1. #1
    Registriert seit
    Oct 2004
    Ort
    Berlin, wo sonst?
    Beiträge
    6.589
    Behutsam, bedächtig schüttelt sie ihren Kopf. In ihrer eigenen Art und Weise. Neigt den Kopf langsam nach links, langsam nach rechts. Wie ein Stehaufmännchen, ein mißbilligendes Zeichen ihres Kummers.
    Wie oft hat sie sich schon gefragt: Warum gerade mein Junge?
    Sie war noch nie eine Frau, die sich durch Stärke auszeichnet. Aber dies hier geht wirklich über ihre Kräfte. Wie lange nun schon? Sechs, sieben Jahre? So lange schon zermartert sie ihre Schuld. Trägt sie die Verantwortung, daß er dieser Mann geworden ist? Dieser Mann, den nichts mehr mit dem Jungen verbindet, den sie so sehr geliebt hat. Hätte sie ihn vielleicht mit einem Wort, einer Geste in eine andere, eine bessere Richtung lenken können?
    Sie seufzt und schließt die Tür, als Magret eingetreten ist. Das arme Mädchen, ausgerechnet an ihren Sohn zu geraten.
    Aber sie hat ihn geheiratet und muß nun selbst mit den Konsequenzen leben. Und sie immer wieder daran erinnern, wie schlecht ihr Sohn doch ist.
    Mit der selben Bedächtigkeit, mit der sie den Kopf zu schütteln pflegt, setzt sie nun einen Fuß vor den anderen und folgt ihrer Schwiegertochter in die Stube. "Kann ich Dir einen Kaffee bringen? Oder sonst etwas?"
    Magret blickt auf. Ihre Augen sind verquollen. Sie hat geweint. Kaum merklich ist das rechte Auge dicker und verfärbt sich langsam. Jetzt ist es noch rot, aber in ein paar Stunden wird es mit einem dunklen Violett der Welt verkünden: Seht her, mein Mann schlägt mich!
    Magret schluchzt. Ein erbärmlicher Laut. Dann hebt sie ihre weinerliche Stimme: "Er will mich verlassen!"
    Ein Weinkrampf folgt augenblicklich. Die Schwiegermutter setzt sich neben sie, legt behutsam einen Arm um ihre Schulter, während sie die Stirn kraus zieht. Was ist denn schon dabei? Es ist doch das beste, was ihr passieren kann. Ihr mißratener Sohn soll dieses dumme Geschöpf in Ruhe lassen. Was beklagt sich dieses Häufchen Elend denn?
    "Was soll's? Dann kann er Dich wenigstens nicht mehr schlagen. Du wirst besser ohne ihn zurechtkommen."
    Magret richtet sich auf: "Aber ich liebe ihn doch!"
    Die alte Frau schüttelt abermals den Kopf, verdreht die Augen: "Aber Kind, warum denn nur? Er ist ein schlechter Mann. Was macht er denn tagein, tagaus? Er trinkt und schlägt um sich. Bringt kein Geld nach Hause, sondern prügelt Dir lieber die Seele aus dem Leib. Warum, in Gottes Namen, solltest Du ihn lieben?"
    Magret zieht die Augenbrauen zusammen, das Gesicht nicht mehr als eine schmerzerfüllte Maske: "Wie kannst Du so etwas nur sagen? Du bist doch seine Mutter! Er ist ein guter Mann. Er hat nur Probleme. Aber die wird er in den Griff bekommen und dann hört er auf zu trinken und dann wird wieder alles wie früher und dann..."
    "Ja, und was dann? Dann wird wieder ein Problem auftauchen. Er findet keine Arbeit. Oder er findet eine und kommt mit den Kollegen nicht zurecht. Oder sein verdammter Fußballverein steigt ab. Es wird immer etwas geben, was ihn aufregt. Und dann fängt wieder alles von vorne an. Er wird wieder trinken und Dich schlagen und Ärger machen. Er wird sich niemals ändern. Manche Menschen sind einfach so. Da kann man nichts machen."
    Sie atmet schwer. Es kommt selten vor, daß sie sich so aufregt. Aber Magret hört nicht. Sie hört ja nie. Sie steht lieber auf, fängt wieder wie eine Schwachsinnige an, vor sich hin zu schluchzen und zu jammern: "Du bist doch die Schlechte. Wahrscheinlich wäre er viel, viel... ausgeglichener, wenn Du ihn damals mehr unterstützt hättest. Alles was Du kannst, ist schlecht über andere zu reden."
    Sie stürmt unvermittelt aus der Wohnung, schlägt die Tür hinter sich zu.
    Die alte Frau schüttelt ruhig und bedächtig den Kopf. Sie neigt ihn langsam nach links, langsam nach rechts. Sie ist müde und erschöpft vom Leben. Warum gerade ihr Junge?
    Sie schlurft durch die Wohnung, in die Küche. Nimmt die sauberen Teller, räumt sie in den Küchenschrank. Dann öffnet sie eine Schublade und holt eine alte Pappschachtel hervor. Ein Schuhkarton, in dem all das Gute aufgehoben ist, was ihr Junge früher einmal gewesen ist. Sie schaut sich langsam die Fotos an. Bei diesem oder jenem lächelt sie. Da spielt er im Sandkasten, über und über mit Dreck beschmiert. Da ist er in seinem Gitterbett, friedlich schlafend, den Daumen im Mund. Hier steht er mit seiner Zuckertüte vor dem alten, schweren Schulgebäude. Mit einem Bleistift hat sie damals auf die Rückseite geschrieben: 'Paules erster Schultag'.
    So liebe Augen lächelten in die Kamera. Jetzt sind seine Augen kalt und leer. So kleine Hände, die die Zuckertüte umklammern, anstatt zur Faust geballt auf weiches Fleisch einzuschlagen.
    Langsam und bedächtig rollt ihr eine Träne die Wange hinunter. Was hat sie denn falsch gemacht? Sie ist doch eine gute Mutter gewesen. Hat sie ihm denn nicht immer etwas vorgelesen? Ihm nicht jeden Wunsch erfüllt?
    Und nun ist er wie sein Vater. Er trinkt, er schlägt. Aber sie ist doch damals gegangen, nur seinetwegen. Sie hat nicht gewollt, daß er vom eigenen Vater geschlagen wird. Sie hat alles aufgegeben.
    Die alte Frau schluchzt. Dabei hat sie ihn doch geliebt.

