Thema: Morgengrauen

  1. #1
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    Dieser Morgen war anders als sonst. Es erschien mir, ich wäre aus einem Alptraum erwacht, voller Gänge und Türen. Einem Alptraum, der keinen Sinn ergab, aber solange ich noch träumte, wurden mir tausend Wahrheiten entpackt, die ich alle sämtlichst im Moment des Erwachens vergaß.
    Ich hasste solche Träume. Das Gefühl, das sich unweigerlich einstellte, etwas unendlich kostbares verloren zu haben, übertrug sich schleichend auf den Körper und faulte eifrig vor sich hin.
    Selbst der kühle Boden unter meinen Füßen, als ich durch den Flur schlurfte, konnte die Fäulnis nicht vertreiben.
    Der Kaffee schmeckte schal, als wäre er nur noch die bloße Erinnerung an sich selbst. So war auch hier kein Trost zu erwarten.
    Dann gab es nur noch eins. Ich schlug die Wohnungstür hinter mir zu. Zögernd tapste ich die Treppe hinunter und in der Enge des Hauses vollzog sich eine übelerregende Wandlung. Ich kehrte mein Innerstes nach Außen und so stolperte ich schönheitstechnisch von hinten zerhackt, von vorne ausgespien auf die Straßen dieser Stadt.
    Mir begegnete die übliche Anzahl von Menschen oder zumindest das, was von ihnen übriggeblieben war. Denn nun schienen sie mir wie Spiegelbilder meines Ichs. In unterschiedlichen Formen und Größen.
    Als ich mir noch Gedanken machte, ob dies ein allgemeines Phänomen und es mir bisher nur nicht aufgefallen war, rumorte in der widerspenstigeren meiner beiden Gehirnhälften eine seltsame Idee.
    Was wenn ich noch träumte? Wenn ich die tausend Wahrheiten nicht vergessen, sondern noch nicht entdeckt hatte? Dann wäre es einfach, einfach zu warten und nicht hochzuschrecken, sondern die Augen aufzuschlagen und Erleuchtung zu erlangen. Ich könnte durch die Welt gehen und mein Innerstes wäre dort, wo es hingehörte, in meinem Körper. Und die übliche Anzahl von Menschen sähe normal aus, so wie ich es erwartete. Und die Welt wäre in Ordnung.
    Spätestens jetzt kam mir der Gedanke, ob es nicht doch ratsamer wäre, den einen oder anderen Psychiater aufzusuchen. Nicht unbedingt um der Therapie Willen. Eher wegen dieser kleinen, weißen und sauberen Pillen, die eine interessante Alternative zu meiner doch bedenklichen Gedankenwelt boten.
    Ich blickte mich um und erkannte erstaunt, wohin mich meine Füße getragen hatten. Hinter mir lag dieser dreckige, unordentliche Organismus Stadt, der mir so seltsam vertraut angst machte, mit seinem Chaos.
    Und vor mir? Ich war den Weg gegangen zum Ruhepunkt, zur Oase. Und Du standest einfach nur da und lächeltest.

  2. #2
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    Gut gelungen wie ich finde, einmal anders aufgezeigt, was in so vielen Texten schon behandelt wurde.
    Die Bilder gefallen und die Idee ist gut verpackt und spannend bis zum Schlusssatz, wo man erst erkennt, worum es eigentlich ging.

  3. #3
    barfly Guest
    auch mir gefällt dein text auserordentlich. du hast eine ganze plastiktüte voller absurditäten über dich ausgeschüttet, trotzdem ertrinkst du daran nicht.

    allerdings hatte ich so meine bedenken, als ich den ersten satz las. für mich ist das der inbegriff der beliebigkeit:
    "ich heiße nicht xy, ich heiße anders."
    "ja und willst du mir dann deinen namen verraten?"
    "ja, ich heiße anders."

    nur so ´ne marotte von mir.

    einen tiefpunkt hat deine erzählung allerdings.

    "Was wenn ich noch träumte? Wenn ich die tausend Wahrheiten nicht vergessen, sondern noch nicht entdeckt hatte? Dann wäre es einfach, einfach zu warten und nicht hochzuschrecken, sondern die Augen aufzuschlagen und Erleuchtung zu erlangen."

    das mit dem träumen und der erleuchtung finde ich nicht so gelungen. danach gehts aber wieder steil bergauf, wenn die passage mit dem psychiater kommt

    gruß
    barfly

  4. #4
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    Hallo Ihr beiden!

    Danke für Eure Kritik.

    @sEweil: Das Dir meine Bilder gefallen würden dachte ich mir. Deine Geschichte hat mir ja "optisch" auch zugesagt . Allerdings warum wird erst im letzten Satz klar worum es "eigentlich" geht. Mmh, vielleicht mag diese Stelle eine Liebesgeschichte andeuten (wenn ich Dich richtig verstanden habe), aber das war nicht wirklich beabsichtigt.

    @barfly: Ja, die Stelle gefällt mir auch nicht wirklich. Das passiert wenn man zig Bilder im Kopf hat und den Übergang von einem zum anderen füllen will, ohne das wenigstens der Ansatz einer Handlungsfolge gebrochen wird. Vielleicht fällt mir da mit der Zeit noch eine elegantere Lösung ein, aber dazu brauch ich wahrscheinlich etwas Abstand.

    gott

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