Hallo liebe User, weibliche wie mnnliche,

viele von euch fragen sich sicher, wie es kommen kann, da man Gedichte berhaupt bewertet und vorallem nach welchen Kriterien sie bewertet werden. Einige der (auch unter hiesigen Kritikern) wohl verbreitetsten Bewertungskriterien zhlt Hans-Dieter Gelfert, ehem. Professor fr Englsiche Literaturwissenschaft und Landeskunde an der Freien Universitt Berlin, in seinem Kapitel "ber die Schwierigkeit, dichterische Qualitt zu erkennen" auf, welches sich innerhalb des Reclam-Heftes Wie interpretiert man ein Gedicht findet.



ber die Schwierigkeit dichterische Qualitt zu erkennen
Auszge zu Bewertungskriterien aus dem gleichnamigen Kapitel von Hans-Dieter Gelfert

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Heutzutage ist die Unsicherheit des sthetischen Urteils wahrscheinlich noch weit grer als in frheren Zeiten, da es keine verbindlichen Stilkonventionen mehr gibt und auf dem literarischen Markt unterschiedlichste Ausdruckshaltungen, Sprachregister und natrlich auch gimmickhafte Mtzchen miteinander konkurrieren.
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Der Verzicht auf diese Urteilsbildung degradiert das Gedicht zum sentimentalen Konsumgegenstand.
Damit stellt sich fr den Leser die Frage, nach welchen Kriterien dichterische Qualitt berhaupt zu beurteilen ist.
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Wie soll dann ein Durchschnittsleser die Spreu vom Weizen trennen? Zunchst einmal sollte er sich das Recht auf ein gefhlsmiges Urteil nicht beschneiden lassen. Wenn ihm ein Gedicht nach wiederholtem Lesen in greren Abstnden immer noch gefllt, spricht die Wahrscheinlichkeit dafr, da es Qualitt hat. Manche Gedichte gefallen auf Anhieb [...]. Andere Gedichte werden am Anfang als reizlos und sprde empfunden und entfalten ihre Wirkung erst, wenn man in langem Umgang mit ihnen ihre Komplexitt aufdeckt. Auch wenn es bisher noch niemandem gelungen ist, objektive Mastbe des sthetischen Urteils nachzuweisen, gibt es doch einige Kriterien, die durch die Praxis der kritischen Rezeption besttigt werden. Originalitt ist sicher eines davon. Von einem guten Gedicht erwarten wir, da es uns etwas auf eine neue Weise sehen und erfahren lt. Ein weiteres Kriterium ist Dichte. In einem guten Gedicht sollten die wirksamen Elemente der Klang-, Bild- und Sinnschicht so dicht gepackt sein, da dazwischen keine Hohlrume, keine berstehenden Enden und kein sprachlicher Leerlauf zu spren ist. Ein anderes oft postuliertes Kriterium ist das der inneren Stimmigkeit. Dabei ist allerdings Vorsicht geboten. Zwar drfen wir von einem Gedicht erwarten, da es durchgngig kristallin ist und keine amorphen Stellen hat. Aber die Kristallstruktur kann durchaus Brche, Reibungen und Verschiebungen aufweisen. Als inhaltliches Kriterium knnte man den leider sehr mibrauchten und stark vorbelasteten Begriff der Tiefe nennen. Wir erwarten von einem Gedicht, da es keine Plattitden ausspricht, sondern unsern Blick in tiefere Schichten menschlicher Erfahrung ffnet. Allerdings wrden wir wohl die Waffen strecken mssen, wenn wir entscheiden sollten, ob Mrikes Septembermorgen tiefer ist als C.F. Meyers Rmischer Brunnen. Wenn mit Tiefe ein Ma fr die inhaltliche Substanz eines Gedichtes gemeint ist, dann mte man den Begriff wohl durch Kriterien wie Flle, Intensitt und Authentizitt erweitern. Eines der gelufigsten Kriterien fr den Wert eines Gedichtes ist das der bereinstimmung von Form und Inhalt. Auch dies ist mir dem gewissen Krnchen Salz zu genieen. Zwar erreicht ein Gedicht nicht die geforderte Dichte und Stimmigkeit, wenn nicht das Inhaltliche restlos in der Form aufgeht. Aber ein kitschiger Inhalt wird nicht schon dadurch Kunst, da er eine kitschige, also adquate Form erhlt.
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Quelle: Hans-Dieter Gelfert Wie interpretiert man ein Gedicht?, bibliographisch ergnzte Ausgabe 1994, Philipp Reclam jun. GmbH & Co., Stuttgart 1990
Eine kurze Rezension von mir zu diesem Buch findet sich auch in Marots Faden Literaturverzeichnis.