Thema: Schizophrenie

  1. #1
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    Schizophrenie

    Dein Pochen hallt im Ohre, Geist!
    Heulst vom Herz dir deine Klagen,
    Fratzen meinen Herrscher plagen.
    Des Werwolfs irrer Blick, so dreist!

    Das Dunkle sucht- bin auf der Hut!
    Stets zugegen Adlers Auge,
    tote Köpfe in der Lauge.
    Das einstmals Rot bleibt stumm, hab Mut!

    Wie lieblich sie im Schlafe schaut.
    Kräfte schwinden, Hoffnung stirbt sacht.
    Licht erstickt, es wartet die Nacht.
    Ein letztes Streicheln ihrer Haut.



    [Geändert durch Shakifee am 18-10-2004 um 18:18]
    Es waren zwei Königskinder,
    die hatten einander so lieb.
    Sie konnten zusammen nicht kommen,
    das Wasser war viel zu tief.

    Mord durch Mord zu sühnen ist unmöglich. Rache oder Sühne mögen eine Gier befriedigen,doch den Frieden zu schaffen und die Menschheit auf eine höhere Ebene zu heben,das vermögen sie nicht. (Mahatma Gandhi)

    Meine jüngsten Werke:
    Verzeihe mir; Schizophrenie; Der weiße Elefant; Dir zu Ehren; Es läutet drei Uhr; Todessonate; Appell an die Menschheit; Goldene Flügel

  2. #2
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    Mein Lieblingsthema

    Hallo, shakifee!

    Als ich den Titel "Schizophrenie" las, musste ich an die Zivi-Erfahrungen einiger Freunde denken, die die tollsten Sachen zu berichten haben, und war gleich interessiert. Im Großen und Ganzen würde ich aber sagen, dass das Gedicht doch eher von einer tiefen Depression mit starken psychischen Symptomen handelt. Wie ich dazu kam?

    Vor allem die kursive Schlussstrophe suggerierte mir das Bild einer schlafenden Unglücklichen. Da "Hoffnung" und "Streicheln" vorkamen, beziehe ich den Schmerz der Liegenden auf den Schmerz einer Liebenden. Das Wort "lieblich" fällt auch.
    Was sich in ihrem Inneren, vielleicht im Schlaf, abspielt, davon zeugen die eindrücklichen Hauptwörter:
    Pochen, Heulen, Fratzen.
    Der "Werwolf" ist für mich die traumhafte Verarbeitung des Mannes, der ihr grausam, unbarmherzig, einen Schmerz zugefügt hat.

    Infolge dieses Zustandes ist der Keim zur geistigen Verwirrung gelegt-
    "das Dunkle sucht", also naht es.

    Geradezu naiv-hilflos wirkt der Versuch, diesem Dunklen zu entgehen:
    "bin auf der Haut" wie "Adlers Auge"
    -wobei ich mir auch vorstellen könnte, den Adler mit einer Person oder einer andersartigen Gegenwart gleichzusetzen, die stets die Schlafende im Auge behält.- Entweder
    1)dieser bedrohende Mann,
    denn Werwolf und Adler stammen beide aus dem Tierreich, dem Instinksteuerung und das Überleben des Stärkeren zugewiesen werden

    2)oder die personifizierte, stets lauernde Geisteskrankheit.
    "das Dunkle sucht" entspricht dann dem Adlerauge, das in mehreren km Höhe präzise jedes potenzielle Opfer wahrnehmen kann

    3)ODER (von mir bevorzugt) ein geheimnisvoller, schützender Fremder,
    welcher in der 3. Strophe angedeutet wird: Jemand betrachtet die Schlafende, sieht sie "lieblich" und verkennt damit ihren Zustand. Aber es ist jemand, der sie streichelt.
    Warum aber aus dem Streicheln ein "letztes Streicheln" wird, mag ich nicht nachvollziehen. So pessimistisch! Na gut, er (das Trostpflaster) kennt sie wohl nicht so gut und kann nicht wirklich helfen, die inneren Dämonen zu bekämpfen. Geschweige denn die alte Liebe/den Schmerz, der sich immer tiefer frisst.

    Die "toten Köpfe in der Lauge" sind mir schwer zugänglich, klingt nach einer deftigen Magenverstimmung.

