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  1. #1
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    Von Dichtung & Wahrheit


    Häufig drängen sich auf meiner Bettstatt Leiber,
    die wie Schlangen gierig sich umwinden.
    Blumenbrechend keuchen Münder junger Weiber
    oder Burschen, die sich gleichsam finden,
    um an nacktem Fleische sich im Spiel
    der zart benetzten Köstlichkeiten
    liebestoll zu reiben.
    Unbemerkt im wildenTreiben
    such’ ich Kiel und Tinte, weiße Seiten.

    Silbernen Beschlag hat meine schöne Feder.
    Ihre Fahne taugte die zu kitzeln,
    deren blasse Haut mein Pergament sei; Leder,
    das ich wagte, schändlich zu bekritzeln.
    Auf der Suche nach dem Tintenhorn
    ergäb’ ich mich dem irren Sehnen,
    schnitt in ihre Pelle
    mit dem Federkiel die Quelle:
    "Mir zum Born, Arterien und Venen!"

    Und ich schrieb mit ihrem Blut die ganze Wahrheit
    meiner Niedertracht auf ihre Körper,
    schaffte mir im Stillen dahingehend Klarheit,
    dass im Reigen jener armen Dörper
    sich die Kraft der Dichtung offenbart. –
    Doch genug! Auf weichen Linnen
    will ich mich nun strecken
    zwischen liebestollen Gecken.
    Sei’s erspart, Geschichten zu ersinnen!


    © LeVampyre | XIV, Mai. 2004

    Dieser Text kann als mp3 auf meiner Homepage angehört werden.
    Bitte beachtet auch die besonderen Lizenzbestimmungen an meinen kreativen Werken!
    Eine Liste meiner bei Gedichte.com veröffentlichten Texte gibt es u.a. in meinem Sammelfaden.
    Geändert von levampyre (19.03.2006 um 23:21 Uhr)

  2. #2
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    Oha, ich sehe schon die Einladung zur geselligen Runde vor mir:
    "Levampyre, Dichter und Denker, lädt zur Kopulations-Twister-Runde!
    P.S. Mein Kumpel konn0r möchte keine Franzosen, nur Pariser!"

    Man kann sich schön vorstellen, wie der Dichter sich im wuchernden Rudelbums irgendetwas zum Schreiben sucht, während die Muse eben nicht nur beim Küssen bleibt. Was dabei herauskommt, hitzköpfige, ungezügelte Zeilen, die sich metrisch wild umschlängeln. Erotikdichtung ist eben nichts für kühle Köpfe!

    P.S. Post 777 nur für dich! Eigentlich wäre 666 (jetzt mal nicht biblisch) ja passender!
    Besucht mich auf meiner Insel des Infantilen
    Letztes Werk:
    Der Makel der Rose

  3. #3
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    Hi levampyre

    Nach dem gestrigen Abend schreit dieser Text sozusagen nach einer Interpretation ...*g Alors, on-y-va:

    Der Titel allein lässt schon tief blicken. Handelt es sich hier um ein reales Erlebnis oder um eine Illusion? Wir werden sehen...

    1. Str.
    Das 'häufig' ist entweder Angeberei, oder es bezieht sich auf Träume, die das lyr. Ich zuweilen hat. Ich interpretiere es als Träume. Das lyr. Ich ist Zuschauer von sexuellen Spielen - unbemerkt - vielleicht sogar hinter einem Spiegel. Das Treiben drängt es dazu, seine Beobachtungen und Gedanken niederzuschreiben, in Worten oder sogar Bildern. Kiel und Tinte sagen mir, dass wir uns in einem älteren Zeitabschnitt befinden. Vielleicht in einem Boudoir in Paris.

