4. Kapitel

Das Menschenhaus

Die Feldmaeuse waren schon wieder da, als ich zurueckkehrte. Sie hatten nichts aufregendes entdeckt. In suedlicher Richtung erstreckte sich weiterhin der Bach und das musste ja auch so sein, denn wir waren ihm ja schon auf der anderen Seite gefolgt und er verlief relativ gerade und gleichmaessig soweit wir gegangen waren. Aus dem Norden waren wir gekommen, dieses Gelaende war also bekannt. Genau im Osten verlief die Mauer und das Haus und im Suedosten hatte Berthold nur eine Wiese gesehen und die Entfernung war ihm zu gross gewesen, um ueber die Wiese hinaus zu forschen.
Ich erzaehlte Ihnen dann, was ich bei meinem Erkundungsgang erlebt hatte. Als ich zu der Stelle mit dem Hund und dem Menschen kam wurde ihnen Angst und Bange und sie baten mich, doch endlich umzukehren. Sie hatten Angst, dass der Hund meine Spur zum Lager zurueckverfolgen koennte und fuehlten sich ueberhaupt nicht mehr sicher.

Gut, wenn ihr unbedingt gehen wollt, dann geht!
Aber wir sind jetzt schon so weit gekommen. Ich fuer meinen Teil denke ueberhaupt nicht daran aufzugeben. Ich werde versuchen das Haus etwas naeher zu erkunden. Vielleicht finde ich ja den Bau irgendwo im Haus."

Im Haus? Du willst doch nicht etwa allen Ernstes in das Haus hineingehen? Bist du verrueckt? Was ist, wenn es dort eine Katze gibt? Und erst der Hund. Wer sagt dir, dass der nicht auch in dem Haus ist? Du bist so gut wie tot, wenn du das tust!", sagte Alfons erregt.

Ich schaute trotzig zu Boden.

Du bist nicht von deiner Meinung abzubringen, nicht wahr?", sagte Berthold.

Nein, ich gehe!", antwortete ich verbissen.

Du bist ein Narr. Doch wir koennen dich nicht alleine gehen lassen, denn der aelteste hat uns gesagt wir sollen dich beschuetzen und dir helfen. Was sollen wir denn zu Hause erzaehlen, wenn wir dich nicht heil und gesund wieder mitbringen?"

Schliesslich liessen sie es sein auf mich einzureden und fanden sich mit meinem Dickkopf ab. Wir bereiteten uns also auf das Unternehmen Haus" so gut vor, wie es ging und brachen am fruehen Nachmittag in Richtung der Kuppe auf.
Dort angekommen sondierten wir erst einmal die Lage und ueberlegten, wie wir uns am besten der Tuer naehern sollten. Ich schlug vor, die Deckung der Mauer zu nutzen und direkt an ihrem Fusse zu gehen, auch wenn der Weg dadurch etwas laenger sein wuerde. So geschah es dann auch. Wir erreichten ohne entdeckt zu werden die Tuer in der Mauer und mussten feststellen, dass sie geschlossen war. Wir suchten andere Moeglichkeiten, um an der Mauer vorbeizukommen, wie zum Beispiel einen Durchschlupf, aber wir fanden nichts, dass fuer eine Maus gross genug gewesen waere. Jetzt konnten wir nur noch warten. Also suchten wir uns einen kleinen Unterschlupf, damit wir nicht so ohne weiteres von einem Menschen oder gar einem Hund ueberrascht werden konnten.

Da sassen wir nun und es geschah absolut nichts. Die Voegel erzaehlten sich gegenseitig Geschichten und wir hockten da und versuchten uns ein wenig zu sonnen, ohne unsere Deckung zu verlassen. Das klappte natuerlich nicht besonders gut.

Unsere Geduld wurde auf eine harte Probe gestellt, denn fuenf Stunden lang warteten wir nun schon und die beiden Feldmaeuse wollten vor der Dunkelheit umkehren.
Doch das Schicksal half mir, denn die lang erhoffte Chance bot sich uns nun doch noch. Aus der Ferne hoerten wir ploetzlich Stimmen und das Trappeln von Hundefuessen. Es dauerte auch nicht lange, bis ein Mensch mit zwei grossen Hunden in Sichtweite kam und direkt auf das Tor zusteuerte.
Jetzt kam das eigentliche Problem. Wie sollten wir zusammen mit den Hunden und dem Menschen durch die Tuer schluepfen? Die Hunde wuerden uns mit Sicherheit wittern. An alles hatte ich gedacht, nur nicht an die Moeglichkeit, dass der Mensch von aussen kommen koennte. Warum sollte er das Tor auflassen, wenn er doch zurueckkehrte?

Doch der Maeusegott meinte es wiederum gut mit uns: Der Mensch und die Hunde verschwanden durch die Tuer und der Mensch machte die Tuer nicht richtig hinter sich zu. Manchmal muss man halt einfach nur Glueck haben im Leben!

Nach einer angemessenen Frist nahmen wir all unseren Mut zusammen und schluepften durch den Tuerspalt in den Garten. Betoerende Gerueche erwarteten uns. Das schwere Parfuem von Rosen und der Duft von frisch gemaehten Gras erfuellte den Garten und betaeubte die Sinne.
Wir suchten uns erst einmal einen Unterschlupf, um den Garten nach Gefahren abzusuchen. Unser Ziel war das Haus und unser Problem war der lange Weg ohne Deckung, der dorthin fuehrte. Die Alternative war, sich durch den Dschungel zu beiden Seiten des Weges durchzukaempfen.

Berthold sagte: Ich bin dafuer den Weg zu benutzen. Es geht am schnellsten und die Gefahr entdeckt zu werden, ist so wahrscheinlich doch geringer, als wenn wir uns mit viel Laerm durch das Gestruepp da schlagen."

