Thema: Sturm

  1. #1
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    Unhappy Sturm

    Hi. Ich bin relativ neu hier, aber dennoch denke ich, das ich es wagen kann, diese Kurzgeschichte hier einzubringen. Erklärend muss ich vorwegnehmen, das die Story ein "Aufhänger" für einen Liebesbrief war...(weil mir um ehrlich zu sein, kein guter Anfang für den Brief einfiel)...aber lest selbst...


    STURM


    Ein regnerischer Tag folgte dem nächsten. Seit über einer Woche schon. Es waren die schlimmsten Regenfälle in diesem Breitengrad, seit der ersten Ansiedlung von menschlichem Leben. Jedoch sollte Strider Gainwards Versuch an diesem Tag endlich von Erfolg gekrönt sein, die nächstgelegene Stadt oder zumindest in eines der angrenzenden Dörfer zu erreichen.
    Er kämpfte sich durch Regen, Sturm, Hagel. Ein Steinwurf trennte ihn nur noch von den schützenden Toren der Stadt. Der Anflug eines Lächelns glitt über sein Gesicht als er den schweren Bügel des schmiedeeisernen Torklopfers umklammerte.

    Der Ton, der beim Aufschlagen des Klopfers auf das nasse Holz ausblieb, ließ Strider für den Bruchteil einer Sekunde erstarren. Der tosende Sturm verschlang jedes Geräusch. Was, wenn niemand das Schlagen gehört hat? Tausend Gedanken jagten durch seinen Kopf. Der Sturm schien stärker zu werden, als er sich umsah, wurden kleinere freistehende Bäume aus ihrer schützenden Erde gehoben, um wenige Augenblicke später in der tiefschwarzen Dunkelheit zu verschwinden. Ein Moment der Unachtsamkeit beim beobachten des schauerlichen und doch so grandiosen Schauspiels ließ ihn den rettenden Griff an dem Klopfer lockern. Als ihn die erste Orkanböe erfasste klammerte er sich nur noch mit den Fingern an dem Ring, der durch das Gesicht eines Löwen hindurchführte, fest. Eine riesenhafte Hand griff durch den Torspalt, der sich aufgetan hatte und erwischte im letzten Moment sein Handgelenk.

    Wie Gainward später erfahren sollte, gehörte diese Hand dem Stadtwächter Malcolm, der an diesem Abend seinen Dienst am Osttor zu versehen hatte.
    >>Sie haben verdammtes Glück gehabt, das ich ihr klägliches Klopfen gehört habe<< brummte er verdrossen.
    Jasper, sein treuer Hund, blickte zu ihm auf und er konnte sich des Eindrucks nicht erwehren, das er in der Mimik des Tieres, eine gewisse Art von Erstaunen und Enttäuschung gesehen habe, als hätte er sagen wollen, er sei es doch gewesen, der das schwache, eiserne Poltern gehört hatte.

    >>Was haben Sie überhaupt da draußen in dieser Hölle zu suchen gehabt?<< Malcolm kniff die Augen zusammen.
    Ein wenig benommen setzte Strider sich auf seinem bereiteten Lager auf und ließ das Schwindelgefühl in seinem Kopf zur Ruhe kommen.
    >>Ich...ich wollte Vorräte besorgen...und ich habe diese Schriften entdeckt, die dringend der Sichtung des Professors bedürfen<< stieß er hervor.
    >>Des Professors...<< wiederholte Malcom langsam, als ob er sich die Worte erst zurecht legen musste.
    >>Was für Schriften?<< wollte der Stadtwächter neugierig wissen.
    Strider maß ihn mit einem abschätzenden Blick.
    >>Wenn ich wüßte, um was für Papiere es sich handelt, bräuchte ich sicher nicht den Professor zu befragen<< sagte er gepreßt.
    Jasper gähnte.

    Schweigend folgte er Malcolm durch die unterirdischen Verbindungsgänge der Stadt.
    An einer einfachen Holztür machte Malcolm halt.
    >>Ich denke nicht, das der Professor Zeit für Sie hat<< sagte er ohne großen Nachdruck.
    >>Nun<< sagte Strider leichthin >>...ich habe Zeit<<

    Der Stadtwächter wandte sich um den Rückweg anzutreten.
    >>Malcolm...<<
    Er blieb stehen, drehte sich jedoch nicht um.
    >>Danke...<<
    Die schweren Schritte setzten ihren Weg fort.