    2. Str.
    Das lyr. Ich spricht über sein 'Schreibwerkzeug'. Das bezieht sich für mich aber nicht auf das Utensil sonder ist eher eine Methaper seines Geschlechtsorgans. Es schwärmt von seiner Geliebten, deren Haut ist für das lyr. Ich wie Pergament, auf das es seine Spuren hinterlassen möchte. Die letzten 5 Zeilen beschreiben den Geschlechtsakt, sehr poetisch... fürwahr ...*g

    3. Str.
    Hier zeichnet das lyr. Ich auf, dass es seine Geliebte sozusagen gebrandmarkt hat. Ihr Blut ist ihre Liebe, die es so schnöde ausgenützt hat um seinen 'Hunger' zu stillen, auf der Suche nach Erfüllung, Inspiration, Zeitvertreib..... tz tz
    In den letzten 4 Zeilen ergibt sich das lyr. Ich der Resignation. Zu viele Gedanken, zu viele Sehnsüchte, zu viele leere Emotionen. Müdigkeit kommt auf. Es sehnt sich nach Ruhe, psychisch und physisch.
    Die letzte Zeile sagt alles aus... es war nur ein Traum.

    Fazit:
    Ein überaus aufschlussreicher Text, der viel Spielraum für eigene Gedanken zulässt. Gefällt mir gut.

    Gruss
    Margot

  4. #4
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    Wink

    Guten Morgen Levampyre und alle die hier lesen!
    Du hast ja für dein Gedicht schon eine schöne Interpretation von Margot bekommen. Nach ihr ist es immer schwierig, noch was zu sagen. Interessant ist dein Reimschema. Kreuz- und umarmender Reim, die durch eine Zeile getrennt sind, deren Reim in der letzten Zeile fast mittendrin wieder auftaucht. Nicht nur weil man auf ein Echo wartet, sondern auch dadurch, wie du die Betonung führst, wird einem dieser Reim bewusst. Dadurch werden die verschiedenen Reime harmonisch zusammengehalten. Da ich mich gerade damit abmühe, etwas zu schreiben, was sich auch fast am Zeilenanfang reimen soll, ist es sehr interessant für mich, wie gut so ein Effekt wirken kann.
    Zum Inhalt ist auch schon viel gesagt worden. Nicht nur weil ich den Titel mehr in Beziehung setze zum Gedicht, mir kommt es so vor, als ob du mit zusammmen Suchen und beschreiben der Schreibuntensilien eher meinst, dass das lyrische Ich die Wahrheit oder den Sinn oder die wahre Geschichte in der (ev. nicht nur körperlichen?) Liebe sucht. Dann aber, weil das fast unmöglich ist, b.z.w. weil diese Wahrheit nicht schön ist, dich wieder von den schönen Illusionen treiben lässt, die ja im Gegenpol zur Wahrheit eine wichtige Quelle der Dichtung sind. Ich hoffe mich unverständlich genug ausgedrückt zu haben.

    Viele Grüße
    krähe


    [Geändert durch krähe am 16-05-2004 um 09:53]

  5. #5
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    Hallo Leser,

    ich danke euch für eure Kommentare, KonnOr für die 777, Margot für ihre Interpretation und krähe für die Eindrücke zur formellen Gestaltung.
    Dazu bleibt zu sagen, daß ich durch den bedeutungstragenden Titel bewußt Freiraum für die Interpretation gelassen habe, daß Margots Deutung sehr viel von dem von mir intendierten Material enthält, jedoch die modi verborum unbeachtet zu bleiben scheinen. Ansonsten aber eine sehr schöne Interpretation, Margot, die mir gut gefällt.
    Zur formellen Gestlatung verrate ich euch, daß ich den sogen. tôn im Ursprung geklaut und ein wenig variiert habe. Die Ur-Form entspricht einem Lied von Heinrich von Morungen ("Het ich tugende niht so viel von ir gesehen"), einer sehr raffinierten Stollenstrophe, die vermutlich auf romanische Vorbilder zurückzuführen ist. Interessant ist bei meiner Variante, die Hebungen zu zählen.
    Krähe, dein Vorhaben Versanfänge oder zumindest innerhalb des vorderen Versteils zu reimen, kann ich nur weiter motivieren. Die Anfänge der deutschen Lyrik liegen lange Zeit selbst im Stab- und Anfangsreim. Ein sehr interessanter Aspekt, wenn man bedenkt, daß heute fast ausschließlich endgereimt wird...
    --LeV

    Man sollte keine Dummheit zweimal begehen, schließlich ist die Auswahl groß genug. ~ J.P. Sartre

  6. #6
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    Damit ich mich auch mal wieder hier verewige.

