1. #1
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    Morgens um 3 war ich noch wach. Das ständige späte Aufstehen führte dazu, dass ich abends nicht müde wurde und dann am nächsten Morgen umso länger ausschlafen musste. „Zu dieser gottverdammten Zeit schlafen sogar die Autos und Telefonleitungen.“ dachte ich. Da ich sonst nicht besseres zu tun hatte, beschloss ich, mir noch irgendeine Bar zu suchen, wo ich einen Schlumertrunk konsumieren könnte.
    Ich ging runter auf die Strasse und schaute mich um. Nichts hatte mehr geöffnet, nur die Hotels empfingen noch Gäste. Das nächste (Hotel) wurde visitiert. An der Rezeption stand eine pflichtbewusste jüngere Frau, die nicht besonders hübsch war.
    „Was kann ich für Sie tun?“ fragte sie.
    „Mich ficken.“
    „Erstens: ich darf meinen Posten nicht verlassen und zweitens: mit Ihnen würde ich niemals schlafen.“ entgegnete sie sichtlich empört.
    „Na gut, dann geben Sie mir eben ein Zimmer für die Nacht.“
    Ich bekam die Schlüssel für Zimmer 322 und begab mich sogleich auf den Weg dorthin. Als ich die Tür öffnete, war ich etwas überrascht: so viel Komfort hatte ich nicht erwartet. Es gab sogar eine Minibar, an die ich mich ranmachte. Mit einem Bier „bewaffnet“ ging ich wieder runter und machte es mir der Eingangshalle bequem. Irgendwie liebte ich Hotels: vom Frühstück, über den Swimmingpool, bis hin zu den langen leblosen Gängen; die Atmosphäre war einfach einzigartig. In einem Wohlfahrtsstaat wie unser Land es war, stellte das Hotel die vollendete Form des Zeitvertreibs dar. Was wäre aber diese Institution ohne die so genannte Eingangshalle? Was diesen Ort ausmacht, ist die Nichts-muss-alles-kann-Stimmung. Ob man stockbesoffen von einer Party kommend auf die fein gebohnerten Fliessen kotzt oder in stiller Andacht die ankommenden Gäste observiert, alles wird von nüchtern-sachlicher Leichtigkeit begleitet.
    Ich sass also da, nippte an meinem Bier und machte mir Gedanken über alles und nichts. Da kam plötzlich ein älteres Ehepaar (so um die 60) zur Tür rein und verlangte die Schlüssel für ihr Zimmer. Die pflichtbewusste Frau an der Rezeption tat ihren Job und gab die Schlüssel. Nachdem sich die Zwei mit dem Lift nach oben verabschiedet hatten, ging ich rüber zum Schalter und fragte die (pflichtbewusste) Frau (an der Rezeption):
    „Wollen Sie eine Geschichte hören?“
    „Nein, bitte stören Sie mich nicht. Ich bin im Dienst. Am besten gehen Sie jetzt schlafen.“
    „Es ist eine gute Geschichte. Sie werden es nicht bereuen.“
    „Also gut, aber bitte machen Sie schnell. Setzen wir uns doch zu den Sesseln da drüben, das ist bequemer. Und wenn Sie eine obszöne oder denunzierende Story auftischen, rufe ich den Hoteldienst an und Sie werden verwarnt.“
    „Ja, Ja, beruhigen Sie- und hören Sie jetzt bitte gut zu!“

