R2: Anderes Metrum, aber schick: XXxX | XxXXxXx.
    S3: Metrisch völlig verkuddelmuddelt
    R3: XXxXxXx | XxXXxXx
    S4: Metrisch verkuddelmuddelt, aber dennoch sehr ausdrucksstarke Strophe
    R4: XXxXXx | XxXXxXx
    S5: schwach. Meiner Meinung nach zu schwach für den Abschluß eines solchen Textes.
    Die Idee, ein Ritornell einzubinden, find ich klasse. Wenn ich ein Ritornell lese, weisen mich alle meine Allarmglocken auf Sanglichkeit hin. Deine hoppelige Metrik zerstört diese Sanglichkeit. Sie wäre, trotz der Ernsthaftigkeit des Thmeas, nicht fehl am Platze.
    LG Vampyre
    --LeV

    Man sollte keine Dummheit zweimal begehen, schließlich ist die Auswahl groß genug. ~ J.P. Sartre

  3. #3
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    Wink

    Hallo levampyre,
    Schön von dir zu hören. Deine Antworten und mein altes, billiges Lexikon! Da steht das ein Ritornell in der Oper vor, -nach, oder zwischenkommt. Jetzt weiß ich also was ich gemacht habe und warum du es singen willst. ( Wie ist der Live- Auftritt eines Vampyres gelaufen? Hatte leider keine Zeit/Lust gehabt. Obwohl Brahms nicht unbedingt mein Ding ist.) Ist es noch ein Ritornell wenn es immer etwas anders ist? Meinst du ein Ausrufezeichen in S1/V4? Wollte ich nicht, weil es eher nicht als Aufruf gedeutet werden sollte, eher so als das derjenige, der es sagt es selber nicht möchte. Wenn es falsch ist, denke ich noch mal darüber nach. Das Ritornell sollte eigentlich hart und ruppig klingen (wusste ja nicht, daß es gegen die Regeln verstößt) Auch wollte ich die deutsche Bezeichnung für den Platz einbauen, weil mich dieser Widerspruch damals so sehr berührt hat.
    S2/V1 Das Prädikat fehlt. Nicht nur der Silbenzahl wegen, sondern ich will da kurz (wie ein Peitschenhieb) die Verbindung zur ersten Strophe aufnehmen, weil das "sich fügen" ja ein ständiger kleiner Schmerz ist. Wollte nicht von den anderen Zeilen trennen, sondern mit der S1 verbinden. Du hast Recht, das eine geht nicht ohne das andere. Ich hab oft die S2 und S3 getauscht, weil eigentlich S2 kräftiger ist als S3, aber mir war der Bezug von Kopfeinziehen können und sich nicht Ducken sehr wichtig, also hab ich es so gelassen. Verkuddelmuddelt ist wohl hölflich? Würde in S2V2 reichen, das "der" hinter den Stacheldraht zu setzen? Aber dann hab ich ein Komma und das zerhackt alles. Ich glaub, ich werde mich noch mal bei dir melden, muß erst mal selber sehen.
    S4 soll das Abwarten, aber auch die Unvermeidlichkeit der Ereignisse aufzeigen. Ich hatte in der 2. und 3. Zeile am Ende noch werden und wird, hab es aber wieder weggelassen, weil es nicht gut klang. Das Foto zeigt ja nicht die Unruhen, sondern den Augenblick vor derAuseinandersetzung, dieses gespannte Abwarten bevor Menschen ihr Leben riskieren. Dem wollte ich mit S4 Rechnung tragen, aber du hast es nicht gespürt, also ist es schlecht formuliert. Da werde ich auf jeden Fall ändern müssen. Bei der Sanglichkeit des Ritornells muß ich dich auf spätere Werke vertrösten. Ansonsten vielen Dank für deine Mühe, ich will auf jeden Fall noch daran arbeiten, deshalb habe ich es ja so früh eingestellt. Damit mir die Kritik hilft und ich noch Zeit habe zum Ändern.