    Ich könnte jetzt eine lange Interpretation schreiben, doch das haben andere schon gemacht. Und ich schließe mich Margots Interpretation an.

    Aber deswegen bin ich ja nicht hier.

    @levampyre: Wollte dich bitten, dass du Kontakt zu mir aufnimmst. (Kamelot@gmx.net)

    Hätte es ja schon längst getan, nur ohne Mailaddy funktioniert es leider nicht.

    lg Kamelot



    [Geändert durch Kamelot am 16-05-2004 um 15:28]
    Ich steh nicht auf kuscheln

  7. #7
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    Starke Verse!


    Eine Frage dennoch,
    in der ersten Strophe sprichst du von deinem Lager.
    Da die Gespielinnen und Gespielen sich um selbiges schaaren um ihren Tanz zu beginnen, frage ich mich wie sich das lyrische Ich unbemerkt davonschleichen kann um das Treiben von außen zu betrachten.
    Allerdings kann ich das dargestellte Bild auch auf mich wirken lassen und mir die Orgie vorstellen. ( Komischerweise manifestieren sich bei diesem Gedanken die Werke alter Meister in meinem Kopf- Bruegel oder so.)
    Der Anfang der zweiten Strophe steigert den Genuss bis du ihn in der dritten Zeile brichst.
    `deren blasse Haut mein Pergament sei; Leder,
    das ich wagte, schä.....- Ich empfinde daß du an diesem Punkt die Satzzeichen anders setzen solltest.Ich kann es nicht erklären aber es zerbricht mir den Spannungsbogen. Möglicherweisse ist es auch genau so gewollt und es existiert eine Regel dazu. Ich meine das jetzt weder zynisch, ironisch oder sarkastisch, ich kann es einfach nicht erklären. Da mir aber diese Verse ungewöhnlich gut gefallen und weil die Worte sich in einem Zentrum vereinen
    und das Gedicht wie ein Gemälde die Ästhetik des Augenblicks darstellt, sehe ich mich gezwungen dich zu fragen ob man das nicht anders lösen könnte. (Meiner Meinung nach sollte hinter dem Wunsch der sich erfüllt,-... Wunsch ist gut, es ist ja mehr ein Fordern! - Und hinter einer Forderung sollte ein ! stehen!)
    `Auf der Suche nach dem Tintenhorn`- ist für mich Poesie-
    ergäb ich mich dem irren Sehnen- ist für mich grammatikalisch streitbar - dreidimensionale Warnehmung wenn man Vergangenes gerade ahnt.Außerdem verliert das Gedicht an Spannung da nun die
    "Pelle" angeritzt wird um einen Aphorismus unter zu bringen.Aber trotzdem ist es schön! Auch dieser Gedanke lässt sich in den vorigen Zeilen recherchieren, nur scheint mir dann die Lyrik einem Konstrukt zu weichen.
    Wie dem auch sei!
    In der letzten Zeile kniest du am Brünnlein des Lebens und diese kurze Rast beflügelt dich sinnierend in dem Gedanken fortzufahren und plötzlich wird dein Lager ein Gewirr zuckender Verse deren Balg du beschreibst inmitten einer Phantasie!
    Du gestehst dir die Lüsternheit ein die du bei dem Gedanken verspührt hast und verwirfst das Bild um dir die Realität anzuschauen .
    Aber egal was `Dörper` sind.- plötzlich stehst du da und fragst die wo die Wörter sind, die runden Sätz,-e und ,-inninen. Doch dann besinnst du dich auf den Augenblick und genießt doch noch die Früchte deines Traums, wenn auch unvollendet.
    Ich weis, daß ist jetzt keine Interpretation im mathematischem Sinne. Vielleicht lerne ich das ja noch.
    Aber damit es nicht untergeht,
    wirklich sehr schön geschrieben!
    ARTOFVOICE says NeveroddoreveN

