1. #1
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    In haze was raised our inner sense
    since all these years had passed.
    All turmoils´ fancies grew but dense,
    and passed away at last.
    Yet mourning scored the somber sky,
    and I may since admire
    that all mankind was creeping nigh
    this slowly dying fire.

    This land did then but glance and leer,
    and clinged to its repose;
    in wintry cloaks, no less sincere,
    and night-veiled to its toes.
    I leant upon a hawthorn stalk
    when marvel grew abound.
    And Winter´s tykes seemed but to talk
    in stormy seas of sound.

    The deadwood smirked upon our rove
    as if we were its prey.
    It knew, hereon this misty grove
    may sleep our dying day.
    At once, the branches seemed to leap
    while snaking to and fro.
    We fear, the dead nigh may not sleep
    and bear their seed to sow.

    And I do sense a greater plot
    in each we leave behind.
    I see, their corpses never rot,
    to dream away our kind.
    I leant upon this hawthorn stalk,
    and felt its burning sound.
    I know, the dead, they may not walk,
    yet they are still around.






    [Geändert durch cascardian am 04-11-2004 um 17:28]
    Back I am.

    Drei recht alte Gedichte von mir:
    The Shining Star
    The Restless
    Des Dichters Nero

  2. #2
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    Auch auf die Gefahr hin, daß es klingt, als wollte ich Dein Kompliment einfach zurückgeben - Wahnsinn.

    Grandiose Melodie, hervorragende Wortwahl - man muss sich nicht mal um den Inhalt kümmern, um es großartig zu finden. Hat alles - Shakespeare, Donne, Poe, Paddy goes to Holyhead.

    Respekt, mein junger Wilder.

    kurushio
    You know, wars aren’t kids - where you don’t have to pay attention to the youngest one because the older two will take care of it.
    - Jon Stewart

    Schwarze Gezeiten: heichaojing
    in Zusammenarbeit mit Lia: All Along the Watchtower
    (work in progress)

  3. #3
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    Cascardian mir bleibt Kurushio nichts hinzuzufügen. Es ist überwältigend.
    Cavete-Late-Night-Lesen, die Lesebühne in Marburg an der Lahn, immer am ersten Mitwoch des Monats.
    Wer bei uns auftreten möchte melde sich mit Textprobe per e-mail bei mir.

    Gesammelte Werke

  4. #4
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    Hallo casca,

    ich muß gestehen, ich fühle ähnlich wie Toby; auch ich bin verliebt, undzwar in diesen Text hier. Seine Sprache ist von fließender Schönheit, sein Topos bietet genügend Möglichkeiten der Auslegung und verweist auf eine breite Reflexion seiner Allegoresen. Es macht Spaß, ihn wieder und wieder zu lesen, tiefer in ihn einzudringen und ihn langsam, ganz allmählig verstehen zu lernen. Ich fühle mich geehrt, Widmungsträger eines so großartigen Gedichtes zu sein und gratuliere dir zu diesem Werk.

    Nun ist es für mich nicht eben einfach, in ein so ausgefeiltes, fremdsprachiges Gedicht einzusteigen. Ich wollte mich an einer Übertragung versuchen, doch muß an einigen Stellen sogar schon bei der Übersetzung straucheln. Daher nimm mir nicht übel, daß mein Versuch doch nur ein Versuch bleiben muß! An einer Verbesserung, sowohl der Übersetzung als auch der Übertragung bin ich jedoch sehr interessiert. Ich habe aus diesem Grunde einen Faden im Arbeitszimmer eröffnet, wo ich sowohl auf deine, als auch auf die Mithilfe der anderen User hoffe, um diesen ersten Versuch zu verbessern...

    Die Ruhelosen

    Im Dunst erstand in uns der Sinn,
    Seit Jahre leis verklingen.
    Ideen des Aufruhrs wurden dünn,
    Die schließlich dann vergingen.
    Doch Klagen füll'n den Himmel trist
    Seit dem könnt' mir gefallen,
    Daß Mensch um Mensch gekrochen ist,
    Zum sterbend Feuerwallen.