    Aber sehr schön finde ich auch die letzte Zeile der 2. Strophe:
    "das einstmals Rot bleibt stumm"
    sehr gelungene Synästhesie. Für "rot" und "stumm" fallen mir nur die Lippen des Mädchens ein, die einerseits stumm werden und parallel dazu erblassen, der Lebensgeist entweicht.
    "Hab Mut"-Aufforderung an den Beobachter, sie zu wecken, zu helfen.
    Aber am Schluss wird es ein "letztes" Streicheln.

    Schön. Und traurig. Daran kann man echt kaputt gehen.

    Etwas möchte ich gerne wissen: Ist die dritte Strophe später dazugekommen? Deshalb kursiv? Gerade diese Strophe legt ja einen neuen Schwerpunkt, da ein neues Element, der Blick von außen auf die so darnieder Liegende, hinzukommt.
    Ist das zu persönlich, wenn ich frage, warum diese Strophe hinzugekommen ist? Schätze schon, macht aber nichts, wenn du das offen lässt --- wie schon gesagt, shaki: der Autor muss (und sollte) nicht alles verraten.

    Bis zum nächsten Selbstfindungstrip

    [Geändert durch f@c@ am 26-10-2004 um 23:44]
    fatcat's Zahmlose
    Es ist etwas an meinem Wort
    dran, das sticht.

    Tippsen: \_anamolie_/\_Flamme_/\_Anti Chris._/ ~ Bewegungsschule(fit for fun) ~

  3. #3
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    Hi f@c@,
    welch Freude von dir zu hören!
    Nun,zunächst sollte ich vielleicht erwähnen,woher ich meine Anregung für jenes Gedicht erhielt: in einem Bericht aus der Zeitschrift "Stern" berichtete ein Ehepaar davon,wie sie dir Krankheit der Freu überwinden konnten. Diese Frau litt unter Verfolgunswahn, sah wie sich Kinderköpfe (Erbsen) im Kochtopf aufplatzten und sie sah Baumkronen zu Augen werden. Somit wirst du schon einige Stellen in meinem Beitrag wiederfinden können.

    Des Werwolfs irrer Blick, so dreist!

    Der Werwolf steht,wie du selbst in Erwähnung gezogen hast, für einen Menschen. Allerdings für keinen Bestimmten. Diese Zeile weißt auf den Verfolgungswahn hin,welcher gleich im Anschluss zu Beginn der 2. Strophe konkret genannt wird.

    Das Dunkle sucht- bin auf der Hut!

    Das Dunkle stellt also in diesem Fall die angeblichen Verfolger dar,welche die Erkrankte immerzu "suchen",also zugegen sind.
    --> Stets zugegen Adlers Auge,

    tote Köpfe in der Lauge.

    In dieser zeile möchte ich jenes Phänomen der aufplatzenden Köpfe in dem Kochtopf verkörpern. Da mir dieses "Aufplatzen" jedoch zuwider war, habe ich nach einer weniger extremen Möglichkeit gesucht und das kam dabei heraus.

    das einstmals Rot bleibt stumm

    Schön,dass du diese zeile ansprichst,da ich mir unsicher war,ob der Leser versteht,was ich damit meine. Wie du richtig erkannt hast,ist das einstmals Rote der Mund. Allerdings nicht von der Erkrankten,sondern von einer Person,welche ihr vertraut ist. (Ob dies der Ehemann, Freund, Vater, Bruder, oder sonst jemand ist,lasse ich offen) Dieser ist mit seiner Kraft und seiner Hoffnung auf heilung am Ende, enstprechend bleibt sein Mund stumm,da er nichts mehr zu sagen hat. Das "Hab Mut" ist wahrlich ein Ausruf der Kranken an ihren Bekannten,dass er noch nicht aufgeben soll.

    Ist die dritte Strophe später dazugekommen? Deshalb kursiv?

    Nein,die 3. Strophe ist nicht erst später hinzu gekommen. Sie knüpft an die letzte Zeile der 2. Strophe an,in welcher ja der Bekannte der Erkrankten genannt wird. Von dessen Sicht und Standpunkt ist die letzte Strophe verfasst,deshalb kursiv,damit dieser Perspektivenwehcsel klar wird.

