1. #1
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    Singet leise, leise, leise...

    Singet leise, leise, leise,
    Singt ein flüsternd Wiegenlied;
    Von dem Monde lernt die Weise,
    Der so still am Himmel zieht.

    Singt ein Lied so süss gelinde,
    Wie die Quellen auf den Kieseln,
    Wie die Bienen um die Linde
    Summen, murmeln, flüstern, rieseln.


    ("Wiegenlied" von Clemens Brentano)


    Verführen möchte ich Dich, wenn ich darf, in die geheimnisvoll erotische Stimmung dieser Verse. Flüstere leise, leise "süss gelinde" und spüre die angenehm magische Wirkung in Deinem Munde. Lausche dem "Summen, murmeln, flüstern, rieseln", diesem wundersamen Hell-Dunkel - dem "Chiaroscuro", würde der Maler sagen.

    "Singet leise, leise, leise", so beginnt das Wiegenlied, indem es sich in das Metrum der Vierfüssigkeit (Vierhebigkeit) hineinschaukelt. Nun - Metrum ist ein kaltes Wort. "Singet leise, leise, leise": Das ist eine magische Beschwörung, eine romantische Mantra, eine Evokation. Noch einmal beginnt das Lied mit der Aufforderung "Singt". Das fehlende "e" ("singt" statt "singet") jedoch macht die Aufforderung ein wenig bestimmter, der Vers zielt auf seine stärkste Betonung, das "Wie" in "Wiegenlied", und hier hast Du die erste Kadenz.

    Fühlen wirst Du in dieser Strophe, dass auch der vierte Vers, ganz wie der zweite, seinen starken Akzent auf den vierten Versfuss ("Hi" von "Himmel") setzt. Und dies ist wiederum eine Kadenz und ein Abschluss der Strophe, die sich somit in zwei Segmente teilt. Zwischen den beiden Kadenzen, zwischen dem "Wiegenlied" und dem "Himmel zieht" leuchtet der Mond mit seinem runden "o" auf dem zweiten Fuss des dritten Verses hervor. Höre einmal, wie das "o" hier so nobel glänzt zwischen den vielen "i" und "ie" Lauten.

    Wieder nun, am Anfang der nächsten Strophe, die Aufforderung "Singt" und nun erst, beim dritten Male, haben wir den langen Atem, um die Strophe als eine einzige lange Melodie bis "rieseln" zu singen. Der erste Vers nämlich zieht vom "gelinde" in sanftem Legato hinüber zum "Wie" des zweiten Verses, und sowohl der zweite Vers als auch der dritte schaukeln, wie eine Wiege, zwischen ihrem zweiten und vierten Fuss hin und her ("Quellen" - Kieseln", "Bienen" - "Linde"), hin und her, hin und her - ein Gefühl der Trance - und die verrieselt nun in den Klängen der Nacht, in den Naturlauten, in dem Summen, dem Murmeln…, flüstern…, rieseln…

    Du bist der Evokation gefolgt, hast leise, leise gesungen, bis Du Dich selbst in der erotischen Natur aufgelöst hast. Das "Summen, murmeln, flüstern, rieseln" ist die magische Antwort auf das "leise, leise, leise" des allerersten Verses. Der Aufbau der Melodie folgt hier dem Muster einer sechzehntaktigen Periode in der Musik: zwei Takte, und zwei Takte, und vier, und acht - bei Brentano: ein Vers, und ein Vers, und zwei, und vier. Es liesse sich so darstellen:

    Singet leise, leise, leise,

    Singt ein flüsternd Wiegenlied;

    Von dem Monde lernt die Weise, der so still am Himmel zieht.

    Singt ein Lied so süss gelinde,wie die Quellen auf den Kieseln, wie die Bienen um die Linde summen, murmeln, flüstern, rieseln.


    (Nicht die metrischen, sondern die rhythmischen Akzente habe ich hervorgehoben. Abstellen sollst Du Dein Metronom, um ihnen zu lauschen, den Klängen der Nacht.)