    Dies' Land, es lugte, grinste nicht
    Und ließ sich träge gehen.
    Im Winter-Mantel, aufgericht,
    Verschleiert Kopf bis Zehen.
    Ich lehnt' auf einem Rotdorn-Reis
    Als man begann zu staunen.
    Des Winters Flegel wurden leis'
    Im stürmisch Seen-Rauschen.

    Der Tand belächelt unsern Gang
    Als wärn wir seine Beute.
    Er wußt', bei Waldes Nebelhang
    Daß Tag am Schlaf sich freute.
    Schon schien es mir, es hüpft der Ast,
    Wollt' hin und her bewegen.
    Wir fürchten Tote ohne Rast,
    Die ihren Samen hegen.

    Und ich erahne tiefern Sinn
    In dem, was wir verlassen.
    Ich seh, kein Leichnam rottet hin,
    um träumend zu verblassen.
    Ich hing an diesem Rotdorn-Zweig,
    Sein Klingen fühlt' ich brandeln.
    Ich weiß, dem Grab kein Mensch entsteigt
    Und doch - die Toten wandeln.


    Meine interpretatorischen Ansätze gehen in vielerlei Richtung. Grundlegend deutlich wird in dem Text die Reflexion einer Entwicklung, die mit philosophischen oder sogar religiösen Schlüssen aufwartet. Dies könnte z.B. in Zusammenhang mit dem Heranreifen eines Menschen geschehen, bspw. die Reflexion über Identität und Alterität von Tradition und Revolution, sowie vordergründig Leben und Tod. Gleiches Konstrukt könnte aber auch eine Reflexion über Kunst und die Wahrnehmung von Kunst bleiben. Wie gesagt, der Möglichkeiten blieben da viele. Hier gibt es ziemlich viele komplexe Bezüge, die ich bisher noch nicht recht überschaue. Aber an diese Dinge hoffe ich mich im Arbeitszimmer heranzutasten.

    In jedem Falle bin ich schon jetzt begeistert und ich denke, dies wird mit zunehmendem Verständnis für den Text nur noch steigen. Danke ob der Widmung.

    LG
    vamp
    --LeV

    Man sollte keine Dummheit zweimal begehen, schließlich ist die Auswahl groß genug. ~ J.P. Sartre

  5. #5
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    Ich möchte dir, levampyre, für die Übersetzung herzlich danken.
    Ich kam am 3. Juni nach Hause mit dem Geruch, / den er nicht ertragen konnte, / er nahm das Fleischermesser und ich schrie, / ging zurück bis zur letzten Wand, / irgendwo in der Nachbarschaft hörte ich das Stöhnen, / von zwei, die sich liebten. Vera Piller

  6. #6
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    @ola:
    Jupp, keine Rede. Die neuste Fassung der Übersetzung gibt es übrigens immer in dem Arbeitsfaden (s.o.) einzusehen. Da sind jetzt einige von den alten Fehlern (die in der obigen Übertragung noch drin sind) behoben.

    @casca:
    Ich bin mir inzwischen realitv sicher, daß die Überschrift auf die in S3/4 angesprochenen Toten verweist, weshalb ich mich für den Plural entschieden habe. Außerdem ist mir bei der Neu-Übersetzung von S2 ein weiterer interessanter Gedanke gekommen. Ich fühlte mich plötzlich stark an den Psalm 125 erinnert:
    "Die mit Tränen säen, werden mit Freuden ernten.
    Sie gehen hin und weinen, und tragen edlen Samen,
    und kommen mit Freuden und bringen ihre Garben."

