Thema: Annas Kind

  1. #1
    Registriert seit
    Oct 2004
    Ort
    Berlin, wo sonst?
    Beiträge
    6.589
    Als Anna den Brief vom Amt für Geburtenkontrolle in ihrem Postfach vorfand, wußte sie, daß ihr Kind sterben würde. Sie öffnete den Brief erst gar nicht, sondern griff nach ihrem Ausweis und dem Koffer, den sie vorsorglich für diesen Tag gepackt hatte.
    Sie schleppte ihren aufgedunsenen Körper zurück die Treppe hinunter und die Straßen entlang. Die Sonne brannte unbarmherzig auf ihren Kopf und den schwangeren Bauch.
    Mit der Elektrischen waren es nur noch wenige Minuten bis zum alten Amtsgebäude. Stöhnend gewahrte Anna die unzähligen Frauen, die in mehreren Schlangen vor dem Wolkenkratzer warteten. Erschöpft stellte sie sich ans Ende der, wie ihr schien, kürzesten Schlange. Etliche Wächter gingen auf und ab, beäugten die Frauen argwöhnisch.
    Ein Wächter geringen Ranges zog die Augenbrauen zusammen, als Anna in sein Blickfeld geriet. Sie versuchte sich klein zu machen, was angesichts ihres gewaltigen Bauches schier unmöglich war. Der Wächter kam näher und Anna schossen alle möglichen Gesetze durch den Kopf, die sie gebrochen haben könnte.
    "Sie da!", rief der Wächter mit jungenhafter Stimme. "Sie müssen nicht hier draußen warten!"
    Er streckte den Arm aus. Anna zuckte unwillkürlich zusammen, einen Schlag erwartend. Doch der Wächter griff nur nach ihrem Koffer. Er trug ihn zu einem kleinen Seiteneingang, während Anna ängstlich folgte. Seine Freundlichkeit irritierte sie.
    Im Gebäude war es angenehm kühl, anders als auf der Straße oder in ihrem Zimmer.
    Der Wächter führte sie durch kalte Gänge bis in den vierten Stock. Vor einer schweren, schwarzen Tür standen weitere hochschwangre Frauen.
    Nach und nach ertönten Namen durch den Flur. Schweren Schrittes gingen die Aufgerufenen durch die Tür, wohlwissend was dahinter lauerte. Schließlich: "Anna Kurkova."
    Anna vergeudete keine Tränen, wie die meisten Frauen. Sie nahm ruhig ihren Koffer und betrat den Raum. Dunkelgrün gekachelt, ein Tisch, ein finsterer Mann: "Ausweis!"
    Anna gab ihm das fälschungssichere Stück Plastik.
    "Im wievielten?"
    "Achter."
    "Ah ja, Vater?"
    "Marek Kurkov."
    "Wo?"
    "Tot."
    "Wann?"
    "Vor einem halben Jahr. Bei der Revolte."
    Der Mann hob die Augenbrauen: "Wächter?"
    "Nein, Aufständler."
    "Das erklärt einiges. Sie haben ein illegales Kind."
    Anna schwieg.
    "Haben Sie aufgehört Ihren Dienst zu verrichten?"
    "Nein!", antwortete Anna energisch.
    "Wo arbeiten Sie, wielange?"
    "Siemens. Fließband. Zwölf Stunden, sieben Tage die Woche.", ihre Stimme war nicht ohne eine Spur von Stolz.
    Der Mann starrte auf ihren Bauch: "Gut, Sie sind hier, damit wir entscheiden können, ob Sie Ihr Kind behalten dürfen. Dazu müßte ich es aber sehen."
    Anna nickte zögerlich. Sie knöpfte ihre Bluse bis über den Bauch auf und griff hinein. Vorsichtig zog sie das gläserne Kästchen, in dem ihr Ungeborenes lag, aus dem geschwollenen Fleisch und stellte es behutsam auf den Tisch.
    Der Mann betrachtete es neugierig von allen Seiten, machte seine Notizen.
    Schließlich blickte er auf.
    "Abgelehnt!", und schleuderte das Kästchen gegen die Wand, die anzublicken Anna bisher vermieden hatte.
    Sie mochte nicht noch mehr Blut sehen.



    [Geändert durch gott (thanks admin) am 29-10-2004 um 11:15]

  2. #2
    Registriert seit
    Mar 2002
    Ort
    Berlin
    Beiträge
    3.530
    Hossa, sehr düster, Gott (dank mir ).

    Hat etwas von den sozialkritischen SF-Kurzgeschichten Philip K. Dicks, den ich sehr schätze, allerdings ist Dein Unterton noch um einiges schärfer und hoffnungsloser.

    Ich habe nicht viel Zeit gerade, lobe aber zumindest schon einmal den Spannungsaufbau, da ich mir zumindest bis zuletzt das Brechen dieses Tabus in der beschriebenen Welt zwar als Regel, aber nicht als Schicksal der Protagonisten vorstellen konnte.