    Ich fing an zu erzählen
    „Vor nicht allzu kurzer Zeit lebte in den Gestaden, welche von Geographen und Politikern in der jetzigen Zeit Angelsachsen genannt zu werden pflegen, eine Spezies mit dem lateinischen Fachnamen ursus, was durchaus dem hiesig angewandten Lehnwort „Bär“ an Bedeutung äquivalent gereicht. Und es begab sich, dass einem Exemplar der ebengenannten Spezies durch genetische Mutation ein supraartspezifisches Auffassungsvermögen gegeben ward, sprich er kam den humanen Individuen an Intelligenz gleich resp. übertraf sogar einige davon.
    So weit so gut.“
    „Erzählen Sie weiter!“ forderte die Frau.
    „Gut, aber ich versuch es in einer etwas weniger gehobenen Sprache, wenn’s ihnen recht ist.“
    „Nur zu.“
    „Gut, der olle Bär lebte also irgendwo in England und er war schlau. Er streifte durch die Wälder von Nottingham, weil es zu jener Zeit, Mitte der 1990er Jahre dürfte es gewesen sein, noch Bäume in der Gegend gab. Eines Tages, eines leicht verwaschenen Tages Ende April kam er zu einem grösseren Dorf und sah sich die menschlichen Behausungen an. Eine interessierte ihn ganz besonders. Aus deren Fenstern strömte nämlich Musik nach draussen. Der Bär lauschte fasziniert den ihm unbekannten Klängen. Nach einer Weile kamen 4 Leute aus dem Haus und entdeckten ihn. Er wollte sich aus dem Staub machen, aber einer der vier hatte ihn schon gesehen. Obwohl der Bär nicht sprechen konnte, verstand er doch die englische Sprache und konnte sogar ein bisschen schreiben. Er brach einen Zweig von einem Busch und kritzelte damit „Nice!“ in den Kies. Schnell hatten die die 4 gemerkt, dass sie es mit einem ganz besonderen Exemplar zu tun hatten. Sie betrachteten das Geschriebene und begangen dann untereinander irgendwas zu besprechen. Nach einer Weile ging der grösste zum Bär hin und fragte ihn ob er der neue Drummer ihrer Band werden wolle, da sie den alten rausgeschmissen hätten. Natürlich wusste der Bär nicht, was ein Drummer war. Da führten ihn die Bandmitglieder ins Haus und in den Proberaum, wo das Schlagzeug stand. Und der Gitarrist zeigte, wie man es bedient. Der Bär hatte den Dreh schnell raus und schon bald war er der offizielle Drummer. Sein Rhythmusgefühl war hervorragend und er verhalf der Band zu einer nie erreichten Qualität. Am Ende jeder Probe machten sie ab für das nächste Mal und dann ging der Bär in die Wälder bis es wieder soweit war.
    Natürlich hatte es sich mit den ersten Auftritten der Gruppe schnell herumgesprochen, dass da jemand ganz besonderes hinter den Becken sass. Und schnell wurden die Clubs zu kleinen Hallen und dann zu grösseren Hallen. Bald kam auch die nationale und internationale Presse hinzu. Alle wollten teilhaben an dieser Kuriosität. Den endgültigen Durchbruch schafften sie mit dem Debutalbum, wo melancholische, aber harte Musik neu definiert wurde. Es hätte alles so schön sein können, aber dann gab es interne Querelen. Das endlose Touren setzte dem Bär zu. Er sehnte sich nach den Wäldern und den Bärinnen und nicht nach den menschlichen Groupies, die ihm überall auflauerten, weil er so süss und weich und kuschelig sei. Seine Sehnsucht und seine Unfähigkeit zur Kommunikation (sein Sprechapparat war nicht zum Reden geeignet) versuchte er im Alkohol zu ertränken.“
    „Ist das alles?“
    „Beinahe“ antwortete ich. „Es gibt leider kein Happy End. Der Bär starb nicht an Alkoholvergiftung, ging nicht in die Wälder zurück, es war viel banaler und trauriger. Die Leute begannen zu sagen es sei unlogisch, die Geschichte dürfe nicht sein, weil sie nicht mehr reinpasste in ihren Alltag, in ihre Zeitungen und ihre Köpfe. Man solle nicht das Blaue vom Himmel runterreden, so etwas konnte es nie gegeben haben, also gab es die Story nicht. Alles war bloss eine hübsche Fantasie, die für kurze Zeit zu einem kleinen Lachen gereicht hat, aber nicht mehr. Und dann war auf einmal alles weg: die Erinnerungen und das Gefühl, die Gewissheit und die Wahrheit.“
    „Das ist alles? Ich hätte mir den Schluss spektakulärer vorgestellt.“
    „Ich mir auch. Aber ich kann ihn auch nicht ändern. Die meisten Enden versanden irgendwie, das ist nicht abzustreiten, v. a. die Happyends“ sagte ich.
    „Eine Frage habe ich aber noch: die Band hat doch eine CD rausgebracht. Das sollte doch Beweis genug sein, dass der Bär dabei war.“
    „Die CD ist heute vergriffen, aber die Band gibt es immer noch. Die übrigen Mitglieder haben weitergemacht.“
    „Wirklich?! Wie heisst denn die Band?“
    „Radiohead.“
    „WAS? DIE Radiohead, die weltberühmten Radiohead?“
    „Ja genau die. Ich kenne keine andere Gruppe, die so heisst… Und, hat Ihnen meine Geschichte gefallen?“
    „Es geht, ich habe schon deutlich bessere gehört. Aber nichts für ungut, Sie haben sich Mühe gegeben, das weiss ich zu schätzen.“ sagte sie.
    „Es ist nicht wichtig, ob es gute oder schlechte Geschichten sind, es ist viel wichtiger, dass es überhaupt Geschichten sind.“
    In dem Moment kam ein Bus mit neuen Gästen vom Flughafen her. Die Dame musste an die Rezeption und ich war allein.
    „Gut Nacht.“ rief ich ihr hinterher.
    Sie drehte sich kurz zu mir um und sagte leise, aber bestimmt: „Auf Wiedersehen.“
    „Hoffentlich“ dachte ich auf dem Weg zu meinem Zimmer. Dort angelangt warf ich mich aufs Bett, nahm meinen MP3Player und hörte mir die vergriffene Radiohead Debut-CD von vorne bis hinten durch. „Die Drums haben es wirklich in sich. So was gibt es in 100 Jahren nicht wieder.“
    Nachher dämmerte es schon und ich setzte mich auf den Balkon mit einem Blatt Papier um meine Erlebnisse niederzuschreiben. Dabei bin ich dann wohl eingeschlafen.
    donnerstag - nie wieder
    fernsehzimmer

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  2. #2
    barfly Guest
    hallo wasfüreingefühl

    ich muss sagen, ich finde die story großartig. ein bär als schlagzeuger bei radiohead und das alles in einer art und weise erzählt, in der es nicht zu abgehoben rüberkommt. das passiert auf eine sehr lakonische art. dafür bin ich immer zu haben
    auch die einbettung, wie die geschichte überhaupt zum zug kommt ist dir gelungen.

    es gibt ein paar kleinigkeiten, die mir aufgefallen sind.
    du hast ein paar abkürzungen drin, die würde ich ausschreiben, oder umformulieren.
    weiter hast du als chrakterisierung der hotelangestellten zweimal "pflichtbewusst" verwendet und wiederholst das noch ein weiteres mal. das zeugt nicht gerade von abwechslung.

    gruß
    barfly

  3. #3
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    Talking

    find die story auch cool
    bist du bushido mh

    [Geändert durch $entinofan am 02-05-2005 um 13:16]

  4. #4
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    danke für euer lob.

    @$entinofan
    ich find bushido nicht besonders gut und normalerweise höre ich nur selten rap, aber "nie wieder" ist ein klasse song und darum hab ich mir eine line davon genommen für meine signatur.
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