    ich werde JAPANI(S)CH

  8. #8
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    @Kamelot:
    Genau für solche Fälle habe ich eigentlich meinen Wohnzimmerfaden eingerichtet (s. Link in meiner Signatur). Ich mags nicht, meine Mail-Addy wild in der Gegend rumzuschicken. Außerdem erinnere ich mich dunkel daran, dir vor Urzeiten schon einmal eine Mail geschrieben zu haben, die dann deinerseits völlig unbeantwortet blieb. Also schau im Wohnzimmerfaden vorbei und sag mir erstmal, worum's eigentlich geht!

    @Markus:
    Zur Frage, wie man eine Orgie auf dem eigenen Bett unbemerkt verlassen kann, gebe ich dir den Tipp, es einfach mal auszuprobieren. Du wirst sehen, daß alle so extrem miteinander beschäftig sind, daß es wirklich nicht auffällt, wer gerade da ist und wer nicht.
    Wie du die Zeichen in S2 anders setzten würdest, ist mir noch nicht ganz klar geworden. Das einzige, worüber man streiten könnte, wäre das Kolon nach sei. Man könnte ein Komma, einen Gedankenstrich oder einen Doppelpunkt verhandeln, aber alle anderen Satzzeichen müßten nach grammatischer Forderung stehen bleiben.
    Auch an ergäb erkenne ich nichts grammatikalisch Streitbares. Ab S2V2 bis S3V3 stehen alle finiten Verformen im Konjunktiv (Modus verbi), nix mit Vergangenheit...
    Ich verstehe nicht, was du meinst, wenn du schreibst: "Außerdem verliert das Gedicht an Spannung da nun die "Pelle" angeritzt wird um einen Aphorismus unter zu bringen." Was genau meinst du mit Aphorismus und wie kann die Pelle dem Gedicht die Spannung nehmen? Ich glaube, du mußt mir nochmal erklären, was du meinst.
    LG
    --LeV

    Man sollte keine Dummheit zweimal begehen, schließlich ist die Auswahl groß genug. ~ J.P. Sartre

  9. #9
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    @muh-q wahn:
    Sorry, Levampyre, mir ist bewusst, dass du mit solchen Supi, ich finde das Gedicht voll schön-Kritiken nichts anfangen kannst
    Och, ein Lob geht mir nicht weniger runter wie Öl als anderen Menschen, gerade dann, wenn ich sehe, daß es nicht aus einer Supi, ich finde das Gedicht voll schön-Kritik entsteht.
    Deine Kritik hat mir in vielerlei Hinsicht gezeigt, daß der Text so wirken kann, wie ich es mir erhoffte, daß daraus beim Leser ein Nachsinnen über die ungewissen Größen Dichtung und [/i]Wahrheit[/i] und deren Relation resultiert. Ich konnte mich also über deine Worte durchaus freuen.

    Die Leseempfehlung sprach ich einzig wegen des poetologischen Charakters beider Werke aus: Dichtung, die über Dichtung spricht. Mehr Sinnzusammenhang gibt es da nicht zu verstehen.


    @groper:
    Die Münder keuchen tatsächlich. Danke für den Hinweis.
    "Dörper" ist ein mittelhochdeutsches Lehnwort, das in der Art zum ersten Mal in der Dichtung Nîtharts von Riuwental auftaucht und vermutlich einen Gegenentwurf zum höfischen Ideal des Ritters darstellt. "Dörper" sind bei Neidhart ungesittete und nicht dem höfischen Ideal entsprechende Adlige oder Bauern. Ich verwende den Begriff hier frech für meine Zwecke.