Ich aber war anderer Meinung. Der schnellste Weg ist nicht immer der sicherste und darum war ich dafuer es mit dem Dschungel zu versuchen. Doch diesmal hatte ich die Rechnung ohne den Wirt gemacht. Denn die beiden Feldmaeuse meuterten! Sie gaben mir mit Nachdruck zu verstehen, dass sie absolut keine Lust mehr auf dieses Unternehmen haetten. Sie wuerden sofort umkehren, wenn wir nicht auf der Stelle den Weg benutzten und die Sache endlich hinter uns braechten. Entgegen einer dunklen Ahnung gab ich nach. Wir warteten einen guenstigen Moment ab und dann liefen wir so schnell wir konnten auf das Haus zu. Vor dem Hintereingang lag eine Terrasse und sie war durch eine Stufe von dem Rest des Gartens getrennt. Unterhalb dieser Stufe trafen wir uns wieder und hielten erst einmal den Atem an. Keiner wagte sich aufzurichten und auf die Terrasse zu lugen, denn das Herz pochte vor Angst und die Barthaare klebten vor Angstschweiss.
So sassen wir erst einmal dort fest und harrten der schrecklichen Dinge die da kommen wuerden. Doch nichts, rein gar nichts geschah.
Im Nachhinein wundere ich mich immer wieder, dass wir uns fuer so auffallend hielten. Denn so kleine Maeuse sind fuer einen Menschen bestimmt nicht so einfach zu bemerken, wenn sie nicht allzuviel Laerm machen. Doch in seiner Vorstellung macht man sich die Gefahren immer groesser als sie sind. Und so sahen wir uns selbst eher als Riesenmaeuse, die man unmoeglich uebersehen koennte. Mit riesigen langen Schwaenzen, die einen ohrenbetaeubenden Laerm machen, wenn sie ueber den Boden streifen!

Eine der anwesenden kleinen Maeuse schnitt eine Grimasse und zeigte den Maeusen aus seiner Clique, wie gross er sich den Umfang dieser Riesenschwaenze vorstellte. Die kleinen Maeuse kicherten vor Vergnuegen und Oscar schaute etwas irritiert in das Halbdunkle des Saales.

Lacht nur, fuer uns war das gar nicht so lustig!
Schliesslich jedoch fasste ich wieder Mut und sprang mit einem Satz die Stufe hoch und lief im Zickzack auf die Terrassentuer zu. Sie stand einen Spalt offen. Ich drehte mich um und winkte den Feldmaeusen zu damit sie hinterherkaemen. In diesem Augenblick sah ich, wie eine grosse dicke schwarze Katze sich von der anderen Seite der Terrasse naeherte und auf die Terrassentuer zusteuerte. Ich war wie gelaehmt vor Entsetzen. Die Feldmaeuse hatten die Katze noch gar nicht bemerkt und lugten unentschlossen zu mir rueber. In diesem Augenblick entdeckte die Katze sie und das fette und lahm wirkende Tier verwandelte sich in ein Monster mit grossen Zaehnen und einer Geschwindigkeit und Leichtigkeit, die man ihm nie zugetraut haette. Die Feldmaeuse hoerten die Gefahr, bevor sie sie sahen und zerstoben in zwei Richtungen mit den fuer Maeuse so typischen Reflexbewegungen. Die Katze wurde dadurch etwas verwirrt. Offensichtlich konnte sie sich nicht direkt entscheiden welcher Maus sie zuerst folgen sollte. Doch einige 100tel Sekunden spaeter entschied sie sich fuer Berthold, der quer ueber die Terrasse auf mich zukam. Ich sah gehetzt nach rechts und links und suchte einen Ausweg. Doch der einzige Fluchtweg, der uebrigblieb, fuehrte durch den Spalt der Terrassentuer ins Haus.

Ich weiss aus der Erzaehlung von Alfons, dass das nun folgende sehr lustig ausgesehen haben muss: Ich schluepfte kurz vor Berthold durch den Spalt und schwenkte sofort nach links um die Ecke und rannte an der Hauswand entlang bis in die Ecke des Zimmers. Dort stand ein riesiges Stueck Holz, das unten drunter hohl war. Darunter versteckte ich mich und schaute mich um. Direkt hinter mir kam Berthold und hoppelte auf mich zu. Er war kreidebleich und schwer ausser Atem.

Und die Katze?
Tja, so ungerecht ist die Natur. Sie war mit voller Wucht - Krallen zuerst - gegen die Terrassentuer geknallt und schrie vor Wut, dass sie nicht durch den Spalt passte. Derweil hatte sich Alfons natuerlich laengst durch den Garten abgesetzt und war letztendlich wieder zum Feld der Feldmaeuse zurueckgekehrt.

Hier sassen wir denn nun in unserem Schlupfwinkel und erst jetzt wurde mir bewusst: Wir waren gefangen. Gefangen in diesem riesigen Haus. Einen Weg zurueck gab es nicht. Ganz im Gegenteil mussten wir damit rechnen, dass die Katze irgendwann ins Haus gelassen wuerde und dann hatten wir den Feind im Nacken. Und das auch noch in der uns unbekannten Gegend!
Ich schaute Berthold an und sagte: Wir muessen hier weg und einen anderen Weg raus aus diesem Haus finden, sonst sind wir verloren."

Berthold nickte nur mit dem Kopf.
Das Unternehmen Haus" entwickelte sich langsam aber sicher zu einer Horrorstory.

Und wir konnten nichts dagegen unternehmen.

5. Kapitel

Die Unterwelt

So ein Menschenbau ist riesig fuer eine kleine Maus. Die Hoehlendecke ist unbeschreiblich hoch und in manchen Teilen gehen abends, wenn draussen die grosse Sonne untergeht, kleine Sonnen an, die den Bau ueberall erhellen.
Das Haus, in dem wir uns jetzt befanden hatte einen Boden aus Holz auf dem es sich gut lief. Und ueberall waren Fenster durch die man nach draussen sehen konnte. Sie gingen bis zur Erde herunter, so dass selbst so kleine Maeuse noch das Gefuehl hatten draussen zu sitzen.