    Ob und inwieweit das thematisch mit deinem Gedicht in Zusammenhang zu bringen ist, will ich herausfinden. Hilf mir dabei bitte nicht! Ich rücke zunehmend weiter in die Nähe einer griffigen Interpretation, wobei ich nicht zu allegoretisch sein möchte. Die diversen Doppeldeutigkeiten, die intertextuellen Bezüge und die starke Symbolkraft des Textes habe ich ja im Arbeitrfaden schon angedeutet, möchte sie hier aber ncoh einmal explizit loben. Daran zu knabbern, macht mir großen Spaß.
    Mit der dritten Übersetzungsvariante der "but"-Konstruktionen komme ich überall klar, außer in S1. Dort erscheint es mir unlogisch, mit "only/just" zu übersetzen. Warum läßt du die Ideen des Aufruhrs erst zu ihrer vollen Größe heranreifen, bevor du sie schließlich vergehen läßt? Da fehlt für mich ein wenig die Ursächlichkeit, die bei einer "if not"-Übersetzung gewahrt bliebe. Aber ob sie nun heranreifen oder das volle Gegenteil passiert, ist ja für den Kontext durchaus von auschlagendem Interesse. Ich werde darüber weiter nachdenken. Vorerst...

    LG
    vamp
    --LeV

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  7. #7
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    Hi casca,

    wie du vielleicht schon gesehen hast, steht dein "The Restless" bereits seit einigen Tagen auf meiner Homepage. Da ich Übersetzungen für die fremdsprachigen Texte auf meiner Seite anbieten will, arbeite ich seit heute wieder an meiner Übertragung deines Textes. Übertragungsarbeit ist immer auch Interpretationsarbeit und dies ist der Grund, warum ich dir schreibe.

    Bei meinem ersten Versuch hatte ich den Text noch viel zu wenig durchdrungen. Das Ergebnis war zwar ein metrischer, aber inhaltlich unzureichender Text. Ich habe das Gefühl, dass ich mich nun, zumindest was die ersten beiden Strophen anbetrifft, einer Lösung nähere. Doch die dritte ist noch immer verflixt, weshalb die vierte nicht funktionieren will.

    Ich möchte dir nun Einblicke in meine Arbeit geben und daraus den Vorteil ziehen, im Austausch vielleicht tieferen Einblick in deine Arbeit zu erhalten.

    Titel:

    The Restless

    Die Ruhelosen
    [*]restless: ruhelos, rastlos, nomen agentis, Einzahl oder Mehrzahl

    Sowohl das Wort 'Ruhe', als auch das Wort 'Rast' sind vorteilhaft. Die 'Ruhe' hat assoziative Verbindung zur letzten Ruhe, zum Tod und passt somit zum Kontext von III und IV. Die 'Rast' hat assoziative Verbindung zur Pause, zum Anhalten, sprich zur in II beschriebenen Trägheit (repose, II.2). Da ich das Motiv der Toten aber für zentraler halte, entscheide ich mich für die 'Ruhe'. Da außerdem im Text die Rede von mehreren Subjekten ist und der "Erzähler" immerwieder das 'Wir' betont, entscheide ich mich für die Mehrzahl.

    I.1-4

    In haze was raised our inner sense
    since all these years had passed.
    All turmoils' fancies grew but dense,
    and passed away at last.


    Im Dunst erzog sich unser Sinn,
    Seit Jahre leis' verklangen.
    Ideen des Aufruhrs schwanden hin,
    Sind schließlich dann vergangen.
    [*]haze: Dunst, Nebelschleier, verschwommene Sicht, usf.[*]to raise: (Junge) aufziehen, großziehen, aufrichten, heben[*]inner sense: Sinn als ~ des Lebens/Grund; Sinn als Geruchs-, Geschmacks- ~/Gespür; Vernunft, Geist, Verstand[*]since: temporal seit; causal weil/da[*]turmoil: Aufruhr[*]fancy: mentale Konstrukte, Ideen, Gedanken, Einfälle, Vorstellungen, Phantasien (ich verstehe bis heute deine Übersetzung mit 'Angesicht' nicht)[*]dense: dull; schwer von Begriff, dumm; schwerfällig, träge (würde gut zu 'repose', II.2 passen); teilnahmslos; langweilig, fade; flau, schleppend; stumpf; matt, glanzlos; dumpf; abstumpfen; abschwächen; mildern, dämpfen