    LG
    vamp

    [Geändert durch levampyre am 07-01-2005 um 15:15]
    --LeV

    Man sollte keine Dummheit zweimal begehen, schließlich ist die Auswahl groß genug. ~ J.P. Sartre

  10. #10
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    Smile

    Hallo Levampyre,
    was immer auch die richtige (?) Interpretation Deines Gedichtes sein mag, Deine schwülstige Ausdrucksweise reizt mich zum Lachen, nur zum Lachen. Sie sticht hervor aus Deinem 'Werk' und überdeckt einen eventuellen Inhalt. Mach' weiter mit diesen Ergüssen - sie sind phänomenal, wirklich!

    Es grüßt

    Pully

  11. #11
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    Die Intention, die hinter deiner obigen Meinungsäußerung steht, ist einfach zu offensichtlich, Pully. Wenn du willst, daß ich deine Kritik ernst nehme, dann hör auf zu schmollen und wie ein trotziges Kind zu reagieren!
    --LeV

    Man sollte keine Dummheit zweimal begehen, schließlich ist die Auswahl groß genug. ~ J.P. Sartre

  12. #12
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    Red face

    Ach, Levampyre,
    ich habe nur meine Meinung gesagt, und diese Freiheit gewährst Du mir doch huldvoll (bitte, bitte, bitte). Es ist mir vollkommen gleich, ob Du meine Kritik ernst nimmst. Sie war ausschließlich als Überlegungspunkt für Dich als eine ausgesucht qualifizierte Poetin gemeint. Was sollte man an Dir als Vertreterin der Elite schon kritisieren?! Und - schmollen - trotziges Kind - eine andere, überlegte Reaktion fiel Dir wohl nicht ein? Dieses Vokabular ist aus meinem Wortschatz seit mehr als 50 Jahren gestrichen.
    Nichts für ungut - ich könnte mir vorstellen, dass Deine nächsten Werke eventuell meine 100prozentige positive Resonanz erhalten könnten.

    Es grüßt
    Pully


    Ich liebe Phänomene! (schmeichel, schmeichel)

  13. #13
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    "Schwülstige Ausdrucksweise"

    @Pully
    Ein bisschen länger als vamp möchte ich auf deinen Beitrag eingehen und sachkundig erklären, ganz geduldig, dass, wie es levampyre ja schon ausgeführt hat, siehe weiter oben, dieses Gedicht im mittelalterlichen tôn, d,h. in der Redeweise der mittelalterlichen Lyriker geschrieben worden ist, hier eines ganz mit Bedacht gewählten Minnesängers. Ich gehe hier gar nicht in die germanistischen Einzelheiten, das möchte langweilen, sondern weise nur darauf hin, dass das, was dir "schwülstig" vorkommt, seinerzeit eine hohe und schwierige Kunst war und als Bestandteil der "Hohen Minne" bei Hof sehr beliebt war.
    Wir müssen dort die Anfänge unserer heutigen Lyrik suchen und zur Kenntnis nehmen. Nach eingehenden Studien (und die sind bitter nötig wegen der von der unseren abweichenden Sprachstufe des Mittelhochdeutschen und der teils anderen Wortbedeutung) kann man dieser Lyrik auch heute noch gewisse Schönheiten abgewinnen, wenn man das will; sicherlich aber hat man wenig davon, wenn man sich nicht intensiv damit beschäftigt, weil man dann vieles nicht versteht. So entsteht vielleicht dieser Eindruck des "Schwülstigen", da die damaligen Dichter über schöne Worte und eine gedrechselte Form und Klangwirkung (Stabreim)verfügten. "Cool" war das sicher nicht...Nach meinem Empfinden in puncto Lyrik sind jedoch so manche barocke oder romantische Gedichte weitaus "schwülstiger" als etwa Werke von W. von der Vogelweide...