Ich ueberlegte, ob wir die Katze nicht noch ein wenig aergern sollten, indem wir vor ihrer Nase hin- und herspazierten. Doch ich verwarf den Gedanken schnell. Zu riskant. Obwohl es sicher lustig gewesen waere! Doch wir hatten keine Musse, um uns an den Wundern der menschlichen Behausung zu erfreuen. Zu tief sass uns die Angst im Nacken entdeckt zu werden. Ich ueberlegte unser naechstes Vorgehen genau. Wenn wir uns trennen wuerden, waere das gar nicht gut, denn wahrscheinlich kaemen wir dann nie zusammen aus dem Haus heraus. Nein, wir beschlossen zusammen zu bleiben und auf Erkundung zu gehen, solange die Katze nicht hinter uns her konnte. Irgendwie wuerde sich da schon ein Weg finden.

Zuerst einmal nahmen wir uns die naehere Umgebung vor.
Der grosse Raum mit der Terrassentuer war wohl so eine Art Hoehle, von dem wieder andere Tueren in andere Hoehlen abgingen. Das merkten wir schnell, als wir uns an der Wand entlang auf die Suche nach einer Fluchtmoeglichkeit machten. Doch leider waren alle Tueren bis auf eine geschlossen. Durch diese Tuer gelang man in einen laenglichen Gang, von dem aus wieder andere Hoehlen abgingen. Aber wohlgemerkt: Was ich jetzt als Gang bezeichnet habe, war in Wirklichkeit so lang und gross, dass man die Decke nur noch ganz schwach in schwindelerregender Hoehe sehen konnte. Wir haben alle Raeume durchsucht, in die wir reinkonnten und viele seltsame und wundersame Dinge gefunden. Nur einen Fluchtweg fuer uns, den fanden wir nicht.
Schliesslich gaben wir es auf und liefen zurueck zu unserem Startpunkt. Dort sassen wir und konnten immer noch die Katze hoeren, die hin und wieder eine Pfote durch den Tuerspalt zwang. Als wenn es ihr etwas genutzt haette. Von uns aus konnte sie da sitzen, bis sie schwarz wurde.
Doch wir hatten die Rechnung ohne den Wirt gemacht.
Urploetzlich ging eine Tuer auf und ein Mensch kam herein. Wir fluechteten so schnell es ging wieder unter unseren Schrank. Dort sassen wir nun und schwitzten Blut und Wasser vor Angst.
Der Mensch ging durch den Raum und schien die Katze an der Terrassentuer noch nicht bemerkt zu haben. Das war unsere Chance. Jetzt oder nie", dachte ich mir und stiess Berthold mit der Pfote an: Die Tuer, durch die der Mensch gekommen war, stand noch einen Spalt offen. Gerade genug fuer kleine Maeuse.
In diesem Moment fing die Katze draussen jaemmerlich an zu quieken. Offensichtlich hatte auch sie den Menschen bemerkt und sah jetzt eine Chance es uns heimzuzahlen. Tatsaechlich drehte der Mensch sich um und ging auf die Tuer zu, um das Monster hereinzulassen. Ich sah alle unsere Felle schwimmen.
Wir rannten was die Beine hergaben und ich kann euch sagen: Es war denkbar knapp. Der Weg zur Tuer schien mir endlos zu sein. Berthold war schneller und schluepfte als erster durch den Spalt. Ich folgte unmittelbar darauf und konnte im Augenwinkel noch sehen, wie die Katze wutentbrannt hinter uns hersauste. Nur vorwaerts! Wir stuerzten mehr als wir liefen eine Treppe herunter - die Katze hinterher. Wir rannten einen Kiesweg entlang - das Untier hing uns im Nacken und holte auf. Vor uns sahen wir ploetzlich eine Strasse. Wir folgten ihr nach links - die Katze hetzte hinterher.

Unsere Rettung verdanken wir nur einem Zufall. Ploetzlich tauchten vor uns mehrere laengliche Loecher im Boden auf. Wir konnten nicht mehr bremsen, selbst wenn wir es gewollt haetten. Wir stuerzten Hals ueber Kopf hinein und in die Dunkelheit. Wir fielen ein Stueck und landeten in alten und vermoderten Blaettern. ueber uns sahen wir, wie die Katze ihre Pfote durch das Gitter schob und die Krallen blitzten im Licht, das von oben ein wenig hereinschimmerte.

Wir sassen wieder einmal in der Falle. ueber uns sass die Katze und wir sassen fest an einem furchtbaren Ort voller Moder und Feuchtigkeit. Und:
Nichts stinkt mehr als ein menschlicher Abwasserkanal, das kann ich euch sagen!

Die Maeuse schuettelten sich vor Entsetzen. Jeder malte sich fuer sich den schlimmsten Gestank aus, den er kannte und versuchte sich etwas noch Schlimmeres vorzustellen. Doch die alte Maus liess sich die Spannung nicht nehmen und fuhr fort:
Da sassen wir also nun. Es ging weder vor, noch zurueck. Berthold begann in den Blaettern zu wuehlen. Wir standen in einem Sumpf aus Blaettern, Moder und Schlamm.

Scheisse", sagte Berthold und gab das Wuehlen auf.

Was sollte ich dazu sagen: Es gab keine treffendere Beschreibung unserer Situation.

Wir hockten uns hin und versuchten uns von dem fiesen Geruch abzulenken. Wir unterhielten uns ueber Kaese und andere schoene Dinge, waehrend oben ueber uns die Katze uns wahrscheinlich schon in Gedanken verspeiste.

Doch es sollte alles anders werden.
Mitten im Gespraech bemerkte ich ein kratzendes Geraeusch unter uns. Unter uns? Was konnte denn noch unter uns sein?
Aus dem Kratzen wurde ein regelrechtes Wuehlen und die Erde auf der wir standen, begann zu wanken. Wir waren viel zu ueberrascht, um uns zu fuerchten. Ploetzlich teilte sich der Morast unter uns und eine lange Nase schob sich durch das Loch. Sie erinnerte mich im ersten Moment an eine Maeusenase, aber sie war dafuer viel zu gross.

Hi!", sagte der Mund, der zu der Nase gehoerte.