    Gainward pochte an der schlichten Tür und wartete. Ein dumpfes Geräusch erklang, dem ein unterdrückter Fluch folgte. Sekunden später flog die Tür auf und Professor Ashburn blickte aus rußgeschwärzten Augengläsern zuerst auf Strider und dann auf das qualmende Etwas, das er in der Hand hielt.
    >>Öh...<< brachte er hervor.
    >>Komm rein, komm rein....<< Mit einer vagen Geste durch sein Labor deutet er ihm, Platz zu nehmen.
    In der hinteren linken Ecke des Labors raschelte etwas.
    >>Wo habe ich es denn nur...Ah! Da ist es ja!<< Zufrieden kroch Ashburn unter dem Tisch hervor.
    Strider musterte das kleine gelbe Ding, welches der Professor kurz in der Hand drehte und dann in seinem Kittel verschwinden ließ.
    >>Professor Ashburn<< begann Strider, während der angesprochene es sich in seinem überdimensionierten Sessel bequem machte.
    >>Die Expedition am Kyrandianischen Waldrand geht gut voran. Nun, Sie baten mich, die besonderen Stücke sofort zu Ihnen zu bringen. Diese Schriften hier...<< Strider beugte mich vor, um sie ihm zu reichen.

    >>Alt<< kommentierte Ashburn und rückte seine Brille zurecht.
    >>Scheint mir auch so<< erwiderte Strider. >>Doch was bedeuten sie?<<

    >>Hmm...interessant...sehr beeindruckend...ja, ja...<< ließ sich der Professor vernehmen.
    Geduldig saß Strider auf seinem Hocker und beobachtete die Augen des Professors, die über die Zeilen flogen.

    >>Ausgehendes 19. Jahrhundert würde ich sagen<< Ashburn grinste.
    Strider Gainward zog eine Braue hoch. Wenn diese Datierung stimmen sollte, wäre es der älteste Fund der neuen Menschheitsgeschichte.
    >>Wo genau hast du es gefunden, Junge?<<
    >>Am Waldrand, eingebettet in eine Art Schrein. Ein komisches Behältnis aus einem metallähnlichen Material. Ich frage mich, wie es die Jahrhunderte überdauern konnte<<
    >>Das ist nebensächlich<< antwortete der Professor.
    >>Können Sie es entziffern?<< fragte Strider mit gezügelter Neugierde.
    >>Edgar kann das<< Mit diesen Worten erhob sich Ashburn und schlurfte in einen angrenzenden Raum. >>Folge mir, Junge<<
    Der kleine Raum wurde beherrscht von einer großen Maschinerie, auf die mit roter Farbe der Name EDGAR aufgemalt war. Unzählige Zahnräder der verschiedensten Größen befanden sich an der Vorderseite, sowie ein kleiner Schlitz, in den der Professor das Schriftstück einschob.
    >>Was ist DAS?<< fragte Gainward mit ungläubigem Staunen.
    Ashburn drehte sich um und blinzelte mich über den Rand seiner Brille hinweg an.
    >>Edgar<<
    >>Ja...aber was IST Edgar?<<
    >>Äh...ein Typografischer Übersetzer...rein technisch. Würdest Du nicht verstehen..<< Er wandte sich wieder Edgar zu.
    >>Ah...ja...Mmhmm...soso...<<

    Ein leises Klicken erklang, dann drehte Ashburn an einer kleinen Kurbel links von ihm und einige Sekunden später gab die Maschine einen weißen Zettel frei, auf dem der nun übersetzte grüne Text des Schriftstückes stand:


    -----------< Hier stelle man sich nun den handschriftlichen Brief vor, sozusagen als Seite 2. Und danach ging es mit der Geschichte weiter >------------------



    Als Ashburn geendet hatte, blickte Strider auf das vergilbte, alte Foto herab, welches er bei dem Brief gefunden und eingesteckt hatte. Die Zeit schien dem Papier nicht allzuviel ausgemacht zu haben, noch immer war das blasse Blau einer längst vergangenen Schrift zu sehen, doch auch die Graustufen wirkten nicht verblichen.

