Thema: Nachtflug

  1. #1
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    Nachtflug

    Vor dem Fenster, an dem mein Schreibtisch steht, ist es Nacht. Zum ersten Mal fällt mir auf, dass Einbahnstraßen nur auf einer Seite beleuchtet werden. In meiner Straße ist das die gegenüberliegende Seite, die mit den geraden Hausnummern. Dafür gibt es auf meiner Seite mehr Bäume – geliebte Linden. Das Licht der Laterne gegenüber meines Fensters fällt fahl in den Raum, immer in der leisen Hoffnung, vielleicht doch ein Quäntchen Trostlosigkeit in mein Zuhause zu gießen. So ziehe ich gegen die Laterne ins Feld. Meine Geschütze: Zigaretten, Johanniskrauttee auf warm leuchtendem Stövchen, Singapore-Patchouli-Rauch, „…am Himmel zogen wilde Wolken, …“. Papier, mein Stift und ich, wir haben das Kommando heute Nacht. Es ist schließlich auch nicht irgendein Laternenpfahl. Zugegeben, vor einigen Wochen noch habe ich ihn kaum bis gar nicht beachtet. Da war, was vor meinem Fenster geschah, nicht von Belang. Denn du warst da, und nicht draußen, du warst hier, bei mir, in meiner Wohnung. Trotzdem – zu dieser Zeit erhielt der Laternenpfahl seine Bedeutung. Der Fahrradständer vor meiner Haustür war dir zu unsicher für dein Rad. Der Laternenpfahl erschien dir als würdiger Wächter. Du hast dein Rad immer auf der anderen Seite der Straße an die Laterne angeschlossen. Heute frage ich mich ab und an, ob das vielleicht ein Zeichen war, für die Distanz, die mittlerweile zwischen mir und dir entstanden ist. Doch ich verwerfe diesen Gedanken alsbald. Du hattest wahrscheinlich Recht: Der Laternenpfahl hat dein Rad immer unversehrt durch die Nacht gebracht. Jeden Morgen, wenn du und ich wieder getrennte Wege gehen mußten, stand es dort, in sich ruhend, und wartete auf dich. Warten. Ich habe nicht auf dich gewartet. Du kamst einfach und ich ließ dich herein. Aber ich hatte dich erwartet. Nachdem meine Tür hinter dir ins Schloß gefallen war, begann dein Rad zu warten – die ganze Nacht bis zum Morgen. Warum ich erst heute an dein wartendes Rad denke? Wenn du bei mir warst, gab es nichts anderes zu denken, als… eigentlich gab es gar nichts zu denken. Ich konnte gar nichts denken. Wie der Laternenpfahl dein Rad, so hast du mich durch die Nacht gebracht. Es waren einige sehr wilde, leidenschaftliche Oktobernächte, viele liebevolle Novembernächte und eine, vielleicht noch eine zweite nahe Dezembernacht. Du hast mich fliegen gemacht in diesen Nächten. Deine Samthaut entblößt vor mir, unter, über, hinter mir. Ich wurde deine Fliegerin. Du fühltest dich leichtfüßig, öffnetest mir die Pforten in deine Welt. Wir waren besessen voneinander. Irgendwann gingen wir auf gemeinsame Flüge, hoch und weit. Trotzdem blieb dein Rad immer auf der anderen Seite der Straße, wie auch der Laternenpfahl dort seinen Platz hat. Ich war eine gute Fliegerin, eine sichere Fliegerin. Auch wenn Windböen für Turbulenzen sorgten, ich hielt den Kurs. Bis eines Tages ein Orkan aufkam. Zunächst vernahm ich lediglich ein Rauschen in den Zweigen, bald jedoch wehte ein kalter Wind mich wie Herbstlaub vor sich her. Da spürte ich, dass dies der letzte Flug sein würde. Am Himmel zogen wilde Wolken…
    Du bist fort, wir schreiben bereits Januar. Der Orkan war von mächtiger Gewalt, er hat dich mit sich fortgetragen. Du hast dich forttragen lassen. Du erklärst mir, er wäre lange vor mir schon dagewesen und habe dich lediglich zurückgeholt.
    Ein Laternenpfahl auf der anderen Straßenseite mag kein schlechter Wächter sein. Mein Rad steht seit September unangetastet im Ständer vor dem Haus. Unversehrt, vollständig, komplett.
    So fing ich an, doch auf dich zu warten.
    ++++++++++++++++++++
    Die Fliegerin

  2. #2
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    12

    Cool

    Hi Fliegerin!
    Nachtflug gefällt mir sehr! ich kenn die storie irgendwoher! ich weiß bloß noch nicht genau woher
    Ruf mich mal wieder an...

    Zipp
    Andre Purat

  3. #3
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    Hallo Fliegerin ich verstehe Deine worte leider nicht ich habe nur meine Gefühle zur Papier gebracht die sollen aussagen das ich keine Träume mehr habe da man sie doch nicht verwirklichen kann.Das andere habe ich glaub ich verstanden,ich schreibe nicht zu schnel ich habe nur eine Rechtschreib schweche leider.Ich bedanke mich für Deine worte.Tschau sagt Maus !!!
    Maus

  4. #4
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    1.031
    hallo fliegerin,
    es ist jetzt zwar schon ein weilchen her, dass du deine geschichte niedergeschrieben hast - doch ich bin erst jetzt zum forum gestossen.
    ich habe deine geschichte sehr gut gefunden: den inhalt und die erzählweise, deine worte...!!!
    alles liebe,
    schatzkammer

  5. #5
    Registriert seit
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    1.201
    hallo!

    habe deine geschichte gerade entdeckt...und sie gefällt mir sehr gut..sie hat etwas trauriges ansich...und doch ist ein fünkchen hoffnung dabei.....

    wirklich toll geschrieben

    alles liebe,
    sternentraum
    Stir of time, the sequence
    returning upon itself, branching a new way. To suffer pain, hope.
    The attention
    lives in it as a poem lives or a song
    going under the skin of memory.

    "Heavy" by Denise Levertov

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