1. #1
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    Schon eigenartig, wie die Blüten sich im Regen wälzen und ihr Duft durch die Straßen treibt. Alles erscheint so grau; die tiefhängenden Wolken vertreiben die Schönheit der einst so strahlenden Blüten. Nebel umdichtet die roten Tulpen, lässt sie verschwinden und es bleibt nur Kälte und Trauer. Das Zwitschern der Vögel begleitet das leise Trommeln des Regens und die Autos sind hörbar in naher Entfernung. Ein Tag wie jeder andere, der heutige. In einer Großstadt streuen Regentage melancholische Töne über die Häuser, die Menschen werden traurig, nachdenklich, depressiv, nur einige wenige erfreuen sich am Großstadtregen.
    Doch trotzdem wird der Tag beginnen. Man steigt in die U-Bahn, begegnet nur unbekannten Gesichtern, ernsten Gesichtern, kein Lächeln scheint durch diesen Regentag. Man geht seinen Weg, schlängelt sich durch die Menschenmassen und Regenschirme, geht durch die triefenden Alleen und begegnet weiteren unbekannten düsteren Gesichtern. Die Gesichter dieser Menschen erscheinen leer und traurig, müde sehen sie aus. Man geht wie jeden Tag zur Arbeit, spricht mit den Kollegen, man versucht sich hinter den Zettelstapeln zu verstecken, denn auch selbst will man keine Konversationen an diesem Tag. Und wenn das letzte Sandkorn gefallen, wird alles wieder zurückgespult. Man verlässt die Arbeit, geht durch triefenden Alleen, schlängelt sich durch die Menschenmassen und Regenschirme, auf dem Weg zur U-Bahn. Hunderte von ernsten unbekannten Gesichtern, doch keines nimmt man richtig war. Ein Tag wie jeder andere, der heutige, nur trauriger.
    Man versucht nicht auf andere Menschen zu achten, man selbst ist schon genug geplagt von Sorgen und Melancholie. In der Gedankenwelt versunken, stolpert man dann plötzlich über einen Fuß. Man ist sich selbst noch nicht im Klaren, über was man gerade gestolpert ist. Doch dann sieht man, dass der Fuß zu diesem reglosen Körper gehört, der dicht gepresst an eine Haustüre mit Decken bezogen auf einem Karton liegt. Man will eigentlich vorbei gehen, doch irgendetwas sucht es zu verhindern. Man weiß nicht was es ist. Ist es das zu gut bekannte Gewissen, die Mitschuld oder gar Schuld, das Mitleid oder die Scham?
    Der Verstand verneint diese unsinnigen Anschuldigungen gegen sich selbst und will bereits weitergehen, als sich der Körper gegen weitere Versuche wieder seinen Weg einzuschlagen, verwehrt. Man betrachtet unfreiwillig diesen leblosen Körper und plötzlich verwehren sich auch die Hände jeglicher Kontrolle und tasten an der Decke, heben sie und der Körper zuckt zusammen. Erschrocken springt man zurück, man hatte nicht damit gerechnet. Die Hände des Körpers greifen nach der Decke und schlägt sie wieder über den Kopf, nur die Stimme brummt still vor sich hin.
    Nun ist es beschlossen, man will weitergehen. Der Fuß macht schon einen Schritt und da, ja da spricht diese Stimme: „Was willst du?“
    Man weiß nicht, was man antworten sollte, die Stimme zittert, man hatte nicht damit gerechnet, dass auch ein regloser Körper eine Stimme hat: „Ich wollte sehen, ob es Ihnen gut geht.“