    Ein bisschen tricky ist hier deine Arbeit mit sog. Scheinsubjekten. In I.1 wird beispielsweise nicht klar, wer dafür verantwortlich ist, dass "our inner sense was raised". Es könnte die in II beschriebene Umgebung sein, aber auch die Subjekte selbst. Wichtig ist vermutlich nur der Fakt, der der Geist dadurch immer mit einem Schleier belegt war und nie frei heranreifen konnte. Fraglich ist auch, ob I.2 eine kausale Erklärung für diesen Schleier gibt oder einfach eine Aussage über die Dauer desselben trifft. Ersteres erscheint mir inzwischen sinnvoller, die Reglosigkeit der in II beschriebenen Welt vorwegnehmend.
    Hier, wie gesagt, halte ich immer noch an meiner Idee eines mentalen Konstruktes fest. Es war das schwache Abbild, dass sich jemand, über dessen Geist jahrelang ein Schleier hing, von einem Aufstand/Aufruhr, vielleicht einer Revolution oder einem Umschwung des Systems, etc. machen kann, das schließlich auch verschwand. Das 'dense' ermangelt sich wiederum um ein konkretes Subjekt. Wurden diese Ideen von außen abgedämpft, sprich aktiv verhindert oder sind sie in all der Trägheit einfach untergegangen?

    Die Szene fungiert in jedem Fall als Einleitung, als ursächliche Vorgeschichte aus der das Kommende (our rove, III.1) erwächst. Besonders schön ist das Spiel mit Gleichklängen, das im Deutschen nicht nachzuempfinden sein dürfte: haise - raise(d) - sense; passed - passed - last

    I.5-6

    Yet mourning scored the somber sky,
    and I may since admire
    that all mankind was creeping nigh
    this slowly dying fire


    Doch traf den tristen Himmel Gram.
    Seither könnt' mir gefallen,
    Daß Mensch um Mensch gekrochen kam
    Zum sterbend Feuerwallen.
    [*]to score: Punkte erzielen, gewinnen, ein Ziel treffen

    Das 'yet' (und doch/dennoch) bringt hier den Umschwung und zeigt eine besondere Entwicklung auf, die der oben entworfenen Szene von Trägheit und Verschleierung ein Gegebild entwirft. Trotzdem nämlich dieser Schleier über den Geistern der Subjekte lag, beginnen diese, ihre Situation zu beklagen und diesen Klagen bringt Punkte im Himmel. Ich vermute, dass damit ein religiöser Hintergrund à la "und ein Gott hat Erbarmen" gemeint ist. Nun zieht es die Menschen (all mankind) zu diesem langsam ersterbenden Feuer, womit wohl die 'dense fancies' in I gemeint sind. Ich sehe in diesem Bild eine Anspielung auf "Locksley Hall" von Alfred Lord Tennyson, die ich aber noch nicht in ihrer Tiefe ergründen kann, weil es mir noch Verständnis für "Locksley Hall" mangelt.

    Das lyr. Ich, hier in seiner Singularität benannt (was sonst nur in Verbindung mit dem 'hawthorn stalk' und in IV verstärkt vorkommt), kann dieser Situation etwas abgewinnen. Das 'since' (I.6) könnte wiederum temporal und causal verstanden werden. Beides ist im Zusammenhang der Verse sinnvoll, wobei die causale Komponente hier wieder auf einen religiösen Hintergrund hinweisen könnte: Im Himmel wurden die Klagen erhört, weshalb das lyr. Ich Hoffnung fasst und nun mit 'all mankind' sympathisiert.

