Thema: Nachtgedanken

  1. #1
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    Der Tag läßt auf sich warten.
    Die Nacht umfängt mich in heuchlerischer Liebkosung. Einzig schlafen kann ich nicht. Ich liege wach, mein Herz rast, genau wie meine Gedanken.
    Die Dunkelheit vermag nicht zu erschrecken. Ich stehe auf, registriere, daß Wurzeln aus meinen Füßen sprießen, sich im Boden verankern wollen. Ich schleife sie achtlos mit mir. Nur leblose Anhängsel meiner selbst.
    Ich wandere zum Fenster, blicke hinaus. Mutter Stadt schaut mich aus zahllosen, leuchtenden Augen an. Doch so warm ihr ruhender Blick auch sein mag, ich sehe sie nicht mehr. Vor mir liegt ein unendliches Meer. Warte auf das leise Raunen, bevor ich Hände auf meinen Schultern spüre. Hände, die zu Sanftmut fähig sind, mich nun die Klippe hinunterzustoßen drohen. Doch ich ruhe in mir und erwidere das Lächeln.
    Zumindest die Raben scheinen jetzt versöhnlich. Sie schmeicheln mir in Abwesenheit. Ihr Schlaf ist ruhig.
    Welcher Drang ist es, der mich immer wieder zurückführt? Zur Zerstörung, zur reinigenden Kraft des Feuers? Warum nur sind ...
    Ich halte inne. Setze den Stift ab. Nur ungeordnet bringe ich Gedanken zu Papier. Ich drehe mich im Kreis. Ich ersticke Antworten mit Fragen. Sammle Wörter. Lange Ketten, bis ich genug habe und der Schmerz einen Moment lang nachläßt. Stift und Papier trage ich stets bei mir. Der Schmerz kommt wieder. Ganz gewiß.
    Ich zähle meine Schritte. Siebzehn bis ans Ziel. Öffne die Schublade, entnehme das Messer. Ich werfe das Ding ins Spülbecken, drehe den Wasserhahn auf und beobachte wie kühles Nass über die Klinge fließt. Schärft es die Klinge oder stumpft es sie ab? Ich habe Zeit, ich kann warten.
    Mutters Augen werfen mattes Licht gegen die Wand. Mit eisigen Fingern zeichne ich die Konturen meines Schattens nach. Einen Schatten umarmen heißt nicht ihn zu lieben. Ihn zu schlagen nicht ihn zu hassen. Ich ergreife das Messer, hacke tote Wurzeln von meinen Füßen. Der Schatten bleibt.
    Letzten Endes ist es müßig nach Antworten zu suchen, wenn man die richtige Frage nicht weiß. So fange ich an zu verstehen und vertraue auf den stillen Klang Deiner Stimme.
    Die Phrasen werden bunter.
    Es ist an der Zeit zurückzukehren. Die Oase ist vernichtet. Der Ruhepunkt zerstört. Laß uns die Trümmer verbrennen und in der Asche ein neues Fundament legen.
    Ich stehe in der Dunkelheit, gegen die Wand und meinen Schatten gelehnt.
    Der Tag läßt auf sich warten.





  2. #2
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    schön zu lesen. eine einheitliche sprache und gute illustration dessen, was mir auch sehr gut bekannt ist.
    was mir sehr gefällt ist der zum anfang hin gebeugte schluss, widerspiegelt er für mich die ruhe- und sinnlosigkeit eines gedankens in der nacht, die man viel lieber mit schlafen verbringen möchte. das lyr ich versucht sich (auch zu später stunde) noch im schreiben und denkt darüber nach, dass es auch wenn das licht wieder ins leben gekehrt ist weiter schreiben wird. ich wage daraus zu schließen dass unser nachtwandler ein journalist ist. aber das ist eigentlich auch uneheblich, sei's drum.
    ich empfehle schon einmal das frühstück "für sie" vorzubereiten und sie somit zu überraschen. sinnvolle beschäftigung ist doch der ermüdenste teil bei diesem geschäft
    Würfelspieler

  3. #3
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    Hallo Limmerick!

    Okay, ich muß zugeben, diesmal habe ich bei Deiner Kritik schallend gelacht, aber wohl nur, weil es immer wieder spannend ist, wie etwas von anderen gelesen wird. Man kann durchaus Deine Interpretation des Werkes so stehen lassen, betrachtet man es allein, obwohl ich zugeben muß, daß es nur in Verbindung mit "Morgengrauen" und "Abenddämmerung" eventuell einen Sinn ergibt.
    Der zum Anfang hin gebeugte Schluß entstand erstens durch meine Angewohnheit immer zuerst den ersten und letzten Satz einer Geschichte im Kopf zu haben und diesmal offenbarte sich mir nur ein einziger. Außerdem paßte das wunderbar zu meiner Intention Ruhe und vielleicht auch etwas Stillstand im Geschehen vermitteln zu wollen.
    Was alle anderen Deiner Vermutungen angeht. Nun da will ich nicht zuviel entschlüsseln, ich hoffe, Du verzeihst

    Danke für Deine Kritik
    gott

  4. #4
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    Hallo groper!

    Endlich mal jemand, der mich zerreißt. Hatte schon befürchtet, das würde nie passieren
    Tatsächlich ist die Geschichte zugepflastert mit Phrasen und auch wenn das vielleicht nicht gerade zum Lesevergnügen des Lesers beirägt, ist es durchaus beabsichtigt. Denn das lyr. Ich ist schlicht und einfach nicht in der Lage seine wirren Gedanken in klare Worte zu fassen, so muß es auf hohle Phrasen zurückgreifen, um sich überhaupt noch artikulieren zu können.
    vielen Dank für Deine Kritik
    alles liebe
    gott

  5. #5
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    Mag sein, groper, mag sein. Nur kann und will ich mein Stückchen nicht vom Rest losgelöst lesen. Es steht zwat allein, ist aber in Wahrheit eine Fortsetzung von "Morgengrauen" und "Abenddämmerung". Ohne diese beiden Vorgänger ist der Wandel in den Gedanken des Protagonisten kaum zu erkennen, auch nicht die stückweise Zersetzung der Phrasen die Du bemängelst.
    Allein ist dieses Stück vielleicht Müll (wenn auch in schöner Sprache, danke!), aber ich sehe es nun mal nicht als für sich selbst sprechend. Mag verwirren, läßt sich aber schlecht ändern.
    Zumindest glaub ich herausgelesen zu haben, was Dir dennoch gefallen hat. Das nehm ich gerne als Denkanstoß.

    gott

  6. #6
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    ahh, jetzt kapier ich was du meinst.
    das sind auch stücke von dir, soso.

    nein, also ich finde wie gesagt die sprache gut und passend zum verwirrten kleinen kerl dort in der geschichte. nett zu lesen, wenn mich auch langsam "Die Phrasen werden bunter." ziemlich nervt. naja, ich schaue einfach mal weg. hilft bestimmt.
    Würfelspieler

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