Es war eine Ratte!
Und was fuer ein Exemplar! Sie hatte tiefschwarze Augen und dunkle und buschige Augenbrauen. Den Rest konnte man in dem Moment noch nicht sehen.
Wir waren etwas verdattert und antworteten nicht.

Haben kleine Maeuse keinen Mund? Ihr seid doch Maeuse, oder?"

Klar sind wir Maeuse", antwortete ich.

Na, dann seid willkommen in der Villa Tiefenbach. Seid meine Gaeste. Ihr haettet aber wirklich auch vorne reinkommen koennen. Der Hintereingang ist eigentlich fuer Gaeste viel zu schade."

Sie murmelte noch etwas in ihren Bart und verschwand dann nach unten. Berthold sah mich mit grossen Augen an.

Meinst du wirklich, wir sollten da runter gehen?", fragte er.
Wir haben keine Wahl, oder?", antwortete ich.

Wo bleibt ihr denn?", rief die Ratte von unten.

Also sprang ich durch das Loch in die Unterwelt. Berthold sprang hinterher.
Wir landeten in einer ueblen Bruehe. Wir waren in einem Rohr, das im Moment wenig Wasser fuehrte. Man konnte am Rand gehen ohne nasse Fuesse zu bekommen. Die Ratte fuellte fast den ganzen Rohrdurchmesser aus. Jetzt konnten wir erst sehen, wie gross sie war. Eine riesige Ratte. Ich glaube sie haette uns mit einem Bissen verspeisen koennen. Aber das haette sie dann bestimmt schon laengst gemacht, wenn sie gewollt haette.

Kommt mit, ich fuehre ich zu meiner bescheidenen Unterkunft."

Die Ratte lief los und wir trippelten hinterher.

uebrigens, ich heisse Ronald. Ronald von Tiefenbach. Aber ihr koennt ruhig Ronnie zu mir sagen."

Das ist Berthold und ich bin Oscar", sagte ich.

Du bist eine komische Maus, Oscar. Du bist keine Feldmaus, nicht wahr?"

Nein, ich bin eine Wuestenrennmaus. Sagte jedenfalls immer mein Onkel zu mir."

Wie auch immer, wir sind da!", sagte Ronnie und schwenkte um die Ecke.

Vor uns oeffnete sich ein Kanal von ueberwaeltigender Groesse. Es war mehr eine Halle, als ein Kanal. Unten floss ein dunkler Fluss in einem Bett aus Stein und an seiner Seite waren stufenfoermige Absaetze in unterschiedlichen Ebenen.

Wenn Hochwasser ist, dann kann man gerade noch auf der obersten Stufe laufen.", sagte Ronnie.

Auf der anderen Seite lief eine andere Ratte.

Gruess dich Ernst. An dem Eingang an der Strasse sitzt wieder die fette Katze rum!", rief Ronnie rueber.

Die lernt es auch nicht mehr!", kam die Antwort von drueben.

Wir liefen weiter und schwenkten dann nach rechts in ein kleines Rohr ein. Das Rohr war an der einen Seite nicht mehr in Ordnung und die Ratte hatte eine Hoehle in den Boden gegraben. Alles war irgendwie etwas provisorisch und nicht so sauber, wie das bei uns Maeusen ueblich ist.

Ach, stoert euch nicht an dem Chaos hier. Ich bin gerade am umbauen. Ich kriege eine neue Vorhalle."

Weiter ging es in eine schon etwas wohnlichere Hoehle an deren Seiten jeweils einige Gaenge abzweigten. Die Ratte bog in einen dieser Gaenge ein und fuehrte uns in den - wie sie sagte - Salon.

Fuehlt euch wie zu Hause! Ich muss mal gerade dringend etwas erledigen."

Der Salon war eine mittelgrosse Halle, die fast stockdunkel war. Selbst fuer uns Maeuse war das etwas ungewohnt. Wir bauen unsere Behausungen immer so, dass etwas von dem Tageslicht noch bis in die letzten Winkel des Baus dringt. Nicht so hier: Man konnte sich leicht die Nase irgendwo anstossen, wenn man nicht aufpasste.

Wir setzten uns in eine Ecke und warteten darauf, dass Ronnie zurueckkehrte. Er erschien kurz darauf und fing an zu erzaehlen:

Ich war eben mal kurz um die Ecke und habe mit ein paar Bekannten von mir gequatscht. Sagt mal, habt ihr Lust heute Abend auf eine Fete zu gehen? Die ganze Szene vom Kanal Ost ist da. Ach ja: Habt ihr Hunger? Ja, was esst ihr denn eigentlich so? Hatte noch nie Maeuse zu Besuch. Ach, wisst ihr, am besten ihr kommt mal gerade mit in meine Speisekammer."

Kaum hatte er das alles gesagt, drehte er sich um und wir hatten Muehe hinter ihm her zu kommen. Waehrenddessen redete er ununterbrochen weiter. Doch ich verstand immer nur Wortfetzen wie: Weiss gar nicht was..." oder Muss noch alles moegliche...". Verstanden habe ich Ronnie jedenfalls nicht. Aber er sprach auch irgendwie gar nicht mit uns. Er schien laufend in irgendwelche Selbstgespraeche verwickelt zu sein.

Wir waren vom Salon aus noch tiefer in den Bau gerannt und er war mit Sicherheit groesser als jeder noch so prachtvolle Maeusebau. Er war nur nicht so gut eingerichtet. Die Einrichtung war eigentlich nur eine wilde Ansammlung aller moeglichen Gegenstaende, die Ronnie wohl alle mal im Kanal gefunden haben musste. Ganz unvermutet blieb Ronnie mitten im Gang stehen und fragte:

Was ist denn nun mit der Party, kommt ihr auch mit?"

Warum nicht?", antwortete ich.

Okay, das geht also klar. Ach ja, schaut doch mal selber, was ihr hiervon gebrauchen koennt.
Die Kammer, vor der wir standen, beinhaltete das uebelste Zeug. Menschliche Essensreste lagen neben anderem undefinierbaren Zeug herum. Mir drehte sich der Magen um.

aeh, hast du vielleicht ein paar Koerner fuer uns?", fragte ich Ronnie.