    @ levampyre
    Dein Versuch, im alten tôn zu schreiben, ist sicherlich reizvoll, in vielerlei Hinsicht, da kann ich mich den Kommentaren weiter oben nur anschließen. Und das MA war durchaus drastisch, was die Liebe betrifft...Dir ist aber natürlich bewusst, bei allem Respekt, dass eine solche exklusive Art zu dichten sich eher an ein einigermaßen gebildetes Fachpublikum wendet. Nicht-Germanisten haben bestimmt, wie nachzulesen, ein wenig Mühe damit. Und außerdem beugst du dich ja nicht dem trendigen Zeitgeschmack, der kurze, hingehauene Verbrauchslyrik verlangt, siehe Herz/Schmerz und Co....
    Natürlich ist Pullys Kritik keine solche, dazu ist sie zu emotional und zu unsachlich, abgesehen davon, dass der Begriff "schwülstig" sehr schwammig ist und gut und gerne nahezu 80 Prozent der Gedichte in der L+R-Rubrik aufgedrückt werden könnte...deine ausgenommen.

    Herzlich grüßt
    Angel of Berlin


    [Geändert durch Angel of Berlin am 08-01-2005 um 01:01]
    Wörter sind wie Kieselsteine: Je mehr man sie bewegt,desto glänzender werden sie.
    ***********************************
    "Kunst ist schön, macht aber viel Arbeit." (Karl Valentin)

  14. #14
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    Hi Angel,

    sag, bist du dir sicher, daß dieser Text den "Versuch, im alten tôn zu schreiben" darstellt? Ich meine, wenn er das tut, dann müßte es doch weitreichende Parrallelen zum Hohen Sang geben, auch und vorallem inhaltlicher Art. Ist allein die Strophenform und das eine entlehnte Wort für dich ausschlaggebend dafür, daß hier eine Minnesituation thematisiert wird? Das finde ich doch etwas befremdlich.

    Eine gewisse Schwülstigkeit des Textes ist dagegen nicht von der Hand zu weisen. Diese entsteht aber, glaube ich, nicht unbedingt durch die Wortwahl selbst, sondern vielmehr durch die Üppigkeit der Szenerie. Die geschilderte Orgie ist so überladen, so fettig, daß es beinahe tropft. Das ist ein ganz bewußter und zentraler Effekt des Textes, der sich aber in keiner Weise (so denke ich) mit der "Schwülstigkeit" eines Minneliedes deckt.

    Zu meiner Reaktion auf Pullys Kommentar solltest du letztlich noch wissen, daß ich jüngst ein Gedicht der Autorin negativ kritisierte und daß das wohl an ihrer Eitelkeit gekratzt haben dürfte, so daß sie nicht umhin konnte, ihren Zorn darüber hier zum Ausdruck zu bringen. Das ist verständlich, aber ich denke trotzdem, darauf nicht weiter eingehen zu müssen.


    LG
    vamp
    --LeV

    Man sollte keine Dummheit zweimal begehen, schließlich ist die Auswahl groß genug. ~ J.P. Sartre

  15. #15
    Registriert seit
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    Wink

    Hallo Angel,

    ich danke Dir für Deine kurze liebe Notiz, mit der Du mich an mein Germanistik-Studium erinnert hast! Nur, mein Abschluss ist schon so lange her, dass ich das Erlernte im Laufe meiner Arbeit so sehr verinnerlicht habe, dass ich, gerade bei Levampyre, vorausgesetzt hatte, sie wüsste, dass bei meiner Kritik der Ausdruck 'schwülstig' in einer ganz ordinären Bedeutung verwandt wurde. Ich bin von Levampyre daran gewöhnt, dass ihre Kritiken zeitweise wenig sachlich sondern eher persönlich angreifend formuliert sind. Das stört mich normalerweise bei so jungen Zeitgenossen mit einer endlich doch begrenzten Erfahrung nicht, denn ich weiß, sie wollen lernen und freuen sich über jeden Fortschritt, den sie gemacht haben. Da Levampyre jedoch jetzt schon sehr von sich und ihrer Kunst überzeugt ist und für sie nur ihre Denkweise zählt, ist meine wohlmeinende Reaktion sicher nachvollziehbar. Schade, dass Levampyre nicht einmal dieses richtig interpretieren konnte.
    Es wäre wünschenswert, dass sie es lernt, ihren Kritikstil ihrem zeitweise beachtenswerten Können als Dichterin anzugleichen.

    Es grüßt Dich
    Pully

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