Thema: Der tote Hund

  1. #1
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    Der tote Hund

    Ich hab’ ihn lange Zeit herumgetragen
    und hatte seine Fliegen im Gesicht.
    Er roch schon etwas in den letzten Tagen,
    doch trennen wollte ich mich von ihm nicht.

    Was alles für mich, wurd’ kalt ohne Leben-
    ich wärmte ihn mit der Vergangenheit.
    Ja früher - was war das ein herrlich’ Beben!
    Es ist eine böse Krankheit, die Zeit,
    manchmal lässt sie Wunden erst entstehen,
    verborgen, leise und fast ohne Streit-
    bleiben nur die Fragen zum Vergehen.

    Ich muss auf meine Bürde nun verzichten,
    denn die Last war auf Dauer mir zu schwer.
    Versuche ich den Rücken aufzurichten
    und ungewohnt fühl’ ich die Hände leer.

    [Geändert durch krähe am 28-06-2004 um 21:14]

  2. #2
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    ungewohnt, aber intensiv. auch dass du nicht noch konkreter wirst, deinen vergleich auflöst, oder anklagend wirst. sterben kann ja jeder mal...
    allermeistens gut und flüssig zulesen. z4s2 nicht so ganz. ebenso z6s2.
    gefällt mir sehr.
    gruass lepi
    .
    .
    "Vielleicht fing ich an zu dichten, weil ich arm war und einer Nebenbeschäftigung bedurfte, damit ich mich reicher fühlte." ROBERT WALSER

  3. #3
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    Hallo Lepi,
    zuerst möchte ich dir danken, dass du dir die Zeit für einen Kommentar genommen hast. Dieser Vergleich wird ja auch sehr selten für dieses Thema genommen. Deshalb habe ich es ja auch unter Liebe gepostet, um zu zeigen, worum es geht.Anklagend könnte das lyr. Ich nur gegen sich selber werden, es hat sich ja schliesslich an etwas totes festgeklammert. S2/Z6 ist ein Patzer, ich hatte unbemerkt falsch betont. Ich habe in S2, die ich für eine Andeutung zur Auflösung halte, das Metrum durcheinander gewürfelt. S2/V4 ist eine Zäsur bei "Krankheit, die Zeit," mit zwei unbetonten Silben oder meinst du eher den Zeilenanfang? Eigentlich will man "Es" nicht betonen, deshalb stockt man etwas. Sterben kann ja jeder mal... Den Satz finde ich sehr gut formuliert. Es macht Spaß deine Antwort zu lesen. Ich freue mich, dass es dir gefallen hat.
    Krähe

  4. #4
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    da ist ja die reaktion auf die kritik ausführlicher, als diejenige auf das gedicht...
    ich schäme mich
    g.l.
    .
    .
    "Vielleicht fing ich an zu dichten, weil ich arm war und einer Nebenbeschäftigung bedurfte, damit ich mich reicher fühlte." ROBERT WALSER

  5. #5
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    Hi Krähe

    Auch mir fiel dieser ungewohnte Titel in dieser Rubrik auf. Man sollte also dem Titel (als Autor) stets Beachtung schenken

    Ich hab’ ihn lange Zeit herumgetragen 11
    und hatte seine Fliegen im Gesicht. 10
    Er roch schon etwas in den letzten Tagen, 11
    doch trennen wollte ich mich von ihm nicht. 10

    Was alles für mich, wurd’ kalt ohne Leben- 11
    ich wärmte ihn mit der Vergangenheit. 10
    Früher - was war das ein herrlich’ Beben! 10
    Es ist eine böse Krankheit, die Zeit, 10
    manchmal lässt sie Wunden erst entstehen, 10
    unbemerkt, leise und fast ohne Streit- 10
    bleiben nur die Fragen zum Vergehen. 10

    Ich muss auf meine Bürde nun verzichten, 11
    denn die Last war auf Dauer mir zu schwer. 10
    Versuche ich den Rücken aufzurichten 11
    und ungewohnt fühl’ ich die Hände leer. 10

    Das ganze Gedicht ist eine sehr schöne Metapher für die "Nachwehen" einer vergangenen Liebe. Im Mittelteil, stocke ich (auch nach mehrmaligem Lesen) immer noch. Irgendwie fehlt da der Fluss.

    Die letzte Strophe gefällt mir am Besten. Die 'ungewohnte Leere' beinhaltet sehr viel Melancholie. Schön.

    Gruss
    Margot

  6. #6
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    Wow!

    Der Inhalt ist anbetungswürdig, auch in Verbindung mit dem Titel
    Finde das Gedicht sehr gelungen, auch, wenn ich es nicht genauer erläutern will, muss es erst auf mich einwirken lassen.

    Lieber Gruß
    A.
    die neuesten Gedichte:
    Der Verehrer und der Verehrte

  7. #7
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    Hallo,
    schön das ich doch noch Kritiken bekomme .
    @ Lepi,
    ohne deine erste Kritik würde ich vielleicht mit etwas Pech unkommentiert im 7.Buch Danse landen. Deshalb freue ich mich natürlich und ich bin halt geschwätzig. Ausserdem hast du mir gezeigt, dass der Patzer S2/V6 bemerkt wird und dadurch hatte ich Gelegenheit auszubessern. "unbemerkt" ist jetzt weg, weil es bemerkt worden ist. "Verborgen" passt ins Metrum. Du kannst mir ruhig kurze Kritiken schreiben

    @Margot,
    der Titel, ja der passt m.E. auf jeden Fall zum Gedicht. Das er auffällt, ist ein Nebeneffekt. Die Rubrik war für mich wirklich schwierig, weil es eigentlich auch zu Trauer und Düsteres gepasst hätte. Jetzt hatte ich gerade einen Fehler ausgebügelt, da stubst du mich mit dem Schnabel auf den zweiten. 11 Silben in S2/V1. Die ist leider etwas schwierig, diese Zeile! Ich habe es bis jetzt nicht geschafft da eine Silbe zu sparen. Es bleibt mir wohl nichts weiter, als ein dummes Füllwort an den Beginn von S2/Z3 zu setzen. Dann sind die beide 11 Silben lang. Dann ist aber der Wechsel wieder weg. Hm? Wenn man an einer Stelle was ändert... .Ich habe im Mittelteil mehrmals gewechselt zwischen Jambus und Trochäus. Der Mittelteil ist wichtig, sonst könnte es wirklich Trauer um den Hund sein. Auch die Zeit, der das lyr. Ich eine wesentliche Mitschuld gibt, wollte ich hervorheben. Aber langer Rede Sinn, es freut mich sehr, dass es dir gefällt.

    @ ogelique,
    schön das es dir gefällt. Von dir so eine gute Kritik. Da Krähen fliegen können ist bei mir die Gefahr des Abhebens latent vorhanden.*zusammenreiss* So bin wieder unten. Lasse es einwirken. Schön, dass du geschrieben hast.

    Krähe

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