Koerner habe ich nicht, aber Teile von Maiskolben muessten da irgendwo in der Ecke liegen, wo waren die denn gleich?"

Ich will es kurz machen. Wir haben schliesslich etwas einigermassen Geniessbares gefunden. Mehr will ich aber lieber nicht darueber erzaehlen.

Abends gingen wir dann mit Ronnie zu dieser Rattenparty. Wir wanderten ein gutes Stueck den grossen Kanal entlang und schliesslich kamen wir an eine lange Schlange von Ratten, die alle mit lautem Getoese in einen Bau reinwollten, der offensichtlich schon laengst viel zu voll war.
Wir wurden allen moeglichen Gaesten vorgestellt und bestaunt. Ich wurde in tausend Gespraeche verwickelt und ich habe mindestens tausendmal die Frage beantwortet, was fuer eine Sorte Maus ich denn sei. Es war furchtbar. Ich will mich nicht mit Einzelheiten aufhalten. Aber versucht euch mal so viele Ratten auf einen Fleck vorzustellen, die dann alle auch noch einen Hoellenlaerm machen.

Total erschoepft wankten wir am spaeten Abend zu Ronnies Bau zurueck.

Am naechsten Morgen folgte gleich der naechste Schock. Wir waren noch gar nicht wieder richtig auf den Beinen, da rauschte Ronnie rein und fing an zu erzaehlen.

Morgen Leute, habt ihr Lust auf eine kleine Spritztour in die andere Siedlung? Klar habt ihr Lust. Also auf, auf, in einer viertel Stunde geht es los. Und dass ihr mir ja genug esst vorher, wir muessen naemlich ein ganzes Ende gehen. Und so kleine hungrige Maeuse koennen wir da nicht gebrauchen..."

So ging das in einer Tour weiter, doch er war mittlerweile schon wieder in einem anderen Gang und ich habe den Rest nicht mehr verstanden.
Wir brachen auf und Ronnie zeigte uns seine Unterwelt.

Also, hier an der Ecke, da wohnt Tom. Der ist Fachmann fuer Innenausbau. Er hat mir Tips gegeben fuer meine neue Vorhalle. Ach ja und hier an der Kreuzung kann es schon einmal hoch hergehen, wenn es draussen regnet und das Wasser steigt. Gluecklicherweise ist meine bescheidene Huette ueber dem Pegel, den wir als Rekord hier vor ein paar Jahren hatten. Es hatte zwei Tage so viel geregnet, dass der Kanal das ganze Wasser gar nicht mehr abtransportieren konnte. Und ihr muesst wissen, dass der Kanal hier in einen anderen muendet, der vielleicht doppelt so gross ist, wie dieser. Das ist dann auch der Ort, wo man manchmal Menschen treffen kann."

Menschen hier unten?", fragte ich.

Ja, sie kommen zwar nicht oft, aber wenn, dann richtig. So mit grossen Schlaeuchen und dann machen sie die Rohre damit wieder alle frei. Dann muss man ganz vorsichtig sein, dass man den Schlaeuchen nicht zu nahe kommt. Ich habe gehoert, dass drueben im Ostkanal mal eine Ratte durch so einen Schlauch angesaugt wurde und auf Niemehrwiedersehen verschwunden ist. Also Vorsicht ihr kleinen Maeuse."

Ich glaube, ich habe die naechsten Naechte immer wieder von grossen Schlaeuchen getraeumt, die alles in sich reinsogen.

So, hier ist wieder so ein Einstieg wie der, durch den ihr gekommen seid."

Er zeigte nach oben und tatsaechlich: In grosser Hoehe ueber uns war wieder so ein Loch in der Decke. Es tropfte von da oben herein und die Tropfen landeten mit einem Plopp mitten im Kanal.

Und weiter ging es durch das unterirdische Labyrinth. Wir japsten durch die Gaenge und hatten Muehe auf gleicher Hoehe zu bleiben, waehrend Ronnie uns eine Story nach der anderen erzaehlte.

Hier drueben habe ich schon einmal einen Menschen gesehen.", sagte Ronnie und zeigte nach rechts den Kanal entlang. Er war ganz gelb angezogen."

Du Ronnie, gehst du eigentlich auch einmal an die Oberflaeche? Ich meine so hin und wieder?", fragte Berthold.

Selten. Was soll ich da oben? Da gibt es nichts interessantes zu sehen. Ausserdem sind da so viele Menschen. Da muss man ja den ganzen Tag aufpassen. Nein, ich fuehle mich wohl hier unten. Hier stoert mich wenigstens keiner."

Meinst du wir koennten nicht mal rausgucken irgendwo? Ich vermisse das Licht so sehr.", sagte ich.

Klar. Kein Problem. Folgt mir."

Ronnie aenderte kurzerhand seine Richtung und fuehrte uns zu einem Guckloch an der Oberflaeche. Vor dem Loch war ein massives Gitter, so dass man nicht rauslaufen konnte. Aber raussehen, das konnte man schon. Vor uns erstreckte sich die Strasse und an der Strasse lagen viele Menschenhaeuser. Nie hatten wir gedacht, dass es so viele davon geben koennte. So weit das Auge reichte nur Haeuser. Wir kamen uns richtig klein vor. Von unserem Bach aber war nichts zu sehen. Vielleicht konnte uns ja Ronnie da helfen.

Sag mal Ronnie..."

aeh?"

Weisst du wo der Bach geblieben ist?"

Nein Oscar. Ich weiss gar nicht von welchem Bach ihr redet. Aber ich schaetze mal, dass der auf der anderen Seite dieser Haeuser ist. Irgendwie muss man daran wieder vorbei und dann denke ich, dass man den schon wiederfindet."

