Thema: Erklärung

  1. #1
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    Oh, sähen sie uns doch hier
    sie sähen und wüssten:
    Reimen ist das unsre nicht
    Wir schreiben zum Malvasier

    Oh, dächten sie doch nur schlicht
    beschrieben, was wir grüssten
    Lob, eignen Lobes Willen
    Weder Richter, noch Gericht

    Liess' sich Kritik nur stillen
    die stets doch nur das Böse schafft
    die dient ihnen bloss zum Schild
    Lieber loben und grillen

    Bedenkt doch stets das ganze Bild
    Und wenn man wieder gar nix rafft
    Passen doch "gut", "super", "toll"
    Versauen wir die Dichtersgild
    Das hier ist meine Signatur und ich bin stolz darauf.

  2. #2
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    Satch packt die Reime aus: Find ich gut! Find ich super!! Find ich toll!!!
    ----------------
    Ich verzehre mich nach dieser besonders schönen und ausgefallenen Reimstruktur, satch. Allerdings weist sie eine kleine Unsauberkeit auf. Dadurch daß b in S2 unrein reimt, fällt dieser Reim als Korn zunächst gar nicht auf und wird leicht übersehen. Ob sich a in S1 wirklich rein reimt, weiß ich ehrlich gesagt auch nicht so genau. Ich würde eher [malwazjê] sprechen. Deine Metrik ist gegen diese Reime ein Buddelkasten voller unartiger, kleiner Kinder, die es zu verhauen gilt. Quacumque...

    In S1 werden zwei lyr. Subjekte vorgestellt, "wir" und "sie", die sich zunächst nicht eindeutig identifizieren lassen. Ich nehme an, daß die Interjektionen gefolgt von Konjunktiv-Akkumulationen spöttisch gemeint sind, bin mir aber nicht ganz sicher, weil ich es im Zusammenhang mit S3 + 4 nicht ganz stimmig finde.
    S2V2 find ich total undurchsichtig. Ich bringe "beschreiben" und "grüßen" auf keiner semantischen Ebene zusammen und verliere mich vollends in der Spekulation. Ab V3+4 wird es durchschaubarer. V3 scheint eine nette Umschreibung für unreflektiertes Arschkriechen zu sein, welches in wertendem Gegesatz zu V4, der völligen Abwesenheit von Kritikfähigkeit steht.
    Diese Wertung wird in S3 sehr überspitzt zum Höhepunkt getrieben. Nun können die Subjekte eindeutig den evozierten Parteien zugeordnet werden. Die kritikunfähigen Lobduseler und die Kritikfähigen. (Übersetze ich das Wort "grillen" richtig, wenn ich denke, es wird sowas wie freuen oder frohlocken heißen? Bisher hatte ich es immer mit Barbeque in Verbindung gebracht, aber das find ich hier nicht besonders schlüssig.)
    In der vierten Strophe wechselt nun die Sprecherposition. Fraglich bleibt, ob es sich um einen Sprecher, der von Arschkriechern gesättigten Kritikerseite oder eine Art neutralen Sprecher handelt.
    Wie es auch sein mag, deine Aussage ist eindeutig – sehr angenehme Lektüre.

    LG
    --LeV

    Man sollte keine Dummheit zweimal begehen, schließlich ist die Auswahl groß genug. ~ J.P. Sartre

  3. #3
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    der nachteil, derart verworrener reimschemata (gut gesagt, gell? jetzt aber einfacher)
    man nimmt die einfach nicht mehr war.
    ausser, wenn man das gedicht zerpflückt. ist vielleicht ein kritikerspass unter sich, aber ich finde, ein gedicht soll immer noch wirken, wenn man es einfach liest, oder vorgelesen bekommt.
    irgendwann ist dann die kunst zu verschwenderisch.
    was meinen die herren darauf?
    gruass lepi
    .
    .
    "Vielleicht fing ich an zu dichten, weil ich arm war und einer Nebenbeschäftigung bedurfte, damit ich mich reicher fühlte." ROBERT WALSER

  4. #4
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    Ich mag die süssen Ungarn nicht so sehr, sie machen immer einen schweren, schweren Kopf und lähmen durch ihre dicke Süsse den Fluss.
    ARTOFVOICE says NeveroddoreveN

    ich werde JAPANI(S)CH

  5. #5
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    @lepi:
    Ich glaube die Zeit, da Gedichte als Vortragskunst wirken konnten ist heute vorbei. Das liegt nicht unbedingt an ihrer komplizierter werdenen Struktur, sondern an der Konzentrationsschwäche des modernen Menschen. Da du das Gedicht nun in schriftlicher Form kennst und um seine Inhalte weißt, laß dich beim Vortrag mal auf die rein akkustische Ebene ein (als Musiker dürfte dir das nicht schwer fallen) und du wirst sehen/hören wie stark der Wiedererkennungseffekt innerhalb einer solchen Struktur ist, auch wenn man das Muster nicht sofort durchschaut. Ich dachte beim ersten Lesen, es handle sich um alterierende Sonanzen (vermutlich wegen b), bis ich die Struktur analysierte. Ich glaube wenn b rein wäre, würde man sofort Reime erkennen.

    @Markus:
    Liegt Malvasie nicht in Griechenland? Na ja, vielleicht haben die Ungarn die Rebe geklaut...
    --LeV

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  6. #6
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    ganz richtig,mein Fehler
    ARTOFVOICE says NeveroddoreveN

    ich werde JAPANI(S)CH

  7. #7
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    Moien allerseits,

    Danke vielmals für dein auseinanderreissen des Gedichts, levampyre

    Malvasier wierd meines Wissens "deutsch" ausgesprochen [...Ir]

    Das grillen soll eine Allegorie sein. Bei BBQ-festen wird immer gegrillt, getrunken, gegessen, getrunken, geredet, getrunken, usw... Ziemlich flach halt das Ganze (und die Gesprächsthemen sind wohl zumeist auch nicht unbedingt "der kategorische Imperativ im Bezug auf die postindustrielle Welt auf der Schwelle des neuen Jahrtausends" ). Somit stimmt dein Ansatz eigentlich

    S3Z2: "beschrieben" das gute des Stückes, gäben sie doch ihren Lobesstürmen freien Lauf -> das würden wir begrüssen
    Das hier ist meine Signatur und ich bin stolz darauf.

  8. #8
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    Ah, danke für diese Erklärung. So wird mir einiges klarer. Die Gedankengänge in S2 erscheinen deshalb jedoch nicht weniger sprunghaft. Vielleicht wäre es günstiger, sich der vollständigen Breite grammatikalisch strukturierender Satzzeichen zu bedienen, besonders am Versende? Nur um die Bezüge deutlicher hervortreten zu lassen.
    --LeV

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  9. #9
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    Kleiner Schwachpunkt von mir

    Liesse sich einmal überlegen
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