Das Bewerbungsgespräch
Eine Kurzgeschichte

Der Bewerber trat ein, Sekretärin hinter ihm. Ich sah beide. Der Chef wurzelte allen gegenüber vorm Fenster und tat weniger entsetzt als der Bewerber. Nur die Sekretärin stand mit einem verinnerlichten Tür- auf- und- wieder- raus- Blick im Rahmen und erkundigte sich nach Getränkewünschen. Niemand äußerte sich. Das hieß für sie einmal mehr Kaffee und ein Glas Wasser zu bringen. Das Glas Wasser für den Bewerber, ist er höflich, trinkt er es, falls nicht, dann nicht. Die ersten Worte im Büro waren gefallen. Links der Chef, wenn ich mich in den Bewerber hineinversetze, muss er wohl in Ehrfurcht vor ihm gesessen haben, denn um ihn spielte das Licht eine Illusion, sodass ein weißer Schimmer ihn umgab. Der logische Grund war das hinter dem Chef gelegene Fenster. Eine Taktik, die die Geschäftspartner einschüchtern sollte.
Der Händedruck. Bewerber: stark, außergewöhnlich stark, vielleicht kam es dem Chef nur so vor, weil er sich so schwach fühlte. Chef: Wie gesagt, etwas schwächer, obwohl er für sein Alter doch noch ziemlich kräftig war. Dem folgend das übliche Blabla, wie man sich fühle, dasselbe aber keinen interessierte. Zwei Minuten nachdem die Schwester des Chefs den Raum verließ, kam sie mit den Getränken zurück und bot an. Keine achtzehn Sekunden danach mischte sich ein Schluck Wasser mit dem Marmeladenbrötchen von heute Morgen, der Chef lächelte. Einzig allein der Uhrenschlag der anmutigen Standuhr ließ die Herren sachlich werden. Ich sah, wie der Chef verlegen in den Unterlagen blätterte und um dieses Gespräch zu dessen Zweck zu lenken, eine langweilige Floskel benutzte. Er war ein sehr humaner Chef. Obwohl dieses Unternehmen, zu dem ich später komme, ein Unternehmen von äußerster Wirtschaftsstärke und monopolistischer Stellung war, benahm sich der Chef nicht arrogant und war weit von den Bonzen und Beutelfüllern entfernt. Er war wie ein Spekulatius, den man in eine Tasse heißen Kaffee taucht. Wenn man sich ihm anvertraut, so saugt er sich so voll von dem Dir und Dich und Du, bis er an dem zerbricht. So war es auch mit seiner Frau, die mit dem Vorarbeiter nach Argentinien durchgebrannt ist und das heimlich gehäufte Geld dort verprasste. Nun fing der Chef an daran zu zerbrechen und löste sich im schwarzen Kaffee auf.
Der Kaffee war leer und er rief die Sekretärin, dass sie ihm Neuen bringe, er war froh, dass er sie hatte.
Den Bewerber kannte ich nicht, wahrheitsgemäß schon, doch er ist so ein Mensch der geradlinig auf sein Ziel zuläuft und wenn dieses sich auflöst oder doch zu unerreichbar ist, dann kann er nicht nach links und rechts, weil er sich auf einer Brücke befindet, doch er war freundlich, höflich und hat nicht zu kurz geschnittene Fingernägel, das mochte der Chef. Nun endlich besann man sich auf das Wahre. Die Unterlagen geordnet, Lebenslauf, Passfoto, Zeugnisse und der Chef wurde objektiv.
Er fragte nach Bildung, Verständnis, allgemeinen Verhältnissen und ob er ihn nicht schon einmal irgendwo gesehen habe, der Bewerber kam ihm bekannt vor. Der gierige Bewerber ergriff die Gelegenheit, um ein vertrautes Milieu aufzubauen und erwiderte dem Chef mit einer ähnlichen Aussage desselben Sinnes.
Draußen die Sekretärin. Es war ein ruhiger Tag. Sie genoss ihn bei einer Zigarette, die nach ihren Vorsätzen fürs Jahr gar nicht in den langen Fingern hätte stecken dürfen. Sie hasste Vorsätze. Es ist wie mit dem Bewerber, den hasste sie auch. Niemals konnte sie daran denken, es den Leuten zu sagen, sie hatte ja nicht einmal einen Grund. Manchmal mag man Leute auf Anhieb nicht. Die Arbeit in diesem Unternehmen prägte.
Nebenan unterhielten sich die Personen vertraut. Der Chef riss einen Witz und beide lachten.
Der Bewerber lachte trotzdem, obwohl der Witz nicht seiner Generation entsprach. Der Chef lachte, weil er dachte, dieser Witz entspräche der Generation des Bewerbers.
Der Chef mochte den Bewerber, weiß aber nicht um das gleiche Empfinden seines Gegenübers.
Der Bewerber wollte wissen, wo er nun arbeiten solle. Chef gab zwei Stellen zur Auswahl. Bewerber wählte den Platz als Vorarbeiter. Uhrenschlag.
Der Chef stand zum ersten Mal in dieser Konversation auf und drehte sich um. Wahrscheinlich nur, um die Träne vor dem Bewerber zu verstecken, denn er mochte ihn. „Wissen sie“, sprach die betrübte Stimme neutral „Ich weiß nicht, ob es einen Sinn hat, Sie aufzunehmen. Ich habe mich entschieden, Die Produktion einzustellen.“ Entsetzt entgegnete der Bewerber „Aber sie können doch nicht… schon aus moralischer Sicht, ich meine – die Menschen brauchen sie!“
Der Blick fiel nun auf die rußenden Schornsteine, aus denen der katalysierte Frieden in die unerreichbaren Höhen des Himmels entfloh und mit jedem Kubikmeter verbranntem Rohstoff konnten zwei Menschen eine Minute lang hassen oder ein Mensch ausgiebig dieselbe Dauer - eine Wissenschaft für sich.
Wieder verbarg die Stimme die Trauer des Chefs. „Meine Frau ist weg, mit Ihrem Vorgänger durchgebrannt. Warum müssen die Menschen hassen? Niemand braucht es!“, verständnisvoller als vorher der Bewerber „Aber der ganze Lohn! Man muss doch einen Weg finden.“, doch manchmal gibt es nur den Weg von der Brücke.
Die Sekretärin hat aufgeraucht und tritt vor die geliebte Eichentür, denn sie will das Glas und die Tasse holen. Beim Öffnen entdeckt sie neben der Tasse und dem Glas einen Brieföffner im Rücken ihres Bruders. Nun hat sie einen Grund den Bewerber zu hassen.

Jahre später: Der Bewerber ist Vorarbeiter, die Sekretärin ist Chefin, raucht aber immer noch, die Eichentür wird noch immer geliebt und die anmutige Standuhr schlägt wie am ersten Tag.
Wann hört sie auf zu schlagen? wann wird sie nicht mehr geliebt? wann hört sie auf zu rauchen? wann hört er auf zu arbeiten?
Und das ist ein offenes Ende.