  2. #2
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    Hallo Rolf-Peter,

    ich beglückwünsche dich zu dieser gelungenen Darstellung des Gedichts als Phänomen der ästhetischen Wahrnehmung. Es freut mich außerordentlich, dich als einen solch sensiblen Lyrik-Rezipienten kennenzulernen. Den sensitiven Weg zur Lyrik anhand eines Beispiels aufzuzeigen erweitert unser Sprechzimmer-Inventar auf angenehmste Weise.
    Vielerorts wurde es, wie ich meine, verlernt, die emotive Wirkung des Gedichtes überhaupt wahrzunehmen, bzw. diese Ebene überhaupt recht zu erfassen. Man spricht zwar heute oft von dem Gefühl, auf welches es im Gedicht ankäme, meint aber damit zumeist die doch eher kognitive Schilderung eines emotiven Sachverhalts und die Sympathie mit seinen Protagonisten, als weniger die Erzeugung von subjektiven Emotionen (Effekte/Affekte) im Rezipienten. Letzteres ist vielleicht eher auf dem Gebiet der Musik noch nachvollziehbar, wo grundlegend eher affektive, denn kognitive Inhalte vermittelt und diese noch relativ "unverfälscht" vom Zuhörer (auditiv) wahrgenommen werden. Auf diesem Wege näherst du dich auch dem Brentano-Lied; du entdeckst dem Leser deiner Ausführungen die Musikalität der Lyrik neu und läßt ihn daran teilhaben. Ein Gedicht verstehst du zu allererst fühlend und du weißt auch, warum. Dazu kann ich dir nur gratulieren!

    LG
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    Man sollte keine Dummheit zweimal begehen, schließlich ist die Auswahl groß genug. ~ J.P. Sartre

  3. #3
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    Deine gelungene Ausführung, Rolf-Peter, zeigt mir wieder einmal, wie sehr Lyrik und Musik (nicht umsonst wurden die Texte zum Spiel der Lyra gesungen, woher sie auch ihren Namen haben) zusammenhängen. Daher bin ich -- du wohl auch -- sehr froh, ein Instrument zu spielen, und zumindest ich habe es nie bereut. Die angesprochene stark affektive Wirkung der Musik, kann, wenn denn ansprechend umgesetzt wie bei dem Brentano-Lied, auch in der Lyrik ihre Reize wirken lassen. Es wäre interessant, zu diskutieren, inwiefern Musikalität (oft beispielsweise bei Poe zu finden, der sich die Hell-dunkel-Unterschiede der Wortklänge zu Nutze machte) umzusetzen ist, und ob sie einen festen Platz in der Lyrik (auch der heutigen) haben sollte. Doch würde das moderne Dichter wohl etwas aufwiegeln. Ich wäre gespannt, zu erfahren, was Dadaisten darüber denken.

    Sicherlich waren nämlich die Romantiker die stärksten Vertreter der lyrischen Musik. Mir gefällt auch Eichendorff sehr, seine Mondnacht ist nicht nur ein sehr romantisches Erlebnis, das einen affektiert, sondern die Form und seine ausgeklügelte Wortwahl (bekannt sollte zumindest die Konjunktivwahl sein) regen auch sehr zum Nachdenken an. Na ja, schließlich genießt es nicht umsonst allerorten Anerkennung.
    Back I am.

    Drei recht alte Gedichte von mir:
    The Shining Star
    The Restless
    Des Dichters Nero