  2. #2
    Registriert seit
    Oct 2003
    Ort
    Bielefeld
    Beiträge
    76
    Hallo Gott,

    leider glaub ich nicht an dich und so folgt hier nun kein Lobgebet

    Ok und nun ernsthaft ^^
    Stilistisch gefällt mir die Geschichte sehr gut. Die Sprache ist einfach und doch ist es keine leichte Kost, man kann es so "runter lesen" oder man kann genauer hinsehen.
    Es bleiben dabei einige Fragen offen (zumindest stelle ich mir welche). Z.B: wieso ist der Junge so geworden wie sein Vater, wenn die Mutter ihn doch verlassen hatte? Im Grunde wirft das dann die nächste Frage auf: Ist solches Verhalten vererbbar?
    Und was für eine Mutter war die Frau denn? Es wird nur vage erzählt was in der Kindheit vorgefallen ist. Mit Absicht?

    Ich finde nicht unbedingt dass es schlecht ist, wenn man sich selber noch Gedanken machen muss, eigentlich mag ich das sogar ziemlich gern wenn nicht alles klar ist ^^
    Nur auf die Kindheit und was ihn zu dem gemacht hat was der Sohn zu dem Zeitpunkt ist, finde ich, hätte ein wenig genauer erzählt werden können.

    Grüße,
    Elvenkiss
    Andersdenkende sind oft ganz anders, als wir denken.
    Ernst Ferstl

  3. #3
    barfly Guest
    hallo gott

    sprachlich gefällt es mir auch gut. besonders am ende die vergleiche des sohnes von damals und heute.

    klar kann es sein, dass der sohn seine ehefrau schlägt, weil sein vater ebenfalls seine frau verprügelt hat. ich denke aber auch, du solltest da noch mehr ins detail gehen, damit dieser weg deutlicher wird. ist dieser ja nicht zwangsläufig.

    gruß
    barfly

  4. #4
    Registriert seit
    Oct 2004
    Ort
    Berlin, wo sonst?
    Beiträge
    6.589
    Danke Ihr beiden für Eure Kommentare.

    Auch wenn diese Vermutung vielleicht naheliegt, ich wollte keineswegs einen Vererbbarkeit eines "Schläger-gens" andeuten. Mir ging es mehr um die Gedanken einer vom Leben gealterten Frau, weniger um ihren Sohn. Wahrscheinlich ist meine Intonation auch nicht wirklich nachvollziehbar, aber eigentlich sollten Parallelen zwischen Mutter und Schwiegertochter sichtbar werden, das Lieben eines Mannes, der mißhandelt.
    Deswegen bin ich auch nicht auf die Kindheit eingegangen, manchmal habe ich halt doch die Hoffnung, daß jemand meinen Ausführungen folgen kann .

    gott

  5. #5
    Registriert seit
    Oct 2003
    Ort
    Bielefeld
    Beiträge
    76
    Doch, die Parallelen zwischen Mutter und Schwiegertochter werden deutlich, aber als ich das gelesen habe, fiel mein Augenmerk nicht hauptsächlich darauf, weil
    1. der Titel eindeutig den Sohn in den Mittelpunkt rückt
    2. die Mutter andauernd vom Sohn redet/denkt/beschäftigt und bedauert, weniger über die Schwiegertochter spricht.

    ich vermute mal das Ende ist genau so gewollt, dass man erst da mitkriegt, dass die Mutter wie die Frau ihres Sohnes war/ist und das gefällt mir auch sehr gut, denn da merkt man erst, wie sie im Grunde bei dem zuvorigen Gespräch gegen sich selber anredet und zu überzeugen versucht.

    liebe Grüße,
    Elvenkiss
    Andersdenkende sind oft ganz anders, als wir denken.
    Ernst Ferstl

Was dich vielleicht auch interessieren könnte:

  1. Vaters Morgana
    Von Strassenreimer im Forum Humor, Satire und Rätselhaftes
    Antworten: 4
    Letzter Beitrag: 01.06.2011, 11:39
  2. Des Vaters Not
    Von Dr. Karg im Forum Nachdenkliches und Philosophisches
    Antworten: 0
    Letzter Beitrag: 10.02.2011, 04:31
  3. die augen des vaters
    Von Susigrün im Forum Trauer und Düsteres
    Antworten: 8
    Letzter Beitrag: 13.08.2010, 18:44
  4. Vaters Tod
    Von mechellion im Forum Nachdenkliches und Philosophisches
    Antworten: 15
    Letzter Beitrag: 04.08.2006, 11:24
  5. IM NAMEN DES VATERS
    Von FREUDE im Forum Mythisches, Religiöses und Spirituelles
    Antworten: 0
    Letzter Beitrag: 01.04.2004, 19:00

Berechtigungen

  • Neue Themen erstellen: Nein
  • Themen beantworten: Nein
  • Anhänge hochladen: Nein
  • Beiträge bearbeiten: Nein
  •  

Anmelden

Anmelden