  4. #4
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    Hi krähe,
    in seinen Ursprüngen kommt das Ritornell nicht aus der Opernterminologie, denn es existierte bereits bevor sich die Oper als musikalische Gattung etablieren konnte. Es findet sich schon in alten Codices aus dem Trecento.
    In der Lyrik ist ein Ritornell soetwas wie ein Refrain, nur daß dieser Refrain eben nicht immer gleichlautend sein muß, wie es bei dir der Fall ist. Du mußt dir übrigens keine Gedanken darum machen, daß du irgendwelche Konventionen hinsichtlich des Ritornells nicht beachtet hättest, denn es gibt dahingehend keine.
    S1V4: Ja, ich eminte das Ausrufezeichen, aber wenn es gewollter Maßen nicht sein soll, dann soll es nicht sein.
    R1 und alle anderen: "Sollte eigentlich ruppig klingen", dann darfst du Wörter wie "Himmlischer Frieden" nicht benutzen - ruppig klingen eher einsilbige, betonte Wörter, wie Krieg, Frust oder Schuß. Mehrsilbige Wörter eignen sich nicht dazu etwas ruppig klingen zu lassen. Da muß du Kompromisse machen...
    S2V1: Ich weiß, daß du gerne mal ein Prädikat wegläßt und das kann durchaus reizvoll sein. Hier fällt mir aber in erster Linie auf, daß es den umarmenden Reim durch diese harte Zäsur auseinanderreißt. Ein Satzende muß nicht unweigerlich eine so starke Zäsur darstellen.
    S2V2: das "der" würde, um die Metrik zu befriedigen, ausreichen. Aber sprich dir den Satz dann mal vor: "Der Stacheldraht, der sticht dich nicht." Klingt als würdest du ein Spottgedicht oder eine Posse schreiben: Der Stacheldraht, der Stacheldraht, der tut mir weh und das ist hart... Versuch das umzuformulieren oder andere, nicht so auffällige Füllwörter zu finden!
    S3: Ist eine der schwächsten Strophen. Das "Recht" hat nicht direkt mit dem Schweigen zu tun, wirkt, als hättest du noch einen letzten Vers finden müssen.
    S3/S4: zweimalige Benutzung von "jetzt schon/noch" klingt abgenutzt. Daß in S4 beiderseitig gewartet wird ist ohne historisches Hintergrundwissen nicht erkenntlich, weil du dich nur auf die Soldaten beziehst. Daher hat das nichts von einer gesamten "Ruhe vor dem Sturm".
    Zu S5 hatte ich ja schon was gesagt.
    Metrik verkuddelmuddelt hat vielleicht was mit Höflichkeit zu tun. Ich hätte auch sagen können, sie ist grausam oder einfach, sie folgt keinem verständlichen, den Inhalt des Gedichtes tragenden Muster. Aber das weißt du ja selber und ich weiß, daß du dich bemühst, also muß ich nicht so direkt sein.
    LG Vampyre

    ps.: Das Konzert war erfolgreich, aber anstrengend, weil das Orchester so laut gespielt hat - natürlich ist immer das Orchester Schuld.
    --LeV

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  5. #5
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    Hallo levampyre,
    ist noch nicht endgültig, aber einiges habe ich geändert.
    Den "Himmlischen Frieden" muß ich drin lassen, weil der Tianamen- Platz auf deutsch immer(wenn mein Gedächtnis mich nicht foppt) "Platz des Himmlischen Freidens" genannt wurde. Die Chinesen sind ja sehr poetisch. Und es klingt für mich ruppig, wenn man auf einen Platz mit diesem Namen ein Massaker veranstaltet. Nicht nur das hat mich schon damals gestört. Obwohl das am Leid für die Betroffenen natürlich nichts ändert, wie der Platz heißt.
    Rein vom formalen hast du natürlich Recht. Kurze, betonte Worte klingen ruppig. Es soll also inhaltlich ruppig klingen.
    Auf jeden Fall helfen mir deine Hinweise sehr, meine Chancen im Wettbewerb zu erhöhen. Ich bin oft etwas blind, was die eigenen Fehler angeht.

    LG Krähe

  6. #6
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    Das geht nicht nur dir so.
    Ich finde die Namensgebung eher ironisch. Es ist eine Tragikomödie...
    Viel Glück
    Vampyre
    --LeV

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  7. #7
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    Hallo,
    ich finde dein Gedicht ausgesprochen gut. Einzig stört mich S3/V2,V3 und die letzte Strophe, meiner Meinung nach zu direkt und wenig verdichtet.

    Viel Glück

  8. #8
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    Hallo angel447,
    ich danke dir für dein Lob und die Anmerkungen. S3 muß ich noch drüber nachdenken. Die letzte Strophe hat auch schon levampyre zu schwach gefunden. Da habt ihr Recht, war da auch nicht glücklich. Ich habe sie jetzt komplett ersetzt, weiß aber auch nicht so richtig... . Dieser Wettbewerb hat ja den Vorteil, dass man Hilfe bekommen kann.

    Krähe

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