  4. #4
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    @cascardian:
    Es wäre interessant, zu diskutieren, inwiefern Musikalität [...] umzusetzen ist, und ob sie einen festen Platz in der Lyrik (auch der heutigen) haben sollte.
    Wenn es nach mir ginge... Ja, sollte sie. Ähnlich wie eine Sinfonie oder ein Lied, ist ein Gedicht im mündlichen Vortrag zunächst ein akustisches Phänomen. Seine Musikalität wird also durch das Zusammenspiel aller phonetischen (also lautlichen) Komponenten der Sprache erzeugt. Das sind nicht nur Dinge wie Betonung auf Wort- (Rhythmus, "Metrik") und Satzebene (z.B. Stimme heben bei einer formulierten Frage), sondern auch Fragen der Intonation bestimmter Wörter zu Zwecken der Authetizität (z.B. den Vers, "Summen, murmeln, flüstern, rieseln" passend zur Antiklimax allmählig zu diminuieren oder den Vers "Singet leise, leise, leise" zu flüstern) oder des Nachdrucks (z.B. das anschließende "Singt" stärker zu betonen als das erste). Das sind auch Fragen der Pausen- und Schlußgestaltungen, die durch Kadenz und Zäsur gesteuert werden können. Das sind auch Fragen der lautlichen Gliederung, die in der Erinnerung an soeben Erklungenes in Reim und Strophe entsteht. Dies ist, was ich selbst Metrik nenne und was die Lehre vom lautlichen Versbau, also von der Musikalität des Gedichtes ist.
    Daß das Gedicht durchaus ein akustisches Phänomen ist, ist heute größtenteils in Vergessenheit geraten. Zwar spricht man hier und dort von "Metrik", weiß aber im grunde genommen nicht, welche Bedeutung selbige eigentlich für das Gedicht hat. Seine akustischen Qualitäten bewußt wahrzunehmen, ist eine Frage der Sensibilisierung des Gehörs! Ebenso wie ein unerfahrener Zuhörer, wenn er einer Sinfonie lauscht, zunächst "nur" die identische Wiederholung des Haupt-Themas erkennt, später, wenn er versierter ist oder das Stück zum zweiten Male hört, auch die Variation desselben, seine Sequenzierung oder die Wiederholung seiner harmonischen Struktur mit anderer Melodiefolge. Dergleichen kann ein Hörer für die musikalische Komplexität eines Sprachgebildes sensibilisiert werden.
    Ich bin davon überzeugt, daß die allgemeine Unlust an sog. "klassischer" Musik und die allgemeine Unlust an metrischen Formen nicht aus der Erkenntnis deren mangelhafter Ausdrucksstärke, sondern aus einem Mangel an Sensibilität für deren Strukturen entsteht. Man erkennt die Komplexität eines musikalischen Werkes einfach nicht mehr und kann sich also auch nicht mit ihnen identifizieren. Ebenso erkennt man die Musikalität eines Gedichtes nicht mehr, weil man aufgehört hat, Gedichte anzuhören. Selbige werden zunehmend auf ihre optischen Qualitäten reduziert, weshalb ausschließlich optische, nicht aber akustische Reize auf den Rezipienten wirken - eine Entwicklung, der ich meinen Segen absolut nicht geben möchte. Weshalb ich auch jedem Lyrik-Rezipienten immer wieder anrate, ein Gedicht laut zu lesen.

    LG
    vamp
    --LeV

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  5. #5
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    Hallo levampyre und cascardian,

    vielen Dank für das Interesse, die Antworten, Anregungen. Entschuldigt die späte Antwort. Ich mußte mich zunächst meiner ersten Liebe, der Musik, widmen.

    Ironischerweise bin ich eigentlich aus "musikpädagogischen" Erwägungen zum Gedicht gelangt, da meine Schüler, zu metrisch (metronomisch) spielen und wenig Sinn für die Gestaltung längerer Perioden haben. Ich kam dann auf die Idee, die längeren Melodien nicht als eine unendliche Linie zu schreiben (bzw., wie in den gedruckten Noten, die Länge der Notensysteme nur nach prosaischen Gesichtspunkten vorzunehmen), sondern die meist zwei- oder viertaktigen Abschnitte wie Verse untereinander zu stellen. Ich erkannte dann sehr schnell, daß Poesie und Musik wohl aus der gleichen Wurzel entspringen und habe jetzt sogar die verrückte Idee, daß es wohl eine (nicht verbale) Rhetorik geben muß, die vor der Sprache kommt, bzw., daß ein Gefühl für die rhetorische, rhythmische, klangliche, etc. Gestalt schon existiert - existieren muß - bevor die Wortwahl getroffen wird.