Die naechsten Tage waren nicht besonders ereignisreich. Obwohl wir viele weitere komische Dinge kennenlernten. Aber irgendwann hatten wir die Dunkelheit und den Kanal dann auch leid und wir ueberlegten uns, dass es Zeit waere aufzubrechen. Die Feldmaeuse wuerden sich sicher schon viele Sorgen machen. Wir waren jetzt schon ueber einen halben Monat bei Ronnie und die Zeit verging wie im Flug. Wir fragten Ronnie, ob er uns nicht wieder an die Oberflaeche bringen koennte, damit wir den Heimweg antreten konnten.
Hoert zu", sagte er, ich kann euch unter den Haeusern hindurch in die Gaerten bringen. Kein Problem. Aber mit dem Bach und dem Feld kann ich euch leider nicht weiterhelfen. Doch auf die andere Haeuserseite kann ich euch bringen. Vielleicht koennt ihr ja von da aus weiterkommen."

Das wuerde uns doch wahrscheinlich schon helfen", antwortete ich, denn wenn wir erst einmal wieder auf der anderen Seite sind, dann koennen wir uns bestimmt gut orientieren und dann finden wir auch mit Sicherheit diesen Bach wieder."

Nun gut, ich werde euch dahin fuehren. Aber ihr muesst mir versprechen, mich einmal bei Gelegenheit zu besuchen. Okay?"

Klar Ronnie, machen wir!", antwortete ich.

Am naechsten Tag brachen wir auf. Wir folgten dem Kanal nach links und kamen schliesslich wieder zu der Stelle, wo das Rohr zu dem Hintereingang fuehrte. Diesmal gingen wir aber geradeaus weiter und von da an habe ich vollkommen den ueberblick verloren. Ronnie schien das unterirdische Kanalsystem wie seine Westentasche zu kennen. Er brauchte nie zu ueberlegen. Selbst bei Abzweigungen, an denen mehr als 3 Rohre ineinanderliefen zoegerte er nicht eine Sekunde lang ueber den richtigen Weg.
Doch dann kam ein Hindernis, an das wahrscheinlich selbst Ronnie nicht gedacht hatte. Direkt vor unseren Fuessen oeffnete sich urploetzlich ein riesiger See. Auf der gegenueberliegenden Seite ergoss sich ein hoher Wasserfall in diesen und von hoch oben schien durch ein Gitter Tageslicht herein.

Ach ja, daran habe ich jetzt nicht gedacht. Koennt ihr eigentlich schwimmen?"

Ist das dein Ernst, du willst doch nicht etwa in dieser Bruehe schwimmen? Ausserdem ist das bestimmt total tief.", sagte Berthold schockiert.

Hast du einen besseren Vorschlag?", sagte Ronnie.

Wir bissen in den sauren Apfel und sprangen in die Bruehe, waehrend Ronnie hinter uns blieb, um uns zu beobachten. Als wir endlich drueben angekommen waren, sprang er mit einer Behendigkeit ins Wasser, die man so einer dicken Ratte gar nicht zugetraut haette und schwamm mit 2, 3 Stoessen dieselbe Strecke, fuer die wir eine halbe Ewigkeit gebraucht hatten in einem Bruchteil der Zeit.

Na ja", sagte er und schaute dabei verlegen in die Luft, ich bin ja auch etwas mehr in uebung als ihr."

Und weiter ging es. Wir liefen noch ungefaehr eine halbe Stunde lang. Schliesslich wurden die Rohre immer kleiner. Ronnie musste sich an manchen Stellen schon ganz schoen strecken, um durch die engen Stellen zu passen. Wir hatten da natuerlich weniger Sorgen.

Sicher, dass du nicht irgendwo steckenbleibst?", fragte ich Ronnie.

Kein Problem, ich bin doch auf Diaet im Moment!"

Schliesslich oeffnete sich das Rohr und entliess uns in eine kleine Halle in die von oben Tageslicht hereinschien.

Wir sind da.", sagte Ronnie.

Wir hatten nur ein kleines Problem. Uns erwartete noch eine kleine Klettertour bis an die Oberflaeche. Ronnie zeigte mit der rechten Pfote nach oben.

Seht ihr da oben die Stufen? An denen muesst ihr hochklettern. Nur habt ihr Maeuse da etwas mehr Muehe, denn die Abstaende zwischen den Stufen sind ziemlich gross. Aber ich werde euch helfen."

Ronnie erklomm ohne Problem die erste Stufe und zog uns dann nach oben. Das mussten wir dann noch 6 mal machen. Schliesslich kletterten wir auf Ronnies Ruecken und zogen uns dann an dem Gitter nach oben.

Die Oberwelt hatte uns wieder.

Alles klar bei euch?", rief Ronnie von unten.

Mensch ist das hell hier!", rief Berthold zurueck.

Es geht euch also gut. Viel Glueck da oben. Und meldet euch mal bei mir!"

Versprochen ist versprochen!"

So verliessen wir also Ronnie.

Nun mussten wir den Bach wiederfinden.
Das war aber leichter, als wir gedacht hatten. Denn nachdem wir uns ein bisschen umgesehen hatten, stellten wir fest, dass wir auf der grossen Wiese gelandet waren, die wir ganz zu Anfang unserer Expedition gesehen hatten. Der Bach musste hier in der Gegend sein.

Wir liefen erst einmal aufs Geradewohl los und hielten Ausschau nach Dingen, die uns bekannt sein koennten. Die Voegel ueber uns unterhielten sich derweil ueber dies und das. Da hatte ich eine Idee.

Meinst du nicht, dass die Voegel sich hier eigentlich am besten auskennen muessten?", fragte ich Berthold.

Du hast Recht. Zumindestens haben sie den besten ueberblick."

Ich lief auf einen kleinen Huegel und rief nach oben.

Ihr Voegel da oben. Koennt ihr uns helfen?"

Ein Eichelhaeher flog heran und setzte sich auf einen der unteren aeste.
Was ist denn los? Seit wann brauchen die Maeuse denn Hilfe von uns?"

Wir haben uns verlaufen und dachten, dass ihr uns vielleicht helfen koennt. Wir suchen einen Bach, der hier irgendwo in der Naehe sein muss."

Wenn es mehr nicht ist. Der ist doch gleich da vorne. Ihr haettet ihn in ein paar Minuten selbst gefunden. Nur kann ich euch etwas verraten, dass ihr alleine so schnell nicht findet."

Was denn?", fragte Berthold.

