Thema: Zeit

  1. #1
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    Zeit

    Wie viel kannst du vergessen
    Wenn Namen dir nichts mehr sagen
    Und Schuld ihren Ursprung
    verkennt

    Wie viel darfst du vergessen
    Wenn Zeilen dich nicht mehr treffen
    Und Licht wieder Schatten
    verneint

    Wie viel willst du vergessen
    Wenn Narben dich nicht mehr rühren
    Und Leichen im Keller
    verbrannt

    Wie viel sollst du vergessen
    Wenn Zweifel dich nicht mehr fragen
    Und Lust die Verführung
    verschweigt

    Wie viel hast du vergessen
    Wenn das Tagebuch zugeschlagen
    Und der Blick in die Nacht
    dich sucht



    kurushio, 22.04.2005

  2. #2
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    Kurushio,
    Wieviel wirst du vergessen
    wenn deine Seele sich erinnert
    und träumend deine Vergangenheit
    verarbeitet?


    Es grüßt
    Pully

  3. #3
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    Dieses Werk erinnert mich an "Schwarze Flut" (nein, ich habe sie nicht vergessen ). Hauptsächlich liegt dies an den (fast) gleich beginnenden Zeilenanfängen und Sturkturierung.

    Wie viel kannst du vergessen
    Wenn Namen dir nichts mehr sagen
    Und Schuld ihren Ursprung
    verkennt


    XxXxxXx, 7
    xXxXxxXx, 8
    xXxxXx, 6
    xX, 2

    Wie viel darfst du vergessen
    Wenn Zeilen dich nicht mehr treffen
    Und Licht wieder Schatten
    verneint


    XxXxxXx, 7
    xXxXxxXx, 8
    xXxxXx, 6
    xX, 2

    Wie viel willst du vergessen
    Wenn Narben dich nicht mehr rühren
    Und Leichen im Keller
    verbrannt


    XxXxxXx, 7
    xXxXxxXx, 8
    xXxxXx, 6
    xX, 2

    Wie viel sollst du vergessen
    Wenn Zweifel dich nicht mehr fragen
    Und Lust die Verführung
    verschweigt


    XxXxxXx, 7
    xXxXxxXx, 8
    xXxxXx, 6
    xX, 2

    Wie viel hast du vergessen
    Wenn das Tagebuch zugeschlagen
    Und der Blick in die Nacht
    dich sucht


    XxXxxXx, 7
    XxXxxXxXx, 9
    XxXxxX, 6

    xX, 2

    Zwei Zeilen fallen aus deinem Schema. Bewusst würde ich meinen, obwohl ich mir nicht sicher bin, ob die neuen Silben von dir beabsichtigt waren.
    Insgesamt wirkt das Gedicht und der Lesefluss bedächtig, ruhig.

    Der Aufbau ist einfach strukturiert:
    Wie viel (Modalverb/haben) du vergessen
    Wenn (Substantiv) nicht mehr (Verb); ausser in der letzen Strophe
    Und (Substantiv) ... (Substantiv)
    ver(Verbteil); ausser in der letzten Zeile

    Ebenfalls ist der Inhalt ohne grosse Worte dargebracht. Distanzierte Handlungen, direkte Fragen an das lyrische Du. Alles ohne tiefschürfende Bilder, welche ich bei diesem Gedicht misse. Die letzte Strophe hebt sich aus dem Trott der hervorgehenden ab. Der Schluss setzt einen anderen Akzent. Ich frage mich, wie viel von dir beabsichtigt ist und welche Wirkung du durch die Form und den Inhalt beim Leser erzeugen möchtest. Die einzelnen Bilder sind im Grunde Überlegungen wert, nur werden sie durch die Form in die Weite des Simplen gestellt und verlieren viel von ihrem Ertrag.

    Anmerkung zur 3.Stophe:
    Wenn Narben dich nicht mehr rühren
    Und Leichen im Keller
    verbrannt


    Müsste lauten: verbrennen, denn es bezieht sich doch auf die Leichen?


    Liebe Grüsse,
    olaja

    Ich kam am 3. Juni nach Hause mit dem Geruch, / den er nicht ertragen konnte, / er nahm das Fleischermesser und ich schrie, / ging zurück bis zur letzten Wand, / irgendwo in der Nachbarschaft hörte ich das Stöhnen, / von zwei, die sich liebten. Vera Piller

  4. #4
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    @Pully: Nichts, hoffe ich.

    @olaja: Man dankt.

    Drei - bis fünffache Wiederholung und Variation findet man bei mir sogar noch häufiger - meine Verkörperung des in Spiralform verlaufenden Gedankens.

    Als Beschreibung eines ruhigen, nachdenklichen Momentes erschien mir die schlichte Sprache sinnvoller. Das lyrische Ich denkt nicht in den hochtrabenden Worten konstruierter Lyrik, die ich natürlich auch sehr schätze. Auch in einfachen, bildlosen Worten kann man durchaus versuchen, etwas Tiefschürfendes zu vermitteln (und selbst der Autor muss schon wieder nachdenken, was denn jetzt die Interpretation war...). Ob es gelungen ist, kann ich natürlich nicht beurteilen.

    Die Verlängerung der fünften Strophe ist Absicht, um das Gdicht ausgleiten zu lassen. Ursprünglich war angedacht, diese Strophe um einen kompletten Vers zu verlängern, aber sie war mir zu banal. (Die Zeile, nicht die Strophe )

    Was noch... Ach ja, "verbrannt" ist ebenso beabsichtigt. Die Leichen sind schon verbrannt, es ist eine Ellipse im Dienste der Zweisilbigkeit.

    Viele Grüße,
    kurushio
    You know, wars aren’t kids - where you don’t have to pay attention to the youngest one because the older two will take care of it.
    - Jon Stewart

    Schwarze Gezeiten: heichaojing
    in Zusammenarbeit mit Lia: All Along the Watchtower
    (work in progress)

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