1. #1
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    Die Oase ist vernichtet, der Ruhepunkt zerstört. Ich torkele auf die Straße. Meine Beine, zwei eigene Persönlichkeiten, wissen nicht wohin.
    Also halte ich inne, atme tief durch und lecke meine Wunden und Dein Blut von meinen Krallen.
    Ich lache, denn zu was anderem sollte ich noch fähig sein? Verwandelt sich der Asphalt unter mir doch in einen Spiegel. Unendlichfach reflektiert, mein jüngeres Selbst, das mir grinsend voller Verachtung ins Gesicht speit. Anstatt mich selbst in den Arm zu nehmen und zu trösten, flüchte ich, nun nicht mehr torkelnd, von diesem Ort.
    Ich sehe mit Hoffnung in den Himmel, bin umringt von Raben. Mir die Augen auspickend, weisen sie den Weg.
    So blickt mich die übliche Anzahl von Mitexistenzen verwundert an. Schweigend schleudere ich ihnen Worte entgegen. Ich konfrontiere sie mit Wissen, sage ihnen, wie es ihnen geht. Tausend Wahrheiten wurden mir entpackt, doch keine für mich, nicht ein einziges stummes Wort.
    Ich beherrsche nicht einmal mehr meinen Körper. Autark reagiert er. So trage ich den Namen Espenlaub stur vor mich hin.
    Warum nur muß heute alles so friedlich aussehen? Die Sonne wirft schillernde Farben gegen die Häuserwände. Ich registriere. Ich analysiere. Es ist mir egal.
    Samen fallen aus meinen Händen, schlagen samtig weich auf den Boden auf und keimen in rotglühender Pracht. Ich zertrete diese bluttriefenden Stücke Fleisch. Selbst Raben kehren irgendwann zurück. Sie haben ihr Fressen gefunden.
    Die Stadt ist ein Organismus. Die Menschen ihre Blutzellen, die Straßen ihre Adern. Sie gebiert sich aus sich selbst, bildet jeden Tag neue Auswüchse und Furunkel. Es sterben Zellen, neue werden geboren. Stinkendes, klebriges Blut, ohne das sie nicht leben könnte. Und ich bin die Krebszelle, die dem System entfliehen kann.
    Mächtig, hast Du gesagt, wäre ich. Kann es sein, dass Du Dich da irrst? Ich werfe mit Phrasen um mich, ohne Klarheit zu finden. Zittere, ohne mich zu beruhigen. Spreche, ohne etwas zu sagen.
    Ich ruhe in mir, schaffe Ausgleich. Doch das ist längst nicht mehr genug. Der Weg nach dem ich suche, ist nicht vorgegeben. So stochere ich in alten wie frischen Wunden und wundere mich, dass ich nicht blute.
    Es ist an der Zeit zu verarbeiten. An der Zeit, Antworten zu finden, die auch für mich gelten.
    Die Abenddämmerung senkt sich über mich.
    Ich bin beglückt am Boden zerstört, gehe nach Hause und erwarte den nächsten Tag.

  2. #2
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    Gott (für die Erfindung dieser Anrede müsste man mich eigentlich kreuzigen),

    Ich weiß, eigentlich habe ich Dir eine Kritik zu "Morgengrauen" versprochen, aber ich hoffe, du bist mit einer an dieser Stelle zufrieden, ich werde auch mehr Worte verlieren als "skurril" oder "surreal". Allerdings wird es sehr subjektiv, fürchte ich, da mein analytischer Verstand für heute schon verbraucht ist.

    Sprachlicher Stil:
    Gefällt. Man hat mir beigebracht, das man Prosa immer nach dem ersten Satz beurteilen kann, und dieser hier reicht voll und ganz, um die Aufmerksamkeit des Rezipienten und den Wunsch, weiterzulesen, zu erwecken.
    Ansonsten bereiten mir die Verschachtelungen ("meine Wunden/Dein Blut") und Widersprüchlichkeiten (die muss ich jetzt nicht alle aufzählen) als Sprachliebhaber viel Freude, und die Formulierung "So trage ich den Namen Espenlaub stur vor mich hin" ist die Sorte von Bild, die mir mal beim Dichten einfallen sollte.

    Inhaltlicher Stil:
    Hm. Die Verschlüsselungsebene des Werks ist so hoch, daß man als flüchtiger Betrachter meinen könnte, es wäre ein zusammenhangsloser Gedankenstrang, und auch wenn man sich Zeit lässt, kommt man nicht umhin, zu bemerken, daß eine Vielfalt von Themen angerissen ist, man aber den Eindruck erhalten könnte, das lyrische Ich hätte irgendwo den Faden verloren. Allerdings unterstelle ich hier lieber mal Intention und gebe zu, daß ich ohne das leichte Nagen an mir, irgendwo nicht ganz folgen zu können, wohl nicht so angetan davon wäre.

