Thema: Herbst

  1. #1
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    171
    Dieser Lesepfad wurde zusammengestellt von Monika Spatz und Thies Lindenthal.


    Rainer Maria Rilke

    Herbsttag

    Herr: es ist Zeit. Der Sommer war sehr groß.
    Leg deinen Schatten auf die Sonnenuhren,
    und auf den Fluren laß die Winde los.

    Befiehl den letzten Früchten voll zu sein;
    gib ihnen noch zwei südlichere Tage,
    dränge sie zur Vollendung hin und jage
    die letzte Süße in den schweren Wein.

    Wer jetzt kein Haus hat, baut sich keines mehr.
    Wer jetzt allein ist, wird es lange bleiben,
    wird wachen, lesen, lange Briefe schreiben
    und wird in den Alleen hin und her
    unruhig wandern, wenn die Blätter treiben.

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    Theodor Storm

    Im Herbste

    Es rauscht, die gelben Blätter fliegen,
    am Himmel steht ein falber Schein;
    du schauerst leis und drückst dich fester
    in deines Mannes Arm hinein.

    Was nun von Halm zu Halme wandelt,
    was nach den letzten Blumen greift,
    hat heimlich im Vorübergehen
    auch dein geliebtes Haupt gestreift.

    Doch reißen auch die zarten Fäden,
    die warme Nacht auf Wiesen spann -
    es ist der Sommer nur, der scheidet;
    was geht denn uns der Sommer an!

    Du legst die Hand an meine Stirne
    und schaust mir prüfend ins Gesicht;
    aus deinen milden Frauenaugen
    bricht gar zu melancholisch Licht.

    Erlosch auch hier ein Duft, ein Schimmer,
    ein Rätsel, das dich einst bewegt,
    daß du in meine Hand gefangen
    die freie Mädchenhand gelegt?

    O schaudre nicht! Ob auch unmerklich
    der hellste Sonnenschein verrann -
    es ist der Sommer nur, der scheidet;
    was geht denn uns der Sommer an!



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    Friedrich Hebbel

    Herbstbild

    Dies ist ein Herbsttag, wie ich keinen sah!
    Die Luft ist still, als atmete man kaum,
    Und dennoch fallen raschelnd, fern und nah,
    Die schönsten Früchte ab von jedem Baum.

    O stört sie nicht, die Feier der Natur!
    Dies ist die Lese, die sie selber hält,
    Denn heute löst sich von den Zweigen nur,
    Was vor dem milden Strahl der Sonne fällt.





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    Georg Trakl

    Verklärter Herbst

    Gewaltig endet so das Jahr
    Mit goldnem Wein und Frucht der Gärten.
    Rund schweigen Wälder wunderbar
    Und sind des Einsamen Gefährten.

    Da sagt der Landmann: Es ist gut.
    Ihr Abendglocken lang und leise
    Gebt noch zum Ende frohen Mut.
    Ein Vogelzug grüßt auf der Reise.

    Es ist der Liebe milde Zeit.
    Im Kahn den blauen Fluß hinunter
    Wie schön sich Bild an Bildchen reiht -
    Das geht in Ruh und Schweigen unter.



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    Johann Gaudenz von Salis-Seewis

    Herbstlied

    Bunt sind schon die Wälder,
    Gelb die Stoppelfelder,
    Und der Herbst beginnt.
    Rote Blätter fallen,
    Graue Nebel wallen,
    Kühler weht der Wind.

    Wie die volle Traube,
    Aus dem Rebenlaube,
    Purpurfarbig strahlt!
    Am Geländer reifen
    Pfirsiche mit Streifen
    Rot und weiß bemalt.

    Sieh! Wie hier die Dirne
    Emsig Pflaum? und Birne
    In ihr Körbchen legt!
    Dort, mit leichten Schritten,
    Jene goldne Quitten
    In den Landhof trägt!