    >>Von der Beschaffenheit des Papiers würde ich auf etwas tippen, was man damals „Magazin“ oder auch „Illustrierte“ nannte<< Ashburn war hinter Gainward getreten und hatte Mühe, über dessen breite Schultern einen Blick auf das Bild zu werfen.
    >>Hmm...<< sagte Strider.
    >>Was denken Sie, ist passiert?<< fragte er.
    >>Oh, schwer zu sagen!<< erwiderte der Professor. >>Ich nehme an, das dieser Brief, den Du fandest, an die Person auf dem Foto gerichtet war...<< Ashburn verstummte. >>Die Katastrophe<< murmelte der Professor nach einer Pause. >>Vielleicht wäre der Brief angekommen, wenn nicht...<<
    >>...wenn nicht „die Katastrophe“ eingetreten wäre!<< beendete Strider den Satz.

    Schweigend und jeder in seine eigenen Gedanken gesunken, saßen sie im Labor des Professors. Keiner der beiden merkte, das ein unheimliches Poltern und Grummeln die unterirdischen Wege hinaufstieg.

    Mit einem ohrenbetäubenden Krachen barst die leichte Holztür und der Sturm brüllte durch das kleine Labor, hob Reagenzgläser und Phiolen an, um sie Sekundenbruchteile später wie Geschosse in Wände und Holzschränke zu jagen.
    >>Professor!<< schrie Strider Gainward gegen den Orkan an, doch Ashburn hatte sich in den Nebenraum zu EDGAR gerobbt. >Nur noch einen Zentimeter...nur noch EINEN< stöhnte Professor Ashburn als er versuchte, das Original des Schriftstückes aus dem Einzugsschacht der Maschine zu befreien.
    Irgendetwas traf Ashburn am Hinterkopf.

    Als er zwei Stunden später wieder erwachte, saß Strider an seinem Bett und schaute besorgt auf den Professor nieder.
    >>Wo...was...<< Ashburn wollte sich aufrichten, seine aufgestützten Arme knickten jedoch wieder ein und er sank auf sein Kissen zurück.
    >>Ganz ruhig. Sie sind von einem umherfliegenden Teil getroffen worden<< flüsterte Strider. >>Aber Ihre Verletzung sah schlimmer aus, als sie ist. Sie haben Glück gehabt<<
    >>Das Artefakt...<< hauchte der Professor benommen.
    >>Der...Sturm hat es sich geholt. Zusammen mit einem Teil von Edgar...ich...<< Strider suchte nach den richtigen Worten. >>...ich sah das Loch in dem Edgar verschwand...ein Tunnel....wie ein Spiegel...auf der anderen Seite sah ich Behausungen...<<
    >>Behausungen...?<< Ashburns Augen waren aufgerissen.
    >>Wohnstätten...wie die Ruinen die wir fanden....völlig intakt...wie in einer anderen Epoche...und plötzlich verschwand der Sturm...<< Strider gestikulierte vage.
    >>Der Brief ist angekommen...<< flüsterte der Professor
    >>...und Du wirst ihn niemals finden, Junge...<<


    ...und wie es im Leben so ist...der Brief wird wohl tatsächlich irgendwann gefunden werden....und vielleicht kommt dann sogar ein Sturm. Doch solange bleibt er hier...bei mir...

    Harper
    Gott denkt in den Genies...
    Er träumt in den Dichtern...
    und Er schläft in den übrigen Menschen...

    "Leben betrügt!" (C. Hülsbeck)

  2. #2
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    genial!

    also, deine kurzgeschichte ist einfach genial. ich finde die idee grossartig, dass du sie als einleitung und schluss für einen liebesbrief verwendet hast.

    irgendwie ist diese geschichte....wie soll ich das sagen....als ich sie gelesen habe, da hatte ich das gefühl direkt im geschehen zu sein.

    einfach super!!

    alles liebe,
    sternentraum
    Stir of time, the sequence
    returning upon itself, branching a new way. To suffer pain, hope.
    The attention
    lives in it as a poem lives or a song
    going under the skin of memory.

    "Heavy" by Denise Levertov

  3. #3
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    Oh...vielen Dank...*rot werd*
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