    II.1-4

    This land did then but glance and leer,
    an clinged to its repose;
    In wintry-cloaks, no less sincere,
    and night-veiled to its toes.


    Es lugte, grinste nur, dies' Land
    Und ließ sich träge gehen;
    Im Winterkleid es aufrecht stand,
    Verschleiert Kopf bis Zehen.

    Hier kommt nun eine neue Komponente hinzu: Der Erzähler beschreibt 'this land', sehr wahrscheinlich, die Umgebung, in welcher die Handlungen der Subjekte in I stattfanden. Dieses Land wird als träge und zurückhaltend beschrieben. Es guckt nur, handelt nicht und steht trotz Schleier und Wintermantel aufrecht, als müsse man es bewundern. Hier wird wieder ganz deutlich das Motiv der Verschleierung, Unbeweglichkeit, Trägheit aus I.1-4 aufgenommen.

    II.5-6

    I leant upon a hawthorn stalk
    when marvel grew abound.
    And winters tykes seemed but to talk
    in stormy seas of sound.


    Ich lehnt' auf einem Rotdorn-Reis,
    Als man begann zu staunen.
    Des Winters Kinder (Gören) sprachen leis',
    Wie Meere stürmisch raunen.
    [*]I leant upon: ich lehnte mich an/ich stützte mich auf[*]hawthorn stalk: Rotdorn- oder Weißdorn-Zweig; Strauchgewächse, Heilkräuter gegen Arterienverkalkung und Herzschwäche[*]tykes: unartige, freche, kleine Kinder, Gören, Flegel

    Im zweiten Teil der Strophe kommt es durch eine zentrale Metapher wieder zum Umschwung. Das lyr. Ich, hier wieder singularisiert, stützt sich auf einen Rot-/Weißdorn-Zweig. Dies muß in jedem Falle im übertragenen Sinne verstanden werden, weil es sonst keinen Sinn ergibt. Ein lyr. Ich (mankind), könnte sich nie auf einem kleinen Zweig stützen. Figurativ könnte dies der Halm, an den man sich klammert sein; ein Halm, der vor Alters-Krankheiten schützt, also vor Trägheit und Schleiern bewahren soll. Im weiteren wird beschrieben, worin diese Hoffnung des Ichs begründet liegt. Um es herum erwächst das Staunen, Ursprung jeder philosophischen Reflexion, die die Schleier über dem Geist hinwegheben könnte und 'des Winters Kinder', die Landsleute aus 'this land - in wintry cloaks, brechen plötzlich ihr Schweigen und Entdecken, stürmisch und laut wie Klangfassaden die entschwundenen 'all turmoils fancies' (I.3) wieder.

    Bewundernswert ist die motivische Parallelgestaltung der Strophen I und II, in deren ersten Teilen jeweils die negative Situation einer entschlafenen Menschheit, in deren zweiten Teilen aber das als positiv empfundene Durchbrechen dieser totengleichen Ruhe inszeniert wird.

    III.1-4

    The deadwood smirked upon our rove
    as if we were its prey.
    It knew, hereon this misty grove
    may sleep our dying day


    Der tote Wald [/Tand?] grinste ob unserem (Herum-)Treiben,
    Als wären wir seine Beute.
    Er wusste, hier in diesem nebligen Gehölz
    Könnte unser Todestag schlafen [/unser (Lebens-)Abend sich zur Ruhe betten]
    [*]deadwood: toter Wald, totes Gehölz; als Kompositum "Kielholz", fig. Tand, unnützes Zeug[*]rove: to rove: umherwandern, durchwandern, herumtreiben; substantiviertes Verb[*]dying day: Todestag oder auch der sterbende Tag, sprich Abend