    Ein verbittertes Lachen ertönt unter der Decke. „Ha, warum solltest du auch? Wäre doch jedem egal, ob ich hier verrecke, zwischen all den Leuten, die vor Egoismus strotzen, zwischen all diesen Menschen, denen es gut geht und sich einen Dreck um mich scheren. Warum solltest ausgerecht du dir die Mühe machen und „sehen ob es mir gut geht“? Pah! Dass ich nicht lache, wahrscheinlich sah ich schon tot aus und das arme Mädchen ist erschrocken. Wach auf, das ist die Realität, es stirbt jeden Tag irgendein Penner auf der Straße ohne, dass es die vorbeilaufenden Massen überhaupt bemerken. Wenn ich hier gesessen wäre, mit einem Becher in der Hand, dann hättest du mir vielleicht gerade mal fünfzig Cent zugeworfen, dich deines schlechten Gewissens so billig wie möglich entledigt. Ob ich damit überlebe, diese Frage hättest du dir wohl nicht gestellt. Viel wichtiger ist schließlich, dass du am Ende als warmherzige Samariterin dastehst, die einmal pro Woche einen Almosentag einlegt. Weißt du was? Auf deine Hilfe kann ich gerne verzichten. Schau, dass du verschwindest und lass mir zumindest meine Ruhe, wenn ich sonst nichts habe.“
    Und dann findet man keinen Ton mehr, denn eigentlich hat er die Wahrheit gesagt. Eigentlich war man doch so. Ist man doch selbst ein egoistischer Mensch, der alles hat, sein Geld zum Fenster rauswirft und sich lieber unbrauchbare Dinge kauft, als anderen zu helfen, die es nötiger hätten, die nichts besitzen außer einer Decke und ein paar Kartons. Man findet keine Worte mehr, so sehr man sich bemüht, doch trotzdem bewegt man sich vom Fleck. Man starrt noch immer auf diesen reglosen Körper, der wieder seine Position eingenommen hat. Und plötzlich läuft man los, man läuft und läuft und vergisst, dass man eigentlich mit der U-Bahn fahren wollte. Und irgendwann kommt man zu Hause an, denn jeder Lauf nimmt irgendwann sein Ende. Man läuft noch die Treppen hoch und schließt seine Türe auf, wirft sich auf das Bett und beginnt zu weinen. Man weint, weil man endlich eingesehen hat, wie man wirklich ist, man weint, weil der Rest der Welt auch nicht viel besser ist, als man selbst, mein weint aus Schuld, aus Mitleid, aber vor allem, weil man ein schlechtes Gewissen hat.
    Man versucht zwar Ausreden zu finden, man habe doch selbst nicht so viel Geld, schließlich verdiene man nicht soviel, man sei doch auch nur ein durchschnittlicher Mensch. Man habe zwar vieles, eine relativ große Wohnung, eine Familie, einen immerzu vollen Kühlschrank, ein schönes Auto, aber dafür habe man hart gearbeitet. Man kann zwar nicht klagen, aber man habe auch selbst finanzielle Schwierigkeiten, das Leben ist teuer geworden. Aber wieder nagt es im Hinterkopf, dass es Menschen gibt, die gar nichts haben.
    Man hört schließlich auf, man denkt nicht mehr darüber nach. Man geht in ein Geschäft, kauft Unmengen von Zeug, Brot und Früchte und Kekse und Säfte und Bier und Zigaretten und Wurst und wieder Brot und noch mehr Zigaretten und noch mehr Alkohol und eine Decke, und Socken und Unterhosen und einen Pullover und eine Hose. Irgendwann sind es zwei bis drei Einkaufstaschen. Man geht den Weg zurück, glaubt schon lange vorbeigelaufen zu sein, geht dennoch weiter, aber irgendwie war man wirklich schon an jener Stelle vorbeigelaufen. Und irgendwie ist dieser Mann verschwunden.


    [Geändert durch Goosie am 25-05-2005 um 16:42]
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  2. #2
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    Sprachlich akzeptabel bis gut, der Inhalt ist etwas abgedroschen, wird jedoch durch die Puante "Der Mann ist verschwunden" gerettet. Ich fand es unterhaltsam.

    MFG Willo
    Erkennen selber braucht einen Augenblick, die Erkenntnis auszudrücken ein Leben.

  3. #3
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    abgedroschen würde ich nicht unbedingt sagen, aber danke für deine kritik
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  4. #4
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    hey willo, ich habs nun ein wenig verändert, vielleicht gefällt es dir nun etwas besser.
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