    Flinke Träger springen,
    Und die Mädchen singen,
    Alles jubelt froh!
    Bunte Bänder schweben,
    Zwischen hohen Reben,
    Auf dem Hut von Stroh!

    Geige tönt und Flöte
    Bei der Abendröte
    Und im Mondenglanz
    Junge Winzerinnen
    Winken und beginnen
    Deutschen Ringeltanz.


    ------------------------------------------------------------------------




    Rainer Maria Rilke

    Herbststimmung

    Die Luft ist lau, wie in dem Sterbezimmer,
    an dessen Türe schon der Tod steht still;
    auf nassen Dächern liegt ein blasser Schimmer,
    wie der der Kerze, die verlöschen will.

    Das Regenwasser röchelt in den Rinnen,
    der matte Wind hält Blätterleichenschau; -
    und wie ein Schwarm gescheuchter Bekassinen
    ziehn bang die kleinen Wolken durch das Grau.



    ------------------------------------------------------------------------




    Rainer Maria Rilke

    Im Herbst

    Ein Riesenspinngewebe, zieht
    Altweibersommer durch die Welt sich; -
    und der Laurenziberg gefällt sich
    im goldig-bräunlichen Habit.

    Weil er so mild herübersieht,
    sucht müd, gestützt auf Strahlenkrücken,
    die Sonne hinter seinem Rücken
    schon frühe ihr Valladolid.



    ------------------------------------------------------------------------





    Rainer Maria Rilke

    Ende des Herbstes

    Ich sehe seit einer Zeit,
    wie alles sich verwandelt.
    Etwas steht auf und handelt
    und tötet und tut Leid.

    Vom Mal zu Mal sind all
    die Gärten nicht dieselben;
    von den gilbenden zu der gelben
    langsamem Verfall:
    wie war der Weg mir weit.

    Jetzt bin ich schon bei den leeren
    und schaue durch alle Alleen.
    Fast bis uzu den ferne Meeren
    kann ich den ernsten schweren
    verwehrenden Himmel sehn.

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    Friedrich Rückert

    Herbstlieder

    Herz, nun so alt und noch immer nicht klug,
    Hoffst du von Tagen zu Tagen,
    Was dir der blühende Frühling nicht trug,
    Werde der Herbst dir noch tragen!

    Läßt doch der spielende Wind nicht vom Strauch,
    Immer zu schmeicheln, zu kosen.
    Rosen entfaltet am Morgen sein Hauch,
    Abends verstreut er die Rosen.

    Läßt doch der spielende Wind nicht vom Strauch,
    Bis er ihn völlig gelichtet.
    Alles, o Herz, ist ein Wind und ein Hauch,
    Was wir geliebt und gedichtet.



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    Joseph von Eichendorff

    Im Herbst

    Der Wald wird falb, die Blätter fallen,
    Wie öd und still der Raum!
    Die Bächlein nur gehn durch die Buchenhallen
    Lind rauschend wie im Traum,
    Und Abendglocken schallen
    Fern von des Waldes Saum.

    Was wollt ihr mich so wild verlocken
    In dieser Einsamkeit?
    Wie in der Heimat klingen diese Glocken
    Aus stiller Kinderzeit -
    Ich wende mich erschrocken,
    Ach, was mich liebt, ist weit!

    So brecht hervor nur, alte Lieder,
    Und brecht das Herz mir ab!
    Noch einmal grüß ich aus der Ferne wieder,
    Was ich nur Liebes hab,
    Mich aber zieht es nieder
    Vor Wehmut wie ins Grab.

    ------------------------------------------------------------------------







    [i]Martin Kohler[i]

    Herbst

    Blätter, mutlos fallend werfen
    Flockengleich ein ahnend Bild
    Das gemalt in stillen Zügen
    Zerstört der Mitte Wärme wild

    Stürme peitschen Regen, träge
    Stellt sich ein das güldne Licht
    Nebel brechen Strahlen nieder
    Sommer, Dich erkenn? ich nicht

    Sprach und ging, hinweg und fort
    Alleingelassen da zu sein
    Nur uns zu dienen und zu ehren
    Dies tut und macht er immer fein




    ------------------------------------------------------------------------





    Georg Trakl

    Im Herbst

    Die Sonnenblumen leuchten am Zaun,
    still sitzen Kranke im Sonnenschein.
    Im Acker mühn sich singend die Frau’n,
    die Klosterglocken läuten darein.