    Gestern fiel mir eine besonders subtile Nuance auf in Mozart’s Duett aus Don Giovanni: "La ci darem la mano / La mi dirai di si". Mozart hat wie in einem "enjambment" die höhere Note vom "-no" in "mano" an das "La" des nächsten Verses angebunden (anstatt die beiden Verse durch eine Pause zu trennen), und es klingt nun in diesem Hinüberziehen wahrhaftig, wie wenn sich die beiden Verse die Hand reichen - sehr verführerisch. Die Inspiration für Mozart muß hier in der Analogie zwischen der Geste des Handgebens und der Möglichkeit eines Enjambemts in der sprachlichen und musikalischen Deklamation dieser Verse gelegen haben. Hier ist’s nun wirklich, als gäben sich das Bildliche, das Poetische und das Musikalische die Hand… (und flögen nach Haus…)

    LG
    Rolf-Peter

    PS: @ cascardian: Was für ein Instrument spielst Du?

  6. #6
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    Wie ich schon sagte, auch ich bin der festen Überzeugung, daß es eine musikalische Rhetorik gibt. Dies konstituiert sich nicht nur in einer z.T. sehr fraglichen Affektenlehre, sondern auch und vorallem in musikalischen Grobstukturen und bestimmten rheotrischen Prinzipien. Sehen wir uns eine Rede an, so haben wir in den meisten Fällen (natürlich auch immer abhängig vom Umstand der Rede) eine dreiteilige Struktur; die berühmten: "Einleitung", "Hauptteil" und "Schluß". Dabei sind die bestimmtesten Teile die Einleitung und der Schluß - während die innere Struktur des Hauptteiles stark vom jeweiligen Redeziel abhängt. Die Einleitung hat die Aufgabe, den jeweiligen Zuhörer auf das Kommende einzustimmen und ihm anzuzeigen, was ihn erwarten wird, so finden wir in der Musik am Anfang häufig eine wie auch immer geartete Vorstellung eines musikalischen Themas und der meisten anderen grundlegenden Bausteine des Stückes, mit denen dann im Hauptteil ge-(/ver-)arbeitet wird. Der Schluß einer Rede faßt meist noch einmal knapp die Ausführungen des Hauptteils zusammen und ist der Ort, der die größte Wirkung durch Affekte erzielen kann. Das liegt daran, daß der Zuhörer nach Beendigung der Rede nichts mehr vernimmt, er beginnt zu reflektieren und wenn der Redner vorher sein Herz bewegt hat, dann ist er dem Redner, so er sich von seinem Affekt einlullen ließ, geneigt. In der Musik verwickeln sich Melodie, Rhythmik und Harmonik meist kurz vor Schluß zu einem Höhepunkt, um dann Aufgelöst zu werden. Das passiert in Bach-Fugen durch einen Orgelpunkt, in Machaut-Motetten durch die Diminution u.s.f.
    Natürlich kann man sich auch in der Musik raffinierte Tricks zu Nutze machen, so scheint es Beethoven beispielsweise in einigen Sonaten und Sinfonien zu lieben, den Zuhörer am Anfang hinzuhalten und ihm eine sehr undifferenzierte Einleitung hören zu lassen, bevor er zum eigentlichen Punkt kommt und dem Hörer im Nachhinein klar wird, in welcher Weise die Faktur der Einleitung nun mit dem Stück zusammenhängt. Auch in Gedichten finden wir häufig solche unvermittelten Einstiege, die sich erst im Nachhinein klären. Schreibt man z.B. die Einstiegs-Zeilen "Ihr Wünscheträumer, Genien gleich zu scheinen [...]", ist der Leser sofort in eine lyrische Situation geworfen und muß sich orientieren. Gibt es aber einen Anfang wie "Hat der alte Hexenmeister sich doch einmal wegbegeben und [...]" oder "Ich ging im Walde so für mich hin und [...]", wird der Leser von vorn herein in die Situation eingeführt.
    Ich könnte noch viele dieser Vergleiche zwischen Musik, Poesie und Rhetorik machen. Gerade durch die Erforschung der Mittelaltermusik (in der der Ton nicht ohne das Wort zu denken war und eine Zeit, in der Musik und Rhetorik schon durch die gemeinsame Verwurzelung im "Stundenplan" in enger Verbindung standen) haben sich mir da viele neue Dimensionen auch in Bezug auf die Dichtung ergeben. Ein sehr, sehr spannendes Thema, wie ich finde...

    LG
    vamp
    --LeV

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