Hier stand er nun und starrte in die Tiefe. Irgendwo dort unten hinter all dem Nebel und der unbeschreiblichen Dunkelheit musste der Boden sein. Eine Stimme in ihm fragte wieso er eigentlich hier war. Dies war ein Ort, den nur wenige Menschen jemals zu Gesicht bekamen und das war auch gut so. Aus der Tiefe schlug ihm Kälte und der Geruch von Moder entgegen. Er machte einen unsicheren Schritt zurück und setzte sich. Seine Beine hingen über dem Abgrund und schlugen gegen harten, feuchten Stein. Fast liebevoll strich er über das armdicke Seil, das seine Taille umschlang und hinter ihm mit einem Pflock fest im Boden verankert war. An manchen Stellen schien es porös zu sein, aber es hielt. Wenn ihm nun jemand ins Gesicht blicken könnte würde er über seine leeren Augen erschrecken. Vor kurzem erst hatte er einen Bericht gesehen in dem über den Abgrund der Seele die Rede gewesen war. War dies sein ganz persönlicher Abgrund? Wie sah der Abgrund bei anderen Menschen....Lebewesen aus? Seltsamerweise fühlte er eine Leere und Dunkelheit in sich, die der Tiefe dieses Abgrundes entsprach. Vielleicht stimmte es ja und er stand vor seiner Seele. Ihm fiel sein erster Besuch hier ein. Damals hatte er vor einem ca 2 Meter tiefen Loch, nein, eher einer Grube gestanden und nun.... Wie war er überhaupt hierher gekommen? Diese Frage beschäftigte ihn schon eine Weile. Er erinnerte sich, dass er keine Zukunft mehr gesehen hatte und deprimiert vor sich hin lebte. Blind und taub für die Gesellschaft. Auf einmal war er an diesem Ort gewesen und jedes mal wenn er wieder keine Zukunft sah landete er erneut hier und das Loch war wieder ein wenig tiefer. Seit jener Zeit hatte er viel erlebt und ertragen. Er war auf geheimnisvolle Weise mit den Energien der Natur verschmolzen und fühlte ihr Leid und ihre Freude. Er spürte das Elend jedes einzelnen Lebewesen ob hier oder anderswo und vermochte es nur schwer diese Empfindungen von seinen eigenen zu trennen um etwas Ruhe zu finden. Eine Stimme in ihm drinnen sagte ihm er müsse etwas gegen dieses Unrecht auf der Welt tun....einer müsse den Anfang machen....aber wieso gerade er? Je fester sich der Ring um ihn zuzog, desto mehr geriet er in Bedrängnis und der Abgrund vertiefte sich. Was hatte der Mann in dem Bericht gesagt? Wer zu lange in den Abgrund sah würde selbst zu einem werden? Das war er schon. Ein richtiger Trost war es ihm nicht gerade, dass er nicht der einzige war, der an diesen Ort geführt wurde. Die meisten, die dies erlebten waren darüber verrückt geworden, gestorben oder hatten schlimme Dinge getan. Manchmal kam ihm in den Sinn, dass eventuell die bekannten Propheten ebenfalls hier gestanden hatten, aber sie waren im Gegensatz zu ihm stark genug dem Wunsch nach dem freien Fall zu widerstehen oder konnten ihn für sich einsetzen. Der freie Fall...., der letzte Kick in seinem Leben. Wie oft war er schon gesprungen und hatte jenes oft von den Verrückten beschriebene Gefühl der Freiheit und Unabhängigkeit gespürt. Es wurde einem schlagartig alles klar. Es gab keine Geheimnisse mehr wenn man gesprungen war. Ein Glücksrausch, der das rationale Denken schärfte und die Realität ausschaltete. Aber wenn das Seil ihn abfing und langsam wieder nach oben zog war es unsagbares Leiden. Halb in der Realität und halb in dieser Welt, außerhalb der Welten, war der Geist nicht fähig am normalen Alltag teilzunehmen und dümpelte schreckliche Wochen von Angstgefühlen und Halluzinationen der anderen Welt geplagt, vor sich hin. Beide Welten vermischten sich dann und machten es unmöglich sich zu konzentrieren und einen geraden Weg zu finden. Das Gehirn kam damit nicht zurecht und der Körper wehrte sich mit Schmerzen, Übelkeit und Schwindel. Eigentlich war der Kick des Sprunges das Elend danach nicht wert, aber immer wenn er konnte sprang er erneut. Das gefährliche daran war, dass mit jedem weiteren Sprung das Verlangen nach dem Entgültigen in ihm stärker wurde und das würde unweigerlich das Ende jeglicher sozialer und humaner Einschränkungen, ethischer Grenzen, bedeuten. Er würde sein Gewissen verlieren und nur seinen inneren Trieben folgen ohne sie kontrollieren zu können. Sicherlich, sein Denken wäre glasklar und sein Wissen unendlich, ein Genie für Außenstehende, aber er würde nicht mehr der Herr über sich selbst sein. Tief in seinem Innern wusste er, dass eines Tages genau dieser Tag kommen würde, wenn er nicht beizeiten etwas dagegen unternahm. Wahrscheinlich wäre es schon eine Hilfe mit jemandem darüber zu sprechen, aber dieser Schritt bedeutete eine Bloßstellung seiner selbst vor der Öffentlichkeit. Niemand sollte wissen wie es in ihm aussah, was er hörte, fühlte, sah. Es war mehr als andere Menschen jemals erfahren würden und auf eine gewisse Weise eine Gabe; wenn auch eine mit möglichen schweren seelischen Folgen und für Unwissende nicht zu verstehen. Er blickte an sich herab und betrachtete das Messer in seiner Hand. Es war scharf das wusste er. Eine einzige Bewegung und er wäre endlich am Ziel... Oder war das nur alles Illusion? Saß er vielleicht in seinem Lieblingsfernsehsessel mit einem Bier in der einen und der Fernbedienung in der anderen Hand... Unschlüssig drehte er das Messer und warf es schließlich in den Abgrund. Er wartete auf das Klirren,d as es machen musste wenn es unten aufschlug, aber es kam nicht. Im Nebel glaubte er die Gesichter seiner Familie sehen zu können. Sie weinten und konnten nicht verstehen warum er hier war und was mit ihm los war. Seine Familie.....sie ahnte nicht einmal was in seinen Gedanken vor sich ging. Nach außen hin vollkommen normal und in die Gesellschaft eingegliedert erscheinend ahnte niemand von dem drohenden Unheil. Dieser Gedanke und die Überzeugung noch eine Aufgabe auf Erden zu haben gab ihm jedes mal den heilsamen Antrieb wieder zurückzukehren. Ganz egal was andere Menschen taten, wie ihr Abgrund aussah, im Endeffekt standen sie alle hier und kämpften gegen etwas, das sie nicht verstanden und wahrscheinlich auch niemals verstehen konnten und dürften. Das letzte Mal war er gegangen ohne zu springen, doch diesmal gewann der innere Drang wieder. Langsam stand er auf, breitete die Arme aus, schloss die Augen und sprang.....