    Diese Strophe ist mehr als knifflig. Hier zeigt sich ein Wortspiel und die Kategorien "Holz" (deadwood, grove, hawthorn stalk (II) und "Tod" (deadwood, sleep, dying day). Verknüpft sind diese beiden Kategorien über "deadwood", aber wer oder was ist "deadwood"? Die Übersetzungsmöglichkeiten scheinen alle gleichsamt unnütz. Daß sich dahinter eine Metapher verbirgt, könnte kein Neonpfeil deutlicher machen. Die Komponente "Tod" weist hier auf "this land - in wintry cloaks" hin, während die Komponente "Holz" auf die Hoffnung des "hawthorn stalk" verweist. Zäumen wir das Pferd von hinten auf, kommen wir zu der Erkenntnis, dass es ein vom Erzähler negativiertes Subjekt sein muß, denn es belächelt ja "our rove" (unser Treiben). Mit diesem Treiben ist natürlich, das "talk in stormy seas of sound" der "winter's tykes" gemeint. Das lyr. Ich bekennt sich hier eindeutig zur Gruppe dieser Aufrührer. (Das Spiel von Distanzierung und Identifikation des lyr. Ichs mit verschieden konnotierten Kollektiven ist im Verlauf des Gesamttextes übrigens äußerst spannend.)

    Dahingehend ist also die Relation zwischen "deadwood" und "tykes" recht eindeutig, auch sicher ist eine Verbindung zwischen dem "dead" und der in II beschriebenen Trägheit des Landes und dass diese beiden Situationen als Gegensätze gegenübergestellt werden. Somit wird in III nun also das, was in I + II noch parallel aufgelistet wurde, zu einem Geflecht verknüpft. Unklar bleibt, was genau "deadwood" ist und in welchem Verhältnis es zu "this misty grove" und dem "dying day" steht? (Letzteres übrigens wieder eine Anspielung auf "Locksley Hall".) Ich stelle mir unter dem "deadwood" eine Art Geier vor, der lauernd auf das Scheitern, den Todestag, der Aufrührer (tykes) wartet, um diese dann, beutegleich, zu verspeisen. Die Trägen, die das Treiben der Treiber argwöhnisch beaugäpfeln, hoffe auf das jehe Ende der treibenden Kräfte und damit auf die Rückkehr zur Trägheit. Aber das Ganze bleibt auf metaphorischer Ebene so nebulös wie der "misty grove".

    III.5-6

    At once the braches seemed to leap
    while snaking to an fro.
    We fear, the dead nigh may not sleep
    and bear their seed to sow.


    Sogleich schienen die Äste zu hüpfen
    Und sich durcheinander zu werfen [/zu schlängeln].
    Wir fürchten, die jüngst Gestorbenen [/die nächsten Toten] könnten nicht ruhen
    Und ihren Samen zu säen tragen.
    [*]the dead nigh: temporal: jene, die gerade erst gestorben sind; local: jene Toten, die in der Nähe sind (nebenan auf dem Friedhof) oder aber jene Toten, die uns nahe sind, also unsere Nächsten, unsere toten Mitmenschen

    Diese Verse führen die oben angesprochenen Kategorien "Tod" und "Holz" weiter aus. "At once" sogleich (nachdem die Hoffnung der Trägen auf Trägheit geäußert ist) beginnt das Holz, welches träge zu werden droht, sich zu bewegen. Der Hohn der Gegner scheint es also zu motivieren, weiter zu machen. Nun wieder eine spannende Identifikation des lyr. Ichs. Spannend, weil unerwartet, denn hier scheint es sich mit den Ängsten der Trägen zu identifizieren. Diese fürchten nämlich, dass "the dead nigh" (ihre Mitmenschen, die eigentlich wie sie träge waren/sind) möglicherweise gar nicht mehr träge sind, sondern sich dem Treiben anschließen, um ihren Samen (nämlich ihre Ideen von Bewegung "turmoils fancies") in die Welt zu säen und somit zu verbreiten.
    Warum plötzlich diese Identifikation? Zu erklären wäre sie durch die in I.1-4 gelieferte Darstellung: Auch die "tykes" sind ja durch ihre Prägung in einer schlafenden Winter-Welt durch Trägheit geprägt und können sich, trotz ihres Lust zum Aufbruch, nicht recht von dieser Prägung trennen. Für das lyr. Ich würde also im Ausdruck dieser Angst, sowohl eine Hoffnung, wie eine Resignation mitklingen.