    Inhalt:
    Auch wenn ich "Morgengrauen" nicht kritisiert habe, gelesen habe ich es, und komme nicht umhin zu bemerken, daß dieses Werk darauf in gewisser Weise anschließt. Um die Oase im letzten Absatz ersteren und ersten diesen Werkes kommt man nur schwer drumherum. (Und um den Titel erst recht nicht.) Weitere nahe Verwandte wären:
    - der Organismus Stadt, hier nun mit dem lyrischen Ich als Krebszelle (wobei ich mich spontan als Pragmatiker fragen muss, wie eine Krebszelle dem System entkommen kann, ohne das System ist sie eigentlich nicht lebensfähig)
    - die Mitmenschen, die mittlerweile zu Mitexistenzen degradiert worden sind,
    - die tausend Wahrheiten, die allerdings jetzt keine Hoffnung mehr repräsentieren (auch hier nebenbei - "entpackt" klingt für mich irgendwie nach ZIP-Datei),
    - Spiegelbilder gibt's auch wieder und noch ein paar mehr Ähnlichkeiten, aber das weißt Du wahrscheinlich besser als ich, und die anderen Leser können selber suchen.
    Dementsprechend fällt es natürlich schwer, "Abenddämmerung" alleine und losgelöst zu betrachten, und das werde ich auch nicht tun.

    Wirkte das lyrische Ich in "Morgengrauen" noch wie ein entrückter, aber doch organischer Bestandteil der Welt, in der es lebt, erweckt es nun den Anschein, sich entfremdet zu haben, und fast schon mit Arroganz, auf jeden Fall aber mit Gleichgültigkeit auf diese zu blicken. Gleich geblieben ist der ruhige Blick, den es auf sich selbst wirft - in aller sprachlichen Grausamkeit wirkt es immer noch so, als ob es vom mit sich und der Welt Geschehenden von außen berichten würde.
    Anders als bei "Morgengrauen" ist der Schluss hier nicht Hoffnung, sondern Verwirrung, und ob des Abwartens am Ende nahe an der Resignation, denn auf das "es ist an der Zeit" folgt kein "ich gehe nach Hause und erledige das". Das muss nichts Negatives sein, ich hatte immer das Gefühl, daß das lyrische Ich am Ende von ersterem Werk ein wenig zu leicht alles abtat, was es sah und fühlte.
    So, mehr fällt mir spontan nicht wirklich ein, außer daß ich vom plötzlichen Auftauchen des lyrischen Du überrascht war - eigentlich wirkte das lyrische Ich im Rest beider Werke eher, als wäre ihm das, was es sieht, das, worum es geht, nicht die Wahrnehmung anderer.

    Ich hoffe auf Fortsetzungen.

    Alles Liebe,
    kurushio

    ps: Sag jetzt bloss nicht, ich hätte viel geredet und wenig gesagt. Du kennst mich.
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    - Jon Stewart

    Schwarze Gezeiten: heichaojing
    in Zusammenarbeit mit Lia: All Along the Watchtower
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  3. #3
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    Hallo Kurushio!

    Das mit dem Kreuzigen würd ich ja gern übernehmen, aber Du weißt, das ist eindeutig nicht mein Fachgebiet (Steinigen und Verbrennen, aber Kreuzigen? Nein!), also behalte ich den Namen lieber und gib ihn nicht wieder her .
    Über nicht die Nichtkritik zu "Morgengrauen" komme ich gerne hinweg bei dieser Analyse (auch wenn das Wort, was Du damals zusammenfassend benutztest weder "surreal" noch "skuril" war, ich erinnere mich voller Entsetzen an ein bedeutungsschweres "schick")!
    Tatsächlich ist die Verbindung zwischen beiden noch weitgehender als von Dir erläutert, aber das erschließt sich dem Leser nicht unbedingt. Das diente auch vielmehr meiner eigenen inneren Ordnung.
    Das merkt man natürlich nicht am Inhalt, der wie ich zugeben muß, nicht unbedingt einem roten Faden folgt, aber wer denkt und lebt schon immer einer Richtung folgend? So behalte ich mir hier dichterische Freiheit vor und werde nicht auf die Entschlüsselung des Werks eingehen. Wäre ja auch zu schade, sonst würde ich Dir ja das Lesevergnügen nehmen.
    Die Krebszelle ist sicher nicht lebensfähig außerhalb des Organismus, aber ich unterstelle einfach mal, daß das lyr. Ich zu diesem Zeitpunkt kaum mehr als seine zerstörerischen Kräfte sieht, mit denen es ganz und gar im unreinen ist. So sollte man auch nicht allzu sehr über das Auftauchen des Lyr. Du irritiert sein. Wen oder was es auch immer repräsentiert, es mußte Blut lassen genauso wie das lyr. Ich, in dessen folge die Oase vernichtet wurde. Daß sich dann das lyr. Ich in eine Art Zwiegespräch mit dem lyr. Du begibt, tue ich für mich selbst einfach mal als Hinweis auf die menschliche Angewohnheit ab, mögliche und unmögliche Situationen im Geiste durchzuspielen.
    Was die Fortsetzungen anbelangt, bleibt mir nur zu sagen, daß ich noch ein paar Tageszeiten ausbeuten kann, das hängt dann aber wohl nicht von mir sondern von den Geschichten ab, die sich ja ungerechterweise immer meiner Kontrolle entziehen.

    Alles Liebe,
    gott

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