Ich weiss, wo ihr die naechste Bruecke ueber den Bach findet."

Bitte sag uns wo!"

Na, das haettet ihr wohl gerne. So einfach ist das nicht. Da koennte ja jeder kommen. Zuerst muesst ihr ein Raetsel loesen. Also, was hat Fluegel und ist doch kein Vogel?"

Irgendwie hatte der Eichelhaeher wohl die Vorstellung, dass das eine besonders schwere Frage sei. Er guckte naemlich total belustigt und er waere vor Stolz bestimmt gleich vom Ast gekippt, wenn Berthold nicht gegaehnt haette.

Das ist doch kein Raetsel. Ein Insekt, wie eine Biene natuerlich."

Schade... . Warum weisst du das?"

Was ist denn nun mit der Bruecke?"

Ach, da oben um die Ecke ist ein Biber und der laesst euch bestimmt ueber seinen Damm gehen."

Warum nicht gleich so?", murmelte Berthold und wir brachen auf und liessen den Vogel auf seinem Ast sitzen.

Wir folgten dem Bach in der angegebenen Richtung und tatsaechlich fanden wir dann auch den Staudamm. Doch von dem Biber war keine Spur zu finden. Gerne haette ich einmal einen Biber gesehen, aber leider konnten wir ihn nicht finden. Wir liefen also ueber den Staudamm und waren endlich wieder auf der anderen Bachseite angelangt.
Jetzt, da wir den Bach ueberquert hatten, brauchten wir nur noch nach Westen zu gehen. Wir mussten nur aufpassen, dass wir nicht am Feld der Feldmaeuse vorbeiliefen. Wir beschlossen aus diesem Grunde uns immer etwas rechts zu halten, denn wir waren sicher, dass das Feld sich im Nordwesten befinden musste. Aber ganz sicher nun doch wieder nicht und mir war schon ein bisschen mulmig bei der Sache, denn auf dieser weiten Ebene, die vor uns lag, konnten wir auch ganz woanders landen, als uns vielleicht lieb war.

Doch wir hatten Glueck. Nach zwei Tagen sahen wir endlich wieder vertraute Dinge um uns herum. Es dauerte nicht lange und das Feld tauchte vor uns auf. Ein langer Weg ging zu Ende. Wir waren wieder zu Hause.

Die alte Maus machte eine Pause und steckte sich eine Pfeife an.
Und den Rest erzaehle ich gleich weiter, denn ich muss mir mal dringend etwas zu trinken besorgen", sagte er und verliess die verdutzt Menge, um kurz darauf wieder zu erscheinen und mit seinem Bericht fortzufahren. Und alle hoerten wieder gespannt zu, wie es denn nun weiterging im Maeuseland.

6. Kapitel

Winter im Maeuseland

Unsere Ankunft loeste allgemeinen Jubel unter den Feldmaeusen aus. Niemals zuvor waren Maeuse so lange weg gewesen. Alfons war schon vor zwei Monaten wieder zum Feld zurueckgekehrt und die Feldmaeuse hatten mittlerweile die Hoffnung aufgegeben, uns gesund wiederzusehen. Speedy war gar nicht zu bremsen. Offensichtlich war sie doch nicht so kuehl, wie ich am Anfang gedacht hatte. Am Tag darauf mussten wir alles im Detail erzaehlen. Und am Ende der Woche wurde sogar fuer uns eine grosse Willkommensfeier gehalten.

Die Zeit verging rasch und ich kam jetzt mit Speedy sehr gut klar. Wir unternahmen zusammen viele kleine Ausfluege in die umliegende Gegend, obwohl der Herbst langsam in den Winter ueberging und es langsam, aber sicher immer kaelter wurde. Aber trotzdem gab es hin und wieder noch ein paar schoene Tage. Doch leider hatten alle Baeume ihre Blaetter verloren und die Landschaft wurde grau. Die Abende im Bau wurden laenger, obwohl wir genug Futter und aeste zum Knabbern im Bau hatten. Doch irgendwann wird man auch das Knabbern einmal leid. Nein, dass war irgendwie auch nicht meine Welt. Ich merkte, dass ich doch nicht so richtig zu den Feldmaeusen gehoeren wuerde. Auch wenn ich lange Zeit blieb. Doch ich sagte nichts und dachte auch noch nicht daran jetzt vor dem Winter noch irgendetwas anderes zu unternehmen.

Und dann kam er wirklich: Der Winter eroberte das Land. Eines Morgens wachte ich auf und Speedy kam ganz aufgeregt in meine Hoehle herein.

Oscar, komm schnell. Es schneit!"

Es war der erste Schnee, den ich in meinem Leben gesehen hatte und er war wunderschoen. Dieses langsame Gleiten der Schneeflocken war voller Leichtigkeit und Anmut. Ich habe diesen Tag nie vergessen.

Es schneite den ganzen Tag und den darauffolgenden mit nur kurzen Unterbrechungen. Dann brach die Sonne durch die Wolken und verwandelte die Landschaft in einen glitzernden Watteteppich. Wir stuerzten aus den Loechern und tollten im Schnee herum. Abends waren wir total erschoepft und kuschelten uns im Bau alle zusammen und doesten die ganze Nacht vor uns hin. Nur einmal standen wir kurz auf, um in den sternenklaren Himmel zu blicken und wir kamen uns noch viel kleiner vor, als wir sonst schon eigentlich sind.

Eine Woche spaeter liefen wir gerade ueber das Feld als wir ploetzlich einen lauten Knall hoerten. Wir duckten uns hinter einen Stein und lugten um die Ecke. Auf einmal schoss ein Hase an uns vorbei. Er hatte uns nicht gesehen und rannte einfach weiter. In naechsten Moment schlug dort, wo er eben noch gelaufen war, etwas so gewaltiges und schnelles ein, dass man es gar nicht sehen konnte. Es zischte und kurz darauf hoerte man wieder diesen Knall. Speedy war wie vom Donner geruehrt und Alfons waere wahrscheinlich auf der Stelle tot umgefallen, wenn ihm Berthold nicht aus Versehen auf die Fuesse getreten haette. So schnell wie moeglich rannten wir zurueck zu einem Schlupfloch und gruben uns dort ein. Bis heute weiss ich nicht genau, was wir da gesehen haben, aber es muss von Menschenhand gewesen sein.