    IV.1-4

    And i do sense a greater plot
    in each we leave behind.
    I see, their corpses never rot,
    to dream away our kind.


    Und ich erahne einen tieferen Sinn
    In allem, was wir hinter uns lassen.
    Ich sehe, ihre Leichname verrotten nie,
    Um unsere Art [/Menschheit] zu verträumen.

    Hiermit haben wir die Klimax (III) überschritten und erhalten nun ein Resumée des Erzählers, der sich in dieser Strophe erstaunlich oft als singuläres Individuum präsentiert. Aber anstatt klare Fronten für oder gegen die Trägheit zu beziehen, rückt er seine Argumentation auf eine metaphysische Ebene, à la: Egal ob wir nun die Trägheit oder das Treiben hinter uns lassen, es wird schon alles seine Ordnung, seinen "greater plot" (tieferen Sinn) haben. In dieser nun mehr als deutlichen Regression (Rückbewegung), die fast den Anschein einer Revocatio (rhet. Stilmittel des Widerrufens) macht, bleibt ihm eine magere Hoffnung, die in ihrer wenig konstruktiven Erscheinung eigentlich ihre inhaltliche Absicht karrikiert und als Versuch, das Zurückfallen zur eigenen Trägheit zu rechtfertigen, angesehen werden kann. Die Leichname der Trägen, die ihre Trägheit nicht akzeptierten, verrotten nicht, bleiben also ihm Bewusstsein der Menschen und motivieren dieses Bewusstsein, wie sie, die Menschheit nicht zu verträumen, sondern von ihrer Trägheit zu befreien.

    IV.5-6

    I leant upon this hawthorn stalk,
    and felt its burning sound.
    I know, the dead, they may not walk,
    yet they are still around.


    Das Resumée wird fortgeführt und schlägt eine Argumentation ein, die dazu dient, das Gewissen zu beruhigen, die also gleichsam wieder zur Trägheit hinführt. Das Ich hatte Hoffnung in die Bewegung der "tykes" gesteckt, hatte Teil an diesem Aufschwung, diesem Elan der Gruppe. Die Toten (die Trägen) allerdings wandern nicht mehr umher, sie sind wieder träge, womit die Trägheit auch in ihnen gesiegt hätte, die Geier ihre Beute hätten und alles beim Alten wäre (Zirkelschluß zu I). Aber sie sind "still around" (nicht vergessen). Fazit: Ich bin also gar nicht so schlimm träge, wie die Trägheit, weil ich der Aufrührer ja noch gedenke, darauf kann ich mich ausruhen und weiter träge sein.

    Zusammenfassung: Es geht hier also um eine Bewegung in träger Masse, den Geist einer Gruppe, die versuchte diese Trägheit zu durchbrechen, aber daran scheiterte. Diesen Geist repräsentiert das lyr. Ich, das sich in gleicherweise für seine eigene Trägheit verurteilt, wie es unfähig ist, sie zu überwinden. Als allgegoretische Auslegung drängt sich mir hier unweigerlich das Bild der Studentenstreiks im vergangenen Jahr auf.

    Wie dem auch sei. Ich würde mich freuen, wenn wir über die kniffligen Stellen ("deadwood" und die Kategorien "Tod" und "Holz") etwas plaudern könnten, das würde mir vielleicht neue Horizonte daran eröffnen und mir das Verstehen dieser zentralen Kotenpunkte erleichtern.

    LG
    vamp
    --LeV

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