Nun stehe ich wieder außerhalb meiner selbst, in der Realität. Ich gestatte mir meine Fassaden nicht mehr. Zu leicht gewinnen sie die Oberhand und verdrängen mich in den Hintergrund. Gut, daß ich nicht schauspielern kann. Könnte ich es, wäre ich längst entlarvt.
Ich fege welke Pflanzenteile zusammen. Werfe einen nüchternen Blick in den Spiegel. Öffne das Fenster, lasse frische Luft hinein und Raben hinaus in die Freiheit fliegen. Ein letzter, heiserer Ruf, dann gehen sie freudig auf die Jagd.
Fetzen längst vergangener Gespräche dringen an mein Ohr, lassen mich schmunzeln, nur weiß ich nicht warum. Vielleicht weil ein neuer Tag vor mir liegt. Und mir das Leben leichter von der Hand geht.
Ich schreite den Flur bis zur Wohnungstür ab. Die Wände flüstern raschelndem Laub gleich. "Du hast Zeit." Meine Händen fahren beschwichtigend über den bloßen Stein. Ich glaube Euch. Doch kein Grund sich nicht zu beeilen.
So schlage ich die Wohnungstür hinter mir zu. Ich grüße einen Nachbarn im Hausflur. Er zögert, als sähe er mich zum ersten Mal, bevor er meinen Gruß erwidert. Es bedarf keiner Wandlung mehr. Auch ohne Maske bin ich fähig, der Stadt mein Gesicht zu zeigen.
Meine Füße geben mir Halt auf ebenem Boden und folgen ihrem eigenen Weg. Ich bin längst nicht mehr auf der Suche, als ich die Orte der Vergangenheit aufsuche, um ihrem Klang nachzuspüren.
Zu lange habe ich dem Weltenklang nicht mehr gelauscht. Jenem steten Rauschen in eigentlicher Vielfalt. Doch meine Ohren erinnern sich.
Auch die anderen Sinne erwachen wieder, aus langem betäubenden Schlaf. Ich hebe ein Stück Papier vom Boden auf. Reibe es zwischen meinen Finger, fühle seine Struktur. Materie.
Meine Wunden beginnen zu heilen und Narben habe ich nie verabscheut. So sehr sie schmerzten, so sehr formten sie mich auch.
Ich hinterlasse einen Schweif von Hoffnung auf meinem Weg. Samen in rotkaltem Glanz. Menschen essen, atmen sie. Sie wundern sich. Doch verlangt es sie nicht nach Fragen.
Nur ein kurzer Moment der Unachtsamkeit. Knapp kann ich mich selbst stoppen, der Lastwagen rast an mir vorbei. Doch Du, mein getreuer Schatten, warst ebenso unvorsichtig. Du kollidierst mit mir. Die eine Sonne und tausend weitere explodieren. Grelles, seichtes Licht umflutet mich. Und Du bist fort, entfliehst in mein Inneres vorm blendenden Licht. Aber eines Tages wird das Gleißen schwächer werden. Dann wirst Du wieder hier sein. Und lächeln.