    Wie lieblich sie im Schlafe schaut.
    Kräfte schwinden, Hoffnung stirbt sacht.
    Licht erstickt, es wartet die Nacht.
    Ein letztes Streicheln ihrer Haut.


    Wie schon erwähnt schwinden seine Kräfte, er sieht keine Hoffnung mehr auf Besserung. Er kann einfach nicht mehr und bereitet sich und der Kranken ein Ende,welches in seinen Augen die einzige Möglichkeit ist aus diesem unheilvollen Leben zu fliehen.

    Nun,ich danke dir für dein Kommentar!

    In diesem Sinne grüßt S.
    Es waren zwei Königskinder,
    die hatten einander so lieb.
    Sie konnten zusammen nicht kommen,
    das Wasser war viel zu tief.

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  4. #4
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    Du solltest Dein Gedicht "Psychosen" nenne, das dürfte medizinisch wohl angemessener sein.


  5. #5
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    Schizophrenie ist medizinisch gesehen eine schwere Psychose, Danse.
    Es waren zwei Königskinder,
    die hatten einander so lieb.
    Sie konnten zusammen nicht kommen,
    das Wasser war viel zu tief.

    Mord durch Mord zu sühnen ist unmöglich. Rache oder Sühne mögen eine Gier befriedigen,doch den Frieden zu schaffen und die Menschheit auf eine höhere Ebene zu heben,das vermögen sie nicht. (Mahatma Gandhi)

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  6. #6
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    Schizophrenie (nach "Pschyrembel" Klinisches Wörterbuch 258. Auflage):

    (gr. Verstand, engl.schizophrenia)
    veraltete Bez. Spaltungsirresein, Dementia praecoc;

    Form der körperlich nicht begründbaren Psychose, die durch ein Nebeneinander von gesunden u. veränderten Erlebens- u. Verhaltensweisen gekennzeichnet ist; nach M. Bleuler bedeutet Sch. "in den meisten Fällen die besondere Entwicklung, den besonderen Lebensweg eines Menschen unter besonders schwerwiegenden inneren u. äußeren disharmonischen Bedingungen, welche Entwicklung einen Schwellenwert überschritten hat, nach welchem die KOnfontation der persönlichen inneren Welt mit der Realität u. der Notwendigkeit zur Vereinheitlichung zu schweirig u. zu schmerzhaft geworten ist u. aufgeben worden ist"

    Urs.: unbekann, diskutiert wird eine in jedem Einzelfall andere für den Betroffenen ungünstige Komb. biographisch-psychischer, hirnorganischer, sozialer, genetischer u. a. Bedingungen, von denen keine die entscheidende Einzelbedingung ist.

    ...

    Sympt: Denkstörung, Wahn, Sinnestäuschungen (vor allem in der Form akustischer Halluzinationen), Ambivalenz, Autismus, psychomotorische Störungen, Störungen der Affektivität, Ich-Erlebensstörungen u.a.
    Cavete-Late-Night-Lesen, die Lesebühne in Marburg an der Lahn, immer am ersten Mitwoch des Monats.
    Wer bei uns auftreten möchte melde sich mit Textprobe per e-mail bei mir.

    Gesammelte Werke

  7. #7
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    Danke für deine Mühe, Dete.
    Es waren zwei Königskinder,
    die hatten einander so lieb.
    Sie konnten zusammen nicht kommen,
    das Wasser war viel zu tief.

    Mord durch Mord zu sühnen ist unmöglich. Rache oder Sühne mögen eine Gier befriedigen,doch den Frieden zu schaffen und die Menschheit auf eine höhere Ebene zu heben,das vermögen sie nicht. (Mahatma Gandhi)

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  8. #8
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    Talking

    @shakifee:
    bitte, war mir ein vergnügen. lag ja gar nicht so daneben. Aus dem 'stern'? Mein Gott, Nachrichten machen doch depressiv! Aber warum sollten denn die Köpfe nicht platzen? Bei Ren&Stimpy, Itchy&Scratchy etc. passiert das jeden Tag, ganz normal. Aber es kann ja nicht jeder so abgestumpft sein wie ich bin.

    @dete:
    jap, endlich mal eine definition, die genügend raum lässt für die etlichen ausformungen dieser krankheit. und vor allem keine schwarz-weiß-malerei. bereichernd.
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    dran, das sticht.

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