1.Kurzgeschichte von Viktoria von Neubeck

Die Brücke

Sie wusste genau, wieso sie noch mal genau den Himmel anschaute, als sie über diese Brücke mit dem blauen Audi fuhren. Sie hatte schon von Kind an Angst vor solchen Brücken. Diese war anders, sie war viel länger und es ging tief hinunter. Im Auto war es still, niemand wagte es auch nur ein Wort zu sagen. Man spürte die Konzentration des Fahrers und die Anspannung genau. Die schweren Tropfen die auf den reißenden Fluss prasselten klagen wie Bomben und das Mädchen dachte sich nur, wieso kann man sich vor solchen täglichen Situationen so fürchten. Es war jeden Tag so, sie sind jeden Tag über diese Brücke gefahren. Doch diesmal wussten sie es genau.
Die Familie hatte schon fast den halben Weg erreicht, als sie ein lautes krachen hörten und ein unterer Stützbalken, der tief im Wasser versenkt war, brach. Die Brücke war noch fest und sie konnten noch fahren. Der Mann drückte aufs Gaspedal und sie fuhren so schnell sie konnten. Die ältere Schwester des Mädchens schrie und sie konnte sie nicht beruhigen. Die kleine atmete tief durch und sie roch bereits das stinkende, braune Fischwasser. Und da geschah es, die seitlichen Teile der Brücke fielen in die braune Suppe und die letzte Stütze ging in zwei. Das Auto verlor an halt und stürzte in die Tiefe. Es geschah alles so langsam und man konnte genau beobachten wie neben dem Auto noch andere Teile der Brücke flogen. Jetzt war es endlich so weit, sie knallten auf und die erhoffte Erlösung von allen schnell und ohne schmerzen zu sterben war nicht eingetroffen. Die vordere Scheibe war zersprengt, und es strömte immer schneller Wasser in die Karosserie. Alle drei Personen versuchten sich vom Gurt los zu reißen. Das Mädchen hatte sich befreit und suchte verzweifelt nach dem Türöffner, der schon von dem Wasser überströmt war. Sie sah, dass ihre Schwester bereits draußen war und ihr schoss das harte Wasser, dass durch die offene Tür hereinströmte ins Gesicht. Endlich hatte sie es geschafft. Sie holte noch mal Luft und öffnete dann. Sie Schwamm zur Vordertür und versuchte sie zu öffnen. Mit aller Kraft stemmte sie sich ran und zog. Jetzt endlich! Sie nahm ihren Vater an der Hand und zog ihn hinaus. Mit brennenden Augen sah sie sich verzweifelt nach ihrer Schwester um aber erblickte sie nicht, dann fing sie an mit ihren Füßen zu paddeln und streckte ihren Arm nach oben, der Mann war schwer und er zog sie immer weiter nach unten. Sie hatte noch kaum Luft und hörte ihr Herz immer langsamer pochen. Beide hofften auf Rettung, ihr Vater wurde ohnmächtig und sie sanken immer weiter in die Tiefe. Auf einmal erblickte sie ein Licht, es leuchtete hell durch die dunkle Wand aus Staub und kleinen Gesteinsbrocken. Und da fasste jemand nach ihrer Hand, die warm und weich war und beide nach oben zog. Langsam kamen sie der Oberfläche näher und näher. Und das Mädchen schloss die Augen um den Augenblick der Ruhe zu genießen und die warme Hand zu halten die beruhigte.
Als sie sie wieder öffnete lag sie am Ufer in einer Decke vom Rettungsdienst eingewickelt und ihre Familie strahlte ihr entgegen. Sie fragte verzweifelt, wer sie denn gerettet hätte, aber niemand wusste die Antwort.

ENDE