    Viele Grüße in die Heimat,
    kurushio
    You know, wars aren’t kids - where you don’t have to pay attention to the youngest one because the older two will take care of it.
    - Jon Stewart

    Schwarze Gezeiten: heichaojing
    in Zusammenarbeit mit Lia: All Along the Watchtower
    (work in progress)

  3. #3
    barfly Guest
    hallo gott

    mir gefällt es ebenfalls sehr gut. du gibst kurze, treffende informationen, um rekonstruieren zu können, was passiert sein muss und was für politische/gesellschaftliche rahmenbedingungen herrschen. allerdings schweifst du hierbei nicht aus, sodass der leser sich alles selber denken muss.

    gruß
    barfly

  4. #4
    Registriert seit
    Oct 2004
    Ort
    Berlin, wo sonst?
    Beiträge
    6.589
    Erst einmal danke für Eurer Lob. Ich hätte eher Kritik erwartet, da ich mit einigen Aspekte der Geschichte doch nicht so ganz glücklich bin.

    @kurushio: Zu meiner Schande muß ich gestehen, daß ich Dicks noch nicht gelesen habe, obwohl er mir schon mehrmals empfohlen wurde. Wenn Du die Atmosphäre als hoffnungslos empfindest, hab ich mein Ziel erreicht . Da überrascht es mich doch, daß Du doch ein anderes Ende erwartet hättest.

    @barfly: Die ursprüngliche Fassung war um einiges länger und trug stärker die Symbolik einer totalitären Gesellschaft. Allerdings fügte sich das ganze in meinen Augen nicht wirklich zusammen, also hab ich den ganzen Kram rausgeschmissen. Ich denke, auch so kommen entsprechende Assoziationen hoch und der Text sollte so nüchtern wie möglich sein.

    @linespur: Die Formulierung "daß ihr Kind sterben würde" gefällt mir selbst auch nicht sonderlich, aber ich habe nichts anderes gefunden, da ich dem Ende der Geschichte nicht noch mehr vorwegnehmen wollte und es für Anna ja doch irgendwie "natürlich" ist, da sie wußte, was mit ihrem Kind geschehen wird.
    Bei dem Flüchtigkeitsfehler hast Du mich kalt erwischt, da war ich wirklich unsicher, aber "die" sah irgendwie seltsam aus.
    Den Wächter und wann er geht empfand ich als unnötige Ausschmückung, das passiert wenn man selbst den Ablauf der Handlung im Kopf hat, man vergißt schnell, was der Leser sieht.
    Der Koffer: Er steht mehr oder weniger für den Koffer, den Hochschwangere zu Hause zu stehen haben, falls es doch mal mit den Wehen losgeht. Außerdem endet die Geschichte ohne einen Hinweis, was nach dem Gespräch geschieht, gut möglich, daß sie den Koffer noch braucht (es ist auch keine der anderen Frauen aus dem Zimmer wieder herausgekommen).

    So ich hoffe, ich habe einige Fragen beantworten können, nochmal danke für Euer Lob.

    gott

  5. #5
    Registriert seit
    Feb 2002
    Ort
    Berlin
    Beiträge
    1.468
    Hey Gott,
    beim Lesen mußte ich die ganze Zeit an "Schöne neue Welt" denken. Vor allem, weil so scheinbar kühl berichtet wird und am Ende dennoch ein Klos im Hals steckt.

    Wofür braucht sie den Koffer? Ich meine: sie hat ihn vorsorglich gepackt, also braucht sie ihn wohl, aber wozu? Den Ausweis hat sie nicht im Koffer und das Baby im Glaskasten ist ja auch im Bauch...

    lieber Gruß,
    Dete
    Cavete-Late-Night-Lesen, die Lesebühne in Marburg an der Lahn, immer am ersten Mitwoch des Monats.
    Wer bei uns auftreten möchte melde sich mit Textprobe per e-mail bei mir.

    Gesammelte Werke

  6. #6
    Registriert seit
    Oct 2004
    Ort
    Berlin, wo sonst?
    Beiträge
    6.589
    Nun, eigentlich spukt mir der Koffer selbst die ganze Zeit im Kopf rum. Irgendwie hatte ich den Gedanken im Kopf, dáß die anderen Frauen auch nicht aus diesem Raum zurückkommen, also muß es da noch irgendwo eine andere Tür geben.
    Und wo die hinführt...liegt wohl im Auge des Betrachters. Aber wer sagt, daß der Verlust des Kindes die einzige Strafe für Anna ist.
    Wahrscheinlich hat das jetzt nicht wirklich weitergeholfen.
    sorry gott

Was dich vielleicht auch interessieren könnte:

  1. Annas Tagebucheintrag zu ihrem siebten Geburtstag
    Von kaspar praetorius im Forum Humor, Satire und Rätselhaftes
    Antworten: 0
    Letzter Beitrag: 13.08.2013, 20:17
  2. Annas Metrum
    Von kaspar praetorius im Forum Erotik
    Antworten: 6
    Letzter Beitrag: 30.07.2012, 12:36
  3. Annas Gram
    Von Verbalcarpaccio im Forum Humor, Satire und Rätselhaftes
    Antworten: 3
    Letzter Beitrag: 17.08.2006, 19:00
  4. Das Kind
    Von laetitia.1987 im Forum Trauer und Düsteres
    Antworten: 1
    Letzter Beitrag: 01.02.2005, 16:41
  5. Annas Satz
    Von Wilhelm Pfusch im Forum Humor, Satire und Rätselhaftes
    Antworten: 5
    Letzter Beitrag: 20.01.2005, 00:06

Berechtigungen

  • Neue Themen erstellen: Nein
  • Themen beantworten: Nein
  • Anhänge hochladen: Nein
  • Beiträge bearbeiten: Nein
  •  

Anmelden

Anmelden