In der darauffolgenden Nacht brach ein Schneesturm los. Es pfiff durch den ganzen Bau und am naechsten Morgen mussten wir uns durch den Schnee nach oben graben, um aus den Loechern gucken zu koennen. Die Landschaft hatte nun vollstaendig alle Konturen verloren und war ueber und ueber mit Schnee bedeckt.

Nun begannen die langen Winterabende, an denen Geschichten erzaehlt wurden und die kleinen Maeuse sich allen moeglichen Unsinn ausdenken, um beschaeftigt zu sein. Doch manchmal denken sich auch die Erwachsenen solche Dinge aus und eine dieser Geschichten ist die Sache mit der Weihnachtsmaus.

Diese Weihnachtsmaus erscheint urploetzlich an so einem langen und kalten Winterabend und bringt Geschenke mit. Aber halt: Nicht nur Geschenke, sondern auch andere weniger nette Dinge! Zum Beispiel Strohreste, die zu einer Rute zusammengebunden sind. Damit gibts dann einen auf den Schwanz, wenn die Kleinen mal wieder nicht gesputet haben. Natuerlich muss sich eine von den alten Maeusen vor der Tuer erst einmal die Pfoten abfrieren, damit die ueberraschung auch gelingt. Das ist dann der unangenehme Teil der ganzen Veranstaltung. Aber dann kommt der grosse Auftritt. Und das laeuft ungefaehr so ab:

Die Tuer geht auf und eine komische Gestalt schiebt sich herein. Der kalte Wind traegt den Geruch von Schnee und eiskalter Luft mit sich. Der merkwuerdige Geselle schliesst die Tuer und tritt ins Licht des Kaminfeuers.

Ho, ho, hier kommt die Weihnachtsmaus", ruft er und die kleinen Maeusekinder ducken sich, denn sie haben schon einiges ueber die Weihnachtsmaus gehoert. Angeblich verspeist sie kleine unartige Maeusekinder zum Fruehstueck.

Dieses Jahr war ich dran gewesen die Weihnachtsmaus zu spielen. Es war ganz lustig. Ich bekam die entsprechenden Klamotten angezogen und einen Bart aus Strohstueckchen und musste den ganzen Tag rumlaufen und alberne Geschichten erzaehlen. Aber es hat schon Spass gemacht.

Ausser diesen kurzweiligen Spielchen gab es aber wirklich nicht viel, das man in der eisigen Kaelte gut machen konnte. Und so kam es, dass es mir langsam langweilig wurde im Bau. Immer nur essen und schlafen ist es auch nicht auf die Dauer. Doch ich sollte meine Abwechslung bekommen.

Eines Tages erzaehlte eine der aelteren Maeuse mir von dem Anbruch des neuen Jahres. Ich konnte damit ueberhaupt nichts anfangen. Also setzte sie sich hin und erklaerte mir, dass es verschiedene Jahreszeiten gibt (das wusste ich schon) und dass diese immer im stetigen Wechsel kommen und gehen. Und irgendwann im Winter beginnt dann ein neues Jahr. Ich konnte mich damit gar nicht anfreunden. So ein Unsinn. Wofuer braucht man Jahre? Reicht es nicht, dass sich das Wetter und die Jahreszeiten aendern?

Doch die Menschen scheinen da anders drueber zu denken und deshalb machen sie wenn das neue dem alten Jahr weicht einen Hoellenlaerm. Nicht zum aushalten ist das dann. Und gleichzeitig erhellt sich die Nacht und der Himmel schillert in den buntesten Farben. Ich gebe zu, dass - hat man erst einmal die Angst ueberwunden - es schoen anzuschauen ist. Doch viele Tiere werden durch diesen Laerm auch ganz schoen verwirrt.

Die naechsten zwei Monate waren wenig ereignisreich. Wir haben viel geschlafen und gegessen. Und das war es im Prinzip dann auch schon. Deshalb juckte es mich in den Pfoten, als der Winter endgueltig dem Fruehling weichen musste. Ich hatte Lust wieder etwas zu unternehmen. Seit der letzten Expedition war ich nicht mehr derselbe. Es hatte mich gepackt. Es war schoen bei den Feldmaeusen, aber die fremde Welt um mich herum rief immer lauter und lauter. Ich konnte nicht mehr die ganze Zeit an einem Ort bleiben. Doch ich verschob meine Plaene immer wieder von Tag zu Tag, denn ich wollte Speedy nicht alleine zuruecklassen.

Doch der Winter neigte sich schnell voellig dem Ende zu und der Fruehling erwachte mit all seinen Verlockungen und Versprechungen. Da hielt es mich nicht mehr und ich versuchte es Speedy schonend beizubringen, dass ich auf Reisen gehen wuerde. Doch fuer sie kam das gar nicht ueberraschend. Sie hatte schon darauf gewartet, dass ich eines Tages kommen wuerde und sie hatte schon laengst eine Entscheidung gefaellt.

Meinst Du wirklich, Du kannst einfach so ohne mich weggehen?", sagte sie nur, Du wirst mich wohl oder uebel mitnehmen muessen."

Was sollte ich dazu sagen?

Wir schmiedeten Reiseplaene und verabschiedeten uns ungefaehr einen Monat spaeter von den Feldmaeusen und brachen nach Westen auf. Berthold wollte nicht mitkommen. Die letzte Sache hatte ihm gereicht und er hatte erst einmal von Abenteuern die Nase voll. Und ein Abenteuer wuerde es mit Sicherheit werden, denn keine Feldmaus war jemals vorher in diese Richtung gegangen. Wir betraten also absolutes Neuland und liessen das Feld der Feldmaeuse hinter uns zurueck.

Wir sollten es niemals wiedersehen.


Ich weiß nicht, ob ich es heute noch schaffe, aber fortsetzung folgt ganz bestimmt........