    Die Vögel sagen die ferne Mär’,
    die Klosterglocken läuten darein.
    Vom Hof tönt sanft die Geige her.
    Heut keltern sie den braunen Wein.

    Da zeigt der Mensch sich froh und lind.
    Heut keltern sie den braunen Wein.
    Weit offen die Totenkammern sind
    und schön bemalt vom Sonnenschein.



    ------------------------------------------------------------------------







    Betty Paoli

    Im Herbst

    Durch Novemberlüfte schauernd
    Strömen Regengüsse nieder;
    Da verstummen, scheu und trauernd,
    In der Seele mir die Lieder.

    Vögeln gleich, die in so kalten
    Regentagen, statt zu singen,
    Fröstelnd die durchnäßten Schwingen
    Lang und stumm zusammenfalten.



    ------------------------------------------------------------------------



    Robert Louis Stevenson

    Herbstfeuer

    Rings in allen Gärten,
    die im Tale sind,
    rauchen nun die Feuer,
    und der Herbst beginnt.

    Fern ist nun der Sommer
    und der Blumenduft.
    Rote Feuer lodern.
    Rauch steigt in die Luft.

    Lobt den Lauf des Jahres
    und den Wechsel auch!
    Blumen bringt der Sommer
    und der Herbst den Rauch!



    ------------------------------------------------------------------------



    Theodor Storm

    Oktoberlied

    Der Nebel steigt, es fällt das Laub;
    schenk ein den Wein, den holden!
    Wir wollen uns den grauen Tag
    vergolden, ja vergolden!

    Und geht es draußen noch so toll,
    unchristlich oder christlich,
    ist doch die Welt, die schöne Welt,
    so gänzlich unverwüstlich!

    Und wimmert auch einmal das Herz –
    stoß an und laß es klingen!
    Wir wissen’s doch, ein rechtes Herz
    ist gar nicht umzubringen.

    Der Nebel steigt, es fällt das Laub;
    schenk ein den Wein, den holden!
    Wir wollen uns den grauen Tag
    vergolden, ja vergolden!

    Wohl ist es Herbst; doch warte nur,
    doch warte nur ein Weilchen!
    Der Frühling kommt, der Himmel lacht,
    es steht die Welt in Veilchen.

    Die blauen Tage brechen an,
    und ehe sie verfließen,
    wir wollen sie, mein wackrer Freund,
    genießen, ja genießen!


    ------------------------------------------------------------------------


    Heinrich Heine



    Verdroßnen Sinn im kalten Herzen hegend,
    Reis ich verdrießlich durch die kalte Welt,
    Zu Ende geht der Herbst, ein Nebel hält
    Feuchteingehüllt die abgestorbne Gegend.

    Die Winde pfeifen, hin und her bewegend
    Das rote Laub, das von den Bäumen fällt,
    Es seufzt der Wald, es dampft das kahle Feld,
    Nun kommt das Schlimmste noch, es regent.



    - einzelne Gedichte aus urheberrechtlichen Gründen editiert -
    Geändert von LiaWell (11.06.2006 um 23:02 Uhr)

  2. #2
    Registriert seit
    Feb 2003
    Ort
    Leipzig
    Beiträge
    8.665
    Bin nur zufällig auf diesen Faden in der Rubrik Natur gestoßen.
    Da wir ja mittlerweile eine Bibliothek haben verschiebe ich diese recht interessant zusammen gestellten Fäden dorthin.

    Ich hoffe das geht ok, Thies und Moni.

    -verschoben-

    Herzlichen Gruß
    Micha

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